August 5

25 Jori Gid’eron / Ada

Er sah zu den Hütten der Falkensippe hinüber und erschrak erneut, als er feststellte, was das böse Ding mit seinen gedrehten Blitzen anrichtete. Mit krachendem Donner schlugen sie in die Wände der Hütten ein, zersiebten Behausungen und Menschen gleichermaßen. Die Schreie der Sterbenden konnte Jori über den ohrenbetäubenden Lärm des Dings hinweg nicht hören. Er sah eine Frau, die, ihr Kind auf dem Arm, vom Drehblitz zerfetzt wurde und als blutige, sich windende Masse zu Boden ging. Er sah, wie das Dach eines Hauses einstürzte, weil alle Pfosten durchsiebt worden waren, und unter den Trümmern eine bittend ausgestreckte Hand zum Vorschein kam.

Er sah, wie der Blitz ein bereits blutverschmiertes, heulendes Kleinkind tötete, in dem er seinen Kopf explodieren ließ. Ebenso erging es einem Krieger, halbwüchsig noch fast, der es immerhin geschafft hatte, einen Speer in die Hand zu nehmen, bevor auch er vom Blitz getroffen wurde und zu den anderen Toten fiel.

Jori selbst hätte vielleicht Grauen empfunden – aber der Albae, durch dessen Augen er sah, fühlte nichts als Befriedigung.

Seine Aufgabe war erfüllt, seine Rache genommen.

Diese sterbenden Menschen waren Räuber, Diebe und Mörder und würden auch ihre Kinder zu nichts anderem erziehen. Sie mussten ausgelöscht werden, allesamt.

Jori spürte den in sich selbst aufsteigenden Ekel wie eine große, dunkle Woge auf den Albae zu kommen, der immer noch frohlockte.

Ja, für diese heldenhafte, wundervolle Tat war es richtig gewesen, das böse silberne Ding zu nehmen, auch wenn die wummernden, hämmernden Stöße der Dreh-Blitz-Maschine in Kürze die leichten, schwachen Vogelknochen der vier Albae-Träger zerstören würden. Keiner der vier hatte eine Rückkehr eingeplant, und auch die Maschine – Jori wußte nun, dass es eine Maschine war, wenn auch nicht, woher – war nur für eine einzige Verwendung gebaut worden.

Noch während die Dunkelheit seiner wahren Gefühle um Jori herum heraufzog, hörte und fühlte er das scharfe Knacken seiner falschen, brechenden Rippen und den Aufschrei einer seiner Albae-Gefährten, dessen rechtes Schultergelenk nun in einem unnatürlichen Winkel nach unten hing. Bald würde, bald musste doch diese ekelhafte Vision vorbei sein…

Als der Junge am Feuer einfach umfiel, trat Pakaa’ke zwischen den Bäumen hervor.

Er sah sich an, woran der junge Panther gearbeitet hatte- offensichtlich ein Speer mit steinerner Spitze.

Er musste sich gut auskennen n der Wahl der richtigen Rohmaterialien – die Spitze war scharf behauen und nicht so groß, dass sie brechen oder die Gewichtsverteilung des Speeres zu stark beeinflussen konnte. Auch der Schaft war sorgfältig ausgewählt und nicht zu lang, so dass man damit sowohl werfen als auch stechen konnte.

Auf dem Feuer kochten, in einer intelligent angelegten Konstruktion, Birkenspähne, um den schwarzen Teerkleber herzustellen, der die beiden Werkstoffe zusammen mit einigen Sehnen und Fasern halten würde.

Man konnte nicht behaupten, dass der junge Panther dumm wäre – nur kannte sein Volk offensichtlich kein Metall und auch keine Maschinen. Und es glaubte an die Existenz von Baumgeistern in den tiefen Wäldern… und hatte diese offensichtlich noch niemals zuvor verlassen.

Pakaa’ke schüttelte den Kopf und zog Jori aus der unmittelbaren Gefahrenzone am Feuer. Würde der Junge dort liegenbleiben, hätte er in zwei, drei Stunden spätestens schlimme Verbrennungen, und wenn er sich, gefangen in seiner Vision, auch noch bewegte, konnte er gut sein, dass er mitten im Feuer lag und gar nicht mehr aufwachen würde.

Pakaa’ke konnte sich leichtere Tode vorstellen. Der Junge war schwer, aber er schaffte es, ihn in Sicherheit zu hieven.

Er legte ihm eine Decke um und wartete geduldig – ganz so, wie der Auftrag der Vogelältesten gelautet hatte.

Sie hatte geahnt, dass Jori der furchtbaren Macht der träumenden Quelle von Lebanis auch auf diese Entfernung nicht entgehen würde.

Pakaa’ke war fast ein wenig neidisch auf Jori. Kaum einer der jüngeren Vogelleute vermochte, den tiefschürfenden Gedanken und verwickelten Vorahnungen der Ältesten, Urrikka-tikka, irgendwie zu folgen. Aber Jori eiferte ihr nach, träumte ihre Träume und erlebte ihre Sorgen, teilte ihre Gedanken, ganz sicher.

Wäre Pakaa’ke an seiner Stelle gewesen, hätte er seine Fähigkeiten benutzt, um die Älteste zu schützen, wie es seine Aufgabe war in allen Dingen – aber was die Traumwelt anging, vermochte er es nicht, vermochte es keiner der anderen Albae.

Urrikka-tikka war die letzte Seherin der Albae, denn Lebanis war zerstört und verlassen. Niemand konnte mehr von der träumenden Quelle als Traumhüter gewählt werden.

Pakaa’ke bedauerte dies. Aber Lebanis war zerstört und verlassen, und sein Volk – genauso wie die anderen Vogelvölker – war bei weitem nicht mehr zahlreich genug, um – wie einstmals – die Welt zu umfliegen und zu beherrschen.

Es ist die Zeit der Vierbeiner, dachte Pakaa’ke. Die Zeit der Erdgebundenen ist mit diesem letzten Krieg angebrochen , und wir sind nur noch selten gesehene Schatten an fernen Himmeln….

August 5

24 Jori Gid’eron / Ada

In dem rasenden, fallenden Dunkel gefangen, wusste er, dass er in einem Traum war. Seine Gefühle und Instinkte waren wieder einmal weit fort; es war, als ob Jori nur noch aus Augen bestand, die zu sehen hatten, was die Quelle mitteilte.

Jori fiel. Jori flog. Jori schwebte. Er wusste nicht genau, was von alledem – vielleicht auch etwas dazwischen. Er wusste nur, dass es dunkel war, nicht warm und nicht kalt – als hätte er alle seine Sinne dort oben auf der Erde zurückgelassen. Dann sah das Auge. Es war ein Tunnel aus Licht, gelbes, grünes – an den äußeren Enden leicht zugespitzt und in der Mitte mit einer katzenartig geschlitzten, lichtlos schwarzen Pupille. Ein riesenhaftes Auge mitten im Nichts. Jori wurde das Gefühl nicht los, es sei eine Sie, die da starrte, obwohl außer dieser einen riesenhaften Iris rein gar nichts in der Schwärze zu erkennen war. Sie starrte ihn an, wie er fiel. Oder schwebte. Tief, tief hinab, so tief, dass er das Gefühl hatte, schon wieder zu steigen, hinauf zu fliegen auf dieses riesige Auge zu. Er hätte schreien können vor eisig-kaltem Entsetzen, vor der Angst, auf oder in diesem riesenhaften und rätselhaften Gebilde auf zu prallen oder zerquetscht zu werden – aber er hatte keinen Mund. Er hatte auch keine Ohren, mit denen er seinen eigenen Schrei hätte hören können. Er war nur noch Geist, nur noch ein winziges Fünkchen Sein, und bevor er am meisten Angst hatte, war das dieses riesenhaft strahlende Gebilde sein glühwürmchenschwaches Leuchten überstrahlen und auslöschen würde, ohne davon auch nur Notiz zu nehmen.

Das Auge füllte seine gesamte Wahrnehmung, kam näher und näher und Jori verschwand in der lichtlosen Schwärze der rätselhaften Katzenpupille, groß wie die Welt. Dann kehrten seine Sinne wieder. Hören – das Geräusch des Windes, der durch seine Haare strich. Fühlen – die Luft, die an ihm vorbei strömte, während er weiter und weiter aufwärts flog. Sehen – einen mächtigen Sonnenaufgang, der eine große schneeige Bergkette im Süden beleuchtete, deren majestätisch graue Gipfel sich weit über die dampfigen Wälder erhoben, in denen der Nebel hing. Wunderschön – und keineswegs real. Zumindest nicht für Jori, denn irgendwie wusste der Ada- Junge, dass er neben seinem Feuer am fernen Ende des Sees lag und träumte.

Er hatte sogar einige Momente lang das Gefühl, er könnte sich von dieser Vision lösen, sein Bewusstsein in seinen Körper zurückzwingen, wenn er es wirklich wollte.

Er spürte, er war nicht allein am Feuer. Jemand war da und achtete auf ihn. Aber auch in seiner Vision war er nicht mehr allein. Er flog im Verbund mit drei anderen Albae, die weißen Federn über den heller werdenden Himmel gebreitet.

Und sie alle vier zusammen trugen etwas, ein silbrig glänzendes Ding das… böse war. Jori konnte es nicht anders beschreiben, er wusste nicht welchen Zweck dieses Ding erfüllte und konnte sich auch nicht vorstellen, wie eine Pflanze oder ein Tier aussehen musste, das dieses Ding hervorgebracht haben könnte. Ein wenig glänzte es wie sein Zunje, das er seltsamerweise wieder um den Hals trug. Aber dieses Ding war groß, sehr groß und schwer und… verschachtelt, verzweigt und verworren.

