Juli 14

12 Tjani / Koowu

Umzingelt von vier eher wenig bedrohlichen Spatzen und in einer fremden Sprache angeschrien konnte Tjani nichts weiter tun, als die Flügel anzulegen, den Kopf nahe an die Schultern zu ziehen und abzuwarten, bis man es endlich aufgab, sie anzuschreien.
Stattdessen flogen aber wieder einige von den Libellen fort – offensichtlich schnelle Boten – und kehrten kurze Zeit darauf mit noch mehr Libellen zurück. Bald saß Tjani auf dem gebrochenen Schilf, umringt von hunderten Libellenwesen, die meisten bewaffnet.

Alle waren sie schön, mit großen, ganz ausgefüllten Augen, zugespitzten Ohren und schillernden Chitinleibern, an denen vier zarte Flügel harte Arbeit leisteten, um sie in der Luft zu halten. Die meisten schwebten leichthin auf der Stelle, etwas, das Tjani bewundernd anstarrte, hätte sie selbst es doch nie zu Wege gebracht.

Tjani hatte ehrlicherweise keine Ahnung, was sie nun tun sollte. Als einer der Anführer eine Pause darin machte, ihr Unverständliches ins Gesicht zu blaffen, klapperte sie mit dem Schnabel.
Sofort herrschte verschreckte Stille, die Tjani nutzte, um sich zu verbeugen – erschrockenes Luftschnappen – und laut und deutlich zu sagen: „Bitte – FRIEDEN!“

Sie hoffte, auf diese Weise deutlich machen zu können, dass sie keine Bedrohung darstellte, und gleichzeitig, dass sie die Sprache der Libellen nicht verstand.

Aber als sie wieder aufsah, hatte jede einzelne Libelle seine oder ihre Waffe gezogen und auf sie gerichtet.

Tjani stiegen unwillkürlich die Tränen in die Augen. Warum machte sie alles immer nur falsch?

„Kossa. Koma puahas!“ rief ein dünnes Stimmchen irgendwo aus dem Hintergrund. „Koma mimpabkri sedusha.“ Aufgeregtes Tuscheln folgte. „Geh… da weg!“ rief dasselbe Stimmchen ihr zu. Tjani sah sich um. Sie saß auf dem geknickten Schilfstapel, hinter sich ihr Schlafbau von den letzten Tagen. Im weiten Umkreis waren Äste, Steine und alle anderen Sitzgelegenheiten von Libellenwesen besetzt. Wenn Tjani auch nur die Flügel entfaltete, würde sie drei oder vier der kleinen Wesen einfach davonschleudern.

„Wohin?“ fragte sie deshalb verzweifelt.

Es folgte ein kräftiger Fluch und eine unverständliche Anweisung. Die Libellen auf dem großen Stein, der ein ganzes Stück hinter ihr halb aus dem See ragte, flogen auf. Tjani reckte sehr langsam den Hals und stakste ungeschickt von dem Schilfrohr herunter bis zum Wasser. Ein kurzes Aufflattern ließ sie auf den Stein hüpfen. Dort drehte sie sich vorsichtig zu den wartenden Libellen. „…So?“ fragte sie halblaut, sich erneut verbeugend. Auf keinen Fall wollte sie eine Bedrohung für diese kriegerischen Leute darstellen. Sie waren zwar klein, aber es waren Hunderte von ihnen, alle bewaffnet mit nadelgroßen Pfeilen und zahnstochergroßen Speeren. Sie hätten Tjani durchaus arg zusetzen können.

Wieder folgte erschrockenes Aufatmen, dann Getuschel. Aus dem Pulk löste sich eine einzelner Libellenmann, der ihr zunickte.

„Besser,“ sagte er langsam. „Jetzt… nie mehr picken, ja?“

Juli 14

11 Tjani / Koowu

Das Mädchen hatte Tjani genauso angestarrt, und als sie zu sprechen anfing, fiel ihr tatsächlich die winzige Kinnlade herunter.

„Alarm! Eindringling! Mayase zalazza!! Alarm!!“

Tjani blinzelte. Bis auf den lange schon überlegten Satz, auf den sie seiner Höflichkeit und Finesse wegen recht stolz war, hielten sich ihre diplomatischen Kenntnisse in Grenzen. Was in aller Welt sollte das bedeuten?

„Ehm…“ Tjani verbeugte sich erneut.

„Es tut mir leid, wenn ich Euch beleidigt haben sollte, ehrenwerte Dame von den Libellen. Ich wollte nicht unhöflich sein.“

„Alarm!!!“ schrie die Libelle in einem so hohen Ton, dass Tjani die Zähne weh taten. „Memmero Alarmstufe!“
Tjani sah sich um. „…Alarmstufe?“ fragte sie, vorsichtig.

  • „Pirizzo! Sedusha! Alarm!!“

Perplex sah Tjani sich um. Ihr Leben lang hatte man sie gelehrt, dass alle Flieger dieselbe Sprache verwandten, während die erdgebundenen Kriecher und Wühler sich in tausend verschiedenen Sprachen bekämpften. Offensichtlich… war nicht ganz richtig gewesen, was man sie gelehrt hatte.

„Zimoro zze, jashashta! Luftschutz medemmo! Landezonenverteidigung!! Mizzo Alarmstufe!!“

Die kleine geflügelte Frau hob ab und flog brummend davon. Tjani blieb verdattert sitzen und starrte dem schnellen Flug der Libelle nach.

Was war gerade geschehen…?

Nun beweg dich endlich, du dumme Kuh, schimpfte sich Tjani selbst, flieg ihr hinterher! Sie ist deine einzige Chance, das solltest Du doch mittlerweise wissen.

Du hast es versaubeutelt, war ja klar, du blöde Trine hast es irgendwie geschafft….

Ja, aber wie? Warum?

Ist doch egal, Heulsuse, flieg ihr nach!

Das bringt doch nichts, hast du nicht gehört? Sie scheint dich nicht oder du sie nicht richtig zu verstehen. Klar das liegt an dir, nur an dir! Jeder andere hätte eine gute Chance gehabt, aber Du musst es natürlich versauen...

