Juli 14

27 Anan-Re / Jadeira

Nein, wurde ihr klar, sie plante gar nichts. Sie konnte nicht zurück, niemals. Sie konnte nirgendwo hin. Sie hätte Dera bitten sollen… sie konnte sich selbst das Leben nehmen, sich in ihr blutiges Faytwa stürzen. Dann hätte all dieser Schmerz, all die sinnlosen Tode ein Ende.

Aber… ich will leben, hörte Anan sich selbst in ihrem Inneren rufen. Ich… will… leben!

Juli 14

26 Anan-Re / Jadeira

Alle 22 Kinder und Halbwüchsige waren schon mindestens einen Tag tot, rissige Augen starrten ins Nichts, Bäuche hatten sich aufgebläht einige Leichen waren von den Geiern und Hyänen bereits angefressen worden.

Qechi hatte die Kinder wohl in einer Reihe antreten lassen und war dann systematisch von den ältesten zu den jüngsten getreten, um sei einen nach dem anderen zu ermorden. Bei den jüngeren stimmte die Reihe nicht mehr, vermutlich hatten sie versucht, davon zu laufen, als sie verstanden, was da vor sich ging. Doch gegen den erfahrenen Jäger – den erfahrenen Mörder, sagte sich Anan, hatten sie keine Chance gehabt. Kimar war als einer der ersten gestorben. Anan glaubte, immer noch den Ausdruck naiver Überraschung auf seinem totenblassen Gesicht erkennen zu können. Die kleinsten Kinder hatten den schwersten Tod gehabt, da Qechi sie im Davonrennen niedergemacht hatte, so wie sich die Chance gerade bot. Anan sah ein Kind, dessen Kopf einmal ganz herum gedreht war, ein zweites, dass Qechi offenbar mit bloßen Klauen zerfetzt hatte, und das allerkleinste, Deras kleiner Sohn Tiwi, war von seinem grausamen Speer mitten im Lauf regelrecht an den Boden genagelt worden.

Anan zog unwillkürlich ihr Faytwa. Sie würde diesen feigen Mörder verfolgen und töten, selbst wenn das hieß, zurück zum Jägerlager der Jadeira zu gehen und dort für ihre bereits vorhandene Blutschuld hingerichtet zu werden.

Da bemerkte Anan aus dem Augenwinkel eine Bewegung – dort, in der Nähe des einzelnen toten Baumes, der das am weitesten entfernte Ende der Seitenschlucht markierte.

Den Dolch noch in der Hand, ein zorniges Knurren auf den Lippen, rannte sie dorthin. Ihre Wut hatte all die Schwäche aus ihrem Körper gebrannt – in diesem Moment hätte sie Qechi mit einem Zahnstocher erdolchen oder mit bloßen Händen erwürgen können, doch auf dem Weg zu dem Baum bemerkte sie zweierlei:
Erstens: Wer immer sich da am Baum bewegte, war eindeutig eine Frau.
Und zweitens: An Qechi war bereits Rache genommen worden – er lag mit einem langen Jagdspeer in der Brust keine fünf Meter vor dem Baum im Gras. Seine Hände und Pfoten waren gebrochen, seine Augen ausgestochen und seine Ohren abgeschnitten worden – die schlimmste Strafe, die man einem Toten noch antun konnte, in der Hoffnung, dass sein Geist dieselben Verkrüppelungen ins Nachleben mitnahm. Sein Bauch war monströs aufgeschwollen und jede freie, blutige Stelle bedeckten dicke, träge Fliegen; Anan erkannte ihn vor allem deswegen als das siebte Mitglied von Trakras Jagdgruppe, weil sie an seiner Kleidung und Ausrüstung ausschließen konnte, dass es jemand von den Jadeira war.

An dem Baum dahinter rutschte Dera gerade in eine liegende Position zurück; offensichtlich hatte sie Anan erkannt und versucht, sich aufzurichten.

Tiwis Mutter war leichenblass und zitterte unablässig, aber sie lächelte Anan zu.

Vorsichtig, den Dolch noch immer griffbereit, näherte sich Anan. Als sie vor Dera zum Stehen kam, wurde ihr aber schlagartig an einem einzigen Blick in ihre Augen klar, was geschehen war.

Dera war in Sorge um ihren Sohn einen Tag vor Anan hier hergeeilt, nur um dieses blutige Massaker vorzufinden. Sie hatte Qechi zum Kampf gestellt und ihn besiegt – ihr Jagdspeer steckte in seiner Brust. Aber Qechi hatte sie tödlich verwundet; Deras Bauchdecke war aufgeschlitzt und fing soeben, wo sie sich keuchend zurücksinken ließ, wieder an zu bluten. Fliegen bedeckten auch sie und ließen sich nicht ganz verscheuchen.

Ihre Lippen waren aufgesprungen und ihre Augen fiebrig, als sie Anans Blick suchte. „Ist… ist er tot?“ fragte sie leise. Anan nickte. „Trakra und Isam liegen tot in Taitas Zelt. Den anderen habe ich die Mähne genommen. Und Qechi… ist sehr, sehr tot, ja.“ Sie nickte anerkennend in Deras Richtung.

„Ich habe Kräuter dabei. Ich werde Deine Wunde reinigen und nähen, ja, Dera?“ fragte sie, während sie sich niederkniete und ihr Wasser aus ihrem Schlauch zu trinken gab. Dera trank durstig und schauderte dann zusammen, als sei das Wasser eiskalt. Sie schüttelte den Kopf. „Ich… habe die Wunde nicht ansehen können, aber.. sie ist groß. Ich habe Fieber… und.. ich habe hier nichts mehr, was mich hält. Tiwi… ich… Anan, ich möchte Dich darum bitten, mich zu ihm zu schicken. Ich liege hier schon einen Tag und eine Nacht und muss mir all diese Leichen ansehen… ich.. kann nicht… ich will nicht mehr. Bitte, mach dem ein Ende.“

Anan senkte die Augenlider. Sie hatte die Wunde gesehen und musste Dera Recht geben – es gab keine Chance auf eine Genesung, zumal nicht in dieser sumpfigen Schlucht mit 22 weiteren Leichen daneben, die die bösen Geister von Krankheiten anziehen würden, ohne Verbandmaterial, ohne Heiler. Dera würde sich noch zwei, vielleicht drei Tage quälen, während die ersten Maden ihr Fleisch zerfraßen, und dann doch sterben. Sie zog ihren Dolch; mit der anderen fasste sie nach Deras Hand.

„Bist Du Dir sicher, Dera?“ fragte sie mit bebender Stimme.

„Aye,“ hustete diese.

„Dann geh in Frieden,“ erwiderte Anan und strich ihr sanft die blutigen Haare aus der Stirn.

„Geister, nehmt die Seele von Dera, vierfach gesegnete Mutter, aufrechte und ehrenwerte Jägerin.
Sie stirbt tapfer, nachdem sie die Blutrache an einem feigen Kindsmörder vollzogen hat, dessen Name es nicht wert ist, jemals wieder genannt zu werden,“ flüsterte sie. Dera nickte, während ihr eine Träne über die Wange lief. Sie hielt sich zitternd an Anan fest, um eine halbwegs aufrechte Position einnehmen zu können.

In der dicken, zähflüssigen Stille brummten hunderttausend Fliegen.

Leicht, ganz leicht drang Anans Faytwa in Deras Hals ein, hinterließ eine blutige Spur und nahm das Leben der älteren Frau. Anan wich nicht zurück, obwohl Deras Blut ihre Hände überströmte, und wartete, bis Deras Augen brachen. Dann schnitt sie ihr die Brust auf und entnahm das Herz, ließ den Seelenwind entweichen und sprach die nötigen Worte, um sie sicher ins Nachleben zu geleiten.

Blutbesudelt und mit steifen, hölzernen Bewegungen machte sich Anan anschließend daran, auch die Seelen der Kinder zu befreien. All ihre kleinen Herzen legte sie zu Deras großem, in den Schatten der gelben Felswand. Dann häufte sie eine Menge Steine darüber, damit sie nicht von Geiern und Hyänen gefressen werden konnten.

Qechis Leichnahm ließ sie unangetastet dort liegen, wo er war. Der Mörder ihres geliebten Kimar sollte in das Nachleben ruhig als blinder Krüppel eingehen, und seine Seele sollte so lange wie möglich in dem aufgedunsenen, verwesenden Körper gefangen sitzen. Wenn dieser Seitenarm der Wasserfall-Oase von nun an von seinem bösen Geist heimgesucht werden würde, nun, dann sollte das eben so sein.

Anan plante nicht, je noch einmal hier hin zu gehen.

Juli 14

25 Anan-Re / Jadeira

Ihr entkräfteter Körper hielt die ganze Nacht lang durch – Anans eiserner Wille sorgte dafür. Doch als die Sonne aufging, suchte sie sich ein Versteck zwischen den rotbraunen Felsen – nachdem sie vorher noch eine volle Stunde damit zugebracht hatte, ihre Spuren hierher so gut als möglich zu verwischen.

Als sie in dem schattigen Einschnitt zwischen zwei sandigen roten Felsen lag, übermannte sie der Schlaf mit der Wucht einer Keule.

Sie erwachte zerschlagen und durstig, mit unangenehmen Kopfschmerzen. Das war vorhersehbar gewesen. Vorsichtig sicherte sie nach allen Seiten, bevor sie sich erlaubte, einen Schluck aus dem Wasserschlauch zu nehmen.

Anan war fast am Ende ihrer Kräfte, als sie am nächsten Morgen an der Wasserfall-Oase ankam. Sie hatte den ganzen langen heißen Vortag in der Felsspalte geruht, Hitze, stickige Luft und den quälenden, immer wiederkehrenden Durst ertragen und war dann bei Einbruch der Dämmerung mit steifen Beinen losgestolpert, immer in Richtung des Habichtauges. Es war schon zwei Stunden nach Sonnenhoch, als sie die Wasserfall-Oase erreichte.

Das Licht dieses neuen Tages schien Anan zu gleißend, zu hell, der Wind zu heiß und zu trocken, und jede Bewegung, jeder Schritt war eine widerwillige Anstrengung. Anan konnte sich auf ihren Körper verlassen, hatte sich immer auf ihn verlassen, und bei den langen Jagdzügen oder der schnellen Verfolgung der Zebra- und Antilopenherden hatte er sie nie enttäuscht.

Aber nach der Nacht und der Folter durch Traka, nach all den schlimmen Erlebnissen und Toten schien der Schmerz in ihrer Seele ihren Körper auszulaugen und zu schwächen. Sie zwang sich weiter. Vielleicht war Kimar noch zu retten – sie musste nur rechtzeitig…. der Geruch an der Wasserfall-Oase verhieß nichts Gutes.

Geier folgen krächzend auf, als Anan in der Sandsteinschlucht eindrang, wo Wasser aus einer unterirdischen Ader zwischen den gelben Felsen entsprang, in einem fröhlich rauschenden Wasserfall in die Tiefe stürzte und am Grunde der Schlucht einen seichten, pfeilspitzenförmigen See formte. Palmen, Schilf, Gräser wuchsen dort und hundert verschiedene Vogelarten nisteten auf den schmalen, terrassenförmig abgestuften Sandsteinfelsen, so dass ihr Gekreisch in der Schlucht nimmerendend widerhallte.

Die Schlucht war zu eng für eine Siedlung oder auch nur einen längeren Aufenthalt, aber es war sauberes und sicher vorhandenes Wasser, auch in der Trockenzeit, darum war die Oase in der weiten Umgegend bekannt und wurde regelmäßig von den Hirten mit ihren Viehherden aufgesucht.
Ringsum erstreckte sich Geröllwüste, durchzogen von weiteren, tiefen Spalten, an deren Grund teilweise ganze Dickichte und Haine schwarzer, krummer Bäume und Büsche wuchsen.

Anan wusste, wo die Übungen abgehalten wurden. Es war ein Seitenteil der Wasserfallschlucht, in der ein dünnes Rinnsal mündete und dort auch versickerte. Der Boden dieses Seitentals war sandig und beinahe topfeben, und die Sandsteinwände trugen die Speernarben von vielen Generationen der Jadeira, die hier ausbildet worden waren.

Während der Regenzeit war das ganze Gebiet knöchelhoch überflutet, wusste Anan.

Aber die Regenzeit kam nicht mehr so zuverlässig und kräftig wie früher, so dass die Hirten angefangen hatten, ihre Tiere zwischen den bekannten Oasen hin- und herzutreiben, und es teilweise zu erbitterten Fehden über Wasserrechte und Wanderrouten gekommen war.

Im Süden muss es noch schlimmer sein, dachte Anan kurz, bevor sie die Oase erreichte. Vielleicht waren Trakra und seine Gefolgsleute deshalb gezwungen, so weit nordwärts zu wandern. Anan dachte an all die Narben, die die Haut des toten Kowa‘ geziert hatten, und sofort überfiel sie ein beängstigend deutliches Déjà-vu der furchtbaren Nacht, der Vergewaltigungen und der Schmerzen, die er ihr zugefügt hatte.

Er wäre besser im Süden geblieben und verhungert, versuchte sie den Gedanken abzuschütteln, aber zäh wie Baumharz klebte er an ihren Gedanken und machte ihr Hände schlüpfrig und zitterig, als sie den Abzweig in den Seitenarm der Schlucht nahm.

Dort erwartete sie alles genau so, wie sie es befürchtet hatte. Die verwesenden, aufgedunsenen Leichen der Kinder lagen fast alle der Größe nach geordnet aufgebahrt entlang der Felsen, teilweise noch mit ihren Speeren in den Händen.

Qechi musste sie von hinten angefallen und die Kehlen aufgerissen haben. Anan stürzte hin, aufschluchzend, als sie auch Kimar unter den Toten fand. Tränen nahmen ihr die Sicht, aber sie wusste, dass hier aller Hader und Schmerz umsonst war: Sie war zu spät, viel zu spät gekommen, und Tränen interessierten die Toten nicht.

Juli 14

24 Anan-Re / Jadeira

Natürlich war an Schlaf nicht wirklich zu denken, aber Anan schloss tapfer nach jedem Alptraum und jedem alarmierenden Geräusch erneut die Augen und kämpfte sich wieder zurück in die süße Dunkelheit.

Von den brutalen Vergewaltigungen und den Demütigungen der neuen Männer der Jadeira würde sie sich nicht bezwingen lassen. Niemals, das hatte sie beschlossen.

In den frühen Morgenstunden hörte sie oben am Brunnenrand viele Stimmen, durch den Stein gebrochen und unkenntlich gemacht. Wie ein kleines Sandkätzchen kauerte sich Anan zusammen und versuchte, möglichst kein Geräusch zu verursachen.

Der Eimer wurde hochgezogen, und Anan folgte dem Lederriemen, den sie daran gebunden hatte, furchtsam mit den Augen. Wenn sie den Eimer oben feststeckten, saß Anan hier unten in der Falle.

Deswegen hatte sie an den Riemen gedacht, um entweder daran emporzuklettern – obwohl ihr das jetzt, von unten betrachtet, beinahe unmöglich schien – oder, um den Eimer und das starke Seil daran wieder herunter zu ziehen, wenn das denn möglich war.

Es war das beste, was Anan auf die Schnelle eingefallen war.

Jetzt konnte sie nur hoffen, dass ihr Plan gelingen würde.

Der Eimer kam nach einiger Zeit wieder herunter und die Stimmen verstummten. Anan rührte sich nicht. Sie beobachtete, wie das Sonnenlicht langsam seinen täglichen Kreis über dem steinernen Brunnenrand vollzog. Wartete, streckte die steif werdenden Muskeln und nahm ein weiteres, sehr leises Bad.

Ihre Notdurft hinterließ sie auf einer Ecke des Sims‘, denn das Brunnenwasser wollte sie nicht verunreinigen; es musste neben den anderen Jadera ja vielleicht auch ihr noch einige Tage als Wasser- und Nahrungsquelle reichen.

Als es schließlich doch, nach einem langen, langweiligen Tag endlich dämmerte und die Hirtinnen das Abendwasser für das Vieh geholt hatten, machte sich Anan an den Aufstieg. Sie brauchte drei oder vier Versuche und sie fiel einmal sehr unglücklich und nicht gerade leise auf einen vorspringenden Stein, was ihr ein schmerzhaftes Aufheulen entlockte und einen der Speere zerbrach; aber dann hatte sie es geschafft und konnte über den oberen Brunnenrand klettern.

Obwohl ihr nach der Düsternis der Brunnenkaverne die Augen vor Helligkeit stachen, war es doch schon später, als sie gedacht hatte. Am Himmel blinkten all die mächtigen, vertrauten Sterne, und die Dattelpalmen raschelten im sanften Wind.

Ein Antilopen-Pärchen nahm reißaus, als sie mühsam über die Brüstung kletterte, und das war für Anan ein sehr gutes Zeichen; bedeutete es doch, dass seit Stunden niemand von den Jadeira mehr hier gewesen sein und seine Witterung hinterlassen haben konnte.

Anan wusste, dass sie im Brunnenschacht und jetzt auf den raschelnden Dattelpalmwedeln zu viele deutliche Spuren hinterlassen würde, als dass sich je ein guter Fährtenleser über ihre Absicht und Richtung täuschen lassen könnte. Also wandte sie sich nach Osten, weg von der untergehenden Sonne und trottete in einem ruhigen Jägerlauf los. Als es ganz dunkel wurde, fing sie an, einen langsam Bogen in Richtung des Habichts zu schlagen, dessen Sternbild deutlich erkennbar am Himmel stand.

Der helle Stern der Prophezeiung, von der ihr Großvater Maror gesprochen hatte, bildete das Auge des Habichts, und nach ein paar Stunden lief Anan schließlich genau darauf zu.

Großvater ist tot, dachte sie. Vater ist tot, Mutter auch. Und ich bin qui’lo, Ausgestoßene und Clanlose.

Und das alles ist mir egal – wenn ich nur Kimar retten kann.

Juli 14

23 Anan-Re / Jadeira

Sie weinte um ihren Vater und Großvater, um die Ratsältesten, die ihr vertraut waren wie Familienmitglieder, um Kimar und alle Jungen der Jadeira. Aber nach und nach formten sich kalte, harte Gedanken in ihrem Innern, die sie nicht einfach wegschieben konnte.