Es war schwierig in Formationen zu fliegen, aber seine drei Begleiter und er hatten das tage- und wochenlang geübt, wusste er plötzlich.

Jetzt konnte es nicht mehr allzu weit sein bis zu dem Bergdorf der Falkensippe, ja, da wurde es deutlich sichtbar an dem schroffen Berghang, den sie anflogen.

Es waren anders gebaute Häuser als die mit den goldenen Dächern der Stadt am See, Lebanis. Die Gebäude waren eher kuppelförmig, bunt bemalt und mit vielen Ein- und Ausgängen in allen Himmelsrichtungen versehen. Die meisten waren aus Lehm und Holz geformt worden und sahen so aus, als würden sie nur das allernötigsten an Regen und Schnee abhalten können.

Viele Falkenleute flogen und gingen ein und aus, braune Flügel und braune Gesichter, viele mit harten, strengen Zügen und zu Zöpfen geflochtenen schwarzen Haaren. Jori konnte Singen hören und ein Klopfen und Klingen wie von einem Schmiedehammer, Ratteln und Rütteln und Lachen und fröhliche Gespräche. Inzwischen empfand er das Ding, das sie zu viert trugen, als eine schwere Last, die viel leichter zu heben gewesen wäre, wenn sie nicht so nah an den schroffen Felsen entlang fliegen müssten, gerade unterhalb der Sichtlinie des Dorfes.

Einer der anderen gab das vereinbarte Signal, und Jori und seine Gefährten mussten sich noch mehr anstrengen, um das böse Ding im Gleichgewicht zu halten, während der vierte sich an dem Gerät zu schaffen machte. Es begann, zu klicken und zu klacken, als sei es jetzt aufgewacht. Ein großes, rundes teil begann sich zu drehen und wurde von selbst immer schneller und schneller. Der vierte Mann legte sich wieder ins Geschirr, und wie sie es geübt hatten, tauchten sie genau in dem Moment über der Klippe auf, als das böse Ding anfing, mit fürchterlichen Stößen Donner und blitze aus sich heraus zu schießen.

Jori sah sich angsterfüllt um – das konnte doch auf keinen Fall richtig sein, was das Ding da machte? Aber auf den Gesichtern seiner Gefährten entdeckte er nichts als Befriedigung.

August 5

23 Jori Gid’eron / Ada

Die Albae nickten ebenfalls. Nun war es beschlossen – aber so viele Fragen waren noch offen! Wenn Jori doch nur mehr wüsste…!

Er grübelte noch lange über diese Entscheidung, während die Sonne hinter dem Wald versank und es empfindlich kalt wurde. Dichter, zäher Nebel zog aus dem Wald herauf und ließ alles außerhalb der Reichweite ihres kleinen Feuers in Ungewissheit versinken.

Er wusste nicht genug über die Welt außerhalb des Waldes, über diese Leute, über die Zunje – nichts über gar nichts wusste er! Wie konnte er da die richtige Entscheidung treffen? Wie konnte er überhaupt eine Entscheidung treffen, egal, ob falsch oder richtig? Konnte er diesen Leuten, diesen Fremden, wirklich vertrauen? Es kam Jori so vor, als lägen hunderte von Wegen vor ihm, hunderte Möglichkeiten, diesen grasigen Hügel zu verlassen.

Eine sinnvolle Entscheidung war ihm nicht möglich. Jedes Ja, jedes Nein und sogar jedes Vielleicht würden Konsequenzen haben, die er von hier aus nicht absehen konnte, egal wie weit er sich empor reckte und seine Augen anstrengte, um in die Ferne hinter die Hügel zu schauen.

Das macht mich frei, begriff Jori plötzlich. Wenn jede Entscheidung etwas gleichermaßen Unbekanntes bedeuten kann – dann ist es wahrhaftig gleich, welche Entscheidung ich treffe. Das Gute, das Schlechte – es kommt sowieso aus dem Nebel hervor. Vielleicht auf andere Art, vielleicht früher oder später – aber es kommt sowieso, so, wie der Weg eben verläuft. Ich kann nur das tun, was ich für das Beste halte – und nichts sonst. Und warten, bis der Nebel wieder fort geht.

Mit diesem Gedanken und einem blassen, fernen Stern über sich schlief Jori erneut, tief und traumlos, und war noch im Schlaf dankbar dafür, dass er diesmal keine Bilder sah und ihn die Träumende Quelle nicht erneut rief.

Am nächsten Tag gab er Urrika-tikka sein Zunje. Auf ihr Anraten hin lief er zum See hinunter, bis auf die andere Seite hinüber zum Waldrand, denn sie sagte, wenn sie mit dem Zunje die Kräfte der Träumenden Quelle riefe, dann könnte es sehr wohl sein, dass Jori von ihr ebenfalls gerufen werde. Wenn er also den Tag nicht in unfreiwilligen Träumen verbringen wollte, musste er Abstand halten.

Das war für Jori eher Freude als Pflicht, denn er wollte gern seine Ausrüstung wieder vervollständigen. Also würde er einen neuen Speer machen.

Er sammelte Holz und machte ein eigenes kleines Feuer im nassen Wald, in der Nähe der Stelle, wo der mächtige Moth-Fluss aus dem namenlosen See entsprang. Jori bewunderte das kleine Bächlein, dass er hier nur war, für eine ganze Weile. Er reist durch das ganze Land, überlegte sich Jori, und wird dabei größer und größer, mächtiger und mächtiger. Bis eine Kehre im Flussbett ein unüberwindliches Hindernis wird und ein Hochwasser viele Tageslängen Wald überspülen kann. Wieviele Dinge mag es wohl geben, die auf ihrer Reise durchs Leben so mächtig werden? Und weiß dieser kleine Bach, was er einmal sein wird?

Es dauerte eine ganze Weile, bis Jori einen geraden Ast gefunden hatte, der ihm für seine Zwecke geeignet erschien. Er war etwas länger als sein Arm, ein guter Spieß, den man auch wie einen Speer zum Werfen gebrauchen konnte. Vorsichtig brachte er ihn mit seinem Steinmesser in Form und trennte die Spitze auf. Es war einfach, einen passenden Feuerstein für die Spitze zu finden, denn in dem grasigen Hügelland bildeten sie einen Teil des natürlichen Bodens, so dass Jori gar nicht tief graben oder weit laufen musste.

Jori wusste, dass es oft auch Zunderstein dort gab, wo Feuerstein war, und suchte erfolglos eine Weile danach. Der goldfarbene, glitzernde Stein ließ sich nicht finden, so dass Joris Zunderstein in seiner Tasche alleine blieb.

Danach machte er sich daran, den Feuerstein geduldig in Form zu schlagen; er sollte die Spitze des Speeres werden, und Jori wusste, dass dies den größten Teil des heutigen Tages in Anspruch nehmen würde. Immerhin fand sich schnell ein flacher Stein im Bach, auf dem er den Feuerstein gut schleifen konnte. Alle paar Minuten musste er eine Pause machen und seine Hände am Feuer wärmen, weil sie in dem eiskalten Wasser zu schmerzen begannen.

Gerade saß er wieder einmal am Feuer, als es ihn wie ein schwarzer Blitz erwischte : Seine Welt wurde dunkel, versank in plötzlicher Schwärze, und das kleine Feuer schrumpfte zu einem hellen Fünkchen zusammen, das immer kleiner wurde, während er mit verwirrender Schnelle nach hinten gerissen wurde. Er fuhr seine Krallen aus, peitschte wild mit dem Schwanz, fauchte und knurrte – und konnte doch rein gar nichts tun, denn sein Körper, das wurde ihm mit einem Mal klar, lag noch immer an dem Feuer im Matsch, und es war nur sein Geist, der durch die Schwärze raste. Ohne Anhaltspunkte durch die Dunkelheit zu rasen bescherte ihm dennoch das sichere Gefühl, dass er auf die Träumende Quelle zu flog, über den See und dann bergauf, zwischen den zerfallenen Ruinen von Lebanis hindurch. Tatsächlich lichtete sich das Dunkel allmählich, so als ginge die Sonne noch einmal auf an diesem Tag, und zeigte Jori gerade genug, um zu erkennen, dass er genau über dem hohen Turm, der über der Quelle erbaut war, in leerer Luft stand und dann wie ein Stein nach unten zu stürzen begann. Schreiend und wild um sich schlagend fiel Jori durch massiven Stein hindurch, an der hell erleuchteten Haupthalle vorbei und die steinerne Treppe hinunter. Doch auch das schwarze Wasser der Quelle war kein Halt für ihn, und er konnte an der letzten trockenen Stufe Urrikka-tikka knien sehen, die sein Zunje in der Hand hielt und erschrocken aussah. Es schien ein wenig zu leuchten, doch das konnte Jori nicht mehr genau erkennen, bevor das Wasser über ihm zusammenschlug und ihm erneut die Sicht nahm.

August 5

22 Jori Gid’eron / Ada

„Aylin-Jäger, wir wollen keinen Ersatz für unseren Schaden. Wir haben gerne geholfen. Um ehrlich zu sein, waren Deine Träume uns bereits eine große Hilfe, jedenfalls das, was Du davon in Deinem Schlaf erzählt hast. Eigentlich sind wir her gekommen, damit ich die Träumende Quelle selbst befragen kann. Ich war bereit, für eine Antwort des Wassers mein Leben zu geben. Doch stattdessen hat die Quelle mir Dich gegeben. Daher denke ich, dass Du die Antwort bist, die wir brauchen.