Tjani schimpfte noch eine Weile mit sich selbst, hatte aber keine Chance mehr, die Libelle einzuholen. Die war viel zu schnell fort und viel zu klein. Schließlich landete sie wieder dort, wo sie die Libellenfrau gefunden hatte. Noch immer ging ihr nicht in den Kopf, dass sie zwar einen Teil der Worte verstanden, andere ihr aber völlig fremd gewesen waren. Was sollte das?

Warum hatte sie auf die höfliche Begrüßung so verschreckt reagiert? Dass sie die Libellen finden würde, nur um dann in einer seltsamen Sprache angeschrien zu werden – mit allem hätte sie gerechnet, aber damit nicht.

Es dauerte gar nicht lange – Tjani war noch nicht einmal durch die Hälfte der üblichen Schmipftirade hindurch, die sie sich selbst nach solchen Reinfällen grundsätzlich hielt – da flog ein ganzer Pulk Libellen auf sie zu. Sofort erkannte Tjani die präzise Formation und die Waffen, die die kleinen Leute bereit hielten. Sie hatten vier Spatzen dabei, die mit Zaumzeug gelenkt wurden und jeder eine seltsame Art Mechanismus trugen, der wohl Pfeile verschießen konnte. Eine Spatzen-Armbrust, bedient von Libellen?

Tjani gab auf. Diese Reise entwickelte sich mehr und mehr zu einem unverständlichen, sinnlosen Trip.

Sie legte die Flügel an und streckte die leeren Hände aus, um ihren Friedenswillen zu zeigen, dann wartete sie auf das, was da auf sie zukam. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

Juli 14

10 Tjani / Koowu

Doch an diesem Tag schlief sie nicht gut. Tjani kannte das schon – wenn sie absichtlich wach blieb, konnte ihr Körper keinen Rhythmus mehr finden.

Sie wechselte zwischen Wachen, Schlafen und Träumen, bis sie das Gefühl hatte, sie warte auf etwas, ohne zu wissen, was es war. Schließlich gab sie auf, obwohl die Sonne noch hoch am Himmel stand. Irgendwann später würde die Müdigkeit über sie hereinbrechen, das wusste sie – aber ändern konnte sie daran nichts.

Ihr Körper war schon immer stark und stur gewesen, und auch, wenn dies Eigenschaften waren, die bei den Koowu als für Frauen unpassend und hinderlich angesehen wurden, war sie ein ganz klein wenig stolz darauf.

Der vierte Tag ihrer Suche in diesem Tal begann. Tjani blinzelte in die schrägen Sonnenstrahlen; es war heute vergleichsweise warm gewesen und der Schnee schmolz in zahlreichen, murmelnden Rinnsalen und dicken, eiskalten Tropfen von Grösern und Bäumen.

Tjani überlegte, ob sie überhaupt ein einziges Insekt gehört oder gesehen hatte, seit sie hier war.

Vielleicht war es für die Libellen gar nicht möglich gewesen, hier zu überleben, und sie hatten den Ort verlassen?

Vielleicht – was, wenn es nicht mehr möglich war, überhaupt noch etwas herauszufinden?

Ich fliege nicht zurück.

Ich kann alleine leben und jagen. Sollen sie mir doch gestohlen bleiben in ihrem großen Baum.

Werden sie Dir nicht fehlen?

Was, diese Heuchler und Schleimer? Nein. Allein bin ich stark. Stärker als sie.

Aber nicht stärker als sie alle zusammen.

Nein.. aber das muss ich auch nicht sein. Was bringt es, das Zusammenleben im Großen Baum? Wohin führt es? Sind sie glücklicher zusammen? Nicht wirklich. Sie haben mehr zu essen. Und mehr Pflichten, mehr Regeln. Mehr – einen ganzen Wust an ungeschriebenen Gesetzen, vorgefertigten Verhaltensweisen und verborgenen Möglichkeiten, einander weh zu tun. Allein sein heißt frei sein. Sie werden mich nicht einmal suchen.

Ja. Aber es heißt auch – allein sein.

Tjani diskutierte noch lange mit sich selbst, während sie Feuerholz und Zunder holte. Die Stelle am Teich, wo das Schilfrohr gebrochen war, erwies sich als gute Quelle für Zündmaterial, und Tjani nahm reichlich davon, denn zumindest, bis sie gar keine andere Möglichkeit mehr sah, wollte sie hier bleiben. Das Bergtal war ein schöner, stiller Ort, der eine feierliche Eigenart und Majestät besaß, die sie als sehr erholsam empfand.

Ich könnte hier leben.

„Sedusha!“ meldete sich eine kleine Stimme. „Eindringlingsalarm!“

Tjani sah sich um, konnte aber nichts und niemanden entdecken.

„Eindringling! Alarm!“ ertönte das Stimmchen erneut. Tjani ließ das Schilf fallen. In dem frisch aufgewühlten Bruch saß eine Libelle, unbeweglich. Nur ihre durchsichtigen Flügel glitzerten in der Sonne. Tjani nahm sich einen Moment, um zur Besinnung zu kommen, während der Sturm aus Überraschung und Freude über ihren Erfolg in ihr tobte.

Ich habe sie gefunden! Das ist sie bestimmt!

Sie beäugte das kleine, handgroße Wesen neugierig, während sie gegen die sinkende Sonne anblinzelte.

Gesicht und Oberkörper waren menschlich, doch von der Taille an abwärts sah das Wesen wie ein Insekt aus – schillernd blauer Chitinpanzer verhüllte die Hüften und lief in einen langen, nach hinten gestreckten Rumpf mit vier Beinen aus. Am Rücken zog sich der Panzer bis zu den Flügeln hoch. Die mächtigen Rückenmuskeln, die sie bewegten, ließen es fast ein wenig so aussehen, als habe das Wesen einen Buckel.

Doch die langen schwarzen Haare, die schräg stehenden, strahlend blauen Augen und die spitzen Ohren erzeugten in Tjani fast sofort ein unschickliches Gefühl des Neids.

Sie ist schön, wunderschön. Dagegen kannst Du einpacken.

Du sowieso, Tjani, schon lange. Seit wann legst Du Wert auf Äußerlichkeiten?

Nicht soo viel – solange ich hübscher bin.

Ha.