Ja, sie war qui’lo, und sie war es zu recht: Sie hatte den Kowa‘ und seinen Berater ermordet. Jede andere Jagdgruppe, ganz gleich, ob sie hier aus dem Norden oder wie Trakra aus dem tiefen, heißen Süden käme, würde dasselbe Urteil fällen: Anan hatte nicht darüber zu richten, ob der Kampf der leeren Hand richtig geführt worden war. Wenn der Stamm den neuen Kowa‘ anerkannt hatte, so war das auch von der Tochter des alten Kowa‘ zu akzeptieren.

Ja, der Mord an den Beratern ihres Vaters war unnötig und grausam gewesen, das mochte auch ein Fremder anrechnen – allerdings war es durchaus im Rahmen der Entscheidungsgewalt eines Kowa‘, wenn die Alten zum Beispiel Unruhe verursachten oder zuviel Nahrung und Privilegien forderten.

Und die Jungen? Wenn Anan recht hatte, waren sie alle in Lebensgefahr und vielleicht auch schon tot. Ihr Geliebter mit den langen Locken und dem weißen, zärtlichen Lächeln… Anan konnte den Gedanken nicht loslassen. Aber sie konnte unmöglich sofort dorthin aufbrechen, denn die Wüste war gnadenlos. Einen ganzen Tag Marsch in ihrem Zustand würde Fieber bedeuten, und wenn sie den Weg verlor, war sie so gut wie tot.

Und um ihre Misere perfekt zu machen, würde man sie äußerst gründlich suchen und gefangen nehmen wollen – wenn man sie nicht gleich an Ort und Stelle tötete und in den Sand warf.

Es ist verrückt, dachte Anan. Wenn sie wirklich alle männlichen Nachkommen ermorden, hat der ganze Jadeira Stamm nur noch fünf Männer – eben die fremden Jäger, die eben jetzt im Zelt lagen und den tiefen Traumnuß-Schlaf schliefen…

So hat Trakra gedacht, wurde ihr klar. Es sieht seine Stammesfrauen als Besitz, als Beute. Deswegen schaltete er alle aus, die ihm seinen Besitz streitig machen könnten. Kinder musste man säugen, kleiden und erziehen, und die, die schon da waren, wären niemals sein vollständiger Besitz.

Kein Wunder, dass er Anan nicht als Jägerin anerkennen konnte. Frauen haben…angepflockt zu werden, so wie Vieh.

Aus Anans wunder Kehle löste sich ein tiefes Grollen vor lauter Abscheu.

Sie schüttelte sich, trank von dem Wasser und wusch sich, so gut es ging, das Blut und den Schmerz von den Hinterbeinen. Dann rollte sie sich auf dem sandigen Sims zusammen, um die Augen zu schließen.

Juli 14

22 Anan-Re / Jadeira

Endlich hatte Anan den alten Brunnenschacht erreicht. Er war aus Feldsteinen aufgeschichtet, der Lehm dazwischen von der Sonne so hart wie Stahl gebacken worden.

Ein langer, wertvoller Querbalken aus Holz spannte sich darüber, von dem ein langes Seil mit dem ledernen Eimer in die dunkle Tiefe hing.

Irgendwo in der Nähe muhte es – vermutlich hatte über die ganzen „Fest“-Tage jemand nicht daran gedacht, das Vieh zweimal täglich zu tränken. Anan zog den Eimer hoch und knotete ihren langen Lederriemen an den Holm.

Dann, mit schmerzhaftem Stöhnen und sehr, sehr vorsichtig, ließ sich Anan an dem Seil hinab, einen Fuß in den Eimer gestützt und der Rest mit Krallen und Händen am Seil rutschend.

Es war ekelerregend, so ohne Halt rückwärts in die Dunkelheit zu schliddern, vor allem, als sie so tief war, dass sie das Seil nicht mehr kontrolliert abspulen lassen konnte und sich mehr oder weniger auf gut Glück fallen lassen musste.

Dann gab es ein Platschen und sie landete im kühlen Wasser. Es war unendlich angenehm, kühl und gerade hüfthoch.

Anan wusste, dass es in der Sandsteinkaverne, in die der Brunnen getrieben worden war, einen Sims gab, auf dem man stehen konnte.

Sie hatte selbst nicht mitgeholfen, weil sie damals noch ein Kind gewesen war, aber der Erzählung ihres Vaters intensiv gelauscht. Er hatte damals zusammen mit den anderen jungen Männern die kleine Janja gerettet, die hier hereingeklettert war. Ein breitschultriger, großer Jäger hatte nicht in den Schacht gepasst, aber in die Kaverne unter dem Brunnen konnte man problemlos zwei Zelte stellen.

Vater hatte ihr lange Vorträge darüber gehalten, was man tun und nicht tun durfte und welche Plätze zum Spielen zu gefährlich waren.

Anan musste schlucken und die aufkommenden Tränen unterdrücken. Rudernd watete sie bis an den Vorsprung und kletterte dann hinauf.

Sie würde hier die Nacht und den nächsten Tag verbringen, hatte sie sich überlegt. Dann waren die Suchtrupps der Männer, die sie töten wollten, hoffentlich schon erfolglos hier gewesen und sie konnte sich zu ihrem eigentlichen Ziel aufmachen, der Wasserfall-Oase, wo die Jungen und Kimar hingebracht worden waren. Anan wäre gern sofort gegangen, fürchtete sie doch um Kimars Leben und um das aller anderen Jungen, aber sie wusste genau, dass sie in ihrem Zustand nicht all zu weit kommen und deutliche Spuren hinterlassen würde.

Dann kamen die Tränen doch, ließen sich nicht aufhalten. Wenigstens war sie hier so gut verborgen, dass niemand sah, wie eine Jägerin weinte.

Juli 14

21 Anan-Re / Jadeira

Anan schluckte – und rührte sich nicht, auch nicht, als erneut der peinigende Schmerz zwischen ihren Flanken aufflammte, dort, wo Trakra sie in der gestrigen Nacht schon mehrfach gegen ihren Willen genommen hatte. Der Dolch zitterte vor ihre Kehle, der ekelhafte Fremde über ihr keuchte, fauchte und spuckte, zuckte, drückte, quälte sie.

Anan konnte nicht sagen, wie lange es dauerte. Die Zeit schien endlos still zu stehen, und im Takt der ekelerregenden Stöße zitterte der Dolch, eine halbe Krallenbreite vor ihrer Kehle.

Schließlich wich das Keuchen einem erstickten Schnaufen. Ein letzter Ruck, dann sank der Faytwa nach vorne, der Schmerz legte sich – und zu Anans Überraschung auch Baruf. Er sank nach vorne, halb an der Seite von ihr herab, und blieb, eingeklemmt zwischen ihr und der Zeltstange, liegen. Die Traumnüsse hatten auch ihm noch den Schlaf gebracht – allerdings in der denkbar schlechtesten Lage. Sein Penis steckte noch in ihr, schlaff, aber durch seinen kräftigen Löwenkörper an Ort und Stelle gehalten. Anan konnte nicht vor und nicht zurück, selbst wenn die gelockerten Lederfesseln ihr jede beliebige Bewegung erlaubt hätten. Oh ihr Götter – was nun?

Tränen stiegen ihr in die Augen. All die wundervollen Rachepläne – und nun? Nun würde sie warten müssen, bis irgendjemand sie so fand, gefesselt, vergewaltigt, eingeklemmt zwischen all den vergifteten Jägern – oder, noch schlimmer – bis sie aufwachten und sich selbst ein Bild von der Lage machen konnten. Anans Tod wäre dann unausweichliche Gewissheit.

Sie raffte all ihre verbliebenen Kräfte zusammen und ruckte so lange nach vorne, bis sie wenigstens Barufs Männlichkeit nicht mehr in ihrem gepeinigten Inneren spürte. Der Jäger gab nur ein schwaches Grunzen von sich, wachte aber nicht auf. Danach dauerte es – zumindest fühlte Anan es so – Stunden, bis sie sich unter dem schweren Löwenkörper hervor gearbeitet hatte.

Als sie endlich frei war, nahm sie Barufs Faytwa an sich, dann stieß sie es ohne viel Federlesens Trakra durch die Kehle nach oben ins Gehirn.

Der neue Kowa‘ der Jadeira starb ohne einen weiteren Laut. Nur ein kurzes Zucken deutete an, dass er überhaupt noch versucht hatte, zu reagieren.

Anan ließ es stecken, damit die Seelenwinde nicht aus Trakras Körper austreten konnten. Er hätte einen langen und blutigen Tod verdient, dieselbe Art von Folter, wie er an ihr ausgeübt hatte. Doch dazu hatte sie keine Gelegenheit und auch nicht das passende Werkzeug, und sie konnte kaum stehen.

Sie zog Trakras Faytwa aus seinem Gürtel und tötete Baruf auf die gleiche Weise. Anschließend ließ sie es zu, dass sich ihr rebellierender Magen übergab. Der säuerlich-schale Gestank halbverdauter Kräuter-Antilope auf blutigem Löwenfell hinterließ ein einzigartiges Aroma in Taitas Zelt, der Anan erneut die Tränen in die Augen trieb.

So schnell sie konnte, riss sie mit ihren Vorderpranken den Teppich hoch, wickelte ihn halb um den toten Baruf, und legte die Wasserschläuche, die Kräutertasche und dann auch Taitas Faytwa frei.

Als sie sich ausgerüstet hatte, schlug sie den Teppich wieder zurück und begann, die Ratsmitglieder, die nur schliefen, von ihrer Mähne zu befreien, wie man es bei Kindern tut, wenn sie Läuse haben.

Sie arbeitete nicht sorgfältig, hinterließ Knoten und Knötchen ungeschorenen Haares, denn ihre Finger zitterten. Ich hätte euch alle töten können, dachte sie. Ich tue es nicht, weil ich eine ehrenwerte Jägerin bin, Anan-re, von Shinans Wurf von den Jaderia, Tochter von Moari-Re.

Ogonns Haar ließ sie ungeschoren, nur eine einzelne Strähne schnitt sie ihm ab. Dann verknotete sie die Zeltplane von innen, als müsse man das Zelt gegen einen Sandsturm sichern, und stolperte noch einmal über all das wilde Durcheinander schlafender und toter Löwenkörper.

Mit einem ungeschickt geführten Schnitt von Taitas Faytwa zerteilte sie die Zeltplane auf der Rückwand und stolperte hinaus in die sternbesetzte Abenddämmerung des Lagers. Tief holte sie Luft, schüttelte die Mähne und orientierte sich an den Sternen. Dann nahm sie sich vom Feuerplatz einen, zwei der langen Jagdspeere, einen der wertvollen Bogen und einen Köcher mit guten Pfeilen. Sie wollte auch noch nach etwas zu essen greifen, doch als ihr Magen erneut warnende Signale aussandte, ließ sie es bleiben. Sie würde es später bereuen, aber daran war jetzt nichts zu ändern.

Ohne noch einmal zurück zu sehen, humpelte Anan los, zum Palmenwäldchen hinüber. Sie war jetzt keine Jadeira mehr. Sie war eine Kowa‘-mörderin, eine qui’lo, jemand, der das heilige Gesetz der Blutrache missachtet hatte.

Ihr war es nicht klar gewesen, obwohl die Männer sie bereits so behandelt hatten. Irgendwie hatte sie gehofft, in ihr altes Leben zurückkehren zu können, wenn sie ihren Vater rächte. Aber Rache hatte offensichtlich doch keinen so süßen Geschmack, wie die Geschichten es immer erzählten.

Das Lager blieb still zurück; alle Festlichkeit hatte ein Ende.

Anan torkelte mehr als dass sie lief, und der Weg bis zur Wasserstelle kam ihr doppelt so weit vor wie tags zuvor. Sie wusste, dass sie am Ende ihrer Kräfte war.

Es war ihr bewusst, dass sie blutete, und auch, dass jeder, der sie sah, auf den ersten Blick erkennen musste, dass mit ihr etwas nicht stimmte.

Dennoch flogen die Vögel auf und senkte sich die gewohnte Art von Stille auf die Dattelpalmen-oase herab, als Anan den finsteren Schatten unter den Bäumen betrat, der vom hellen Mondlicht geworfen wurde.

Auf eine gewisse Weise, das schienen die kleineren Tiere zu wissen, war ein verletztes Raubtier noch gefährlicher als ein gesundes.

Anan hatte zwei Wasserschläuche, den Vorrat mit den Kräutern, zwei kleine Faytwa und ein langes Stück Leder – mehr war von ihrem alten Leben nicht geblieben.

Juli 14

20 Anan-Re / Jadeira

Anan fuhr alle Krallen aus, sträubte ihr Fell, fletschte die Zähne – und wusste gleichzeitig, dass es so sinnlos war, gegen sie alle zu kämpfen, wie den Sand von den Zelten zu fegen, wenn der Wind wehte.

Ogonn erhob sich ebenfalls, leicht schwankend. Mit einem Seitenblick auf Anan bedankte er sich höflich bei Trakra für das Angebot, doch sei er müde und wolle sich lieber zurück ziehen. Die anderen Räte quittierten dies mit dröhnendem Gelächter und einigen spitzen Bemerkungen, die Ogonn aber ignorierte.

Ainwe hatte wohl recht dahingehend, dass er der netteste der neuen Jäger sei, dachte Anan. Trakra nickte und wollte noch etwas erwidern – aber mitten im Satz fielen ihm die Augen zu und er schlug schwer auf den Zeltboden auf.

Es gab einen Moment der atemlosen, gespannten Stille, als alle zu Trakra sahen und zu begreifen versuchten, was geschehen war. Zu Anans unendlicher Erleichterung drehte sich sogar der massige Isam langsam zu seinem Kowa‘ um und wollte ihm wohl helfen, wieder auf die Beine zu kommen.

Doch wo es zunächst nur schien, als hätte ein Stück Teppich unter seinem Hinterlauf nachgegeben, rutschte in der nächsten Sekunde der ganze massige Leib des Jägers hinterher, fiel halb auf den dumpf vor sich hin starrenden Fath und blieb dann genauso regungslos liegen wie Trakra. Anans kleines Herz klopfte wie rasend in ihrer Brust, als sei zwischen ihren Rippen ein Wildvogel gefangen und versuche nun unbedingt, auszubrechen.

Der älteste Jäger Fath, unmöglich eingequetscht zwischen Isam und Zanja, versuchte, auf die Beine zu kommen und sein Faytwa zu ziehen, doch er schaffte weder das eine noch das andere ganz, bevor auch ihm die Beine umknickten. Schwer fiel er auf Zanja, der das jedoch gar nicht mehr bemerkte – er war bereits in den Schlaf vornüber gesunken. Ogonn machte noch zwei Schritte in Richtung Zeltplane – dann wurde auch er vom Schlaf übermannt.

Als allerletztes noch stand Baruf, der nur wenig gegessen, aber dafür umso mehr getrunken hatte. Er starrte Anan an, und in seinen Augen funkelte es boshaft. „Du… hast sie vergiftet, nicht wahr?“ fragte er drohend. „Dafür wirst Du sterben….!“

Anan saß da wie ein Kaninchen vor der Schlange, still, unfähig sich zu bewegen. Sie konnte nur stumm den Kopf schütteln.

Er zog sein Faytwa, kam auf sie zu. Baruf war der unauffälligste der neuen Jäger, sehnig und drahtig, die Haare dunkel, das Gesicht ebenfalls. Hatte Anan ihn unterschätzt? Würde sie es schaffen können, sich gegen ihn zu behaupten?

Er stieg über seine gefallenen Kameraden, vorsichtig, knurrend, bereit, sich auf sie zu stürzen. Anan hatte nur die leeren Hände, konnte sich bei aller Macht nicht bewegen. Ihr Körper ließ sie schändlicherweise im Stich, ihre Gedanken wirbelten haltlos in ihrem Kopf herum, ohne ihr eine Lösung, einen Ausweg aus diesem Dilemma anbieten zu können.

Baruf war bis auf zwei Schritte an sie heran gekommen, den Dolch kampfbereit gezückt. In seinen Augen blitzte Wut auf, unverhohlen, und Abscheu. Anan kroch in ihren Fesseln noch weiter zur Zeltwand hin, schob sich auf den Hinterläufen über den Teppich. Sie konnte nicht vorbei – sie konnte nirgends hin.

Baruf hielt ihr den Dolch an die Kehle, drückte zu, bis ein einzelner Blutstropfen ihrem weit nach hinten gebeugten Hals entsprang – dann war er mit einem plötzlichen Sprung über ihr und trat mit einer wütenden Bewegung ihren Schwanz beiseite. Keuchend legte er ihr den Arm über die Brüste, knurrte in ihr Ohr: „Keinen Ton, Verräterin! Dies ist das beste, was Dir vor Deinem qualvollen Tod noch passieren kann!“

Juli 14

19 Anan-Re / Jadeira

Hinter Trakra, der einen recht zufriedenen Gesichtsausdruck zur Schau trug, folgten seine fünf verbliebenen Jäger: Ogonn, Zanja, Baruf, Isam und Fath. Qechi war mit den männlichen Jadeira zur Wasserfall-Oase gezogen; Anan hielt ihn für den ruchlosesten und loyalsten Jäger des neuen Kowa‘.

Vorek, der siebte seiner Getreuen, war ja – gestern erst? Anan schien es Welten her zu sein – von Taita erstochen worden und lag nun im Sande; vermutlich nicht weit von dem Körper ihres erdrosselten Vaters entfernt.

Anan schluckte. Selbstmord ist die letzte Option, sagte sie sich erneut. Und vorher zahle ich es diesem Schwein heim, wenn ich irgend kann.

„Nun haben wir genügend Leute für ein Fest, Püppchen,“ prahlte Trakra zufrieden, und Anan schluckte. In dem Zelt war es mit so vielen Leuten sehr eng, und jedes einzelne Ratsmitglied musterte sie mit gierigen, funkelnden Augen. Was hatte Trakra ihnen versprochen? Für Anan war das nicht schwer zu erraten. Ihre Hände zitterten merklich, als sie den Ratsmitgliedern Wein aus der Karaffe einschenkte und den würzigen Geschmack der beigefügten Nüsse lobte.

Ihre sichtliche Angst entlockte Trakra ein volles, genüssliches Lachen: So hatte eine Frau zu sein, so und nicht anders.