Doch die anderen sehen es noch nicht so. Ich werde die Wasser trotz aller Zeichen daher erneut befragen. In dieser Zeit solltest Du Dich besser fern halten, damit Du nicht wieder in solch einen langen, dunklen Traum versinkst.

Danach werden wir weiter ziehen, nach Terrandan. Wir hoffen, dort eines der Zunje zu finden, eines der alten Zeichen. Du trägst eines um den Hals.“

Die Älteste deutete auf den silbernen Anhänger, den Jori wieder umgehängt hatte.

„Es ist uns ein großes Rätsel, woher Du es hast, Aylin. Hat es je mit Dir gesprochen?“

Jori fasste aus einem Reflex heraus nach dem warmen Stück Metall.

„Es hat niemals mit mir gesprochen, Älteste. Es… man hat mir erzählt, es hätte am Anfang viel Streit verursacht, weil niemand solch ein glänzendes Ding hatte. Es lag mit mir in meinem Körbchen, sagte man mir.

Sie sagten, es sei ein Zauberding, weil es warm oder kalt sein kann und immer gleich glänzt. Ich habe es nie für gefährlich gehalten… meistens habe ich es als Fischköder verwendet.“

Urrikka-tikka stutzte bei diesen Worten einen Moment, dann fing sie an, lauthals zu lachen. Als sie Joris Worte mit einem Schnaufen übersetzt hatte, lachten auch die anderen los.

„Ein Zunje als Fischköder… nun, die Welt ist wahrlich groß und vielfältig,“ schnaufte die Vogelälteste, als sie sich ein wenig beruhigt hatte.

„Du sagst also, Dein Volk kennt kein Metall? Nichts, was so ist wie die Zunje? Und jagt mit Steinmessern und Speeren?“

Jori nickte. Wie denn auch sonst?

„Sage mir, habt ihr auch Bögen und Blasrohre benutzt?“

Jori nickte wieder, einigermaßen verblüfft. Worauf wollte die Älteste hinaus?

„Erzähle mir von den Göttern Deines Volkes, Aylin. Ihr folgt doch den Göttern, oder?“

Jori überlegte einen Moment. Das Wort hatte für ihn nicht viel Bedeutung.

Vorsichtig, den Blick auf die Albae gerichtet, schüttelte er den Kopf.

„Mein Volk folgt den Großen Geistern, Älteste. Ihre Gesichter sind in die höchsten Bäume geschnitzt und schützen das Alte Herz des Waldes, in dem wir wohnen. Die Bäume sind sehr hoch, beinahe so hoch wie der Großvaterbaum.“

Jori machte sich lang, um seine Erzählung zu verdeutlichen.

„Sie umgeben und schützen uns. Beziehungsweise – die Ada, mich nicht mehr.“

„Und wie sind ihre Namen, Aylin?“ fragte Urrika-tikka sanft. Sie sah ihn an, und die dunkel umrandeten Augen, die ihm sonst so starr und gefühllos erschienen waren, drückten allem Anschein nach echte Anteilnahme aus.

„Nun… da sind Woda und Wuda, Dona und Pichta, Sunna und Mani… Daana und Eod und Ortei und Ortu…“

„Und Mavros und Maya?“ – „Mabo und Mara… heissen sie…“

Jori war einigermaßen verwundert. Warum fragte Urrikka-tikka all diese Dinge? Vor allem, wenn sie die Namen der Großen Geister doch scheinbar zumindest zum Teil schon wusste?

Die Vogelälteste nickte zufrieden und übersetzte den anderen wieder ihre Worte. Daran schien sich eine längere Diskussion anzuschließen, die sie aber schließlich mit einer Handbewegung beendete.

Lächelnd wandte sie sich Jori wieder zu. „Du hast mir etwas bestätigt, über das die Albae schon lange rätseln, Aylin-Jäger,“ sagte sie.

„Nun… ich muss die Quelle befragen. Danach werde ich eine Weile nicht in der Lage sein, zu fliegen – vielleicht nicht einmal mehr, zu gehen.“ Urrika-tikka schüttelte die Federn ihrer Flügel auf und sah kurz zu Boden. Jori durchdrang die kurze, schmerzhafte Erkenntnis, das diese Befragung für die Älteste sehr strapaziös sein würde, und dass es auch durchaus möglich sein konnte, dass sie gar nicht mehr davon zurück kehrte. Er senkte anteilnehmend den Kopf.

Dann ist niemand mehr da, der mich versteht…. wisperte eine kleine, egoistische Stimme in seinem Hinterkopf.

„Dennoch werden wir weiter nach Süden ziehen, nach Terrandan. Es muss sein, denn wir brauchen alle Zunje, die noch existieren. Ich habe – mein Volk hat zwei Bitten an Dich, Aylin-Jäger. Wenn Du möchtest, sieh sie als Begleichung Deiner Schulden bei uns an.“

Urrika-tikka lächelte, aber Jori machte sich steif. So betrachtet, konnte er keine ihrer Bitten ablehnen.

„Die erste ist: Bitte leih mir Dein Zunje für die Befragung der Quelle. Es wird vieles leichter machen und meinen Weg weniger schwer. Du bekommst es danach selbstverständlich zurück.“

Jori nickte wortlos – das war doch selbstverständlich. Immerhin hätte Urrikka-tikka das Zunje auch einfach behalten können, sie hatte es ja schon in ihrer Tasche gehabt, und Jori hätte nie erfahren können, dass die Albae das Zeichen von seinem Hals genommen hatten.

„Und die zweite ist: Wenn ich zurück kehre, werde ich, wie gesagt, vermutlich sehr schwach sein. Wir haben schon lange darüber nachgedacht, wie wir die weitere Reise am Besten bewerkstelligen, aber uns ist keine bessere Idee gekommen, als hier geduldig abzuwarten, bis ich meine Flügel wieder nutzen kann. Mit Dir aber haben wir eine andere Möglichkeit erhalten, denn Du bist stark.

Wenn meine Krieger Dir einen Schlitten bauen, wirst Du mich tragen und ziehen?“

Jori schluckte. Dann würde er, zumindest eine ganze Weile lang, mit den Albae ziehen können. War das nicht genau das, was er wollte?

Auf einmal war er sich nicht mehr so sicher. Die Albae waren so fremdartig! Er hatte keine Ahnung, was der Zweck dieser Reise sein mochte, und Urrikka-tikkas Fragen nach den Geistern und dem Zeichen an seinem Hals hatten keineswegs dazu beigetragen, ihn zu beruhigen.

„Wie lange werden wir unterwegs sein?“ fragte Jori.

„Nun…,“ Urrikka-tikka überlegte. „Vermutlich einen ganzen Mond lang.“ Die Vogelälteste sah ihn an.

Ein Mondwechsel – das war nicht allzu lange. Es war allerdings lange genug, um den Schnee schmelzen zu lassen, der nächste Mondwechsel müsste schon der Frühlingswechsel sein. Und es war in etwa dieselbe Zeit, die Jori hilflos in der Pflege dieser Leute verbracht hatte.

Jori nickte erneut. Es war eine würdige Begleichung seiner Schuld; diese Zeit stand ihnen im mindesten zu. „Ich werde mit euch gehen,“ stimmte er zu.

August 5

21 Jori Gid’eron / Ada

Die Stille stand einige Minuten lang zwischen ihnen, weniger eine Barriere der Sprache als der vielen Dinge, die gesagt und besprochen werden mussten.

Jori wusste nicht genau, wo er anfangen sollte, und vermutete, dass es den Albae und ihrer Ältesten ganz ähnlich ging.

Schließlich durchbrach ausgerechnet Zu!qaxa die Stille, indem sie ein klapperndes Geräusch von sich gab. Jori riet es mehr am Duft als an der zugehörigen Geste – das Essen war fertig.

Eine Weile lang aßen sie schweigend, eine geräuschvolle, hastige Stille, in der zumindest Jori versuchte, mannhaft gegen seinen Bärenhunger anzukämpfen. Er hätte den wohlschmeckenden Brei ganz allein aufessen können, und von dem Fisch stopfte er sich hungrig große Stücke in den Mund.

Auch nachdem die Albae scheinbar gesättigt von ihren kleinen Portionen abließen schmatzte, schlürfte und kaute Jori hungrig, bis Trrajkja etwas bemerkte, das die anderen lachen ließ. Es ließ sich problemlos auch ohne Kenntnis der komplizierten Vogelsprache verstehen: Ganz offensichtlich fand sie das Loch in Joris Magen viel zu groß.

Jori wurde rot und sah zu Boden, konnte aber immer noch nicht aufhören zu essen. Es war, als sei sein Magen gerade eben erst aus dem monatelangen Schlaf erwacht.

Urrikka-tikka breitete die Hände weit aus, und das Lachen verstummte.

„Jäger der Ada, wir haben Dir unsere Namen gesagt. Wir haben viel zu besprechen. Wie sollen wir Dich nennen?“ fragte sie in Joris eigener Sprache.

Jori überlegte. Noch immer war er überzeugt, dass die Albae etwas Magisches an sich hatten, etwas, das trotz ihrer schwächlichen Statur mächtiger war als seine Wildheit und Körperkraft. Er würde vorsichtig bleiben und ihnen seinen wahren Namen nicht verraten. Zumal, wie ihm nachgerade einfiel, der Stamm ihm mit seiner Verbannung auch seinen Namen genommen hatte und er ihn eigentlich nicht mehr führen durfte. Damit konnte ihn eigentlich jeder verfluchen und verwünschen, denn der Schutz durch seinen wahren Namen war aufgehoben.