Nein. Diese aufgedonnerten, geschminkten, geschnäbelten, frisierten und parfürmierten Schnepfen-eulen bedeuten nichts. Schön machen kann sich jeder. Aber diese hier ist – einfach natürlich schön.

Das Mädchen hatte Gras in den Haaren und einen schmutzigen Streifen auf der Wange. Es trug eine Art blaue Sack-Tunika und einen Speer, den Tjani, hätte sie ihn ohne das Mädchen daran gefunden, vermutlich für einen jener Spieße gehalten hätte, mit denen man daheim im großen Baum kandierte Ratte zubereitete. Und trotzdem war sie schön, schöner, als Tjani je sein könnte, auch mit allen Hilfsmitteln auf der Welt nicht.

Sie schluckte, dann verbeugte sie sich.

„Grüße, Angehörige des Libellenvolkes. Ich bin Tjani von den Koowu, vom Schlag der Eulen, und wurde in einer Mission zu Euch gesandt, die von höchster Wichtigkeit ist. Könnt Ihr mich bitte euren Ältesten vorstellen, damit ich sie näher ausführen kann…?“

Juli 14

9 Tjani / Koowu

Als die Sonne hinter den hohen Bergen versank und sich kühle Dämmerung über das Tal ausbreitete, war Tjani noch keinen Schritt weitergekommen. Alle Bäume und Sträucher in unmittelbarer Umgebung des namenlosen Teiches hatte sie überprüft… auf irgendwas, dass sie vermuten lassen könnte, hier gäbe es irgendeine Art von Zivilisation. Keine Lampen, keine befestigten Eingänge, keine Einflugschneisen, keine Wächter. Nicht einmal Löcher in den Bäumen gab es viele, denn die hiesigen Lärchen, Tannen und Kiefern waren eher klein und geduckt, und wenn sie irgendeine Art von Angriffsfläche für Wetter und Wind zeigten, waren sie offensichtlich bald umgeknickt und lagen unter dem hohen Schnee vergraben. Eine hohe Esche direkt am See hatte ihr besondere Hoffnung gegeben, doch außer einigen gar nicht so leckeren Würmern und Maden hatte sie in den Höhlungen der Rinde nichts gefunden, was darauf hindeutete, dass es hier überhaupt noch Leben gab.

Ihr war kalt und sie hatte Hunger, sie war vom frühen Aufstehen müde und sah an den Wolken über den Hängen, dass es bald wieder schneien würde. Ja, man konnte mit Fug und Recht sagen, dass Tjanis Laune an einem Tiefstpunkt angekommen war, der sie die Entscheidung, nicht aufzugeben und hier weiter nach den Libellen zu suchen, bereuen und anzweifeln ließ.

Wenn sie sich heute reichlich und morgen nicht ganz so gut verpflegte, konnte sie zuhause sein, bevor ihr der Proviant ausging. Niemand konnte sagen, dass sie nicht gründlich genug gesucht hatte; zwei Nächte und einen Tag lang hatte sie ihr Bestes versucht. Nur war es eben nicht gut genug gewesen.

Trotzdem – Tjani störte gerade letzteres. Das, was sie erreichen wollte, was sie schaffen wollte, das schaffte sie auch. Aufgeben gehörte nicht zu ihren üblichen Optionen, was ihr mehr als einmal schon das Etikett „stur und seltsam“ eingebracht hatte. Alles an ihr sträubte sich dagegen, die offensichtlich sichere und bequemere Wahl zu treffen.

Nein, noch einen Tag. Und noch einen, falls nötig.

Wenn dann mein Proviant ausgegangen ist, kann ich einen Tag jagen und dann mit vollem Beutel heimfliegen, wenn schon sonst nichts.

Aber diese tapferen Überlegungen machte die Tatsache nicht besser, dass Tjani nur kalte, getrocknete Mausmuskeln als Verpflegung hatte und in ihrem einfachen Gewand in der ungewohnten Schneekälte zitterte, sobald sie aufhörte, sich zu bewegen.

Ein Feuer, also.

Gedacht, getan – Tjani stärkte sich ausgiebig und hob dann erneut ab, um abgebrochene Zweige und Äste für ein Feuer zu suchen. Unter dem Schnee waren einige versteckt, trocken Gebliebenes konnte man natürlich nicht erwarten. Am Fuß einer Kiefer fanden sich trockene Nadeln und einige Zapfen, die sie zum Anzünden verwenden wollte. Nun fehlte nur noch… achja. Am Ufer des Sees machte Tjani einige Büschel umgestürztes Schilf aus, dessen lange Rohre sich gut knicken und falten ließen. Hier ein Schnabelhieb, da ein Klauenriss… das würde gehen.

Tjani stapelte alles ordentlich in den halbwegs schneefreien Bereich unter der Kiefer, dann arbeitete sie sich geduldig mit Feuerstein und Zunder vor. Nadeln, Schilf, Holz. Es dauerte fast eine Stunde, bis das geduldig gehegte Fünkchen zu einer wärmenden Flamme geworden war. Tjani suchte mehr Holz und legte es zum Trocknen rings um das Feuer. Bald knisterte und zischte das Feuer auf das Gemütlichste, und Tjani konnte sich auf den Kiefernast darüber setzen, die Wärme genießen und die Augen für ein kurzes Mitternachtsschläfchen schließen.

Späterhin, als der Mond schon wieder im Osten unterging, machte sie sich noch auf die Jagd. Nicht sehr erfolgreich, wie sie selbst zugeben musste, aber immerhin: zwei Mäuse hatte sie erbeutet. Und mit ihrem Feuer konnte sie sogar ein warmes Essen und einen Tee genießen, denn Kräuter und einen irdenen Becher hatte sie in ihrem Tragbeutel mitgenommen. So war Tjanis Laune beträchtlich gestiegen, als sie mit der Morgendämmerung zu ihrem Ruheplatz zurückkehrte. So sieht doch alles schon viel besser aus…

Sie nahm sich vor, am nächsten Nachmittag wieder so früh aufzustehen und ihre Suche fortzusetzen. Und wenn ich im Schnee scharren muss…

Juli 14

8 Tjani / Koowu

Zwei Nächte später hatte sie das Tal gründlich erkundet, ohne irgendetwas anderes zu finden als Steine, Gras, Schnee und Eis.