Anan wusste wirklich nicht, wie stark die Traumnüsse waren, wieviel davon einem ausgewachsenen Mann den gewünschten Schlaf bringen konnte. Für Trakra hätte die Menge in der Karaffe vielleicht ausgereicht – Anans Plan war gewesen, ihn dazu zu bringen, möglichst viel davon zu trinken – doch dasselbe Ziel für alle fünf Ratsmitglieder zu erreichen, schien ihr mit dieser einen Karaffe unmöglich zu sein. Doch was konnte sie tun? Gar nichts. Sie schenkte allen Wein und sich Tee ein und senkte den Kopf bei Trakras großspurig vorgebrachten Lob auf seine vorzügliche Jagdbeute und den nun ihm gehörenden Reichtum der Jadeira.

Die Männer aßen von dem Kräuterbraten, tranken von dem Wein, glotzten Anan an. Es herrschte eine gespannte, erwartungsvolle Atmosphäre, die Anan bei bestem Willen nicht übersehen konnte. Einige Ratsmitglieder tatschten an ihren Flanken herum, wenn sie, behindert von ihren Fesseln, vorbeiging, streichelten ihr Fell oder machten bewundernde Komplimente über ihre straffe Haut, starrten dabei auf ihre Brüste, als hätten sie noch nie welche gesehen.

Die magere kleine Antilope, ohnehin schon mit Kräutern gestreckt, war bald vertilgt, und die Männer riefen nach mehr Wein und mehr Essen.

Schließlich holten sie beides aus dem Frauenzelt; es war der Rinderbraten mit der Nusskruste und ein ganzes Fässchen Showi-Wein. Anan trank ein paar Schlucke Tee, hockte sich in die dunkelste Ecke des Zeltes und versuchte, sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Sie saß genau auf dem kleinen Hügelchen, unter dem sie ihren Notvorrat versteckt hatte, und rutschte dort unruhig hin und her. Sie konnte jetzt nur noch warten, und das war das allerschlimmste.

Trakra nickte zufrieden. Sie beginnt zu lernen, dachte er, als er ihren ängstlichen Blick sah.

Zu Anans Zufriedenheit zeigten sich bald Anzeichen von Müdigkeit bei den Ratsmitgliedern, und auch wenn sie gar nicht sagen konnte, ob dies den Nüssen oder dem reichlich geflossenen Wein geschuldet war, konnte sie doch nicht verhindern, dass in ihrem Herzen Hoffnung aufkeimte, so schnell wie die Sprossen der Ulawate-Pflanze nach dem ersten Winterregen.

Doch dann verkündete Trakra, was Anan die ganze Zeit über schon befürchtet hatte. Sie hätte allen Ratsmitgliedern zur Verfügung zu stehen, sei seine Jagdbeute genauso wie die Antilope, von der nur noch die abgenagten Knochen in die Luft ragten. Und er sei so großmütig, sie mit seinen Jagdbrüdern zu teilen, Vorek zu Ehren, der von einer ehrlosen Frau hinterrücks ermordet worden sei. Anan schwoll die Kehle zu bei soviel Lüge und Prahlerei; sie wollte schreien, das Unrecht anprangern – doch fehlte ihr die Luft zum Atmen genauso wie zum Schreien, so als würde Trakra sie wieder so brutal würgen wie in der Nacht zuvor.

Sie wich noch ein wenig weiter in die dunkelste Zeltecke zurück, als Isam aufstand und sagte, er wolle als erster von dem süßen Honigtau kosten, den sein Kowa‘ ihm hier anbiete. Breit lächelnd, die Zähne vom Showi-wein dunkel verfärbt, kam er auf sie zu. Er war kräftig und breit, stiernackig und braungebrannt; sicherlich wog er gut das doppelte von Anan.

Juli 14

18 Anan-Re / Jadeira

Was nun? Trakra würde den Braten zurückbringen und seine Antilope fordern.

Aber nun hatte sie keine gehackten Nüsse mehr, um noch einen Braten zu würzen.

Es würde nicht klappen. Und dann?

Sie würde hier gefangen bleiben. Trakra würde sie quälen, bis sie sein Kind trug – oder bis sie verhungert oder verdurstet war.

Sie würde nicht entkommen können. Sie wäre verdammt, so oder so….

Anan brauchte nicht darüber nach zu denken. Sollte es so kommen, würden sie den Weg der alten Frau vorziehen. Diese Möglichkeit blieb ihr immer noch – als letzter, allerletzter Ausweg.

Trakra kam schnell zurück, schneller, als sie einen neuen Plan fassen konnte. Sie zwang sich zu einem nervösen Lächeln, als er seine Antilope hereinbrachte.

„So.“ Trakra stand über ihr und sah auf sie herab. „Erst das Essen, nicht wahr?“

Anan würgte. Er würde sie erneut vergewaltigen. Und sie konnte nichts, gar nichts dagegen tun. Ihre mühsam aufrecht erhaltene Fassade bröckelte. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen traten.

Das hilft nun gar nichts, ärgerte sie sich über sich selbst.

Glücklicherweise hatte Trakra sich schon abgewandt und ihr Schweigen als Zustimmung verstanden. Er zerschnitt das lockere Antilopenfleisch mit geübten Bewegungen. Dieser Braten war nicht mit Nüssen, sondern nur mit Kräutern dekoriert. Wenn sie doch nur…

Sie hinkte näher an Trakra heran, während sie die letzten zwei ganzen Nüsse aus dem kleinen Säckchen an ihrem Handgelenk heraus schüttelte. Als er ihr ihre Schale reichte, zwang sie sich zu einem Lächeln.

„Bitte, gib mir noch etwas mehr von der Kruste mit den Kräutern. Sie ist sehr gut.“

„Natürlich, Püppchen.“ Trakra grinste. „Gewöhnst Du Dich schon an den Gedanken, meine Frau zu sein? Du wirst nur das beste Essen bekommen und nicht mehr selbst jagen und Vieh hüten müssen. Du wirst schon sehen. Dieses Zelt mag luxuriös eingerichtet sein, aber gegen das Zelt meiner Hauptfrau sieht es nur aus wie ein verwischtes Sandbild.“

Anan lächelte kurz, anstatt mit den Augen zu rollen. Ein Leben als Püppchen, eingesperrt in einem Zelt – das war das Letzte, was sie wollte! Sie war Anan-re, Jägerin der Jadeira! Sie war frei, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, war es immer gewesen und würde es auch jetzt sein. Auch dann, wenn ihre einzige Entscheidungsfreiheit in Sklaverei oder Freitod bestand. Sie wusste, was sie dann wählen würde, hatte es vorhin beschlossen.

Trakras Weltbild war nicht ihres, und sich ihm unterzuordnen, diesem feigen Mörder und Sklavenhalter, kam für sie überhaupt nicht in Betracht.

Sie sah keine Möglichkeit, die Nüsse in Trakras Schale zu geben, ohne dass er misstrauisch werden würde.

Trakra begann das Mahl mit der traditionellen Anrufung der Götter, wobei er nur Sanu-Ra, den Sonnengott, pries. Peche-Ur, die Windgöttin, und Mande-Ur, die Mondjungfrau, rief er nicht an.

Daraufhin tat es Anan, was Trakra offensichtlich ärgerte.

„Diese schwachen Göttinnen sind der Anrufung vor einem Fest nicht würdig,“ mäkelte er.

„Oh, die Jadeira verehren sie sehr,“ behauptete Anan. „Und – welches Fest meinst Du? Wir sind allein,“ erinnerte sie ihn.

Trakra runzelte die Stirn und knurrte leise, weil ihm darauf scheinbar keine gute Antwort einfiel.

Doch dann huschte so etwas wie ein bösartiges Lächeln über seine Miene.

„Warte hier. Ich bitte die anderen Räte, uns Gesellschaft zu leisten, wenn sie ihr Mahl in den Frauenzelten beendet haben.“

Trakra erhob sich erneut und verließ das Zelt. Für Anan die Gelegenheit, die zwei Nüsse, die sie in der verschwitzten Hand trug, mit dem Boden ihrer Schale grob in Stücke zu brechen.

Trakra hatte von seiner Schale bereits gegessen, ein veränderter Geschmack würde ihm vermutlich auffallen. Also konnte sie keine Traumnüsse mehr zu seinem Essen hinzufügen. Aber er hatte Wein und Tee mit ins Zelt gebracht. Anan hatte keine Ahnung, ob nur ein Teil einer Nuss ausreichte, um den tiefen Schlaf in Trakra zu erzeugen, den sie für ihr Vorhaben brauchte. So schnell es ging, drückte sie die Nüsse noch kleiner und streute sie in den Wein, einen größeren Teil in sein Glas und einen kleineren in die offene Karaffe. Sie würden nach unten sinken und einen sichtbaren Bodenbelag bilden, aber Anan konnte dann sagen, dass bei den Jadeira der Wein eben auf diese Art und Weise gewürzt wurde. Mit etwas Glück würden die Nüsse zusammen mit dem Alkohol schneller wirken. Nun musste sie Trakra nur noch dazu kriegen, möglichst viel Wein zu trinken…

Als er wiederkam, hatte sie bereits ihre Schale hastig leer geschlungen und ihren Wein ausgetrunken. Sie fand es sehr schlau, dass sie ein wenig von den Nusskrümeln auch in ihr leeres Glas gestreut hatte, so dass es aussah, als sei auch dieser Wein mit Nüssen gewürzt gewesen.

Hoffentlich, hoffentlich würde diese eine Nuss in Trakras Glas ausreichen!

Juli 14

17 Anan-Re / Jadeira

Es schien endlos zu dauern, bis die Sonne unterging und es im Zelt ein wenig kühler wurde. Gleichzeitig schien es Anan, als rase die Zeit dahin, als hätte sie noch hunderte Dinge vorzubereiten und könne nichts davon erledigen.

Ein paar mal kam die Wache, die Ainwe Ogonn genannt hatte, ins Zelt und sah nach ihr.

Tatsächlich machte er einen eher zurückhaltenden und freundlichen Eindruck, ganz so, wie Ainwe ihn von Trakras gesamter restlicher Jagdgruppe beschrieben hatte.

Er entschuldigte sich sogar dafür, dass sie hier gefesselt im Zelt liegen musste. Seltsamerweise bestätigte das Anan nur in ihren Plänen.

Trakra selbst war die Wurzel des Übels und ihrer würde sie sich heute abend annehmen.

Tatsächlich klappte – dank ihrer Freundinnen – alles wie am Schnürchen. Traka war noch nicht lange im Zelt, hatte nur seine geheuchelte Eingangsrede gehalten, dass er ihre Fesselung zutiefst bedauere, sie sich aber selbst in diese unangenehme Lage gebracht habe – da brachte man ihm auch schon eine große Platte mit einem saftigen Bratenstück, das mit Nüssen bestreut war. Trakra präsentierte es stolz als seine Jagdbeute, und Anan musste sich ein Lächeln verbeißen. Es war Rindfleisch von den Koppeln der Jadeira, noch dazu gut abgehangen. Dieses Stück Fleisch war ganz sicher nicht seine heutige Jagdbeute.

Doch seine großspurige Lüge nutzte sie, um sich bewundernd über den Braten zu beugen und ihren Vorrat an gehackten und gepulverten Traumnüssen der Kruste hinzuzufügen.

„Komm,“ sagte Trakra, „lass mich Dir aufschneiden. Du hast ja den ganzen Tag gehungert, nicht wahr? Nach mir, natürlich auch.“

Anan schloss die Lider, um ihr unmittelbares Augenrollen zu verbergen.

„Ogonn war so freundlich, sich um mich zu kümmern,“ erwiderte sie, „ohne ihn wäre ich halb verdurstet oder hätte Dich in meinen eigenen Exkrementen liegend empfangen müssen, Kowa‘.“

Trakra ging auf ihren feinsinnigen Tadel nicht ein, sondern schnitt stattdessen den Braten auf. Anan bildete sich ein, den Duft der Traumnüsse bis hier her riechen zu können. Ihr klopfte das Herz bis zum Hals.

„Das ist nicht meine Jagdbeute,“ sagte Trakra plötzlich. Also hatte er jetzt auch erkannt, dass er Rindfleisch schnitt. Trakra nahm den Braten auf und schüttelte den Kopf.

„Sie müssen meine Antilope noch im Frauenzelt haben. Warte doch hier einen Augenblick, ja?“

Blanker Hohn, schließlich hatte Trakra ihre Fußfesseln nicht gelöst, nur gelockert.

Anan nickte nur stur. Sie hatte das Gefühl, nicht mehr sprechen zu können, ihre Kehle war wie ausgedörrt.

Juli 14

16 Anan-Re / Jadeira

Es dauerte nicht lange, bis Anan die restlichen Knoten gelöst hatte. Dann ging sie hastig an die Arbeit.

Mit einer Pflanzschaufel, die sie in Taitas persönlichen Besitztümern gefunden hatte, grub sie unter dem hinteren Teppich ein breites Loch in den harten, rotgelben Wüstenboden. Dort hinein verschwand Taitas Dolch aus der Zeltplane, die zwei fast vollen Wasserschläuche und eine kleine, fransenbesetzte Tasche, die Medizinkräuter enthielt, offensichtlich ebenfalls aus Taitas Besitz.

Es dauert lange, alles wieder ordentlich zuzuschaufeln und den Teppich so darüber zu arrangieren, als sei das Zelt schon vorher auf dem kleinen, unauffälligen Hügel erbaut worden.

Essen, zumal etwas Haltbares, hatte Anan nicht. Jetzt hatte sie aber zumindest einen Notvorrat, auf den sie zurückgreifen konnte.

Die Schaufel reinigte sie sorgfältig und versteckte sie wieder in Taitas Truhe. Sie konnte notfalls auch mit bloßen Pranken graben, aber das würde viel mehr auffälligen Dreck und Unordnung bewirken.

Nun, für Traka selbst würde der kleine Dolch ihr nichts nutzen, selbst dann nicht, wenn sie ihn nicht eben vergraben hätte.

Er war zu schnell, zu geschmeidig, zu stark. Anan war nicht zu stolz, um das vor sich selbst zuzugeben.

Dennoch ließ diese Erkenntnis nicht viel Spielraum für andere Möglichkeiten.

Anan hatte jedoch eine Entdeckung gemacht, die sie zuversichtlich stimmte. Offensichtlich hatte Taita Probleme mit dem Einschlafen gehabt, denn sie hatte einen ganzen Beutel Traumnüsse in ihrer Medizintasche aufbewahrt.

Traumnüsse wurden normalerweise gerieben und das Pulver dann als Tee aufgebrüht, um die schlaffördernde Wirkung zu erzielen.

Anan wusste, dass sie angenehm würzig schmeckten.

Sofern Trakra den Geschmack nicht kannte – was gut möglich war, denn sie wuchsen in den feuchten Sumpfgebieten des Nordflusses und waren nur selten über die Quedda-Handelsgruppen zu bekommen – würde es einfach sein, sie ihm unters Essen zu mischen.

Und dann… und dann würde sich irgendeine Möglichkeit ergeben.

Das Problem war nur, dass sie kein Essen hatte – ihr leerer Magen sagte ihr das nur allzu deutlich.

Anan pulverte zwei und hackte drei der Nüsse, zwei liess sie ganz – vielleicht bekam sie die Gelegenheit, Trakra einen Tee zuzubereiten?

Dann legte sie sich die Fesseln wieder um die Beine. Es war sehr schwer, ihre eigenen Hände zu fesseln, so dass es zumindest halbwegs wieder so aussah, wie Trakra sie gebunden hatte. Das Beutelchen mit den vorbereiteten Nüssen band sie dabei an ihr Handgelenk fest.

Mit etwas Glück konnte sie es dort in den gebundenen Händen gut verstecken. Als das erledigt, war, robbte sie auf den Platz zurück, an dem Trakra sie zurückgelassen hatte, dann fing sie an, so laut zu jammern und zu klagen, wie es ihre geschundene Kehle erlaubte.

Wie sie es geplant hatte, dauerte es gar nicht lange, bis sie von irgendjemandem draußen gehört wurde; und nicht viel später steckte einer der Fremden seinen zottigen Kopf durch die Zeltplane.

„Was willst Du?“ fragte er unwirsch. Anan gab sich Mühe, die Vorstellung echt wirken zu lassen. Sie hoffte, dass das schummrige Halbdunkel des stickigen Zeltes verbergen würde, was ihr an Talent dazu fehlte.

Anklagend robbte sie auf den Wächter zu. „Trakra hält mich seit zwei Tagen hier gefangen – ohne Wasser, ohne Essen – nicht einmal waschen konnte ich mich! Was glaubst Du, was ich will?

Ich flehe dich an – gib mir wenigstens etwas Wasser. Oder Trakra wird hier heute abend nur noch meine Leiche vorfinden!“

„Hm.“ Der Kopf zog sich zurück, und Anan wartete bangen Herzens eine Zeitspanne, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam.

Schließlich öffnete sich die Zeltklappe erneut, und drei ihrer Freundinnen wurden mehr hineingeschoben als dass sie gingen.

Das fremde Ratsmitglied mit dem Wuschelkopf sah als letzter noch einmal in das Zelt und ranzte: „Ihre Fesseln bleiben, wo sie sind, klar?“

Die drei nickten verschüchtert und setzten die Sachen, die sie mitgebracht hatten, neben Anan ab.

Laut genug, dass die Wache draußen es verstehen konnte, begann ihre Freundin Inien das Gespräch.

„Der großmächtige Kowa‘ Trakra lässt Dir ausrichten, dass Du heute Abend mit ihm speisen wirst,“ sagte Inien geziert. „Bis dahin sollen wir dich hübsch machen und Deinen Durst stillen.

In seiner unendlichen Weisheit schickt Kowa‘ Trakra Dir sogar dies hier.“

Inien rollte dramatisch mit den Augen, was die anderen Mädchen in Kichern ausbrechen ließ, denn Inien hatte dabei auf den Nachttopf gedeutet, den sie hergebracht hatte.

Während die Freundinnen ihr das Fell auskämmten und neue Zöpfe flochten, ihr Wasser zu trinken gaben und eine laute, belanglose Unterhaltung führten, flüsterte Anan ihnen ihren Plan zu.

Ainwe fand den Medizinbeutel mit den restlichen Traumnüssen nach Anan Beschreibung schnell, und die anderen kamen überein, allen Besuchern des Frauenzeltes heute Abend heißen, süßen Schlaftee zu servieren. Töten wollten sie keinen der anderen Räte. Übereinstimmend waren sie der Meinung, dass Trakra allein die ganze seltsame Situation herbei geführt hatte.

„Außerdem ist Ogonn recht nett,“ flüsterte ihr Ainwe rotwerdend zu.