Trotzdem fühlte Jori sich immer noch wie Jori. Jetzt, wo sein Magen voll mit Fisch und Brei war, wunderte er sich darüber. Hätte er sich nicht.. nun.. tot fühlen müssen, mehr wie ein Geist? Stattdessen fühlte er sich satt und zufrieden, eigentlich rundherum gesund und wohl.

Aber ich war fast tot in diesem Winter…

„Ich bin Aylin von den Ada, dem Jaguarschlag,“ stellte er sich schließlich vor und dachte dabei an Ayle. Die männliche Form ihres Namens hatte er sich nun zum Pseudonym gewählt. Da niemand bei den Ada, niemand den er kannte, diesen Namen trug, konnte man schwerlich einem anderen damit etwas antun.

Urrikka-tikka übersetzte seine Worte für die anderen und nickte ihm ermutigend zu. Jori wusste nicht genau, was er nun sagen sollte.

„Weil mein Fell schwarz ist, hat man mich von den Ada verstoßen. Ich habe ihnen Unglück gebracht und schlechtes Wetter, Schnee und den Tod meines…. unseres Heilers, der nun bei den Großvaterbäumen weilt.“

Jori wollte es hinter sich bringen. Vielleicht würden sich die Albae von einem so gefährlichen Unglücksbringer abwenden wollen, aber er konnte nicht immer so tun, als sei er nur einfach so halb verhungert in die Ruinenstadt Lebanis gestolpert.

Statt Erschrecken und Vorsicht jedoch waren die Ausrufe der Albae nach der Übersetzung der Ältesten – soweit er sie deuten konnte – eher von Mitleid und Unverständnis geprägt. Aber Jori sah nicht hin – er hatte den Kopf gesenkt und erzählte weiter.

„Ich bin… habe keine Mutter. Man fand mich als Baby in einem Körbchen, das den großen Moth-Fluss hinuntertrieb. Der Stamm nahm mich auf und zog mich groß, doch woher ich kam, konnte man nie herausfinden. Daher glaubte man schnell, dass ich mit bösen Geistern im Bunde sei, als der Schnee kam.“

Jori schluckte. Wenn es so war, dann war es ihm nicht bewusst. Er hatte keinen Handel mit den Geistern abgeschlossen, hatte nicht um den Tod oder den strengen Winter gebeten, kein Opfer für die ruhelosen Toten dargebracht oder am falschen Ort Blut vergossen. Er wusste einfach nicht, wann und in welcher Weise er sich falsch verhalten hatte. Er wusste nur, dass er gründlich bestraft worden war, und dass er es nicht wieder gut machen konnte. Für die Ada war er tot, verloren. Für immer.

Erst jetzt, nachdem all die Gefahren und die bittere Kälte überstanden waren, kam ihm diese Erkenntnis überdeutlich zu Bewusstsein. Er konnte nicht mehr zurück. Und auch bei diesen Leuten zu bleiben, konnte ein Fehler sein. Wenn er wirklich solch ein Unglücksbringer war, dann hatte er bei den Albae nichts verloren.

Mutlos schüttelte er den Kopf.

„Ich kann jagen und fischen, wenn… wenn der Schnee geht. Ich werde euren Schaden für meine Fürsorge… und Fütterung… ersetzen und dann meinen Weg suchen. Schließlich müsst ihr weiter, nicht wahr?“

Urrika-tikka und die anderen sprachen einen Moment lang mit einander. Dann erhob die Älteste ihre Stimme.

August 1

20 Jori Gid’eron / Ada

!Xirruku nickte erneut und ging davon, um den anderen Krieger zu holen. Der wortkarge Pakaa’ke schnalzte nur unwillig mit der Zunge, doch dann machten sich die beiden Albae daran, Jori aus dem Wasser zu ziehen und den Hügel hinauf bis zum Feuer zu schleifen.

Obwohl sie zu stolz waren, um es einzugestehen, waren sie sehr froh, als Trrajkja und Zu!xaqa ihnen schließlich zu Hilfe kamen. Nur zu viert konnten sie den schweren Pantherkörper gut bewegen; Jori selbst war so halt- und hilflos wie ein Stein, gefangen in einem neuen Traum.

Als Jori erwachte, dachte er zunächst, er sei schon wieder gefesselt.

Nach wenigen Sekunden jedoch stellte er fest, dass er in zwei weiche Decken eingewickelt war und in der Nähe des niedrig brennenden Feuers lag.

Jori streckte wohlig alle Glieder und ließ die Augen noch für einen Moment geschlossen. Er wusste nicht mehr, wann er das letzte Mal so ausgeruht, vollkommen und rundherum so wohlig warm gewesen war, und er dachte für sich, dass dies wohl die allergrößte Annehmlichkeit auf der ganzen Welt sein mochte – so zu erwachen.

Er hörte die Stimmen der Vogelleute am Feuer. Ob er wohl die Sprache dieses Schlages lernen könnte? Immerhin hatte Urrikka-tikka ja auch die seine gelernt.

Er versuchte, mit geschlossenen Augen auf den Rhythmus der fremden Sprache zu lauschen, Worte darin zu erkennen – aber es dauerte nicht lange, dann gab er es auf. Die vielen harten Laute, das ständige Schnalzen und Klicken verwirrten ihn, und einen Sinn konnte er darin erst recht nicht erkennen.

Er öffnete die Augen und blickte zur Mittagssonne herauf. Essensduft wehte vom Feuer herüber – Fisch, in Blättern schmorend, und der ihm in seiner Zusammensetzung noch immer unbekannte, aber wohlschmeckende Brei der Albae, sagte ihm seine Nase sofort – und Jori richtete sich vorsichtig auf.

Seinem Körper schien es heute besser zu gehen als gestern, und sein Magen knurrte so laut, dass Jori sich erschrocken umsah. Alle Augen richteten sich auf ihn.

„Guten Tag,“ sagte er leise zu den Vogelmenschen, vorsichtig.

Urrikka-tikka lächelte. „Guten Tag, Jäger. Es scheint, Dein Magen hat eine leere Stelle, hm?“

Jori grinste und nickte. Während er mit den anderen zusammen auf das Essen wartete, nahm er sich die Zeit, die Vogelleute zu mustern und sich ihre so fremden Gesichtszüge einzuprägen.

Urrikka-tikka war unzweifelhaft die Älteste. Ihr Gesicht war nicht von Falten und Linien gezeichnet, wie es Jori von den alten Frauen seines Stammes kannte, aber es strahlte eine große, vielleicht ein wenig traurige Weisheit aus, ein über lange Jahre verborgenenes Geheimnis. Für Jori sah die Vogelälteste aus, als bestehe sie vor allem aus Geduld und Strenge; ihr einfaches weißes Gewand und die weißen Vogelfedern, die die Albae anstelle von Haaren auf dem Kopf hatten, unterstützten diesen Eindruck noch.

!Xirruku saß direkt neben ihr. Er sah jünger aus als Urrikka-tikka, wachsamer und … schärfer. Jori bemerkte, dass er seine Hand nie weit von seinem Schwertgurt fort nahm. Seine Haut war ein wenig dunkler als die der anderen; nicht mehr ganz milchweiß, sondern eher leicht gräulich. Pakaa’ke saß auf der anderen Seite von Urrikka-tikka; er wirkte nachdenklicher als sein Krieger-bruder. Jori fielen die schlanken, schnellen Hände auf. Bogenschütze, dachte er. Pakaa’ke schien so wenig wie möglich sprechen zu wollen. Die meisten Fragen, die an ihn gerichtet wurden – Jori erkannte dies vor allem an den dunklen Augen der Albae, die die Gesichter dieser Fremden so ausdrucksvoll beherrschten – beantwortete Pakaa’ke nur mit einem kurzen, leisen Klicken. Er wirkte verschlossen auf Jori, wie jemand, der gerne allein wäre und es nicht sein darf.

Die zwei Frauen, Trrajkja und Zu!xaqa, flüsterten gerade mit einander. Jori betrachtete sie nachdenklich. Trrajkja wirkte befehlsgewohnt; sie strich mit einer Hand ständig an ihren Federn herum. Sie hatte sich goldenen Schmuck in die Ohren gestochen, und von ihren Kopffedern hingen ein paar lange, goldene Ketten herunter bis zu ihren Schultern. Es klimperte, wenn sie den Kopf drehte, und genauso wie Jori schien dieses Geräusch Pakaa’ke gründlich zu missfallen.

Stört die Jagd, wurde Jori klar. Pakaa’ke musste auch Jäger sein wie er selbst. Er hätte Trrajkja auch nicht mit genommen, wenn er auf die Pirsch ging.

Zu!xaqa sah zu Boden und nickte viel. Sie fütterte das Feuer und stocherte immer und immer wieder in der Glut herum, als sei sie mit ihr nicht zufrieden. Eigentlich macht sie die ganze Arbeit, beobachtete Jori, als er den beiden Frauen zusah. Zu!qaxa wendete die Fische geschickt mit zwei flachen Stöcken und rührte den Brei, damit er nicht anbrannte.

August 1

19 Jori Gid’eron / Ada

„Hör zu, Jäger.“ Urrikka-tikka blinzelte, die dunklen Augen ein Quell des Rätsels für Jori. Die Albae waren so …anders!