Tjani kam sich so dumm vor: In Rekordzeit hier her zu fliegen, um dann, angekommen, rein gar nichts zu finden. Was sollte sie nun tun? Aufgeben und zurückfliegen?

Konnte sie denn ehrlich und aufrichtig behaupten, genug gesucht zu haben? Würde man ihr nicht Pflichtverletzung und Versagen vorwerfen, wenn sie mit leeren Händen zu dem großen Weisen zurückkehrte?

Warum nur hatte sie sich nicht genauer darüber informiert, wie der große Baum der Libellen aussah?

Es hatte alles so einfach geklungen, als Wanja-lu ihr von diesem Auftrag erzählt hatte. So – durchdacht.

Aber jetzt? Jetzt saß sie in einem Wald und sollte einen Baum finden, den es nicht gab. Wunderbar.

Also gut, überlegte Tjani während der Morgendämmerung. Wenn Du eine Libelle wärst, wo würdest Du wohnen?

Libellen, das wusste Tjani, liebten das Wasser. Außerdem, davon war sie fest überzeugt, waren sie Tagtiere. Vielleicht hatte sie sie nicht sehen können, weil sie in Dämmerung und Dunkelheit gesucht hatte? Vielleicht löschten die Libellen alle Lampen, wenn sie im dunkeln schliefen?

Und drittens und letztens vermutete Tjani, dass der Libellenschlag einen Baum brauchte, der bereits Hohlstellen oder andere Verletzungen aufwies. Immerhin hatten sie keine Schnäbel und waren, zumindest, was die Erzählungen anging, recht klein. Einen ganzen Baum auszuhöhlen, wäre für das Kleine Volk vermutlich eine Jahrhundertaufgabe gewesen.

Das könnte auch bedeuten, dass sie gar keinen Baum brauchten, sondern etwas anderes, dass Schutz bot… ein Gebüsch? Ein Felsen? Tjani kuschelte sich tiefer in ihre warmen Federn und seufzte. Es konnte alles sein, und sie würde umständlich am Tag suchen müssen, im Schnee.

An diesem Nachmittag stand Tjani sehr früh auf. Sie wollte jeden einzelnen Baum überprüfen, während die Sonne noch am Himmel stand. Die Bäume ganz oben am Hang hatte sie ausgeschlossen. Dort war es sehr windig, der Schnee lag hoch, und die Bäume waren knorrig und schütter. Wenn ihre Überlegungen stimmten, waren die Libellen eher am Boden des Tals zu finden, in der Nähe des Sees. Also würde sie zunächst alle Bäume am See überprüfen, dann alle Büsche, dann … irgendwie so. Systematisches Vorgehen, in jedem Fall.

Vielleicht hatten Libellen auch einzelne, weit verstreute Erdbauten…? Tjani seufzte und schüttelte den Kopf. Es musste möglich sein, sie zu finden, irgendwie. Sie würde nicht so schnell aufgeben, auch wenn ihr Proviant bald zu Neige ging. Es würde länger dauern, wenn sie für ihre Nahrung jagen musste, aber es würde gehen, auch wenn es hier sehr kalt war und der hohe Schnee es schwierig machte, Mäuse und andere Jagdbeute direkt ausfindig zu machen.

Tjani lauschte. Die Rufe der Vögel waren hier tatsächlich lauter als daheim; und es waren fast die einzigen Geräusche. Hier ein Knacken eines Astes unter der Schneelast, dort ein Rascheln in den toten Zweigen und Tannennadeln unterhalb des Schnees – aber wenig sonst. Hier oben schien die Welt noch immer in Winterstarre den Atem anzuhalten, obwohl der Frühlingsvollmond bereits voll am Himmel stand.

Juli 14

7 Tjani / Koowu

Tjani erwachte erst, als der Mond ihr durch eine Lücke in den Kiefernadeln direkt ins Gesicht schien, bestimmt war es schon die Zeit der zweiten Wache. Seufzend erhob sie sich, schüttelte die Federn zurecht und drehte eine neue Orientierungsrunde. Der Ort, den man ihr als Heimat des Libellenschlages bezeichnet hatte, war nicht mehr weit entfernt; Tjani konnte ihn mit anderthalb bis zwei Flugstunden erreichen. Sie nahm sich die Zeit, noch etwas von ihrem Proviant zu frühstücken, bevor sie die östliche Flugrichtung fortsetzte.

Sie flog jetzt langsamer und dachte über ihren Auftrag nach. Die Schwierigkeit begann ja schon damit, das Heim des Libellenschlags überhaupt zu finden. Tjani, als Kind des Großen Baumes, hatte natürlich selbstverständlich damit gerechnet, dass der Libellenschlag einen eigenen großen Baum hatte, dass er genauso beleuchtet und bewacht wäre.

Siedendheiss fiel Tjani ein, dass sie Walja-lu nicht gefragt hatte, wie sie das Heim des Libellenschlags überhaupt erkennen sollte. Sie hatte sich den Ort auf der Karte angesehen und gewusst, dass sie dorthin fliegen konnte – und über mehr hatte sie nicht nachgedacht. Tjani ärgerte sich über sich selbst. Jetzt, wo ein Zurückfliegen ganz und gar nicht mehr in Frage kommen würde – jetzt erst fing ihr Kopf an, zu arbeiten! Das war mal wieder typisch. Tjani erging sich noch eine Weile in Vorwürfen gegen sich selbst, aber es half alles nichts. Sie hatte das Tal erreicht, das ihr als Heimat des Libellenschlags gewiesen worden war – und sie hatte keine Ahnung, was jetzt zu tun war.

Es war die vierte Wache, die Sonne würde bald aufgehen. Einfluglampen wie am Großen Baum waren weit und breit keine zu sehen. Überhaupt gab es hier keine großen Buchen oder Eichen wie in Tjanis Heimat, sondern nur ein paar dünne Fichten und Tannen, die sich schräg an die Hänge schmiegten, denn die Berge waren schon sehr nah gekommen. Reichlich Schnee deckte hier alles zu, auch den lanzenschmalen Teich am tiefsten Punkt des Tales, aus dem ein kleiner, vereister Bach entsprang.