Juli 14

15 Anan-Re / Jadeira

Trakra grinste nur amüsiert über Anans spitze Bemerkung. „Mir scheint, deine Zunge kann besser Gift verspritzen als so manche Schlange, Püppchen.

Trotzdem werden wir die letzte Nacht heute noch einmal wiederholen – schließlich hast Du mir ganz gut gefallen.“

Anan nahm alle verbleibende Kraft und ihre ganze Wut zusammen und sprang ihn mit gespreizten Krallen an. Aber Trakra hatte damit gerechnet und konnte mit einer tänzerischen Bewegung zur Seite ausweichen. Dort schnappte er sich den langen Lederriemen, von dem sie gerade erst befreit worden war.

„Und damit wir dieses leidige Spielchen nicht noch einmal wiederholen müssen, meine Hübsche -“ unvermittelt langte er nach Anans Schwanz, zog kräftig daran, glitt geschmeidig um die Zeltstange herum und legte den Lederriemen um ihre Hinterbeine – „werde ich dieses mal sicherstellen, dass Du schön brav auf mich wartest, wie eine gehorsame Frau es tut.“

Trakra Gewicht drückte Anan zu Boden, und ihre gefesselten Beine konnten sie nicht mehr stützen.

Schwer stürzte sie auf die leere Stelle, wo der blutige Teppich und Taitas Leichnam entfernt worden waren. Trakra fackelte nicht lange und band ihr auch die Vorderpranken zusammen, ohne auf die tiefen Kratzer zu achten, die sie ihm dabei mit den Fingernägeln beibrachte. Er fauchte nur kurz, als sie die empfindliche Haut zwischen Auge und Ohr aufriss, ließ sich aber in seiner Tätigkeit nicht stören, bis Anan erneut an allen 6 Gliedmaßen gefesselt war.

Anschließend nahm sich Trakra noch die Zeit, die Brustwarzen der wehrlosen Anan zu küssen.

„Bis heute abend, meine ungeduldige Geliebte.“ Es lag nicht einmal Spott in seiner Stimme dabei, als sei ihr Knurren und Fauchen tatsächlich ein Zeichen von Zustimmung.

Im Gegenteil, er küsste sie auch noch auf den Mund. Er schmeckte nach Blut, so dass in Anan der Hunger erwachte. Sie hatte nichts zu essen bekommen, seit ihr Fest vorüber gewesen war.

Ihr war schwindelig und schlecht bei der Aussicht, eine weitere Nacht gefesselt und Trakras Launen ausgeliefert zu sein.

Aber sie konnte wenig tun – ihre Fesseln waren sorgfältig fest gezogen worden und das Material viel zu stabil, um es zu zerreißen.

Obwohl es ihr nicht helfen würde, schossen Anan die Tränen in die Augen, sobald Trakra gegangen war. Sie fühlte sich so hilflos – und sie hasste dieses Gefühl aus ganzem Herzen.

Traka war stärker als sie, mächtiger. Er würde dieses entsetzliche Spiel gewinnen, früher oder später.

Was konnte sie nur tun?

Wütend auf die eigene Ohnmacht versuchte Anan, die Lederriemen an ihren Händen mit den Zähnen durch zu beißen.

Eine Stunde später – oder vielleicht zwei, Anan wusste es nicht – öffnete sich die Zeltklappe erneut, und Dera schlüpfte hindurch. Dera war Tiwis Mutter, des jüngsten männlichen Nachkommens der Jadeira mit Ausnahme von Paydro, der ja noch an der Brust hing.

Der dreijährige Tiwi war mit den anderen Jungen mit dem Jagdbruder Trakras, diesem Qechi, ausgezogen, um eine Dijadda zu formen. Zusammen mit Kimar.

Anan zweifelte nicht daran, dass die jungen Jäger der Jadeira entweder schon tot waren oder ihre Ermordung unmittelbar bevor stand. Sie war deshalb keineswegs überrascht, ängstliche Besorgnis auf Deras Gesicht zu sehen.

Die ältere Frau kauerte sich neben Anan und warf kaum einen Blick auf ihre Verletzungen.

„Und Du meinst wirklich, er wird sie alle umbringen?“ flüsterte sie ohne jedes Vorgeplänkel.

Anan nickte wortlos. „Ich fürchte, sie sind schon so gut wie verloren,“ brachte sie dann doch hervor. „Wenn Du kannst, jage ihnen hinterher und warne sie,“ riet sie Dera.

Diese zögerte, doch dann nickte sie entschlossen. Mit einer hastigen, aber gut gezielten Bewegung zog Dera ihren Dolch und durchtrennte die angebissenen Fesseln an Anans Händen.

„Er vergnügt sich in den Frauenzelten und erzählt überall herum, Du hättest mit Freuden Deine Zustimmung gegeben, seine Hauptfrau zu werden,“ erzählte sie dann.

„Bring ihn um, wenn Du kannst.“

Anan nickte und lächelte der anderen Frau zu. Genau das hatte sie vor.

Juli 14

14 Anan-Re / Jadeira

Nein. Sie konnte nicht von sich auf andere schließen. Vielleicht war dies Trakras Art gewesen, ihren Widerspruch zu bestrafen. Bestraft fühlte sie sich auf jeden Fall. Vielleicht waren die anderen Fremden ganz anders; ihre Freundinnen schienen das auf jeden Fall zu glauben. Und was nur, was sollten sie tun?

„Wo… ist Kimar?“ fragte sie.

Hundertmal mindestens hatte sie sich vorgestellt, dass er zum Zelt hinein käme und sie rettete.

Ainwes Gesicht wurde fröhlicher. „Trakra und Qechi, sein Berater, haben eine lange Rede gehalten heute mittag. Dass sie den Jadeira die wahren Traditionen des Löwenschlags wieder zurück bringen wollen und die Jungen richtig ausbilden. Qechi hat alle männlichen Jadeira mit zur Wasserfall-Oase genommen, um sie für eine Dijadda auszubilden. Sogar Tiwi haben sie mitgenommen!“

Tiwi war drei Jahre alt. Anan schwante fürchterliches. „Und wann… kommen sie zurück?“ presste sie hervor.

„Oh, mal sehen. Das hat Qechi nicht gesagt, aber ich denke, es wird eine Zeit dauern. Stell Dir vor, Tiwi als Jäger!“

„Und… Paydro?“ Paydro war der jüngste männliche Nachkomme der Jadeira, der Sohn von Yula. Er war gerade sechs Monate alt.

Ainwe schüttelte den Kopf. „Den haben sie natürlich nicht mitgenommen. Er braucht doch noch Yulas Milch!“

Ainwe lachte, als sei Anan verwirrt oder dumm. Anan spürte Kraft in ihre Glieder zurück kehren, als Wut in ihr aufwallte.

„Ich sage euch, er wird alle männlichen Nachkommen der alten Ratsältesten umbringen. Die Jungen sind so gut wie verloren, und Paydro wird bestimmt auch noch umkommen! Ihr müsst etwas unternehmen! Wehrt Euch! Er ist kein Kowa‘… er ist.. ein Monster!“

Anans Freundinnen wichen entsetzt zurück, als sie solch eine beängstigende Prophezeiung machte. Unglauben stand so offen im Raum, dass Anan auf Widerworte wartete.

„Du… bist verwirrt, Anan,“ sagte Ainwe schließlich, nach einer langen Pause. „Du solltest noch etwas trinken und ein wenig schlafen. Die Nacht war anstrengend für Dich, ja?“

Natürlich war sie das! wollte Anan schreien, aber der lange Wortschwall hatte ihre Stimme beinahe überlastet, und außer einem grollenden Husten brachte sie keine Antwort mehr hervor.

Konnten oder wollten ihre Freundinnen die Verletzungen nicht sehen, die Trakra ihr beigebracht hatte? Die Scham, die Schmerzen, die Schreie? Hatten sie denn gar nichts verstanden? Sie musste dafür sorgen, dass sie es erkannten. Nur wie? Und sie musste fort, Kimar warnen und… aber wie?

Ihre Gedanken überstürzten sich, während ihre Freundinnen sich tuschelnd zurück zogen. „Bringt.. mir mehr Wasser… bitte,“ keuchte sie.

Zumindest Ainwe nickte. Sie war sehr bleich geworden; Tiwi war ihr jüngster Bruder.

Vielleicht hatte sie die Mädchen doch zum Nachdenken gebracht.

Ein dunkler Schatten zeichnete sich an der offenen Zeltklappe ab, und die ohnehin schon nervösen Mädchen stoben auseinander.

Es war Trakra. Anan konnte ein instinktives Zurückzucken nicht vermeiden, obwohl es sie wütend auf sich selbst machte.

Die Mädchen verdunsteten aus dem Zelt, wie Wasser auf dem heißen Wüstenboden. Anan wurde klar, dass sie nicht den Auftrag gehabt hatten, sich um sie zu kümmern. Vermutlich hatte Ainwe nur nach dem Gestank sehen wollen, der von Taitas Leichnam gekommen war. Anan zog die schmerzenden Pranken sprungbereit unter den Körper und strich sich das wirre Haar zurück.

Sie fletschte die Zähne.

Trakra bewegte sich geschmeidig und ausgeruht; sie würde wenig Chancen in einem Kampf haben in ihrem geschwächten Zustand. Aber aufgeben? Niemals. Er hatte sie verletzt und gedemütigt, aber für Anan war das kein Grund, sich zu unterwerfen.

„Nun, Püppchen?“ fragte Trakra lässig. „Hast Du unseren ersten gemeinsamen Abend genossen, ja?“

Er zeigte die Zähne und wartete tatsächlich auf ein demütiges „Ja, Kowa‘.“

„Einen Schlangenbiss hätte ich mehr genossen, Zerkratzter,“
fauchte Anan und zog eine spöttische Mine zu den zahlreichen Striemen auf seiner Haut. Es war nichts gegen ihre Verletzungen, aber immerhin hatte er für die Gewalt, die er ihr angetan hatte, zumindest ein wenig büßen müssen. Noch lange nicht genug, wenn es nach Anan ging.
„Noch mehr hätte ich ihn allerdings genossen, wenn die Schlange Dich gebissen hätte.“

Trakra verzog keine Mine – er hatte schon gewusst, dass er von dieser Frau den Respekt, den sie ihm natürlicherweise schuldete, nicht ohne weiteres bekommen würde. Die Jadeira waren in ihren Traditionen wahrhaft verderbt.

Trakra hatte bereits darüber nachgedacht. Die Männer – fast alle Männer – des alten Stammes waren beseitigt worden, und bei den Frauen würde geduldige Umerziehung der Schlüssel zum Erfolg sein.

Er hatte die älteren Frauen nach Familienverhältnissen und Herkunft der einzelnen Frauen befragt und wusste jetzt, wer in der Hierarchie des Stammes wo stand.

Der kleine Paydro würde früher oder später einem bedauerlichen Unfall zum Opfer fallen, und dann würde es bei den Jadeira nur noch seine Nachkommen und die seiner Jagdbrüder geben – die allesamt noch zu zeugen waren.

Ein wirklich guter Schlag, mit seiner handverlesenen Jagdgruppe die Jadeira zu übernehmen. Sie hatten viele junge Frauen, und die, die nicht gerade stillten, hatten alle mehr oder weniger zu den Annäherungsversuchen seiner Jäger zugestimmt. Schließlich waren es junge, starke Männer, die gerade von einem Kampf und einem Sieg kamen.

Die Berater des vorherigen Kowa‘ waren fast durchweg alte Männer gewesen. Großväter, die den Frauen sicherlich nicht mehr viel nachgestiegen waren.

So hatte Moari sie wohl alle für sich alleine gehabt… aber die älteren Frauen hatten Trakra erzählt, dass Moari keine andere Frau mehr angefasst hatte, seit Shinan ihm ein Kind geschenkt hatte. Und obwohl sie schon ein halbes Jahr im Sande lag, hatte er auch danach nie nach einer anderen verlangt.

Sie müssen sich nach jungen Stammeskriegern gesehnt haben… das stand für Trakra fest. Umso verwunderlicher, dass Anan ihn nicht wollte. Er war der Kowa‘!

Anan als ranghöchste der jungen Frauen und als Tochter des alten Kowa‘ war die beste Wahl als seine Hauptfrau – er hätte so sich und die Rangfolge der Frauen gleichermaßen bestätigen können.

Aber aus welchen Gründen auch immer, ob vorgeschoben oder ausgedacht – sie wollte seinen ihm natürlich zustehenden Rang nicht anerkennen. Und offensichtlich auch nicht zugeben, dass ihr diese Zweifel als Frau gar nicht zustanden. Sie sollte doch eigentlich wissen, dass ihr Verstand gar nicht ausreichte, um seine Handlungen zu beurteilen. So leicht würde er sein Ziel offensichtlich nicht erreichen.

Nun, Traka kannte mehrere Methoden, um einer Frau Gehorsam bei zu bringen, und Anan würde diejenige kennen lernen, die auch bei seiner eigenen Erziehung erfolgreich angewandt worden war: Gewalt und Geduld.

Irgendwann würde sie nachgeben und eine fügsame Frau sein, wie er es von ihr wünschte. Spätestens, wenn sie sein Kind trug, nicht wahr?

Juli 14

13 Anan-Re / Jadeira

Als Traka ging, dämmerte schon der Morgen. Er schmunzelte. Zwar hatte er einiges einstecken müssen von dieser kratzbürstigen Jägerin – unter und neben dem Dolchschmiss auf seiner Brust zeichneten sich jetzt fünf, sechs weitere, blutige Krallenspuren ab, eine der unteren Rippen war schmerzhaft geprellt und an seinem Schwanz hatte er eine hässliche, tiefe Bißwunde – aber er hatte sie besiegt und bestiegen.

Er hoffte nur, sie wusste jetzt, wo ihr Platz war. Wäre er nur gleich auf die Idee gekommen, die beiden widerspenstigen Frauen zu fesseln, dann hätte er nicht den ganzen langen Nachmittag vor dem Zelt Wache stehen müssen und sich stattdessen mit seinen Jagdbrüdern betrinken können.

Der Showi-Wein hatte offensichtlich gut gewirkt, um das Eis zu brechen. Trakras Jagdgefährten waren allesamt in den Frauenzelten verschwunden, und es herrschte Stille im Lager. Kein Wunder nach zwei Tagen Fest!

Anan hing hilflos in den Lederriemen, mit denen Trakra ihre Hände an die Zeltstange gebunden hatte, die Arme in den Gelenken nach oben gerissen. Er hatte auch ihre Vorder- und Hinterläufe zusammen gebunden, so dass sie ihr Gewicht kaum darauf verlagern konnte. Sie blutete aus zahlreichen kleineren Wunden und ein Auge war bereits so zugeschwollen, dass sie damit nichts mehr sehen konnte. Um den Hals zeichneten sich purpurrote Würgemale ab.

Sprechen oder schreien konnte sie nicht mehr.

Das schlimmste aber war, dass es offensichtlich niemanden interessierte. Niemand kam, um nach ihr zu sehen. Niemand kam wegen der aufgeschnittenen Leiche, die in der Hitze des neuen Tages erbärmlich zu stinken anfing. Niemand kam.

Soweit Anan hören konnte, ging das Lagerleben draußen seinen gewöhnlichen Gang; nur einmal konnte sie hören, dass eine längere Rede von einem der Fremden gehalten wurde. Aber sie war fiebrig und schwach und verstand den Inhalt nicht.

Schmerzen und schrecklicher Durst – das war alles, worüber Anan nachdenken konnte; für nichts anderes ließ ihre Qual ihr Raum.

Es war später Nachmittag, als sich die Zeltklappe hob und die dicken Fliegen aufscheuchte, die sich an Taitas Fleisch gütlich getan hatten.

Anan hob den Kopf, konnte aber gegen das Licht nicht viel erkennen.

Ein erschreckter Schrei – dann war das Licht fort. Wer immer da gewesen war – er war sofort wieder gegangen.

Es dauerte eine qualvoll lange Zeit, bevor erneut die Zeltklappe gehoben wurde. Fünf oder sechs Frauen traten ein; Anans Freundin Temaran führte sie an. Sie hatte die anderen geholt, denn allein konnte sie Taitas Leiche nicht bewegen.

Während drei Frauen sich um das stinkende Fleisch und den vorderen Teppich kümmerten, der von Taitas Blut steif geworden war, kamen Temaran und Ainwe und banden sie vorsichtig los. Die Riemen hatten sich tief in ihre Haut geschnitten, und ihre Beine konnten ihr Gewicht nicht tragen. Sie hustete, und man gab ihr Wasser.

Vorsichtig wuschen ihre Freundinnen sie und versorgten die größeren Wunden, wenn sie auch nicht mehr viel tun konnten.

„Danke,“ krächzte Anan. „Wer.. was ist Dir geschehen, Anan?“ fragten sie die Frauen, nachdem sie die Klappe aufgestellt hatten, um frische Luft herein zu lassen.

„Trakra…“ Anan hätte so viel zu erzählen gehabt, aber sie brachte die Worte aus ihrer schmerzenden Kehle nicht hervor. „Taita… wollte zu Maror. D… Der Rest … war Trakra. Bei euch…?“

Anan versuchte, mit ihren geschwollenen Augen ihre Freundinnen in Augenschein zu nehmen – hatten sie von der gestrigen Nacht auch Verletzungen davon getragen? Hatte man sie auch gezwungen, den Fremden zu Willen zu sein?

„Alles ist gut bei uns, Anan,“ sagte Temaran, die sich neben ihr nieder gelassen hatte und eine neue Räucherkohle entzündete, um die Luft zu reinigen. „Trakras Berater waren bei uns, und sie sind jung und stark.“

Sogar verhaltenes Gekicher hörte Anan bei diesen Worten. Wie konnten sie nur? Sahen sie nicht, wie diese Fremden wirklich waren? Was Trakra ihr angetan hatte, blühte sicher jeder einzelnen ihrer Freundinnen ebenso. Konnten sie das nicht sehen? Trakra und seine Jagdbrüder würden nicht eher ruhen, bis sie alle anderen Männer der Jadeira ermordet oder vertrieben hatten, und dann würden sie jede einzelne Frau schänden und…

Sie setzte erneut dazu an, ihrer wunden Kehle ein paar verständliche Laute zu entlocken. „Es… ist unrecht und.. er wird alle töten…“ hustete sie.