Er hatte nicht gewusst, dass es außer dem Jaguarschlag noch andere Schläge auf der Welt gab. Sicher, der Mäuseschlag oder der schnelle Fischschlag oder auch der listenreiche Schlangenschlag kam in alten Geschichten vor, doch außer diesen märchenhaften Erzählungen hatte Jori noch nie jemanden gesehen, der nicht seinem eigenen Jaguarvolk angehörte.

Selbst sein eigenes schwarzes Fell kannte er ja nur von dem, was er von seinem eigenen Körper wahrnehmen konnte – Spiegel kannten die Ada nicht.

Jori umschloss den Anhänger mit seiner Faust.

„Ich höre, Älteste.“

„Ich – und die meinen – wir wollen Dir nichts Böses. Aber wir sind wissen nur wenig von den anderen Schlägen. Und Dein Anhänger… interessiert uns sehr. Bitte… sei eingeladen an unser Feuer und zu unserem Essen. Lass uns erzählen, erzähle uns. Lass uns… teilen, um die Not des anderen zu verringern?“

Jori zögerte. Sein erster, misstrauischer Reflex war ein fauchendes „Nein!“; immerhin hatten diese Leute ihn gefesselt und gefangen gehalten. Aber in seinem Herzen fühlte er eine tiefe Sehnsucht nach Gesellschaft – und in seinem Bauch ein großes Loch. Wie sollte er ganz allein in dieser ihm fremden Umgebung überleben? Zwar waren die Ada daran gewöhnt, allein zu wandern und zu überleben, doch war er noch nicht erwachsen und hatte bisher immer seine Mutter und seine Brüder, manchmal auch seinen Vater um sich gehabt.

Sein Körper nahm ihm die Entscheidung schließlich ab. Seine Beine versagten ihm den Dienst und knickten unter ihm ein; haltlos rutschte Jori die Uferböschung halb hinunter ins kalte Wasser.

Urrikka-tikka trat ein paar vogelkleine Schritte auf ihn zu – wie wollte diese kleine, schlanke Frau einen großen Jaguarkörper halten? – fragte Jori sich noch, dann wurde es wieder einmal schwarz um ihn. Das Traumwasser hatte ihm erneut eine Vision geschickt, und Joris Geist trudelte nach oben in den dunklen Nachthimmel davon, während sein Körper hilflos zurück blieb.

Jori fühlte seltsamerweise keine Wut über seine Hilflosigkeit; einen Funken Scham vielleicht. Doch in diesem Traumzustand schienen alle Gefühle seltsam gedämpft und beruhigt. Das Sehen war wichtig, nicht das Fühlen… zumindest schien das Traumwasser das so zu vermitteln. Jori verlor sich in dem schwarzen Sternenhimmel und folgte den tanzenden Bahnen der uralten Sterne durch die vergangenen Jahrhunderte.

„Du kannst jetzt heraus kommen,“ sagte Urrikka-tikka leise in ihrer eigenen Sprache.

!Xirruku trat wortlos aus seinem Versteck. „Er hätte Dich beinahe gewittert,“ schalt sie ihren Krieger, „seine Sinne sind sehr scharf.“

!Xirruku deutete eine Verbeugung an, ließ die schwarzen Augen jedoch auf Urrikka-tikka ruhen.

„Es ist meine Pflicht, Euch vor allen Gefahren zu schützen, Älteste. Der junge Panther mag auf Euch harmlos wirken, aber ich sehe die Kraft und Schnelligkeit unter seinem räudigen Fell.“

Urrikka-tikka lächelte kurz. !Xirruku hatte natürlich recht, auch wenn es ihr nach so vielen Jahrhunderten immer noch nicht gefiel, sich den Zwängen unterzuordnen, die dem Schutz und der Sicherheit der Ältesten dienten.

Dennoch…

„Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen, Krieger.“ Sie lächelte, um die Kritik abzumildern.

„Aber ich verstehe Deine Besorgnis. Bitte hol Pakaa’ke. Wenn wir den Panther hier im See liegen lassen, ist er morgen erfroren oder ertrunken – oder beides.

Ich habe noch nicht heraus bekommen, woher er eins der alten Zunje hat.

Es steckt eine lange Geschichte dahinter, dessen bin ich gewiss.

Ich fürchte nur, auch das junge Pantherkind kennt nur einen winzigen Teil davon.“

!Xirruku nickte kurz, ehe er hinzufügte: „Wenn ich so vermessen sein darf, Älteste… Ihr solltet ihn nicht ‚Kind‘ nennen. Er scheint mir gerade in dem Alter zu sein, in dem man sich stolz als Erwachsen bezeichnet, auch wenn Körper und Geist es noch nicht sind.“

Urrikka-tikka dachte einen Moment lang darüber nach, dann nickte sie.

„Es ist lange her, dass ich so jung war. Vielleicht hast Du recht.

In jedem Fall sollten wir seine Geschichte erfahren. Es ist kein Zufall, dass er das träumende Wasser gefunden hat. Ich wäre nicht überrascht, wenn man mir sagte, dass der Zunje ihn genau hier her geführt hat, damit er uns trifft. Zum richtigen Ort zur richtigen Zeit… nein, das ist mehr als Zufall.

Ich sehe voraus, dass in diesem Ada eine der großen Geschichten steckt.“

August 1

18 Jori Gid’eron / Ada

„Ich bin Urrikka-tikka, Älteste vom Volk der Albae und Mutter von vier .. starken Krieger-Eiern.“ Sie klang unsicher, als sie das sagte, und Jori überlegte, ob es wohl bedeuten könnte, dass sie vier erwachsene Söhne hatte.

„Ich bin einstmals die Erste Träumerin von Lebanis gewesen, ehe es verlassen wurde. Nun bin ich nur noch die Älteste.“

„Und wer sitzt mit Dir am Feuer, Älteste?“ fragte Jori.

„!Xirruku und Pakaa’ke sind Krieger, die mich und meine beiden Nest-töchter begleiten. Trrajkja ist meine Tochter und !Xirrukus Frau, und Zu!xaqa … ist… war… die Frau meines Kriegersohns Thii’tete. Er ist … in die Himmel geflogen, vor einiger Zeit.“

Jori verstand von der Rede seines Gegenübers kaum etwas, soviele seltsame Laute kamen darin vor. Immerhin schien sie seinen Forderungen nachzukommen. Sie hatte ihn auch nicht belogen, was seine Freiheit anging – auch, wenn ihr offensichtlich schon lange vor ihm klar gewesen war, dass er mit dieser seiner Freiheit rein gar nichts anfangen konnte.

„Warum nennst Du mich Pantherkind?“ fragte er als nächstes, um Zeit zu gewinnen. Er steckte das Messer ein, ließ sie aber nicht aus den Augen. Sie wollte ihn nicht angreifen, soviel schien ihm klar – aber: was wollte sie eigentlich?

Seine Beine schmerzten, nur von der geringen Aufgabe, sein Gewicht zu tragen. Nun hatte er fast einen ganzen Mond lang geschlafen und fühlte sich so müde, als hätte er es sein ganzes Leben lang nicht!

Urrikka-tikka lächelte vorsichtig, dann deutete sie auf sein schwarzes Fell. „Du bist doch Pantherschlag, oder nicht?“

Jori schüttelte den Kopf. „Kennst Du Menschen wie mich?“ fragte er neugierig. „Ich gehöre zu den Ada vom Jaguarschlag, doch sie haben mich davongejagt, weil mein Fell so schwarz ist. Verflucht, sagen sie.“

Urrikka-tikka machte schmale Augen, dann schüttelte sie den Kopf. „Ich kenne niemandem vom Pantherschlag. Ich.. habe nur… eine Geschichte gehört von diesem Menschenschlag. Ich dachte, du gehörst zu ihnen. Verzeih mir; ich werde Dich nicht wieder so nennen.“

Jori musterte Urrikka-tikka und beruhigte die Aufregung, die sein Herz zum flattern bringen wollte.

„Wer hat Dir die Geschichte erzählt? Kannst Du mich zu ihm bringen?“

„Ich… ja…. nein. Ich kenne die Worte nicht, die ich brauche, um Dir zu sagen, woher ich von diesem Schlag weiss. Aber ich will versuchen, Dir alles zu erzählen, was mir dazu einfällt.“

Urrikka-tikka sah nicht glücklich aus mit dieser Formulierung; sie schien mit den fremden Worten aus Joris Sprache beinahe zu kämpfen. Sie gibt sich Mühe, dachte Jori. Mehr Mühe, als ich mir jemals geben könnte. Sie hat in einem dreiviertel Mond meine Sprache gelernt, nur, um mit mir sprechen zu können.

„Was willst Du von mir, Albae-Frau?“ fragte er. Es ist Zeit, dieses Spielchen sein zu lassen. Sag mir die Wahrheit.

„Ich…“ Urrikka-tikka zögerte, dann holte sie etwas hervor, das im Mondlicht blitzte. „Ich wollte nicht stehlen. Es gehört Dir.“ Mein Anhänger!

Urrikka-tikka legte den kleinen, silbrigen Gegenstand auf den lehmigen Boden und trat einen Schritt zurück.

„Er ist von Deinem Hals gefallen, als ich Dich gefüttert habe.“ Jori erinnerte sich verlegen an die seltsame Situation, als Urrikka-tikka ihn auf ihren Schoß genommen und gepflegt hatte, als sei er ein kleines Kind.