Tjani lauschte, doch außer dem Zwitschern der allerersten Tagvögel war hier nur der Wind zu vernehmen, der eisige Luft von den Bergen herunterblies. Tjani zog ihr Gewand enger um den schmalen Körper. Niemand hatte ihr gesagt, dass es hier so… kalt und einsam sein würde! Wie sollte sie die Libellen jetzt nur finden?

Eigentlich hatte sie ihren Auftrag in einer sehr guten Zeit erfüllt – und praktisch drohte er jetzt an solch einer dummen Kleinigkeit zu scheitern! Tjani flog ein um die andere Runde durch das schmale Tal und suchte besorgt die Bäume ab, doch sie fand – nichts. Gar nichts. Wunderbar.

Wenn sie schließlich zurückfliegen müsste, könnte sie eine wilde Geschichte davon erzählen, dass die Libellen alle ausgestorben seien – ob man ihr so etwas glauben würde?

Tjani schüttelte den Kopf. So schnell würde sie nicht aufgeben. Erst einmal war es Zeit, zu schlafen. Sie suchte sich eine halbwegs brauchbare Erle als Schlafplatz aus und kauerte sich zusammen. Es war schwer, Schlaf zu finden, während Tjani vorwurfsvolle Gedanken über ihre Versäumnisse wälzte und die Tagvögel scheinbar noch viel mehr Lärm veranstalteten als sonst. Erst nach einiger Zeit kam sie dahinter, dass die schneeigen Gipfel den Lärm zurückwarfen und verstärkten; doch das half ihr auch nicht, ihre Ohren zu verschließen.

Was würde nun werden?

Juli 14

6 Tjani / Koowu

Bis zur dritten Wache flog Tjani nach Osten. Es war eine große Leistung, sogar für eine ausgewachsene Koowu-Jägerin, die ganze Nacht ohne größere Pausen zu fliegen. Normalerweise jagte der Eulenschlag nur über kurze Strecken; geduldig wartete man auf einem Baum oder einer Anhöhe, bis man das gewünschte Wildtier erspäht hatte und es nah genug heran gekommen war. Dann, mit einem plötzlichen Ruck, wurde die Beute gepackt und getötet. Ein stundenlanges, nächtelanges Fliegen wurde von den Koowu nicht trainiert; Tjani hätte vermutlich verständnisloses Stirnrunzeln geerntet, hätte sie von ihrem Können erzählt. Dennoch war sie stolz auf sich.

Auf meinen Körper kann ich mich verlassen.

Bevor die Sonne erneut aufging, suchte sich Tjani einen sicheren Schlafplatz in den unteren Zweigen einer mächtigen Kiefer. Sie mochte den Geruch des Kiefernharzes sehr gern, und die breite Krone des Baums schützte sie vor den nicht enden wollenden Schneeschauern.

Soviel Schnee im ersten Frühlingsvollmond… nunja. Zwei Dinge konnte man nicht ändern : Das Wetter und das Jagdglück – sagte zumindest ein altes Sprichwort der Koowu.

Tjani blinkerte mit den müden Augen und kuschelte sich zusammen.

Und den Tod… den kann man auch nicht ändern. Er kommt in vielerlei Gestalt, aber das Ergebnis ist immer dasselbe….

Irgendwie hatte dieser Gedanke etwas seltsam tröstliches. Irgendwann, irgendwie ist alles vorbei. Das Herz schlägt nicht mehr, das Blut pulsiert nicht mehr in den Adern, und die Luft pfeift nicht mehr durch die Lungen, aus und ein. Und was kommt dann? Eine ganz besondere Art von Stille, nehme ich an.

Juli 14

5 Tjani / Koowu

Tjanis Tagschlaf endete viel früher als geplant, Die Sonne stand gerade erst eine Flügelbreite im Westen, als irgendein Tagvogel Tjanis Ruheplatz entdeckt hatte und laut schimpfend versuchte, die Eule zu vertreiben. Mehrere andere schlossen sich an, und schließlich war es für Tjani unmöglich geworden, sie weiterhin zu ignorieren. Seufzend schüttelte sie die Federn zurecht und räumte den Baum, das erboste Gezwitscher und Gekrächze hinter sich lassend.

Fürs erste würde sie nicht wieder einschlafen. Außerdem – sie wusste nicht, wie lange sie wirklich bis zum Großen Baum der Libellen brauchen würde; niemand hatte die Strecke je als kurz bezeichnet. Wäre es nicht wundervoll, wenn Sie zurückkommen und alle über ihre noch nie dagewesene Schnelligkeit staunen würden? Mit diesem ehrgeizigen Gedanken im Kopf hockte Tjani sich auf einen anderen Ast und nahm ein kaltes Frühstück aus getrockneten Fleischstreifen und Wasser ein, bevor sie eilig ihren Weg nach Osten fortsetzte.

Irgendwann gegen Abend allerdings begann sie doch wieder, müde zu werden; so müde, dass ihre Entschlossenheit zu wanken begann. Sie flog noch eine Stunde in die Dunkelheit hinein, kämpfte sich mit vielen kleinen Pausen durch die zweite, doch als die dritte Nachtstunde anbrach, brauchte Tjani unbedingt etwas Schlaf, so merkwürdig ihr das auch mitten in der Nacht erschien.

Der Wald hatte sich verändert; hier standen Fichten und Tannen viel dichter als die ihr altbekannten Buchen und Eichen, und der sanft ansteigende Boden war dick mit weichen braunen Tannennadeln bedeckt. Er schien alle Geräusche zu dämpfen; in ihrer Schläfrigkeit hatte sie das Gefühl, ihr lautloser Flug fände durch eine Welt der Stille statt, einer Welt ohne Wind und ohne weiteres Leben außer ihr selbst.

Schließlich fand sie einen taumelnden Halt an einem schwankenden Fichtenast. Obwohl vermutlich bessere Lagerplätze in der Nähe waren, schloss Tjani sofort die Augen und kuschelte den Kopf in die Federn. Selbst den Wunsch nach Nahrung hatte die Müdigkeit in ihr verdrängt.