Ihre Freundinnen tauschten besorgte Blicke, doch meinte Anan spüren zu können, dass sie ihr nicht wirklich glaubten. Sie musste sprechen! So schnell sie konnte, trank sie von dem Wasser aus dem Schlauch, den ihre Freundinnen ihr gebracht hatten, um ihre wunde Kehle zu beruhigen.

„Bitte.. ihr müsst…“

Juli 14

12 Anan-Re / Jadeira

Mit dem freien Arm deutete sie ungeschickt auf Taitas Leiche. Dazu musste sie den Arm zwischen sich und Trakra hindurch strecken.

Trakra beugte sich vor und hielt sie einen Moment in dieser unbequemen Haltung gefangen, an seine Brust gepresst. Anan starrte genau auf den langen, verschorften Schnitt, den sie ihm quer über die Brust beigebracht hatte. Er witterte erneut und stieß ein tiefes Knurren aus.

„Du wartest hier. Du schuldest mir etwas, Püppchen.“

Ich schulde ihm etwas? Anan grübelte darüber nach, während Trakra zu Taitas Leiche trat und mit geübten Bewegungen den rituellen Schnitt ansetzte. Er sprach die zugehörigen Worte mit ruhiger, leiser Stimme, und Anan war erleichtert, als der Geist der alten Frau endlich entlassen war. Jetzt waren Taitas Überreste nur noch Fleisch, das den Sand- und Windgeistern gegeben werden konnte.

Als er wieder zu ihr trat, schien er immer noch wütend zu sein.

„Mehr Ehre, als die Alte verdient hat,“ grollte er. Anan schüttelte nur kurz den Kopf. Die Seele in die heiligen Jagdgründe fort ziehen zu lassen, war ein Vorrecht aller Jadeira. Niemand konnte es verwirken oder verweigern. Warum auch, wenn man selbst nicht anschließend von einem bösen Geist gequält werden wollte?

Eine Stille entstand. Trakra starrte Anan an, als warte er auf etwas, aber Anan wusste nicht, was er erwartete.

„Was… was schulde ich Euch, Kowa‘?“ fragte sie schließlich. Der Klumpen Besorgnis in ihrem Magen war noch immer da, seit sie heute morgen Trakra zum ersten Mal gesehen hatte. Er schien Gefahr auszustrahlen wie eine Lampe Licht und Wärme. Sie schluckte.

Trakra grinste und packte sie erneut am Arm. „Ganz einfach. Du und Deine tote Freundin da,“ – er zeigte hinüber zu Taita – „haben mir meinen Sieg beim Saddhaq genommen, Tradition hin oder her. Und anstatt jetzt mit meinen Jagdbrüdern und den sechs Fässern Showi-Wein im Frauenzelt zu feiern, muss ich Dein Zelt bewachen.“

Er zog sie hart zu sich heran. Anan hatte keine Möglichkeit, auszuweichen, als er sie an seine schorfige Brust presste. Darum also hatte er selbst Wache gestanden. Er hatte diese langweilige Aufgabe keinem seiner Jagdbrüder übertragen wollen, die sich heute Nacht mit den Frauen der Jadeira vergnügten. Showi-Wein galt als Aphrodisiakum – falls er es nicht war, machte dieser süße, gewürzte Wein zumindest sehr schnell betrunken.

„Aber dennoch bin ich jetzt der Kowa‘ der Jadeira. Und jetzt werde ich mich vergnügen,“ grollte er, während er ihr den Arm auf den Rücken drehte und über sie stieg. Anan spürte einen brennenden Biss im Nacken und ihr eigenes, warmes Blut, dass ihr die Brüste hinab lief.

„NEIN!“ kreischte sie auf. Wild warf sie sich hin und her, versuchte, mit den Krallen an seinen Flanken zu reißen, doch ihr schmerzhaft auf den Rücken verdrehter Arm hinderte sie daran, sich herum zu werfen und ihm die Tatzen in den Bauch zu rammen. Trakra lachte nur. Schon flammte Schmerz in Anans Innerem auf – der Kowa‘ gehörte nicht zu den Männern, die lange zögern.

Ihre Schreie konnte man außerhalb des Zeltes wohl hören, aber das Gelächter und die Musik im Frauenzelt nebenan übertönten sie mit Leichtigkeit.

Juli 14

11 Anan-Re / Jadeira

Sie fühlte sich allein gelassen, erneut verraten – und wusste gleichzeitig, dass sie diese Gefühle keinesfalls Taita anlasten durfte. Sie hatte sie über ihre Absichten nicht belogen. Maror in die nächste Welt zu folgen, war ihr letzter Wunsch gewesen, und sie hatte ihn sich selbst erfüllt.

Anan wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Draußen war alles still. Sie umkreiste Taitas Leichnam mit soviel Abstand wie in dem engen Zelt möglich und hob vorsichtig die Zeltklappe.

Draußen stand eine Wache – dem Schattenriss nach zu urteilen einer der Fremden. Viele andere Männer sind ja auch nicht mehr übrig.

Anan überlegte. Sie konnte Taitas Tod jetzt der Wache melden. Schlimmstenfalls würde er ihr angelastet werden, vor allem, wenn sie zuvor ihre Pflicht als Taitas Stammesangehörige erfüllen und den rituellen Schnitt setzen würde, der die Seele aus dem toten Körper befreite.

Völlig zu Recht konnten die Fremden und der neue Kowa‘ dann behaupten, dass sie den todbringenden Dolch berührt und bei ihrem Auffinden Taitas Blut an den Händen gehabt habe. Sie dann als Sippenmörderin anzuklagen, war der nächste logische Schritt und würde es dem neuen Kowa‘ ermöglichen, seine derzeitigen Probleme auf einen Schlag zu lösen.

Sie könnte aber auch…

Vorsichtig zog Anan den Dolch aus Taitas Herzen. Dann trat sie an die hinterste Zeltwand, dort, wo es am dunkelsten war. Dort, wo sie gerade noch das Zeltdach erreichen konnte, machte sie mit der blutigen Waffe zwei kleine Schnitte und schob den Dolch so hindurch, dass das glänzende Heft draußen und die blutdunkle Klinge im Zeltstoff verkeilt war. Nun hatte sie eine verborgene Waffe. Jetzt musste sie nur noch eine andere glaubhafte Geschichte für Taitas Tod erfinden – aber welche?

Eine hastige Suche brachte als einzige andere mögliche Tatwaffe nur eine abgebrochene Zeltstange hervor, die Taita aus irgendeinem Grund bei ihrer persönlichen Habe aufbewahrt hatte. Sie war reich geschnitzt und aus einem wertvollen Holz gearbeitet worden, denn sie glänzte trotz ihres offensichtlichen Alters noch wie frisch geölt. Sie war mit einem scharfen, langen Splitter gebrochen und fast so lang wie ein Jagdspieß.

Anan beließ Taita in derselben Position, in der sie sie im Tode vorgefunden hatte, und holte erst einmal tief Luft. Dann rammte sie die geborstene Spitze der Zeltstange in die Wunde, die der kleine Dolch hinterlassen hatte, so tief sie es vermochte.

Es war grausig. Anan bildete sich ein, Taita müsse noch immer zucken und sicher auch gleich vor Schmerz laut aufschreien, fauchend auf die Beine kommen und Anan mit einem mächtigen Prankenhieb aufhalten – aber sie lag still und ertrug die ehrlose Aktion mit der Ruhe, die nur die Toten besitzen können.

Anan musste den Pfahl noch zweimal fest in den leblosen Körper rammen, bis die Verletzung – in ihren Augen – halbwegs glaubhaft aussah.

Dann stieß sie einen lauten Schrei aus und rannte zum Eingang, um die Wache zu alarmieren.

„Sie… sie.. hat sich in den Pfahl gestürzt.. ich weiß nicht, wie…!“

All die Aufregung, die sie zuvor mit kühler Überlegung verdrängt hatte, brach jetzt hervor und machte ihre Schauspielerei glaubhafter, als sie selbst es wusste.

Irgendwann musste sie es ja hinter sich bringen. Schließlich würde Ihre Geschichte immer unglaubwürdiger werden, je länger sie die Benachrichtigung darüber aufschob.

Sie war weiß wie Kalksand und krampfte die zitternden Finger in einander, als die Wache näher trat.

Zu ihrem Erstaunen war der Wächter am Zeltausgang Trakra selbst.

Der Kowa‘ hatte an der vorderen Zeltstange gelehnt und beinahe sehnsüchtig zu dem Frauenzelt hinüber gesehen, aus dem Licht und Gelächter drang.

„Taita… Taita ist tot, Kowa‘,“ sprudelte Anan hervor. „Sie ist.. sie hat sich in eine abgebrochene Zeltstange gestürzt. Ich.. Ihr.. jemand muss ihre Seele befreien, und… und..“

Trakra unterbrach sie mit einer einzigen Handbewegung und schlug die Zeltklappe zurück. Dann stieß er sie hinein.

Anan erkannte den erfahrenen Kämpfer, der einen Hinterhalt vermutete, denn er blieb am Zelteingang stehen und spähte ins Innere, bis sich seine Augen an die noch tiefere Dunkelheit darinnen angepasst hatten. Mit gezogenem Dolch kam er schließlich hinein und witterte grollend.

Dann öffnete er die Abdeckung der Laterne. Im Zelt wurde es hell, so dass Anan blinzeln musste.

Trakra schnupperte an Taita, sein Faytwa an ihrer Kehle. Anan zog sich in den hinteren Teil des Zeltes zurück, wo der kleine Dolch im Zeltdach steckte, um dem Kowa‘ mehr Platz zu lassen. Sie verschränkte die Finger in einander, während der neue Kowa‘ die Leiche der alten Frau untersuchte.

Es gab ein schmatzendes Geräusch, als er die Zeltstange aus ihrem Brustkorb zog und begutachtete.

„Ich.. ich weiß nicht, woher sie stammt,“ wagte Anan einzuwerfen, als er das splitterige Holz untersuchte, „sie war wohl bei ihren persönlichen Sachen.“ Anan deutete auf die reich verzierte Truhe, die sie durchwühlte hatte.

Trakra untersuchte auch diese.

„Erzähl mir, was passiert ist,“ forderte er.

„Nun, ich… wir… wir stritten uns, nachdem ihr uns in das Zelt bringen ließet, Kowa‘. Taita meinte, mir stünden keine Widerworte gegen… Eure Methoden zu, da ich zu jung sei, um mit der möglichen Strafe zu leben. Sie selbst sagte, sie wolle Großvater Maror in die nächste Welt nachfolgen, so bald sie die nötigen Mittel dafür fände.

Ich.. nahm es nicht ganz ernst, denn ich war erbost über ihre Meinung, man dürfe einfach ungestraft Vater und Großvater ermorden lassen…“

Hier zuckte Trakra unruhig mit dem Schwanz und gab ein bedrohliches Knurren von sich – Hinweis genug für Anan, dass sie den Bogen beinahe überspannt hatte. Hastig fuhr sie fort.

„Sie gab mir etwas zu trinken und eine Decke und ich… ich weinte mich in den Schlaf. Taita sang, sehr lange und leise, und ich bin darüber eingeschlafen. Als… Ich erwachte, als etwas Schweres neben mir aufschlug – Taitas Körper.

Sie.. sie muss die Zeltstange wie einen Jagdspieß gegen sich selbst verwandt haben. Ich.. ich weiß es nicht.“

„Hm,“ war alles, was Trakra dazu sagte.

„Bitte.. Ihr müsst Ihre Seele aus ihrem Körper befreien, Kowa‘. Wenn … Ihr wisst sicher selbst, dass sie sonst bald als Geist umgehen wird.“

Trakra runzelte die Stirn.

„Das hast Du bei deinem Vater doch gegen jede Tradition heute schon getan, Püppchen. Warum nicht jetzt auch bei Taita?“ fragte er.

„Ich.. ich habe kein Faytwa. Euer Jagdgefährte.. nahm ihn fort, Taitas auch. Auch deswegen rechnete ich nicht damit, dass Taita sich ernsthaft etwas antun könnte.“

Anan sah zu Trakra auf und versuchte mit allen Mitteln, die Augen von der kleinen Falte im Zeltdach, genau über ihm, zu lassen. Wenn der Dolch jetzt heraus fiele…

Wäre nur jemand anders heute Abend der Wächter des Zeltes gewesen! Selbst einen ihr völlig unbekannten Fremden meinte sie leichter überzeugen zu können als diesen schweigsamen, misstrauischen, stiernackigen Kowa‘!

Trakra trat einen halben Schritt näher. Anan konnte nur noch an die Zeltwand zurückweichen, also blieb sie stehen und schlug die Augen nieder. Trakra stand so dicht vor ihr, dass sie seine Brustwarzen anstarren musste und ihr Atemhauch die Härchen auf seinen Armen bewegte.

Er packte sie am Arm. Was für eine Kraft dieser Mann hatte!

„Es scheint, dass Du die Wahrheit sagst, Püppchen,“ grollte er. „Obwohl Du sie genauso gut selbst hättest umbringen können.“

Wieder sah Anan mit großen Augen zu ihm hoch und hoffte, das richtige Maß an Erstaunen in ihren Blick legen zu können. „Aber.. warum sollte ich, Kowa‘?“ fragte sie. „Taita war die einzige, die in meinem Sinne gesprochen hat nach dem Saddhaq…. nach dem… Kampf.“

Trakra sah sie lange an, seine riesenhafte Hand um ihren Unterarm geschlossen. „Es gibt Männer, die nicht nach dem Warum fragen, wenn sie töten,“ sagte er schließlich, zum ersten Mal ohne diesen wütenden, grollenden Unterton in der Stimme. „Bis heute war ich sogar überzeugt, das sei bei den meisten Menschen so. Aber die Nordstämme sind wohl sanfter als die Löwen des Südens – oder zumindest die Jadeira sind es.

Verweichlicht und schwach. Fett geworden über den grünen Weiden und von den wahren Traditionen des Löwenschlags weit entfernt. Ha! Ein Kampf der leeren Hand. Welch eine Unverschämtheit. Ich werde sie euch alle zurück bringen.“

Anan versuchte, ihren Arm aus seiner Hand zu lösen, aber genauso gut hätte sie versuchen können, einen Berg fort zu schieben. In seinen Gedankengängen gefangen, schien der Kowa‘ von ihren Bemühungen noch nicht einmal sonderlich viel zu bemerken.

„Nein, Kowa‘, das seht Ihr falsch,“ erwiderte sie dann. „Moari forderte den Kampf der leeren Hand aus Respekt vor Eurer Stärke. Beim Tanz-Kampf geht es um Geschick und Wendigkeit, nicht nur um bloße Kraft. Mein Vater hoffte, Euch auf diesem Gebiet schlagen zu können, wenn schon nicht mit purer Gewalt.“

„Er hätte so oder so verloren,“ grollte Trakra. Die Wut in seiner Stimme war zurück gekehrt, und er starrte sie an. Anan schluckte unbehaglich. Die Leiche im Raum, auf der sich bereits die ersten Fliegen niederließen, trug auch nicht gerade zu ihrem Wohlbefinden bei.

„Aye, aber er hätte mit einigen guten Treffern sein Gesicht wahren und überleben können. Geschlagene Krieger können sich doch immer noch einer Dijadda oder einer Quedda anschließen.“

„Ihr lasst besiegte Gegner am Leben?“ Trakra sah nun wirklich wütend aus. Anan ruckte erneut an ihrem Arm, genauso sinnlos wie zuvor.

„Und wegen diesen verweichlichten Zerrbildern der Löwen-Tradition hat man mir meinen Sieg genommen und meinen Jagdbruder Vorek erstochen?“

Anan brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass Vorek wohl der Fremde war, dem Taita ihren Dolch in den Rücken gerammt hatte.

„Unsere Traditionen gehören uns, Kowa‘.“ wagte sie einzuwerfen und versuchte, ihn wieder daran zu erinnern, warum sie ihn hereingerufen hatte. „Die Stämme des Nordens haben sehr profitiert von den Quedda-Händlern und -Lehrern, und für die Dijaddas gibt es genug Jagdwild, auch wenn unter ihnen schon einmal geschlagene Krieger mitziehen.

„Und das Befreien der Seele eines Toten gehört genauso dazu. Bitte?“

Juli 14

10 Anan-Re / Jadeira

Es war Taitas eigenes, wie Anan blinzelnd erkannte. Viele der älteren, verdienten Stammesangehörigen der Jadeira hatten eigene Zelte, in die sie sich zurück ziehen konnten, wenn ihnen der Sinn danach stand. Es war eine Ehre, wenn jemandes Zelt von der Gemeinschaft aufgebaut wurde und er selbst keine Hand regen musste.

Diese Ehre stand nur wenigen zu, den älteren Beratern des Kowa‘ etwa – oder einer geliebten Frau.

Taita fauchte Anan an, kaum dass ihre Bewacher damit fertig waren, das Zelt grob zu durchsuchen.

„Kind, warum um alles in der Welt hast Du das getan?“

Anan stutzte. „Wieso? Du hast doch selbst gegen den neuen Kowa‘ gesprochen! Ich schäme mich nicht, die Wahrheit zu sagen!“

„Anan! Ich bin eine alte Frau. Mein geliebter Mann ist tot. Ich kann sagen, was ich will, weil ich mich ohnehin in mein zweites Faytwa stürzen werde, sobald ich es finde. Aber Du! Du bist noch jung und hast Dein ganzes Leben noch vor Dir. Du solltest den neuen Kowa‘ nicht verärgern!“

„Moari war mein Vater und Maror mein Großvater,“ antwortete Anan hitzig, „und was er getan hat, war eines Kowa‘ nicht würdig. Es war reiner Mord! Und für Mord gilt nto – das Gesetz der Blutrache!“

Taita sah Anan einen Moment lang an, dann wurde ihre Mine milder.

„So jung. Und so wütend. Du erinnerst mich an mich selbst, vor dreißig, fünfunddreißig Regenzeiten…
Dennoch, Anan – du magst Recht haben und die Wahrheit sagen – aber das heißt nicht, dass die dazu passende Gerechtigkeit vom Himmel fallen wird wie der jährliche Regen.

Der Kowa‘ ist das Gesetz – und der Kowa‘ ist jetzt Trakra. Du wirst für Deine Worte fürchterlich leiden müssen, fürchte ich.“

Anans Zorn verflog beinahe so schnell, wie er gekommen war. Heiße Tränen schossen ihr in die Augen. Sie wandte den Kopf ab und fauchte.