„Er ist von meinem Volk gemacht, und er ist sehr wertvoll für uns. Wenn… Du uns sagen kannst, woher Du ihn hast?“

„Er kam mit mir zusammen den Fluss hinunter. Er lag in dem Körbchen, in dem ich von den Ada gefunden wurde.“

Jori langte nach dem Anhänger und riss ihn an sich, schnellte sich wieder aus der Reichweite der alten Frau fort, bevor sie reagieren konnte. Doch seine schnelle Aktion wurde von seinen müden Muskeln nicht gut aufgenommen – kaum war der Satz nach hinten geglückt, knickten seine Beine ein, und er lag halb, halb kniete er im feuchten Uferschlamm. Soviel zu meinem Bad…

Urrikka-tikka belächelte seine Situation nicht.

„Deine Beine sind schwach geworden, weil Du so lange träumend gelegen hast,“ sagte sie langsam. „Du musst ihnen Zeit geben, damit sie wieder stark und schnell werden können.“

Jori nickte. Er fühlte sich unendlich müde, aber er wollte – er durfte dem Drang, zu schlafen nicht nachgeben. Zwar war er fast überzeugt, dass Urrikka-tikka es mit ihm ehrlich meinte, doch ob ihre Ehrlichkeit auch Gutes für Jori bedeutete, war für ihn noch nicht sicher.

Er witterte. Irgendwas…

August 1

17 Jori Gid’eron / Ada

„Pantherkind….?“ kam eine Stimme aus der Dunkelheit jenseits der Uferböschung. Urrikka-tikka, die Vogelälteste. Jori zog sein Messer und knurrte leise zur Antwort. Er mochte es gar nicht, Kind genannt zu werden – und was ein Panther war, wusste er nicht.

„Ich… werde wieder gehen, wenn Du es wünschst. Jedoch hoffe ich, dass mehr Wissen… beiden Seiten helfen kann.

Vielleicht habe ich dieses Gespräch falsch begonnen. Du bist wild… und frei. Ich weiß das jetzt. Es war falsch, Dich zu fesseln.

!Xirruku stimmt mit mir überein, dass gerade wir Albae… Freiheit nicht nehmen dürfen. Wir sollten am besten wissen, wie schrecklich es ist, nicht fort fliegen zu können….“

Jori bemühte sich, so leise wie möglich aus dem Wasser zu steigen. Es würde seine Bewegungen verraten, und die Vogelälteste war schnell.

Er wollte sie nicht töten, aber er war vorsichtig. Ihre Worte erschienen ihm weise – aber sein Volk gehörte zu den geschickten Fallensteller-Jägern. Einen Vogel lockt man mit Saatkörnern und einen Fisch mit einem schmackhaften Insekt – und womit lockt man wohl Einen, der ganz allein ist? Mit süßen Worten, genau.

Die Vogelälteste schien in eine schmerzhafte Erinnerung zu versinken, doch als sie Jori die Böschung heraufkommen sah, schloss sie kurz die Augen und streckte die leeren Hände nach vorne. Jori sah es als eine Geste des Friedens an, aber er hielt Abstand.

„Bitte, hör mich an. Wir wundern uns, dass Du so… alleine bist, Pantherkind.

Wir haben Dir Essen und Trinken gegeben und Deine Träume bewacht, und wir glauben nun, dass Du nicht allein überleben kannst. Wir wundern uns, wo Du her kommst und wo Du hin gehst und wir wünschen, mehr zu wissen über Dein Volk.

Deine Sprache ist alt; ähnlich einer, die ich einst kannte, doch das ist viele, viele Sonnenumläufe her.

Doch Du hast Dein Messer gezogen; ich verstehe jetzt, dass es ein Fehler war, Dich nach Deinem Namen zu fragen.

Vielleicht willst Du meinen Namen wissen und den meiner Begleiter?

Vielleicht willst Du essen und an unserem Feuer sitzen und Dich wärmen?

Wir versprechen… Deine Freiheit ist unsere … Ehre…?“

Offensichtlich wusste Urrikka-tikka nicht, wie sie für Joris Freiheit garantieren konnte, und so schüttelte Jori auch schnell den Kopf.

„Sag Deinen Namen,“ forderte er. Eigentlich fühlte er sich müde, so müde, als sei er den ganzen Tag lang gerannt. Seine Beine wollten und wollten ihn nicht richtig tragen. Essen und Feuer wäre jetzt genau das richtige – aber diesen Vogelmenschen durfte er nicht vertrauen. Er durfte überhaupt niemandem vertrauen; er war allein.

August 1

16 Jori Gid’eron / Ada

Jori sah noch einmal zu dem Lagerfeuer auf der Hügelkuppe zurück und zählte die Schatten. Fünf… wie hatte sich dieser Vogelschlag selbst genannt? Albae. Sie waren seltsam; geheimnisvoll und undurchschaubar für Jori. Als seien sie so umgeben mit den Erinnerungen an vergangene Dinge, dass die Gegenwart kaum bis an sie heran kam.

Nun, es half jetzt alles nichts – Jori war frei, und er war allein. Wenn sein Ziel Überleben war, musste er das beste aus seiner jetzigen Situation machen.

Eine Bestandsaufnahme war schnell gemacht: Jori hatte sein Jagdmesser und das Fell an seinem Körper – mehr besaß er nicht mehr.

Die stinkenden, schimmligen Felldecken, mit denen er sich auf seiner Wanderung hier her gewärmt hatte, hatten die Albae offensichtlich entsorgt; Jori verstand diese Entscheidung sehr gut. Er selbst hätte sie schon hundertmal fort geworfen, wenn er nicht ohne sie so jämmerlich gefroren hätte.

Er hatte auf seinem Weg hier her keine Möglichkeit gehabt, sie haltbar zu machen, und daher wären sie ohnehin nicht zu retten gewesen.

Proviant hatte er nicht besessen. Jori fasste sich an den Hals – selbst seine Kette war fort; sein Geburtszeichen. Das versetzte ihm allerdings einen wehmütigen Stich. Die Kette hatte sich in dem Körbchen befunden, in dem Jori im Fluss angetrieben worden war, und die Ada hatten sie ihm um den Hals gelegt, sobald nicht mehr die Gefahr bestand, dass er daran erstickte.

Es war ein seltsames Ding gewesen, dieser Anhänger an dem sicherlich seither bereits drei- oder viermal ersetzten Lederriemen… ganz glatt und hart und dennoch angenehm für die Hände. Legte man es auf einen Baumstamm, wurde es kalt; trug man es um den Hals wurde es warm. Die Ada hatten nie herausgefunden, was es darstellte oder bedeuten sollte, also hatten sie es als Joris Geburtszeichen bei ihm belassen. Sein Anhänger war – neben seiner so ungewöhnlichen schwarzen Fellfarbe – auch mit ein Quell des Argwohns unter den anderen Ada gewesen, und als es hieß er habe den Fluch der langen Winter über den Stamm gebracht, so hatte man auch vermutet, dass dieser Fluch in seinem Anhänger gefangen gesessen hatte und Jori ihm nun mit irgendwelchen unbedachten Worten zur Freiheit verholfen hatte.

Bestandsaufnahme beendet. Jori gehörte ein Messer. Darüber hinaus besaß er nichts, und er war allein – ganz allein. Das Feuer auf der Hügelkuppe rief es ihm noch einmal deutlich in Erinnerung. Was sollte er nun tun? Wo sollte er hin?

August 1

15 Jori Gid’eron / Ada

Jori hatte sich alles angehört, was die Älteste zu sagen hatte. Doch beruhigt hatte es ihn keineswegs. „Lasst mich frei!“ forderte er erneut. Urrikka-tikka sah zu den anderen.

„Wirst Du uns töten, wenn wir Dich freilassen?“ fragte sie langsam. Sie wiederholte diese Worte in der Sprache der Vogelmenschen. Fünf Augenpaare richteten sich auf den jungen Ada. Niemand sprach; niemand lachte. Offensichtlich nahmen diese Fremden seine Antwort ernst.

Jori dachte nach.

„Ihr habt mich ernährt, als ich schlief. Ihr habt mich fort gebracht von der Träumenden Quelle, damit ich wieder aufwachen kann.

Eure Taten sind nicht nur schlecht. Darum werde ich Euch nicht töten. Aber ihr habt kein Recht, mich zu fesseln. Lasst mich frei!“

Die Vogelälteste übersetzte seine Worte zu den anderen. Es folgte ein Moment der Stille, der von einem einzigen knarrenden Laut des großen schlanken Mannes auf der anderen Seite des Feuers beendet wurde.

Dann schien es entschieden. Urrikka-tikka selbst nahm Joris Jagdmesser und durchschnitt seine Fesseln. Dann reichte sie ihm das Messer mit dem Griff voran zurück.

Jori nahm es und wich langsam ein paar Schritte zurück. Er wollte die Vogelleute nicht aus den Augen lassen, bevor er sie nicht in sicherem Abstand wusste.

Mehr stolpernd als gehend, witternd und immer wieder um sich sehend, rannte Jori zum See hinunter.

Er wollte fort von denen, die ihn gefangen gehalten hatten. Sie waren zu fünft, sie waren vielleicht nicht stark… aber seltsam geschmeidig-schnell; und diese eine Woche in den Träumen der dunklen Quelle und in den Fesseln der Albae schien seine Muskeln seltsam geschwächt zu haben. Jori zitterte vor Anstrengung, als er den See erreichte. Dabei war er erst wenige hundert Herzschläge lang gegangen.

Beschämenderweise war das Feuer der Vogelmenschen noch immer in Sichtweite, da es auf einem der sanften Hügel errichtet worden war und der grasige Hang nur sanft zum See hin abfiel. Jori keuchte bereits und war froh, dass die Dunkelheit sein schwarzes Fell verschluckt hatte – hoffentlich auch für diese seltsamen schwarzäugigen Vogelwesen.