So kam es, dass die Mitternacht eine hungrige, verschlafene Eule vorfand, die sich erst einmal die Augen reiben und sich verstohlen umsehen musste, um zu wissen, wo sie sich eigentlich befand. Ein leises Zischen schien von überall her gleichzeitig zu kommen, und war es schon wieder Morgen…? So hell war es doch vorhin nicht gewesen… ah. Es schneite wieder; dicke Schneewolken ließen dem Vollmond kaum eine Chance, sein Licht bis auf den Erdboden dringen zu lassen. Immer noch wehte keinerlei Wind, und durch das Fichtendickicht drang kaum eine Schneeflocke bis auf den Boden. Dennoch glänzte der Schnee, der die oberen Zweige bedeckte, stumpf im Mondlicht wie angelaufenes Silber. Tjani lächelte unbewusst.

Ihr war schon länger klar, dass sie für das Leben im Großen Baum der Koowu nicht so gut geeignet war wie die anderen. Sie war jemand für draußen und würde es immer bleiben. Fliegen und frei sein – das gehörte für sie zusammen wie kaum etwas sonst. Die anderen Eulen… nun, es gab ein oder zwei Freunde für Tjani, wenn sie sich auch in letzter Zeit sogar von ihnen ein wenig zurückgezogen hatte, doch würde sie nie eine der Beliebten, eine der Wichtigen in der Gemeinschaft der Koowu sein; eine, die etwas zu sagen hatte.

Sie hatte eine Weile gebraucht, um das zu begreifen.

Aber mit dem Wald, mit der wilden Welt da draußen, verband sie viel mehr als mit ihrem Volk und mit ihrer Sippe. Sie sehnte sich nur selten nach Gesellschaft und Kurzweil, und wo Andere Mode und andere Äußerlichkeiten als überaus wichtig erachteten, da hatte Tjani nur ein leises Lächeln für solchen Tand übrig. Sie konnte sich um keinen Preis vorstellen, ihr ganzes Leben im Großen Baum zu verbringen und die Außenwelt als merkwürdige, ferne Gefahr zu betrachten, wie es einige ihrer Gesippen taten.

Sie würde Jägerin sein und bleiben. Draußen, in den von ihr so geliebten Wäldern; auch oder gerade deswegen, weil dieser Wald den Tod zu ihren Eltern gebracht hatte.

Tjani hatte viel über all dies nachgegrübelt, aber alles Grübeln der Welt hatte ihr nicht geholfen, sich mit dem Tod ihrer Eltern abzufinden. Immer wieder fragte sie sich wer – oder was – wohl das letzte gewesen war, das ihre Eltern gesehen hatten.

Was hatten sie gefühlt? Was nur, was war dort draußen passiert?

Tjani konnte sich nur schwer damit abfinden, dass sie es vermutlich nie herausfinden würde. So blieb ihr nur die Vorstellung, ein geheimnisvolles, schwarzes Ding habe ihre Eltern geraubt, ein Jäger in der Nacht, der andere Jäger erbeutete.

Tjani schauderte zusammen und legte dann ihre Federn ordentlich an. Dann hob sie ab, flog noch eine kurze Runde über den schneebeladenen Fichten zur Orientierung und folgte dann wieder dem Vollmond nach Osten hin, über den unendlich scheinenden Wald.

Juli 14

4 Tjani / Koowu

Tjani war nach der Unterredung mit Walja-lu sofort losgeflogen, das Tragetuch mit zwei geschickten Knoten um ihren Bauch gebunden, damit es ihren lautlosen Flügelschlag nicht behinderte. Sie genoss die kühle Nachtluft und das helle Licht der Sterne über den kahlen Zweigen des großen Waldes. Es lag noch immer Schnee auf dem dunklen, gefrorenen Waldboden, dort unten, und Tjani wusste aus eigener Erfahrung, dass es in diesen Wintermonaten am schwersten war, Nahrung für die Koowu zu finden. Die Jäger leisteten ganze Arbeit, um genug Fleisch für alle heranzuschaffen, und so, wie es aussah, würde der Winter noch eine ganze Weile anhalten, Frühlingsvollmond hin oder her.

Auch deswegen war sie über eine Pause in diesem ständigen Bemühen dankbar. Und dann, dachte sie bei sich, sehe ich den Libellenschlag! Sie war noch nie länger als eine Tagesreise vom großen Heimatbaum fort gewesen – diese ungeschriebene Gesetzmäßigkeit galt für alle jungen Eulen – und auch nicht im mindesten traurig darüber, dass sie den Großen Tanz verpassen würde. Im besten Fall könnte sie sich von dieser verpflichtenden Veranstaltung früh zurückziehen – im schlimmsten würden Falett und ihre Freundinnen sie finden und erneut als Hauptgegenstand ihrer Neckereien in Anspruch nehmen. Es könnte sich auch einer der älteren Jägerinnen berufen fühlen, mit ihr über den Tod ihrer Eltern sprechen zu wollen – und dieses teils aufrichtige, teils geheuchelte Mitleid und die beinahe unersättliche Neugier an der Qual der jungen Eule war mehr, als Tjani ertragen konnte.

Tjani hatte ein gutes Stück des Weges geschafft, als der Himmel im Osten heller wurde. Obwohl das in ihre Augen fallende Licht sie ermüdete, flog sie noch eine ganze Stunde lang weiter in den Sonnenaufgang hinein, bis die Macht der Sonne sie dazu zwang, eine Pause einzulegen. Sie suchte sich eine feste Eiche als ihren Schlafplatz an diesem Tag aus und kuschelte sich an die Rinde, begleitet vom Chorus der Tagvögel, die nun gerade erwachten. Der Baum hatte wohl vom Frühling noch nicht viel mitbekommen – er klammerte sich an seine alten, braunen Blätter wie an einen Schatz, während die neuen noch in ihren Knospen schliefen. Tjani kauerte sich in geübter Haltung zusammen, um möglichst viel der eigenen Körperwärme halten zu können, und schloss die Augen. Was für eine aufregende Nacht! Morgen würde sie die Grenzen der ihr bisher bekannten Welt überschreiten. Was für ein Gedanke!