„Das ist mir egal,“ schniefte sie. „Ich habe Recht.“

Taita wandte sich kopfschüttelnd ab und kramte in ihren Sachen. Nach einer Weile reichte sie ihr eine Decke, die streng nach Kamel roch.

Dankbar nahm sie die Gabe an, wickelte sich hinein und rollte sich auf einem Teppich zusammen. Verborgen unter dem lohfarbenen Gewebe ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Es dauerte lange, bevor sie aus reiner Erschöpfung einschlief. Dann verfolgten die Bilder ihres um Luft ringenden Vaters sie in ihren unruhigen Träumen.

In ihrem eigenen Elend und einem stickigen Halbschlaf gefangen bemerkte sie kaum, dass Taita begonnen hatte, leise zu singen.

Sie sang sehr lange und sehr leise, und ihre Worte schienen eine Geschichte von vielen Regenzeiten zu erzählen, von Trauer und Schmerz und großem Glück und Geborgenheit, von der wilden Jagd und den warmen Abenden am großen Feuer….

Anan fuhr erst auf, als eine plötzliche Stille das Ende des Liedes anzeigte. Da war noch ein anderes Geräusch gewesen – ein leises Röcheln?

Anan strampelte sich aus der Decke und sah in das erschlaffte Gesicht von Taita, die direkt neben ihr auf dem Teppich lag.

Ihre Augen brachen gerade, denn sie hatte ihre Behauptung wahr gemacht und sich ihren Faytwa ins Herz gestoßen.

Das lange, leise Lied war wohl die Totenklage der alten Frau gewesen.

Anan rollte zurück von der Leiche, wie betäubt. Sie sollte… sie musste… sie wusste es nicht.

Juli 14

9 Anan-Re / Jadeira

Aber niemand konnte etwas tun. Moari erstickte qualvoll, die Hände um seinen Hals gepresst; seine Pranken trommelten auf den Boden, seine Augen traten ihm beinahe aus den Höhlen; sein Gesicht lief erst rot, dann blau an.

Es dauerte qualvoll lange Minuten, bevor es vorbei war.

Anan liefen die Tränen über das Gesicht, ohne dass sie es merkte. Sie versuchte verzweifelt, Moaris verkrampfte Hände von seinem Hals zu ziehen und seinen Kopf zu stützen. Anan rang selbst um Luft, während sie ihren Vater stützte, so, als habe Trakra nicht nur ihm, sondern gleichzeitig auch ihr denselben, tödlichen Schlag versetzt.

Moaris Kopf war in einem schmerzhaften Winkel nach hinten gebogen, die Zunge hing ihm weit aus dem Mund. Sand wehte über den mächtigen, hingestreckten Löwenkörper.

Und niemand rührte sich! Verdammt, warum schauten sie alle nur zu?

All ihre Träume und Vorstellungen von der Zukunft schienen in diesem Moment davon zu fliegen, zu zerrinnen wie warmer Wüstensand unter ihren Fingern.

Gleichzeitig weigerte sie sich, zu akzeptieren, dass ihr Vater starb. Es konnte, es durfte nicht sein! Moari war immer ein fester, verlässlicher Halt in ihrem Leben gewesen, und sie konnte und wollte nicht verstehen, dass er so einfach – mit einem einzigen Schlag – von ihr fortgerissen werden konnte.

In der lastenden Stille der allgemeinen, erschrockenen Betäubung klang Trakras Stimme ruhig und fest.

„Jetzt,“ sagte er.

Nur ein feuchtes Röcheln warnte die tränenblinde Anan, dass noch etwas passiert war.

Neben ihr schwemmte Blut in den Staub des Kampfplatzes. Auf Trakras Befehl hatten seine Jäger den Ratsältesten, den Beratern des toten Kowa‘ die Kehlen durchgeschnitten.

Alle sieben, der alte Tasma’a genauso wie ihr Großvater Maror, waren leblos in den Staub gesunken.

Anan fühlte keinen Schmerz mehr – nicht mehr jedenfalls als zuvor. Irgendwo in ihr war ein Feuer entfacht, das bereits bis zur äußersten Weißglut geschürt worden war. Mehr Glut – mehr Wut – war nicht möglich, mehr Schmerz konnte sie nicht empfinden.

Knurrend fletschte sie ihre Zähne und kauerte sich neben dem Leichnam ihres Vaters zum Sprung zusammen, während sie den kleinen, scharfen Faytwa in der Scheide lockerte.

Schnell wie der Wind zischte ihr Faytwa aus der Scheide, und sie sprang auf Trakra zu. Mit einem zornigen Brüllen warf sie sich auf ihn, wollte nur noch zerfleischen und töten, blindwütige Rache nehmen für ihren Vater.

Trakra stolperte überrascht zwei Schritte zurück – quer über seinen narbigen Brustkorb zog sich ein neuer, blutiger Striemen – doch ein, zwei andere Jadeira schnappten nach Anans Armen und bogen ihr den Dolch aus den Fingern.

Sie versuchten das weinende, schreiende Mädchen zu beruhigen, das vor dem blutigen, im Staub liegenden Messer und neben ihrem toten Vater zusammenbrach.

Der Saddhaq war nto-qui – von der Blutrache ausgenommen.

Trakra hob den Kopf und brüllte den Siegesruf, riss die Arme hoch, als erwarte er tatsächlich Jubel für seine Tat.

Nur seine eigenen Jagdgefährten brachen in Hochrufe aus und priesen seine Kraft, während sich in den Reihen der besiegten Jadeira Murren und Knurren ausbreitete.

Anan bemerkte einen Moment lang echtes Erstaunen auf dem Gesicht des neuen Kowa‘, bevor die übliche, harte und ausdruckslose Maske wieder an ihren Platz rückte.

„Der Kowa‘ der Jadeira ist tot,“ rief Trakra laut und voll tönend mit seiner tiefen, angenehmen Stimme.

„Der Kampf wurde gerecht und ehrenhaft geführt. Bestreitet das jemand?“ fragte er in die Runde. Seine dunkelbraune Haarmähne streifte hinter ihm her, als er nacheinander in die Gesichter in der Runde sah.

„Beim Kampf der Leeren Hand geht es nicht darum, schnell zu töten, sondern im Tanz zu zeigen, wie gut man es kann!“ rief jemand aus den hinteren Reihen. Anan glaubte, es sei Kimars Stimme gewesen. Sie nickte nur kraftlos, während sie sich mit einer müden Bewegung die Tränen abwischte.

Trakra legte den Kopf schief und schüttelte den Mähne.

„Ich habe es nicht nötig, zu tanzen und so zu tun, als ob. Ich kämpfe für das, was ich will – und ich bekomme es auch,“ tat er den Einwand ab.

„Ich bin der neue Kowa‘ der Jadeira. Bestreitet das jemand?“ fragte er erneut.

Viele Jadeira nickten zu diesen Worten, was Anan den Magen zusammenkrampfte.

„Warum habt ihr die Ratsältesten getötet, unehrenhafte Verbrecherbande?!“ rief eine weitere Stimme, die einer Frau.

Vermutlich war es Taita, Marors langjährige Gefährtin. Mit einem Hauch von Schuldbewusstsein wurde Anan klar, dass auch andere Jadeira Verluste erlitten hatten. Sie hatte Vater und Großvater verloren. Anderen hier war dasselbe geschehen, denn die Ratsältesten waren allesamt mehrfache Väter, Großväter, Onkel und Schwager.

Nun konnte selbst Anan die aufrichtige Verblüffung in Trakras Antwort hören. „Weil es das Recht der Dijadda ist, um die Ratsmitgliedschaft zu kämpfen. Wenn sich die Ältesten nicht vorsehen, während ein Fremder mit einem Faytwa neben ihm steht – wann dann?“

Anan begriff es, obwohl sie es nicht verstehen wollte. Offensichtlich waren die Bräuche im Süden, dort, wo Trakras Dijadda her kam, anders als im Norden. Den Tanz der Leeren Hand hatte er nicht gekannt. Und auch die freundschaftlichen, meist nicht tödlichen Zweikämpfe, die die Ratsältesten nach dem Kampf der Kowa‘ mit den fremden Herausforderern hier im Norden ausfochten, schienen ihm nicht bekannt zu sein.

Offensichtlich waren die Bräuche im Süden anders; härter – und das war das Verhängnis sowohl ihres Vaters als auch ihres Großvaters gewesen.

„Es wäre nicht nötig gewesen, sie zu töten,“ widersprach dieselbe Frau. „Sie hätten in einem freundlichen Wettkampf um das Vorrecht gekämpft, dem Rat anzugehören, und nur so ist es Brauch. Du verdrehst die ehrenvollen Regeln des Saddhaq!“

Aus der Richtung der näher kommenden Stimme ertönte ein stöhnender Schrei, und einer der Fremden sackte zusammen. Ja, es war die weißhaarige Taita, die ihren Dolch dem fremden Jäger in den Rücken gerammt hatte, denjenigen, der Maror getötet hatte. Sein Blut klebte noch an seinen Fingern, und er fiel in seinen eigenen Mörderdolch.

Trakra trat ein paar Schritte vor, fort von Anan, die noch immer festgehalten wurde, und hin zu Taita. Stumm sah er auf seinen sterbenden Jagdgefährten, dann wieder zu Taita, die jetzt unbewaffnet vor ihm stand. Die anderen Jadeira waren auseinander gewichen, so als wollten sie Taita als nächstes Opfer einer reißenden Bestie zuführen.

„Die unehrenhafte Verbrecherin bist Du,“ sagte Trakra ruhig und zeigte auf seinen sich windenden Jagdgefährten.

„Der Saddhaq ist nto-qui – oder ist auch dieser Brauch im Norden verweichlicht und vergessen worden?“

Taitas Augen wurden schmal, als sie die immer noch scharfen Reißzähne entblößte.

„Das war kein Kampf, kein Saddhaq, was Deine Jagdgefährten auf Deinen Befehl hier getan haben. Das war Mord!“

Trakra sah sich um. Die Jadeira waren näher gekommen, und in den meisten Gesichtern fand er wohl Zustimmung zu Taitas Rede, denn von einem solchen Brauch hatte man bei den Jadeira noch nie gehört.

„Als neuer Kowa‘ der Jadeira gebührt mir das Vorrecht, über diese Anklage zu entscheiden,“ sagte Trakra schließlich, langsam.

„Meine Berater und ich werden darüber in Ruhe befinden. Zunächst gilt unsere Pflicht der Bestattung der ehrenvoll im Kampf Gefallenen.“

Er wies auf die hingestreckten Leichen, auf denen sich bereits die ersten Fliegen niedergelassen hatten.

Anan wurde klar, was Trakra vor hatte. Wie bei einer geehrten Jagdbeute wollte er ihrem Vater die Innereien herausschneiden. Aber dieser Kampf war nicht ehrenvoll gewesen – egal, was dieser Fremdling behaupten mochte.

Sie entwand sich dem eher stützenden als haltenden Griff ihrer beiden Freundinnen mit einer schnellen Rückwärtsbewegung, die ihr auch den kleinen, gekrümmten Faytwa ihrer Freundin Temaran in die Hände spielte.

„Die Mörder beraten sich darüber, ob ihre Tat ein Mord war?“ keifte Taita weiter hinten. „Kann so wahre Gerechtigkeit aussehen?“

Ehe Trakra darauf anders reagieren konnte als mit einem unruhigen Zucken seines Schwanzes, war Anan im Schutz der vielen Pranken schon bis zu ihrem Vater gekrochen.

Dort setzte sie selbst mit unruhig zitternden Händen den nötigen Schritt.

„Geister, nehmt die Seele meines Vaters Jadeira Moari-Re, der ein aufrechter und ehrenwerter Kämpfer war.
Er starb tapfer und für die Ehre seines Stammes,“ flüsterte sie, während sie das noch warme Fleisch aufschnitt.

Schließlich merkte man doch, was sie da tat, und zog sie von ihrem Vater fort, ehe sie das große Herz entfernen konnte. Doch die rituellen Worte waren bereits gesprochen und der flüchtige Seelenwind aus dem toten Körper in die reine Wüstenluft entwichen. Trakra würde diese Ehre nicht mehr für sich selbst in Anspruch nehmen können. Nach den Traditionen des Löwenschlags konnte Trakra sich nun Moaris Tod nicht als seine eigene Tat anrechnen.

Er warf ihr einen wütenden Blick zu, während sie aufrecht zwischen denen stand, die sie hoch gerissen hatten, den Dolch noch in den Händen, die vom Blut ihres Vaters rot gefärbt waren.

„Mörder!“ schrie sie lautstark, um Taitas Forderung gegen Trakra zu unterstützen.

„Sperrt sie ein,“ befahl Trakra nun. „Diese hier und diese da auch.“

Er zeigte auf Taita und Anan.

„Die Mädchen gehen in das Frauenzelt,“ ordnete er dann an, „und alle Jungen kommen zu mir. Ich will sie mir ansehen.“

„Sofort!“ Die Worte endeten in einem Brüllen. Ganz offensichtlich hatte Trakra sich diesen Sieg anders vorgestellt.

Starke Arme griffen nach Anan und führten sie und Taita in ein kleines, mit weichen Teppichen ausgelegtes Zelt.

Juli 14

8 Anan-Re / Jadeira

Tatsächlich hatte sie sich nicht getäuscht; nach ein paar Minuten kamen Herausforderer und Verteidiger des Stammes zwischen den Zelten herausgetreten. Moari wartete geduldig, bis alle acht Fremden zwischen den Zelten herausgetreten waren.

„Alawe Trakra-re, Jäger aus dem Stamm Alawe, Sohn von Derelija. Wählst du die Waffe oder den Ort?“ fragte Moari der Tradition entsprechend.

„Den Ort,“ erwiderte Trakra sofort. Moari nickte und bedeutete den anderen Jadeira, zwischen den Zelten zu warten, damit Trakra sich umsehen konnte. Anan schüttelte den Kopf über diese großspurige Entscheidung. Trakra war hier fremd, also hatte er kaum einen Vorteil davon, eine bestimmte Stelle der Steppe für den Kampf auszuwählen – außer vielleicht dem winzigen Vorteil, dass er unehrenhafte Fallen, die ihm ein besonders verschlagener Stammesführer vielleicht stellen mochte, vermeiden konnte. Im wesentlichen bedeutete Trakras Wahl, dass er sich zutraute, Moari mit jederlei Waffe zu besiegen.

Trakra ging mehrere Meter weit ins Grasland hinein, prüfte dort eine sandige Stelle und hier einen herabgefallenen Ast und schnupperte am Wind. Schließlich rief er seine Begleiter und befahl ihnen, im Kreis um die Stelle Aufstellung zu nehmen, die er ausgewählt hatte.

Sofort drängten sich die Jadeira um die Fremden, um einen guten Platz zu erhaschen. Trakras Berater waren allesamt genauso narbenübersäht wie er selbst; das harte Leben als Jagdgruppe sah man ihnen an. Auch jetzt sah Anan, wie sie ohne weitere Absprachen agierten und den Kreis auf die vorgeschriebenen 50 Schritte Durchmesser erweiterten, was viele neugierige Jadeira, unter ihnen auch die sieben Ratsältesten, die sich neben die Fremden gestellt hatten, rückwärts stolpern ließ.

Trakra selbst lockerte seine Muskeln mit geübten Bewegungen und streckte seine Beine. Er war wirklich etwas größer als Moari, glaubte Anan. Sein Gesicht wirkte verschlossen, die dunklen Augen ruhig und wachsam. Über seinen Rücken und seine Brust spannten sich lange, dünne Narben – so als sei Trakra vor langer Zeit zerfleischt oder von allen Seiten ausgepeitscht worden. Das sandfarbene Löwenfell aber war dick und glänzend, und Trakras dunkelbraune Mähne war zu langen Zöpfen geflochten, die ihm der Wind nicht ins Gesicht wehen konnte. Er sah mit jedem Zoll wie ein waghalsiger, starker Jagdgruppenführer aus. Kein Wunder, dass seine Dijadda ihm blind vertraute.

Moari war damit beschäftigt, seine lange schwarze Mähne zu einem hastigen Pferdeschwanz zusammen zu fassen, damit er keinen Nachteil gegenüber Trakra hatte. Dann trat er vor und hob die Arme. Sofort jubelten ihm die Jadeira zu – allein diese moralische Unterstützung würde es dem Fremden schwer machen.

„Der Kowa‘ wählt die Waffe!“ rief er laut, was erneut Jubel hervorrief. „Und ich wähle – die Leere Hand!“

Anan runzelte die Stirn. Moari hatte den waffenlosen Kampf gewählt. Dies war unter den nördlichen Stämmen sehr beliebt, denn der traditionelle Saddhaq wurde dann mit einem Tanz-Kampf ausgetragen. Schon schlugen die ersten Jadeira die mitgebrachten Trommeln an.

Vermutlich schätzte Moari Trakras Stärke größer als seine eigene ein und hoffte so auf eine gute Chance, nicht Kraft, sondern Geschicklichkeit und Wendigkeit in den Vordergrund dieses Kampfes zu rücken. Doch Anan konnte an Trakras Gesicht sehen, dass ihm Moaris Wahl nicht gefiel. Offensichtlich verstand er sie keineswegs als das Zugeständnis, dass es war, sondern eher als Beleidigung, denn ein waffenloser Kampf war natürlich ungefährlicher und führte nicht so oft zum Tode einer der beiden Kämpfer.

Anan sah, wie er ein paar Mal mit den Pranken stampfte, um seine Wut los zu werden, die er nicht in Worte fassen durfte.

Die Jadeira dämpften ihre Stimmen, dennoch klangen die verbleibenden Unterhaltungen fröhlich und entspannt. Anan sah sich um. Tief in ihrem Innern schien sich ein harter, fester Klumpen Besorgnis einzunisten, der schwer wie ein Stein auf ihrem vollen Magen drückte. Dieser Mann war gefährlich, das spürte sie jetzt. Hoffentlich unterschätzte Moari ihn nicht.

Anan kam es vor, als sei das Fest ein schrecklicher Fehler gewesen, der die Jadeira satt und träge gemacht hatte – ausgerechnet jetzt, wo sie wachsam und kampfbereit sein sollten.