Er trank durstig und wusch sein Fell so gründlich, wie er es in seinem elenden Zustand vermochte. Währenddessen grübelte er darüber nach, was mit dem Mond nicht stimmte; warum ihm die krallendünne Sichel, die bald im Norden versinken würde, so falsch vor kam.

Schließlich, als er nass bis auf die Haut und zitternd aus dem See watete, kam er darauf: Als er die Ruinenstadt betreten hatte, war es Vollmond gewesen. Der Mond war aber eine zunehmende Kralle… also musste er, anders als angenommen, nicht nur eine Woche schlafend und träumend bei den Vogelmenschen verbracht haben. Jori rechnete die Mondphasen an den Fingern nach. 7 Tage bis zum Voller-Bauch-Mond, dann noch einmal sieben Tage bis zum halben Mond und erneut soviele Tage, bis er eine dünne Krallensichel wurde. Und noch einmal 7 Tage, für die Zeit bis zur Nacht-ohne-Augen, wo der Mond gar nicht über den Himmel wanderte… und dann noch mindestens 3 oder 4 Tage, bis er wieder solch eine dünne Kralle bildete…. fast einen ganzen Mond lang hatte Jori geschlafen und geträumt!

Langsam wurde Jori klar, dass die Vogelmenschen sich sehr gut um ihn gekümmert haben mussten, da er mehr als nur halb verhungert zu ihnen gekommen war. Sein Bauch war jetzt zwar nicht rund und voll, doch Schmerzen und Hungerkrämpfe, wie er sie auf seinem Weg hier her erlebt hatte, waren nur noch eine ferne, fast verblasste Erinnerung.

Er wusste selbst, wie schwierig es war, jemanden zu ernähren, der es nicht wollte – Mela’chaks Krankheitsverlauf hatte es ihm schmerzhaft gezeigt. Also mussten die Albae jede seiner kurzen Wachphasen weise genutzt haben, während sie geduldig darauf warteten, dass die Wirkung der Träumenden Quelle in ihm nachließ. Beinahe einen ganzen Mondwechsel lang…

August 1

14 Jori Gid’eron / Ada

„Es ist… eine lange Geschichte. Dieser Ort-der-Schatten, wo einstmals Häuser waren, das war unser Ort. Mein Volk, die Albae, lebten hier lange Zeit. Unter diesem Ort liegt die Träumende Quelle… von der Du getrunken und in der Du gebadet hast.

In alten Zeiten war dies ein heiliger Ort, voll von Magie und Zauber. Wir… man kann mit dem Wasser der Träumenden Quelle in ferne Zeiten sehen und Orte schauen, die weit entfernt sind.

Unter den Albae gibt es nur wenige, die es wagen. Die Gefahr ist groß. Man kann in den Träumen versinken; die Schatten… sie ziehen einen hinab und man findet den Weg nicht mehr in die Welt, die Wach ist.

Es gab eine Kunst, die Träume zu lenken, einstmals… doch das ist lange her.“

Urrikka-tikka sah einen Moment lang sinnend in die Ferne, als sie der alten Zeiten gedachte, da Lebanis noch eine lebendige Stadt gewesen war.

Es war so lange her, dass sie die Erste Träumerin gewesen war… als man die Quelle noch heiligte und die Tagesgebete über sie sprach.

Niemand konnte wissen, was aus dem Traumwasser geworden war, nun, da es so lange verschüttet und unbeachtet im Dunkel, unter zerfallenden Ruinen gestanden hatte. Vermutlich war es genauso dunkel geworden… und brachte Reisenden wie diesem jungen Pantherkind nur Qual und Tod.

„Die Häuser waren weiß und die Dächer waren golden,“ unterbrach sie der junge Panther vor ihr. Mit einem Ruck sah die Älteste Albae auf, während ihre Begleiter zu tuscheln anfingen. „Woher weisst Du das, Kind?“ fragte sie Jori in seiner Sprache.

„Es… ich habe es in einem der Träume gesehen,“ sagte er. Er war wirklich noch sehr jung; Urrikka-tikka glaubte es in jeder seiner Bewegungen zu sehen, sogar in der Art, wie er sprach. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so jung gewesen zu sein. Dennoch; da er Lebanis in seiner Blüte gesehen hatte, teilten sie zumindest eine gemeinsame Erinnerung. Sie lächelte vorsichtig.

„So war es,“ bestätigte sie. „Wir hatten Angst, dass all Deine Träume dunkel sein würden, Kind,“ erzählte sie weiter, „denn das Wasser war lange allein. Es hat Dich weit fort geführt, glaube ich…?“

Jori nickte. Er hatte von Dingen geträumt, die er nicht – oder noch nicht – verstand; die seltsamen Träume hatten ihn zum Nachdenken über viele Dinge gebracht, die er zuvor gar nicht wahr genommen hatte.

„Warum habt ihr mich gefesselt? Warum habt ihr diesen Schlaf-Zauber über mich gebracht?“ fragte er. Es klang nicht mehr wütend, nicht wirklich. Nur trotzig.

„Wir… wir wussten nicht, wer Du bist und wie gefährlich Du bist, Kind,“ war die Antwort der alten Frau. „Wir dachten, das dunkle Wasser macht erst Deine Träume und dann auch Dein Herz dunkel.

Wer so lange allein ist wie dieses Wasser…. wird manchmal böse davon.“ Jori nickte zögernd; er selbst war ja in diesem Winter schrecklich einsam gewesen, und er wusste, dass es ihm beinahe das Herz gebrochen hatte.

„Außer dem Zauber, der im Wasser wohnt, haben wir keinen Zauber über Dich verhängt. Es ist nur so, dass die Macht des Wasser stark ist, und stärker wird, je näher an der Quelle man ist. Und mein Dasein scheint es auch zu verstärken, denn ich war einst die Erste Träumende der Quelle. Das Wasser kennt mich gut.“

August 1

13 Jori Gid’eron / Ada

Als Jori wieder zu sich kam, wollte er herumfahren und der Frau die Krallen ins Fleisch graben – aber da war niemand mehr. Darüber hinaus war es Nacht – Tau netzte das saftige Gras und ein paar wenige Sterne funkelten zwischen den sanften Wolkenschleiern und neben einem krallendünnen Sichelmond. Er musste schon wieder eingeschlafen sein.

Irgendetwas stimmte daran nicht, stimmte am Mond nicht, aber Jori konnte nicht sagen, was genau.

Ein wenig weiter entfernt auf der nächsten Hügelkuppe sah und roch er das Feuer der Vogelmenschen.

Er war noch immer gefesselt. Knurrend und die Zähne bleckend, die Ohren nach hinten gelegt, zerrte er zunächst noch einmal hilflos an den Fesseln, die ihn hielten, dann machte er sich wieder auf den Weg zum Lagerfeuer.

Was wollten diese seltsamen Wesen nur von ihm? Warum hielten sie ihn so grausam gefangen und quälten ihn mit Schlafzaubern?

Er näherte sich – vorsichtig und langsam – soweit, dass er mit einem großen Sprung die zwei nächst sitzenden Albae erreichen konnte. Sie sahen auf, wandten sich ihm zu; sprachen aber nicht.

Jori knurrte, tief in der Kehle. Er hatte diese seltsamen Leute satt!

„Lasst mich frei!“ forderte er laut, erneut durchfuhr ihn Wut über seine hilflose, absurde Lage. Er war von seinem eigenen Volk verbannt worden; er war durch den ganzen, boshaften, hungrigen Winter gegangen – nur, um jetzt in Fesseln zu liegen, gefangen nicht mehr durch Gesetze, nicht mehr durch Kälte, aber dennoch gefangen – gefangen von diesen seltsamen, unverständlichen Wesen, die er offensichtlich genauso wenig beeinflussen konnte wie die Gesetzes seines Volkes oder die Kälte des Winters. Sollte er denn sein ganzes Leben lang hilflos und gefangen sein? Niemals! Niemals mehr!

Er fauchte; sein verschmutztes Fell richtete sich auf, um dem halb verhungerten, schlanken Schatten etwas mehr Gewicht zu verleihen.

Die älteste Albae trat etwas näher. Zu seinem Erstaunen lag auf ihrem Gesicht keine Härte, nur etwas, das Jori nicht richtig benennen konnte. Mitleid? Abscheu? Vielleicht – Verständnis? Ihr dunkler Blick allein besänftigte seine Wut bereits; erneut fühlte Jori den Schlaf und die seltsamen Träume kommen. Nein! Niemals mehr!

Fauchend und knurrend biss er in die leere Luft, wie um den Zauber abzuwehren.

Die Albae hob beschwichtigend die Hände.

„Friede, Freund….“ sagte sie langsam. „Ich .. spreche nicht gut. Nur das, was Du gelehrt hast, in Deinen Schlaf-Träumen. Du träumst schon so lange…. bitte, lass mich… erzählen, was wichtig ist.“

„Du hast eine Mondbreite, alte Frau,“ gab Jori zurück; er meinte die Zeit, die der Mond braucht, um eine Handbreit am Himmel entlang zu wandern. Was er danach allerdings tun wollte; überhaupt tun konnte, das wusste er selbst nicht.

Sie verstand ihn offensichtlich nicht, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, doch sie nickte.