Sie fühlte sich frei; entbunden von den zahllosen Pflichten und Vorschriften, die es im Großen Baum nun einmal gab. Ihre letzten, schläfrigen Gedanken galten ihrer Mutter; ihrem immer ein wenig traurigen Lächeln. Irgendwo hier draußen waren ihre Mutter und ihr Vater etwas Unbekanntem zum Opfer gefallen.

Tjani hatte lange geweint, den Verstorbenen Vorwürfe gemacht, warum sie fort gegangen waren und sie im Großen Baum allein gelassen hatten. Jetzt, an der Schwelle des Unbekannten, Fernen, konnte sie zumindest einen Teil der Beweggründe ihrer Eltern verstehen.

Juli 14

3 Tjani / Koowu

„Ich bin die Schnellste,“ unterbrach die fünfte junge Jägerin ihre Gedanken ziemlich ruppig und sah sie trotzig an, als wolle sie Widerspruch hervorrufen.

Neben ihr wurde das Getuschel und Gekicher der vier Freundinnen lauter.

„Und Dein Name ist…?“ fragte Walja-lu die magere kleine Eule behutsam.

„Ich bin Tjani,“ antwortete die junge Jägerin halblaut und sah dabei etwas unglücklich zu Boden. Walja-lu überlegte. Von Tjani der Waisen hatte sie schon gehört, denn viele Eulen des großen Baumes hielten ihre bisherige tragische Lebensgeschichte für den derzeit interessantesten Tratsch und erzählten die Geschichte des Unfalltodes ihrer Eltern mit Genuss im ganzen Baum herum.

Walja-lu musste ein „das tut mit leid,“ mit Macht unterdrücken. Stattdessen versuchte sie ein Lächeln.

„Sie ist wirklich die Schnellste, Meisterin Walja-lu“ meldete sich Falett nun zu Wort, „und außerdem dürfte es ihrer Frisur überhaupt nicht schaden, drei oder vier Nächte im Freien zu verbringen. Ich bin sicher, sie ist die Richtige für Euch.“

Und mit diesen hohntriefenden Worten stolzierten die übrigen 4 Jägerinnen aus dem Versammlungsraum, natürlich nicht ohne kräftiges Kichern.

Halbwüchsige! Nun hatte Walja-lu keine Wahl mehr.

Sie nickte und sagte so freundlich wie möglich:

„Ja, ich glaube du bist tatsächlich die Richtige, Tjani. Hier, sieh – ich habe schon alles gepackt, was an Vorräten nötig ist. Du kannst sofort aufbrechen.“

Tjani nickte und öffnete kurz das Tragetuch, um den Inhalt zu überprüfen.

„Ich stecke vorsichtshalber noch meine Waffen dazu, Meisterin Walja-lu,“ sagte sie dann nüchtern und sah die Ältere einen Augenblick lang prüfend an.

„Ich habe auch eine Bitte, Meisterin Walja-lu?“

„Und die wäre?“

„Ich möchte bitte einmal persönlich den Meister Moiwa-tze treffen. Meint Ihr, dass das geht?“ fragte die kleine Eule mit den großen, wissbegierigen Augen.

Walja-lu schmunzelte.

„Wenn Du zurück kehrst, wirst Du diesen Schläft-nicht zum großen Meister Moiwa-tze bringen, Jägerin Tjani. Versprochen.“

„Prima,“ war alles, was die junge Eule dazu sagte.

Dann packte sie das Tragetuch und schlüpfte aus der Messe. Nachdenklich sah Walja-lu ihr nach.

Ihr Verstand sagte ihr, dass sie das Richtige getan hatte, doch in ihrem Herzen waren Zweifel, ob Moiwa-tze dies verstehen würde.

Und wenn sie keinen Erfolg hat? Wenn sie verletzt oder gar getötet wird? Zweifel schlichen sich in Walja-lus Herz. Während die Hörner den Beginn der zweiten Wache verkündeten, schlich sich eine reichlich kleinlaute Walja-lu durch die hölzernen Gänge und über die gewundenen Treppen zu den Jägerquartieren, zu Torrek. An ihn gekuschelt berichtete sie ihm und ließ sich von seinen sanften Worten und starken Armen trösten.

Juli 14

2 Tjani / Koowu

Später in der Nacht, als sie bereits alles gepackt hatte, rang Walja-lu noch immer mit sich. Sie liebte Torrek, und noch ein weiteres Jahr warten zu müssen, würde ihm und ihr das Herz brechen. Sie hatte Meister Moiwa von der Verlobung erzählt und den Eindruck gehabt, dass er verstanden hatte, dass ihre Heirat auch bedeuten würde, dass sie die Lehre bei dem weisen Meister abbrechen würde, um bei Torrek zu leben und ein Jäger zu sein wie er.

Niemand konnte gleichzeitig den Dienst am Meister versehen und im eigenen Nest Junge großziehen, das war doch selbstverständlich?

Und dennoch hatte Meister Moiwa-tze sie nicht von ihren Pflichten entbunden. Er hatte auch keinen neuen Schüler gesucht. Irgendwie hatte Walja-lu das Gespräch nicht noch einmal auf diese bevorstehende Änderung in ihrem Lebensweg bringen können – es war niemals leicht, mit Meister Moiwa-tze zu sprechen. Sie hatte gehofft, nach dem Fest gemeinsam mit Torrek noch einmal beim Meister vorstellig werden und sozusagen ganz offiziell ihren Abschied nehmen zu können. Und nun? Walja-lu rang mit sich und ihrem Gewissen.

Nach den langen, harten Jahren des Lernens fühlte sie sich dem Meister zutiefst verpflichtet; sie wusste auch, das die so einfach vorgetragene Bitte des Meisters durchaus eine größere Prüfung ihrer Fähigkeiten sein konnte. Meister Moiwa-tze hatte eine Schwäche für derlei verborgene Testes.

Walja-lu starrte auf ihr gepacktes Bündel und seufzte.

Dann ging sie in die große Messe, um die Jägerinnen und Jäger zusammen zu rufen. Der Raum war aus dem lebendigen Baum herausgearbeitet, rund und gemütlich eingerichtet; für die Menschen des Eulenschlags war er hell erleuchtet mit einer rötlich schimmernden Laterne und winzigen glühenden Kohlebrocken in Tonschalen auf den rund geformten Tischen.