Langsam begannen die Trommeln den Kampfschlag, der immer schneller werden sollte. Moari machte allerlei Verrenkungen, die mit Gelächter quittiert wurden. Dann nahm er Kampfhaltung ein und begann mit den ersten, vorgetäuschten Schlägen und Tritten. Trakra starrte ihn wütend an, ohne sich zu rühren. Moari wirbelte herum, um einen Schlag gegen seine Nase zu führen, den er nur wenige Zentimeter vor Trakras Gesicht abstoppte. Doch Trakra wich nicht zurück – er hob beide Hände mit einer kurzen, ruckartigen Bewegung und führte genau einen Schlag: Gegen Moaris Kehle.

Es gab ein malmendes, ekelhaftes Geräusch, dann sackte der Kowa‘ der Jadeira röchelnd zu Boden. Trakra hatte ihm mit einem Griff den Kehlkopf zerquetscht.

Teilnahmslos sah der Fremde zu Anans Vater hinunter, der mit beiden Händen seine Kehle umfasst hatte und mit lautlosem Entsetzen nach Luft rang.

Die Trommeln verstummten; entsetzt starrten alle Jadeira auf ihren Anführer. Es waren lange, fassungslose Sekunden, in denen sich niemand regte – alle außer Anan, die zu ihrem Vater stürzte und seine Hand nehmen wollte.

„Helft ihm doch!“ schrie sie verzweifelt, „helft ihm!“

Juli 14

7 Anan-Re / Jadeira

Später, als Kimar und Anan aus dem Wäldchen herauskamen, sahen sie sich vorsichtig um. Eigentlich hatten sie getrennt zum Lager zurück schleichen wollen, doch sie schafften es nicht, sich zu trennen.
Immer wieder überfiel der eine den anderen mit einer wilden Attacke aus Küssen und Bissen – auf diese Art und Weise hatten sie gut die vierfache Zeit gebraucht, um überhaupt die halbe Strecke bis zum Lager zurückzulegen. Das seltsame Lied und die verrückte Forderung ihres Großvaters hatte Anan inzwischen so gut wie vergessen.
Doch auch die zwei Jungverliebten, blind für alles außer sich selbst, merkten beim Betreten des Lagers, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Es war still zwischen den Zelten, viel zu still.
Als dann ein lautes, fremdes Brüllen erklang – es gehörte zu keinem der Jadeira aus dem Lager, das wusste Anan sofort – war aller jugendlicher Leichtsinn verflogen. Gemeinsam, ohne sich auch nur einmal anzusehen, rannten Kimar und Anan zum großen Platz in der Lagermitte, wo das Kochfeuer brannte und das gestrige Fest gefeiert worden war.
Ausnahmslos alle Jadeira standen dort versammelt, Anan konnte nicht erkennen, was sie anstarrten.
Sie hörte eine fremde, dunkle Stimme, die eine wohl gerade begonnene Rede fortsetzte.
„…dann, wie es Tradition ist, fordern ich und die Meinen den Saddhaq. Ich bin Trakra Narbenhaut, vom Wurf von Derelija von den Alawe.“
Gemurmel und Geflüster setzte ein, und Anan setzte Pranken und Ellenbogen ein, um sich einen Platz zu erkämpfen, von dem aus sie wenigstens irgendetwas sehen konnte.
Schließlich hatte sie sich so weit durchgedrängelt, dass sie die Kehrseite des fremden Herausforderers sehen konnte.
Sie nickte anerkennend – er war groß, kräftig, und sein Rücken – das einzig erkennbare aus dieser schlechten Position – breit und gerade. Ein guter Gegner für ihren Vater Moari; als Kowa‘ der Jadeira war es seine Aufgabe, diese Vorrangstellung zu verteidigen. Anan spürte die Aufregung in der Menge; einen Saddhaq, den traditionellen Zweikampf um die Stammesführerschaft, sah man höchstens drei mal in zehn Jahren und meistens deutlich seltener.

Sie sah sich nach den anderen Herausforderern um, Trakra konnte nicht alleine gekommen sein. Sie machte sie schnell aus, denn sie hielten sich abseits von den neugierigen Jadeira zwischen den Zelten. Auch das eine schon lange bestehende Tradition: Der Saddhaq musste vom Anführer einer Jagdgruppe gefordert werden. Falls er tatsächlich gewann, würden seine Begleiter mit den Stammesältesten um die Ehre kämpfen, Ratgeber des neuen Kowa‘ zu sein.

Anan zählte sieben Fremde zwischen den Zelten, also waren es mit Trakra insgesamt acht Herausforderer. Eine gute Zahl, vermutlich eine seit längerem eingespielte Jagdgruppe. Anan kannte den Stamm Alawe, den Trakra als seine Herkunft angegeben hatte, nicht, doch seine dunkle Haut und die zusammengewürfelten Begleiter ließen sie vermuten, dass die Alawe ein weit entfernter, südlicher Stamm waren und Trakra einen weiten Weg bis zu den Jadeira hinter sich gebracht hatte. Bei allen Stämmen vom Löwenschlag war es Tradition, dass die jungen Männer, die ihr fünfzehntes Lebensjahr überschritten hatten, ihren Stamm verließen. Sie wanderten allein umher, schlossen sich anderen einzelnen Jägern an und bildeten eine Dijadda, eine feste Jagdgruppe, in der sie auch ihren Rang untereinander festlegten.

Wenn solch eine Dijadda meinte, dass sie dazu stark genug sei und ihr Anführer sich einen guten Namen mit seinem Jagdgeschick gemacht hatte, suchte sie eine lagernde Stammesgemeinschaft auf und forderte den Saddhaq, um sie zu übernehmen. Die Kämpfe waren eine stete Herausforderung für den Kowa‘, den Anführer solch einer Gemeinschaft, und sorgten dafür, dass er stark und wachsam blieb. Außerdem waren sie eine willkommene Unterhaltung für die Frauen und Kinder des Stammes.

Natürlich gab es auch Jagdgruppen, die keine Gemeinschaft übernehmen wollten oder konnten. Oft setzten sie sich aus schwächeren oder älteren Männern zusammen oder auch aus Stammesführern, die ihre Gemeinschaft bei einem Saddhaq verloren hatten und die zu alt waren, um erneut zu kämpfen. Diese Jagdgruppen wurden Queddas genannt und waren in den Lagerzelten aller Löwen hochwillkommen, denn sie sorgten für den Handels-, Wissens- und Warenaustausch zwischen den einzelnen Stämmen.

Kimar, Anan sah es schon vor sich, würde natürlich Kowa‘ einer Jagdgruppe werden, sich einen guten Namen machen und dann ihren Vater Moari in einem freundschaftlichen Saddhaq ablösen. Trakra, so stark er auch sein mochte, sah sie nicht als reale Bedrohung für die Stellung ihres Vaters an. Moari war ein erfahrener, schneller Kämpfer und ein sehr guter Jäger. Er würde Trakra besiegen, so wie die anderen Herausforderer in den zwei Saddhaqs zuvor, die Anan in ihrem Leben bisher zu sehen bekommen hatte.

Dennoch – erst ein Fest und dann noch ein Saddhaq! Anan meinte, die Stimmung der Menge wie die Strömung des Windes über den Dünen beinahe sehen zu können. Soviel Unterhaltung hatte es seit Jahren nicht gegeben; viele freuten sich auf noch einen Tag Nichtstuerei und das unvermeidlich folgende zweite Fest.

Anan boxte sich, rückwärtsgehend, wieder aus der Menge heraus – der Saddhaq würde aus Platzgründen nicht auf dem Lagerplatz stattfinden, sondern vor den Zelten im offenen Jagdland. Wer zuerst zwischen den Zelten herauskam, hatte die beste Chance auf einen guten Sichtplatz.
Sie brauchte nicht zuerst noch Moaris traditionelle Erwiderung auf Trakras Herausforderung zu hören, denn ablehnen konnte er sie so oder so nicht. Dennoch blieben die meisten Jadeira stehen und warteten auf die Rede ihres Kowa‘; Anan dagegen suchte sich schon einmal einen guten Platz im offenen Grasland.

Juli 13

6 Anan-Re / Jadeira

Es dauerte gar nicht lange, da weckte Moaris wütendes Brüllen auch diejenigen Jadeira, die in den Nachbarzelten schliefen. Wer schon wach und nicht mehr betrunken genug war, versammelte sich nach und nach vor dem Ratszelt, die Ohren neugierig gespitzt.

Während auf diese Art und Weise bald schon die ersten Gerüchte umliefen, trabte Anan zwischen den Zelten hinaus in Richtung des Palmenwäldchens.

Die Wut war ihr in die Glieder gefahren, sie wollte rennen und kämpfen. Gleichzeitig hatte sie halb den Gedanken, Kimar zu wecken und sich bei ihm gründlich über diese Prophezeiung und ihren offensichtlich verrückten Großvater zu beschweren.

So kam es, dass keiner von den Jadeira bemerkte, was sich ihrer Zeltstadt näherte – bis es bereits zu spät war.

Tatsächlich schlief Kimar noch, als Anan das Palmenwäldchen wutschnaubend wieder betrat – aber natürlich nicht mehr lange. Anans aufgebrachtes Gebrüll und ihr wütendes Fauchen bedeuteten für jedes schwächere Wesen in weitem Umkreis tödliche Gefahr, so dass es entlang ihres Weges raschelte und zischelte, als sich alles in Sicherheit zu bringen versuchte.

Mit dem untrüglichen Instinkt des geborenen Jägers erwachte Kimar von dem Geräusch der Fliehenden, rieb sich die Augen und blinzelte sich gerade noch rechtzeitig den Schlaf aus den Augen, bevor eine äußerst ungehaltene Anan auf ihn zugestürzt kam.

Zufrieden musterte er das geschmeidige Spiel ihrer Muskeln unter dem kurzen sandfarbenen Fell und die dunkel glänzende, feste Haut ihrer Brüste – seine Gespielin in dieser vergangenen Nacht hatte wirklich seine ganze Aufmerksamkeit verdient.

Doch warum war ihr Gesicht so düster? Hatte sie die Nacht nicht genauso genossen wie er? Hastig sah er sich nach ihrem Vater oder den Ältesten um, die ihr vielleicht auf dem Fuße folgten.

Doch es war niemand anders zu sehen; ringsumher schützte sie beide das flirrende Palmendickicht vor der erwachenden Sonne und jeder anderen unerwünschten Aufmerksamkeit.

Es dauerte eine Weile, bis er seiner Geliebten eine klare Antwort und eine Erklärung entlockt hatte, die er auch verstehen konnte. Dann begann er das einzig sinnvolle – Anan vorsichtig zu beruhigen; auch wenn es ihm wie der Versuch schien, einen Sandsturm daran hindern zu wollen, über die Zelte hinwegzufegen.

Schließlich zeigten seine ruhigen Worte und zärtlichen Berührungen die gewünschte Wirkung. Er würde mit ihr fort gehen, wenn es wirklich nötig werden sollte, versprach er ihr; natürlich würde er mit den Ältesten und mit Kowa‘ Moari sprechen und ebenfalls darlegen, dass solch eine unsinnige alte Prophezeiung unmöglich auf Anan zutreffen konnte und es überhaupt keinen handfesten Grund gab, sie fort zu schicken, noch dazu womöglich allein.

Er könnte sich vorstellen, dass Anans Großvater gestern Abend ein wenig zu viel gefeiert habe, behauptete er, und auch, dass er vielleicht mit dem Kopf im Sand geschlafen und ihm ein Käfer mit dieser komischen Idee durchs Ohr hindurch gekrochen sei. Dies entlockte Anan zumindest ein schiefes Grinsen.

Auch seine Streicheleien zeigten eine Wirkung – jedoch nicht so sehr bei ihr, sondern viel eher bei ihm selbst. Vorsichtig, um die reißende Bestie in Anans Innern nicht erneut zu wecken, begannen seine Finger, die weiche, empfindliche Übergangszone zwischen dunkler Haut und hellem Fell zu liebkosen, wanderten dann über ihren Rippenbogen empor, vermieden – es war noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür, leider – die wunderschönen Brüste und fanden schließlich die Schultern und den leuchtenden Hals, in den er so gerne hinein gebissen hatte. Auf Vorsicht bedacht, zog er sie näher, bis er ihr einen flüsterzarten Kuss geben konnte, in ihren großen, braunen Augen lesen konnte.

Er würde sie beschützen, versprach er ihr, und wenn es nötig sei, würde er nicht selbst als Krieger ausziehen, um sich einen Namen zu machen, sondern erst bei Kowa‘ Moari um ihre Hand anhalten und sich später ihren Brautpreis verdienen, irgendwie. Kimar war sich nicht so sicher, ob er damit nicht log – Moari würde ebenso wenig wie jeder andere Vater einen mittellosen Schwiegersohn mit Freuden begrüßen, und er war noch dazu der Kowa‘ der Jadeira – aber allein ihr wohliges Schnurren bei dieser Schmeichelei brachte ihn schon halb um den Verstand. Natürlich würde er sich irgendwie einen Namen machen müssen; aber Anans Erzählung hatte so unglaubwürdig geklungen, dass er sicher irgendeinen Ausweg für sie beide finden konnte, der es ihm erlaubte, dieses halbherzige Versprechen auszuhebeln. Niemand schickte eine gute Jägerin fort wegen eines uralten Liedes. Niemand, der noch bei klarem Verstand war, konnte eine Frau fortschicken, die so lockende Rundungen hatte wie Anan, ihre Hüfte so geschmeidig kreisen lassen konnte und solch einen wundervollen Hals hatte wie der, in den er gerade biss…

Erneut raschelten die alten, grauen Palmwedel rings um das Lager von Kimar und Anan, aufgescheucht von ihren rhythmischen Bewegungen. Soweit es diese beiden betraf, hätte im Moment auch eine ganze Elefantenherde direkt an ihrem Versteck vorbeiziehen können – sie hätten es nicht gehört.

Juli 13

5 Anan-Re / Jadeira

Es dämmerte gerade erst, als Anan zurück zu den Zelten kam. Kimar schlief noch zwischen den raschelnden Palmenblättern, und Anan hatte sich am Wasserloch der Oase gewaschen und frisch gemacht, bevor die Sonne so hoch stand, dass der Schweiß ihre Bemühungen gleich wieder fortwusch.

Nun war sie auf der Suche nach einem kräftigen Frühstück – vielleicht war noch ein wenig Fleisch von ihrer Beute übrig? Als sie sich umsah, entdeckte sie Großvater Maror, der sich direkt an der großen Feuerstelle des gestrigen Festes niedergelegt hatte.

Sein Gesicht war vor ihr verborgen, doch er lag lang hingestreckt vor der letzten Glut und lag direkt im Weg zu den letzten Fleischbrocken, die noch an den Knochen über der Feuerstelle hingen.

Leise, um ihn nicht zu wecken, schlich sie sich näher. Doch plötzlich sah Maror auf und lächelte sie an. Vielleicht war sie zu laut gewesen? Unmöglich. Er musste schon wach und nur am Nachdenken gewesen sein.

„Anan-Re. Genau Dich wollte ich sprechen. Bitte, leg Dich zu mir.“ Während Maror sich aufrichtete, um ihr Platz zu machen, kauerte sich Anan auf ihre vier Pfoten vor den Ältesten. Er war nicht größer als sie, bemerkte sie zufrieden.

„Ich… habe dieses Gespräch ein wenig hinausgezogen. Heute jedoch duldet es keinen Aufschub mehr. Anan-Re, Deine Jagd war die Beste in diesem Jahr, das weißt Du sicher selbst.“

Anan nickte stolz; sie wusste es.

„Nun gibt es einen Spruch, der einst von Karaty-der-Weisen getan wurde. Hör mir zu.“

Anan spitzte die Ohren, und Maror begann, mit leiser Stimme zu singen. Es war eine seltsame, eingängige Melodie, die zu hüpfen schien wie Wüstenmäuse auf einer heißen Sanddüne.

Der Eine kommt:
das Juwel, das niemand erringen kann
glitzert nicht nur in der Schwärze,
sondern auch in der Helle.
Der beste Jäger, der mit den hellen Augen
muss seinen Speer nehmen
und ihm nachfolgen,
dorthin, wo er selbst das Wild ist.
Er allein muss jagen, muss finden
was die Welt bedroht,
lernen, selbst Beute zu sein.
Seine Jagdbeute ist
aus kleinen Teilen gemacht
und wird ihm den Weg zeigen
zum großen Opfer.
Flammen und Feuerhitze
soll er bringen
zu dem, der seiner Hilfe bedarf.
Die Eine kommt:
Habt Wacht
und schickt den Jäger
mit den hellen Augen.

Anan hatte Maror aufmerksam zugehört, wurde aber aus den Worten, die in der springenden Melodie gefangen waren, nicht recht schlau. „Sing es noch einmal, Yanta-ulu,“ bat sie Maror, „es klingt hübsch.“

Ihr Großvater schüttelte traurig den Kopf. „Es ist kein Lied, das seiner Schönheit wegen gesungen wird, Enkeltochter. Die Seherin hinterließ diese Worte vor vielen Generationen. Sie wurden unter den Ältesten vererbt; wir alle versuchen seit jeher, hinter ihre Bedeutung zu kommen. Ich.. wir alle glauben, dass der neue Stern das Juwel ist, das niemand erringen kann.“

Maror nickte kurz zu dem im Morgenlicht seltsam hell erscheinenden Stern hinüber, der im Norden stand. Er war vor beinahe sechs Monaten erschienen und hatte alle Jagden des Sejtenq-Wurfes gesehen. Die Antilope, die Anan alleine erlegt hatte, war das größte Beutetier der neuen Stammesjäger gewesen. Auch Kimar hatte eine Antilope erlegt, ein kleines Jungtier allerdings, an das er sich in vielen geduldigen Stunden angeschlichen hatte. Anans Jagd dagegen war so reibungslos und schnell gegangen, das die Wahl des Sterns eindeutig schien. Maror seufzte.

„Und… und das heißt?“ fragte Anan misstrauisch.

„Das wissen wir nicht, Anan-Re. Soweit wir den Spruch bis jetzt enträtseln können, sollst Du nach Norden ziehen, in Richtung des Neuen Sterns, und etwas finden, das unsere Welt retten kann. Was das jedoch sein könnte – du hast selbst gehört, dass der Spruch nur sagte, es sei aus vielen kleinen Teilen gemacht. Vielleicht bist Du die einzige, die dieses Ding finden kann.“

Maror seufzte erneut. Es war sehr schwer, die eigene Enkeltochter von den heimatlichen Zelten fort zu schicken, doch er war überzeugt, dass es auf irgendeine Art und Weise nötig war.

„Aber…!“ Anan schüttelte wild den Kopf. „Niemals!“ rief sie. „Ich gehöre hier her! Und unsere Welt ist überhaupt nicht in Gefahr! Wodurch denn?“

Maror schien ein wenig kleiner zu werden, das Gesicht älter und müder. Die buschigen weißen Augenbrauen zogen sich zusammen, als er zu Anan aufsah. „Ich weiß es nicht, Enkeltochter. Wüsste ich es, hätte ich mich wohl kaum so lange mit Grübeleien abgegeben.“ Eine seiner Pranken deutete auf die schwelende Glut und den immer noch sehr appetitlich duftenden Fleischrest auf dem Spieß über dem Feuer.

Anan stapfte vor Wut mit der Pranke auf. „So ein Unsinn!“ ereiferte sie sich. „Das lässt Moari niemals zu! Und ich werde ihn bestimmt nicht davon überzeugen, seine Meinung zu ändern. So ein… so ein… Unsinn!“

Anan hielt es nicht am Feuer. Aufgebracht trabte sie davon, die langen sandfarbenen Haare mit den bunten Perlen darin hinter sich herschleudernd. Maror sah ihr nach – er hatte gefürchtet, dass dieses Gespräch derartig ablaufen würde. Aber irgendwo musste er anfangen. Er seufzte ein drittes Mal und wandte sich dann um, um ins große Ratszelt zu gehen, wo Moari schlief. Leise weckte er ihn, um mit ihm ein ganz ähnlich aussichtsloses Gespräch mit demselben Inhalt zu führen.

Juli 13

4 Anan-Re / Jadeira

Kimar legte den Kopf schief, so dass seine langen Zöpfe halb über sein hübsches Gesicht fielen. Nach einer zögernden Pause, die Anan beinahe so lange vorkam wie eine ganze Jagdzeit, sprach er leise mit ihr. „Anan-re… du weißt, dass du die Letzte des Sejtenq-Wurfs bist, die ihre Große Jagd gehalten hat. Sicherlich werden sie morgen oder übermorgen, nach dem Fest, die neuen Jäger fort schicken, denn der Frühlingsmond ist voll. Ich… werde gehen müssen. Ich will gehen und mir einen Namen machen.“

Anan nickte. Kimar war ein ausgebildeter Jäger wie sie selbst. Doch während die Frauen bei denen blieben, die sie geboren hatten, mussten alle jungen Männer den Stamm verlassen und sich ein eigenes Gebiet und einen eigenen Namen erobern. Auch darum hatte sie gehofft, schon eher mit Kimar sprechen zu können, bevor er fort gehen musste. „Wirst du… wirst Du wiederkommen und Moari zum Kampf fordern, wenn Du stark genug bist, Kimar-re?“ fragte sie. Sie wollte, dass Kimar ja sagte, auch wenn es bedeuten würde, dass er ihren Vater von den Jadeira vertreiben musste. Besser er als irgendjemand anders, sagte sie sich.

Einige Herzschläge später nickte Kimar. „Ich werde kommen, Anan-re,“ versprach er feierlich, dann zog ein Grinsen seine weichen Lippen auseinander. Schnell sah er sich nach allen Seiten um. Die Sterne leuchteten hell über dem kurzen Steppengras und dem Palmenwäldchen im Osten, die Grillen zirpten und die Jadeira sangen beim großen Feuer. Hier, etwas abseits zwischen den schwarzen Zelten, herrschte nur die Dunkelheit der tiefen Nacht. Ein lauer Wind raschelte in den Dattelwedeln und brachte Anans unbekleideter Brust und Rücken angenehme Kühle. Sie spürte, wie ihre Brustwarzen sich aufstellten, als Erregung, wie kurz vor einer guten Jagd, sie durchflutete. Sie wusste, was Kimar vorschlagen wollte, ohne dass er die Worte dazu machen musste.

„Komm,“ sagte sie rau und fasste nach Kimars Hand. Er ließ sich nicht lange ziehen; gemeinsam rannten sie zu dem Palmenwäldchen hinüber, als gelte es, eine Beute zu schlagen. Wenn Kimar sowieso wiederkommen und die Jadeira für sich erobern würde, konnte Anan ihn doch auch jetzt schon für sich haben, im voraus sozusagen. Während sie im Dunkel der knisternden alten Palmblätter spielerisch mit einander rangen und einander fauchend die Arme festhielten und sich abwechselnd küssten oder bissen, sah Anan ihr weiteres Leben schon ganz genau vor sich; Kimar als einer der Stammesführer und sie mit seinem Sohn an seiner Seite…

Schließlich, als er sie niedergerungen hatte und seine Zähne in ihren Hals grub, schloss sie die Augen und ließ sich von den schönen Bildern fort ziehen, die seine Berührungen ihr boten. Im voraus, natürlich.

Juli 13

3 Anan-Re / Jadeira

Als seien sie durch den Gesang und die Freudenschreie der Frauen hervorgelockt worden, traten nun auch die Männer ans große Feuer. Die allermeisten waren ebenfalls fein gemacht, die muskulösen Oberkörper mit glänzendem Öl bestrichen, die langen braunen Mähnenhaare in kunstvolle Zöpfe geflochten und die gelbbraunen Felle ordentlich gebürstet und ausgekämmt.

Alle Jadeira trugen soviel Schmuck, wie sie sich leisten konnten, und die traditionellen Faytwa, kleine, gekrümmte Jagddolche, an fein verzierten Riemen an ihrer Hüfte. Die grünen und gelben Augenpaare glommen im Schein des Feuers auf und erloschen wieder, wenn das Licht sich in den geschlitzten Katzenaugen der Jadeira spiegelte.

Der Gesang der Frauen wurde leiser, erwartungsvoller, und schließlich trat Maror, der Älteste der Jadeira und Anans Großvater, in die Mitte der Dorfgemeinschaft. Er legte den Kopf in den Nacken und stieß ein mächtiges, donnerndes Brüllen aus, das allen Jadeira Jubel entlockte. Moari, sein jüngerer Sohn, hielt sich dicht neben ihm und sah stolz zu seiner Tochter herüber.

„Meine Tochter ist heute Abend Anan-re, Jägerin der Jadeira!“ rief Moari dann mit strahlender Mine. Er breitete die Arme aus. „Esst von ihrer Jagdbeute, trinkt von meinem Wein. Heute Abend soll mein Besitz der eure sein, denn heute feiere ich Anan-re, erste und einzige Tochter von Shinan der Schönen.“

Es gelang Moari trotz der Erwähnung seiner verstorbenen Frau, keine Trauer in seiner Mine zu zeigen. Nur Anan, die ihren Vater gut genug kannte, hörte die leisen Echos seiner Trauer in seiner Stimme mitschwingen. Sie selbst hatte sich geschworen, nicht mehr zu trauern, darum senkte sie den Blick und ballte die Fäuste, bis sie fühlte, dass kein Blut mehr in ihre Hände floss. Es lenkte sie von diesen Gedanken ab, bis die Freude über ihren Erfolg wieder die Oberhand über ihre Gefühle hatte und die Tränen, die sich unbedingt in ihren Augen hatten sammeln wollen, verschwunden waren.

Du bist jetzt fünfzehn, sagte sie sich, eine erwachsene Frau und eine Jägerin der Jadeira. Du weinst nicht mehr wegen einer verlorenen Mutter wie ein kleines Kind, verstanden? Es half. Als sie wieder aufsah, fingen gerade die Frauen wieder mit dem Gesang an, ein jubelnder, stampfender Rhythmus und eine fröhliche Melodie, die hin und wieder in reines Lachen überging. Anan hob den Kopf und brüllte, so laut sie es vermochte, und die anderen Jadeira antworteten ihr mit Freuden.

Anan hatte das Gefühl, ihr Lärm müsse in den großen Nachthimmel hinaufsteigen und die Sterne selbst wecken, so laut war es.

Sie tanzte. Heute Nacht tanzte sie, um zu feiern und um zu trauern. Sie tanzte, um alles zu vergessen und sich an alles zu erinnern, und sie lachte und trank den süßen Jagdwein mit dem Antilopenblut und aß von dem warmen Fleisch und sprang über das funkenstiebende Feuer aus reinem Übermut – und irgendwann, spät in der Nacht, stand sie vor Kimar.

Er hatte seine schwarzen Haare zu langen Zöpfen geflochten, die ihm bis auf das Rückenfell fielen. Seine Augen waren grün, die geschlitzten Pupillen in der Dunkelheit weit geöffnet. Er griff nach Anan, die gerade um ihr Gleichgewicht rang. Ihre vier Tatzen schienen ihr die Mitarbeit zu verwehren und sie nicht mehr tragen zu wollen. Der Wein, der verdammte Wein…

Einen Moment lang hielt er ihre Hand fest und sah sie an. Anan versuchte zu lächeln, war sich jedoch mehr als klar darüber, dass die schwarze Kahjo-Kohle um ihre Augen schon lange verwischt war und vermutlich hässliche Ränder auf ihren Wangen bildete und sie geronnenes Blut und Weinspritzer an den Mundwinkeln und auf der Brust kleben hatte. Halb erwartete sie, dass er sich abwenden würde, doch zu ihrem Erstaunen senkte er kurz den Kopf. „Anan-re,“ sagte er leise, beinahe respektvoll.

Stolz wallte in Anan auf. Anerkennung, das war in ihren Augen das höchste Gut, süß wie Honig und berauschend wie Wein. Bevor sie sich ihre eigene Angst eingestehen konnte, trat sie einen weiteren Schritt auf Kimar zu, so dass Haut an Haut rieb, schlang ihre Arme um ihn und küsste ihn leidenschaftlich. Sie merkte, wie er sich versteifte, zurückziehen wollte – und dann nachgab und ihren Kuss erwiderte.

Hitze flutete durch Anans Körper, als ihr aufging, dass Kimar sie nicht abweisen würde. Ihre Gedanken rasten, wollten einen Plan machen, das weitere Vorgehen zurechtlegen – doch sie konnten die Barriere aus purer Leidenschaft, die sich in ihrem Kopf gebildet hatte, nicht überwinden. Hätte Kimar sie nicht festgehalten, wäre sie wohl zu Boden gesunken. Er lachte, als sich ihre Lippen lösten.

„Du machst nicht viele Worte, hm?“ fragte er, den Kopf schräg gelegt. Anan schluckte einmal, zweimal – sie hatte tatsächlich für einen Moment die Sprache verloren. Darüber mussten sie beide wieder lachen.

„Ich.. ich… würde die Schuld daran gerne dem Wein geben,“ sagte Anan schließlich, als sie es wieder konnte, „aber das wäre nicht ganz wahr.“

Juli 13

2 Anan-Re / Jadeira

Anans Freundinnen begrüßten sie mit Johlen und Freuden-pfiffen und -schreien, als sie den Vorhang des schwarzen Zeltes zurückschlug und mit ihren Waffen eintrat.

„Anan-re! Anan-re!“ skandierten sie und geleiteten sie zur teppichbedeckten Zeltmitte, wo auf einem Brocken glühender Kohle duftendes Räucherwerk verbrannt wurde.

Zu sechst, und noch ohne große Worte zu machen, fielen die Freundinnen Anan in die Arme – der gemeinsame Ansturm warf sie fast von den Tatzen.

Singend, lachend und hin und wieder den Kampfschrei der Jadeira ausstoßend entkleideten sie die Freundinnen, striegelten ihr Fell, wuschen ihren staubbedeckten Oberkörper und kämmten und flochten ihr die Haare neu. Duftende Öle wurden gebracht, leuchtend bunte Perlen in die Zöpfe gewebt.

Zuletzt malte Miran ihr mit Kahjo-Kohle die schwarzen Jäger-Augen auf die geschlossenen Lider. Anan kam sich so schön vor wie noch nie und platzte beinahe vor Stolz.

Nicht sehr viele Mädchen wollten Jägerinnen werden – keine ihrer Freundinnen hatte die Große Jagd abgehalten, denn die Jadeira waren sehr erfolgreiche Viehzüchter und die Frauen hatten es darum kaum noch nötig, zu jagen – aber Anan fand es nur umso schöner, dass sie alle sich dennoch so sehr mit mir freuten.

Anan hatte schon immer den Wunsch gehabt, Jägerin zu werden, fühlte sie sich doch erst dann ganz und frei, wenn sie sich an eine nichts ahnende Beute heranpirschte. Nein, dieses Gefühl war wahrhaftig von nichts in der Welt zu übertreffen.

„Du siehst wunderschön aus!“ freute sich Ainwe, als sie die nun schwarz umrandeten Augen wieder öffnen durfte. „Bittest Du nun Kimar zum Tanz?“ Alle fingen an zu kichern, und Anan wurde rot.

Bis die Sonne endgültig hinter den Sandsteinhügeln im Westen untergegangen war, feierte Anan mit ihren Freundinnen. Dann, als die Tageshitze endlich nachgelassen hatte und die Räucherkohle ihre Sinne schon herumwirbeln ließ wie der heiße Wüstenwind den losen Sand, öffneten sie die Zeltwand und tanzten hinaus zum großen Feuer in der Mitte des Lagers.

Der neue Stern, den die Ältesten den Seelenfänger nannten, stand beinahe so hell am Himmel wie der volle Mond, der sich allerdings erst gerade eben im Osten hinter den Dattelpalmen emporschwang und dem dämmernden Himmel einen schönen, türkisen Ton verlieh.

Die Grillen begannen in der kühleren Abendluft gerade ihr endloses Konzert, Anan und ihre Freundinnen sangen den großen Jagdgesang mit all den Strophen, die sie kannten, und über dem Feuer briet Anans Jagdbeute als Festschmaus für alle Jadeira. Anan hatte das Gefühl, bald vor Glück platzen zu müssen.

Juli 12

1 Anan-Re / Jadeira

Anan sah nicht auf, obwohl sie wusste, dass die Stammes-Ältesten sie umringten. Mit geübten Griffen nahm sie das erlegte Tier aus und zog es ab. Wie man es sie gelehrt hatte, bot sie die Eingeweide der erlegten Antilope den Windgeistern dar und vergrub sie anschließend unter ein paar Händen voll Sand. Erst dann sah sie auf, und ihre Zufriedenheit war ihrer Mine deutlich anzumerken.
Dies war ihre Große Jagd, und sie hatte sie zur vollsten Zufriedenheit Aller vollendet.
Die Dorfältesten nickten wohlwollend; viel zu sagen blieb ihnen nicht. Nur Tasma’a räusperte sich.
„Denke stets daran, Anan, eine Jägerin allein mag zwar mutig und stark sein, doch ihre wahre Stärke zeigt sich erst im Rudel.“
Anan lächelte herablassend. Sicher.
„Ich werde stets daran denken, weiser Ältester,“ erwiderte sie dennoch respektvoll. Es war kein guter Zeitpunkt, für so eine kleine Zurechtweisung die Rudelordnung in Frage zu stellen. Sie erhob sich und streckte alle vier Tatzen, überprüfte den Sitz ihres Jagdspeeres und des Bogens und säuberte ihr Messer im Sand.
„Darf ich gehen?“ fragte sie schließlich, weil sich die Ältesten noch immer ansahen und wortlos etwas zu besprechen schienen.
„Aye, natürlich, Anan-re,“ sagte Maror, ihr Großvater, mit einem Schmunzeln, das sein wettergegerbtes, zerfurchtes Gesicht in tausend Falten zog.
„Feiere ruhig mit Deinen Freundinnen. Und lass Dir sagen, dass wir schon lange keine so gute Jagd wie Deine gesehen haben. Deine Fähigkeiten sind für Dein Alter weit fortgeschritten.“
Anan glühte vor Stolz über das Lob und die neue, respektvolle Anrede als
Stammesjägerin.
Mit der traditionellen Shawa‘, dem respektvollem Gruß, entfernte sie sich und trabte auf das Frauenzelt zu, das unter den fünfzehn Zelten des Lagers für ihren scharfen Blick bereits von hier auszumachen war.
Die Luft flirrte in der Hitze des langen Tages, als die Ältesten ihr nach sahen. Maror seufzte.
„Es war die beste Jagd seit langem, in der Tat,“ sagte er leise. „Wenn wir der
Prophezeiung Glauben wollen, ist sie die Auserwählte.“

Tasma’a schnaufte. „Wir dachten, einer der Erstgeborenen…„ fing er an, „…einer der Männer…“
„Aye, aber was wir dachten, zählt nicht,“ unterbrach ihn Maror traurig, „ nur das, was geschrieben steht, zählt.“
Die anderen schüttelten die Köpfe oder murmelten sorgenvolle Kommentare.
„Mein Sohn wird sehr aufgebracht sein, wenn ich es ihm sage,“ fuhr Maror fort, „also werden wir damit warten, bis ihr Fest vorüber ist. Wenn Euch das recht ist?“ Er sah die anderen fragend an, seine Mine bat um ihre Zustimmung.
Die Jagdmeister nickten.
„Gut. Danke.“ erwiderte Maror. „Dann lasst uns die Jagdbeute heimbringen.“
Alle packten mit an, und so wurde das kräftige Tier schnell zum Lager und dem wartenden Feuer hinübergebracht. Ein ums andere Mal sah Maror zu dem blassen Stern hinauf, der seit einiger Zeit tags wie auch nachts am Himmel zu sehen war.

Das Himmelszeichen. Das Juwel, das niemand erringen kann.

Die Zeit war ganz unzweifelhaft die Richtige. Und es waren nur eine Handvoll Kinder gewesen dieses Jahr, die ihre Große Jagd gehalten hatten. Die Wahl des Himmels schien eindeutig, dennoch bedrückte es Marors altes Herz, das es ausgerechnet seine Enkeltochter sein musste, das einzig überlebende Kind seines Sohnes Moari und der schönen Shinan, die nun schon ein halbes Jahr im Sande lag.
Es würde Moaris mühsam aufrecht erhaltene Selbstbeherrschung vielleicht vollkommen zertrümmern, wenn er diese Nachricht erfuhr. Dennoch, das Wüstenvolk der Jadeira vom Löwenschlag stellte Tapferkeit und Mut über alle anderen Tugenden.
Maror konnte vor seiner Aufgabe, seinen Sohn und seine Enkeltochter in die alten Prophezeiungen einzuweihen, genauso wenig davon laufen wie Anan davor, sie zu erfüllen – oder ihre Erfüllung zumindest zu versuchen.
Trotzdem, diesen einen Abend Aufschub, während Anan-res Fest, sollte ihm das Schicksal noch gewähren.