Als sie fertig war, die Aufgabe des weisen Meisters zu erklären, waren die älteren Jäger schon wieder zur runden Flugöffnung hinaus gegangen; ihren Minen war deutlich anzumerken, dass sie Wichtigeres zu tun haben glauben.

Als Walja-lu geendet hatte, sah sie sich fünf jungen, runden Augenpaaren gegenüber – die fünf jüngsten Jägerinnen in ihrem ersten Ausbildungsjahr. Niemand von ihnen dürfte ohne einen Auftrag von Walja-lu so weit vom Heimatbaum fortfliegen, niemals.

Walja-lu betrachtete die fünf Mädchen eingehend. Vier von ihnen tuschelten jetzt miteinander, offensichtlich waren sie Freundinnen.

Die fünfte sah ein wenig zerrupft aus, so als habe sie sich schon einen Weile lang nicht mehr richtig geschnäbelt.

Die erste Nachtwache war schon vergangen, Mitternacht neigte sich eben dem Ende zu, und Meister Moiwa-tzes Bemerkung, das der Auftrag eilig war, rieselte Walja-lu wie heißer Sand über den Nacken.

„Dürfen wir auch zusammen fliegen?“ frage Falett, ein hübsches hellbraun gefiedertes Mädchen. Sie streckte die Flügel nach links und rechts aus und meinte offensichtlich ihre drei Freundinnen, die zu kichern anfingen. Die fünfte, deren Namen Walja-lu nicht kannte, stand etwas verloren daneben und betrachtete ihre Krallen. Walja-lu schloß die Augen, damit Falett nicht sah, wie sie in den Höhlen rollten.

„Dies ist kein Wettbewerb um Aufmerksamkeit, Jägerin Falett,“ rief sie der erschrockenen jungen Eule mit dunkler, leiser Stimme in Erinnerung, „Es ist ein wichtiger und vielleicht lebensgefährlicher Auftrag, der dem Meister sehr am Herzen liegt.

Und da er ebenso sehr eilt, werde ich nicht vier junge Eulen auf einmal schicken, sondern einzig und allein die schnellste.“

Ganz abgesehen davon, fügte Walja in Gedanken hinzu, dass Chew-wen, die Jägermeisterin, sich dann Walja-lu sicherlich zur Brust nehmen würde. Als Schülerin des Weisen reichten ihre Befugnisse im großen Baum zwar weit, doch konnte sie nicht einfach einen großen Teil der Jäger von ihrer Arbeit abziehen – zumal der Meister selbst ja gar nicht erlaubt hatte, dass Walja-lu diese Aufgabe überhaupt jemand anderem übertrug.

Juli 14

1 Tjani / Koowu

Der uralte, weise Meister öffnete die roten Augen. Er gab ein leises Krächzen von sich, das seine Schülerin aufmerksam werden ließ.

„Bring mir… Schläft-nicht, bitte,“ bat er sie leise, doch Walja-lu schüttelte verständnislos den Kopf.

„Jemand dieses Namens ist mir nicht bekannt, großer Meister Moiwa-tze,“ antwortete sie ihm, die braunen Federn unbehaglich schüttelnd.

Der Meister schenkte ihr einen seiner forschenden Blicke, die ihr selbst nach so vielen Jahren der Ausbildung noch durch Mark und Bein gingen und in ihr wie stets den Eindruck erweckten, sie würde in der Tiefe ihrer Seele auf Falsch und Richtig geprüft.

„Dann ist die Zeit noch nicht reif, glaube ich,“ antwortete der weise Meister Moiwa-tze und schloss die orangeroten, beeindruckenden Augen wieder. Er saß so still auf dem großen Ast, als sei er mit ihm seit undenklichen Zeiten verwachsen. Die winzige, rote Glut der Feuerschale spendete alles Licht in diesem Raum und ließ jede einzelne Feder der beiden Wesen hervortreten. Manchmal schien es der Schülerin, als sei selbst ein Schütteln einer einzigen Schwungfeder des Meisters schon eine bedeutsame Aussage.

Walja-lu seufzte unhörbar, hatte sie doch das Gefühl, in einer Prüfung versagt zu haben.

„Wenn Ihr erlaubt, großer Meister, werde ich versuchen, Eurer Bitte zu entsprechen.

Vielleicht… vielleicht ist nur ein wenig Herumfragen nötig? Vielleicht ist es ein Spitzname?“

Der weise Moiwa-tze schlug die roten Augen erneut auf. Diesmal schien sein Blick klarer, kräftiger – mehr im Diesseits als in den jenseitigen Welten gefangen. Er fixierte Walja-lu noch einmal mit seinem schrecklich wissenden Blick.

„Deine Hartnäckigkeit ehrt Dich, Schülerin,“ nickte er, „aber verzeih mir. Ich habe meine Bitte nicht genau genug formuliert.

Schläft-nicht gehört zum Libellenschlag. Es ist unabdinglich, ihn zu finden und hierher zu bringen, damit.. damit er meine Worte hört. Du solltest so bald wie möglich aufbrechen, Walja-lu, bitte.“

Walja-lu nickte. Der nächste Stamm des Libellenschlags war zweieinhalb Tagesreisen entfernt. Sie würde einige Vorräte mitnehmen müssen und ein paar Tage unterwegs sein. Sie wusste nicht genau, ob die Menschen des Libellenschlags ebenso schnell und lautlos reisen konnten wie die Koowu des Eulenschlags, also könnte ihre Rückreise länger dauern…

Während sie noch nachdachte, hatte der Meister die Augen bereits wieder geschlossen. Siedend heiß fiel es Walja-lu ein: Der Große Tanz!

Übermorgen war der große Tanz zu Ehren des ersten Frühlingsvollmonds – egal wie, wenn sie des Meisters Wünsche erfüllte, würde sie ihn auf jeden Fall verpassen, und damit auch die Zeremonie… mit Torrek…

„Meister,“ begann sie noch einmal zaghaft, doch Moiwa-tze regte sich nicht mehr. Er war schon zu tief in seiner Meditation versunken, die ihm Aufschluss über die Zukunft der Koowu und des ganzen Eulenschlags bringen solte.