August 1

12 Jori Gid’eron / Ada

Noch immer mit den ihn bindenden Riemen hadernd kam Jori näher an das kleine Kochfeuer heran. Er sah zu der Ruinenstadt auf der Hügelkuppe hinüber. Er hatte keine Erinnerung daran, die Stadt verlassen zu haben; die Vogelmenschen mussten ihn den größten Teil des Weges getragen oder gezogen haben. Er hätte ihnen solch einen Kraftakt gar nicht zugetraut. Witternd, die Ohren eng an den Kopf gelegt, trat er näher ans Feuer.

Die fünf Albae hockten rings herum, und die Älteste nickte erneut mit dem Kopf.

„Deinen Namen – kannst Du sagen?“ bat sie.

Jori leckte sich die Lippen. Er hatte viele Geschichten von Mela’chak gehört, in denen ein Ada von bösen Mächten verflucht worden war, weil er seinen Geburtsnamen verraten hatte.

Diese Leute, so friedlich und ruhig sie auch wirkten, hatten ihn in Fesseln gelegt und mit einem Schlafzauber gefangen gehalten. Er würde ihnen seinen Namen nicht sagen.

Mit der plötzlichen Schnelligkeit, die dem Jaguarschlag zu eigen ist, sprang Jori hoch und versuchte, sich auf die älteste Albae zu stürzen. Seine Fesseln ließen keine geschickten Bewegungen zu, doch schätzte er die Vogelleute als leichte Beute ein und hoffte, die alte Frau mühelos überwältigen zu können, obwohl seine Muskeln und Sehnen ihm nicht mit alter Kraft gehorchen wollten.

Obwohl Jori den Sprung gut geschätzt hatte und sein Angriff die Albae offensichtlich total überraschte – ihrem Gesichtsausdruck nach zumindest – entkam sie ihm spielend. Sie drehte sich einfach fort, mit einer geschickten, ungeahnten Bewegung, und ließ ihn plump auf den Boden knallen.

Mit einem Knurren wandte Jori sich um und wollte sich erneut auf die Frau stürzen; Wut und Jagdlust in seinen Gedanken – doch die alte Frau führte ihre Hände gegen seinen Nacken, Jori fühlte einen kurzen, kaum schmerzhaften Ruck – und dann zersplitterte seine Welt in einer Explosion der Schwärze.

August 1

11 Jori Gid’eron / Ada

Als Jori erneut erwachte, befand er sich außerhalb der Ruinenstadt in der Nähe des Sees. Der Wald war nahe, und Jori atmete tief ein, als er den vertrauten Geruch von Borke, Blatt und Gras bemerkte.

Er hatte den Wald sehr vermisst. Vielleicht, obwohl die Welt außerhalb des Waldes nicht so tot und leer aussah, wie ihn seine Stammesangehörigen gelehrt hatten, war sie dennoch auf eine andere, schwer zu beschreibende Weise tot; nicht tot in dem Sinne, dass ihr jegliche Bewohner fehlten… aber eben tot, was die Bäume anging, diese mächtigen Stimmen im Winde, und auch tot, was die Ada anging.

In Waldnähe konnten die Ada überleben, doch ohne den Wald… eine Tote Welt, ohne Bäume und ohne Ada. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, konnte Jori den Geschichten seiner Vorfahren eine neue Wahrheit abgewinnen, die ihn allerdings zutiefst verwirrte. Er hatte noch nie über so etwas nachgedacht. Die Geschichten der Alten waren eben immer einfach… Geschichten gewesen. Es schien so, als habe ihn der lange Schlaf am Teich zu seltsamen Erkenntnissen gebracht; Erkenntnisse, die Jori in sich ruhen fühlte, ohne ihnen Namen geben zu können.

Er streckte sich und bemerkte, dass er noch immer gefesselt war; wenn auch nun auf andere Weise. Die geschickt angebrachten Lederriemen erlaubten es ihm nun, zu gehen, doch konnte er die Pfoten nicht weit genug auseinander ziehen, als dass er hätte rennen oder eine Beute schlagen können.

Geschickt gemacht….

Trotz seiner Fesseln genoss Jori das Gefühl, vollkommen wach und ausgeschlafen zu sein. Er genoss den Geruch des Waldbodens, als habe er ihn Jahre um Jahre vermisst, und das leise Geräusch des Sees, als habe man ihn soeben erst gelehrt, es zu hören.

Sein Jagdmesser fehlte. Seine Haare waren verfilzt und sein Fell stank, als habe er sich einen Monat lang nicht mehr gewaschen. Dabei war das Bad in dem warmen Wasser in der Turmruine doch höchstens eine Woche her… schätzte er jedenfalls; die vielen Stunden Schlaf voller unruhiger Träume hatten sein Zeitgefühl stark verwirrt.

Die Luft roch süß an diesem Tag; der Frühling hatte bereits Macht in diesem waldlosen Land.

Noch einmal streckte er sich und zog die Krallen durch das frische grüne Frühlingsgras und den weichen, schlammigen Untergrund. Vorsichtig erhob er sich und sah sich um.

Wie vermutet waren die Vogelleute nicht weit fort; sie hockten wenige Meter entfernt um ein niedrig brennendes Lagerfeuer und schienen überhaupt nicht mit einander zu sprechen. Sie bereiteten erneut eine Art Essen; Jori roch den bratenden Fisch selbst gegen den Wind auf diese Entfernung. Obwohl sein Magen schmerzhaft knurrte, musste Jori einen Moment lang inne halten und die perfekte Harmonie der kleinen Gruppe bewundern. Niemand von ihnen sprach. Dennoch war es, als läsen sie die Gedanken ihres Nächsten auf wundersame Weise. Brauchte einer von ihnen eine Zutat oder ein Gerät, so hatte es sein Nachbar bereits in den Händen. Musste dieser oder jener eine Arbeit tun, so brauchte er nicht mit Händen oder Ellenbogen um Platz zu stoßen – die anderen wichen schon zur Seite, bevor derjenige überhaupt begonnen hatte. Jori hatte diese Art der stummen Verständigung an den Vogelleuten bisher nicht bemerkt. Doch erschien es ihm, als beobachte er ein eingespieltes Team; eine Gruppe von langjährigen Vertrauten.

Er kannte ähnliches von alten Paaren zu Hause, wenn sie länger gemeinsam unterwegs waren, in weit schwächerem Maße. Bei ihnen kam es jedoch viel öfter zu Zank und Streit, wie es zu friedlichem Zusammenarbeiten kam. Die Ada waren eben Einzelgänger, und dieses Maß an perfekter Zusammenarbeit, dass die Vogelleute hier an den Tag legten, war den Ada unbekannt.

Hätte ich das früher auch erkannt? Fragte sich Jori, während er sich erhob und leise auf das Feuer zuging.

Obwohl er kein lautes Geräusch gemacht hatte, sah die alte Frau, die seine Sprache sprechen konnte, bei seinem Nähertreten auf, lächelte ein wenig und neigte den Kopf in seine Richtung.

Jori war eingeladen, näher zu treten.

August 1

10 Jori Gid’eron / Ada

Insgesamt durchlebte Jori mehrere Tage, in denen er seinen Schlaf – und seine Träume – kaum kontrollieren konnte. Einmal fielen ihm sogar während des Essens die Augen zu, so dass er mit dem Gesicht vornüber in seine Mahlzeit sank. Er hatte das Gefühl, ebenso viel Schlaf zu benötigen wie ein neugeborenes Kind – kaum hatte er am Morgen die Augen geöffnet, als ihm die Lider schon wieder schwer wurden, und nach einigen Sekunden, wie er es empfand, berührte ihr zum Himmel offenes Lager bereits die sinkende Sonne. Seine Träume waren durchsetzt von merkwürdigen Visionen; viele beängstigend und unverständlich für ihn, andere wunderschön und so prächtig anzusehen wie der bunte Federschmuck, den die Qetzel an den Markttagen angeboten hatten.

Immer wieder sah Jori seine Familie, Vanta und Memi und Tarri, seine kleine Stiefschwester und Ule und Vaidi, seine Stiefbrüder. Es schien ihnen allesamt nicht gut zu gehen. Jori sah viele Tränen, doch wenn er diese seltsamen Träume hatte, dann war es immer so, als sei ein Fremder der Beobachter all dieser Szenen und erzähle sie Jori nur. Seine Gefühle blieben in seinem schlafenden Körper gefangen, während sein träumender Geist mit den Visionen zum Herz des Wilden Waldes flog.

Erst wenn er wieder erwachte, konnte er anfangen, das, was er gesehen hatte, auch zu verstehen und mit seinem Herzen zu erfassen. Dann fragte er sich stets, ob er denn überhaupt die Wahrheit gesehen hatte oder nur ein Was-wäre-wenn, ein Gedankenspiel irgendeines unbegreiflichen, unsichtbaren und übergroßen Wesens, das Joris Geist ganz nach seinem Belieben von seinem Körper trennte und in die Luft warf, wie andere Kinder ein Spielzeug hinauf werfen und es anschließend zu fangen versuchen.

Es frustrierte Jori mehr und mehr, dass er sich mit den Vogelwesen, die ihn gefangen hielten, nicht verständigen konnte. Mehrfach forderte er, seine Fesseln zu lösen, und seine eindringlichen Gesten und Lautmalereien schienen die Fremden auch zu verstehen – doch bevor sie sich ihm auch nur so weit nähern konnten, dass Jori seine Gesten hätte wiederholen können, schlief er wieder ein und versank in tiefe, traumlose Schwärze.

Als dieses merkwürdige Leiden endlich besser wurde, hatte Jori das Zählen der Tage aufgegeben. Er hatte keine Ahnung, wie viele Tage er zur Gänze verschlafen hatte; er wusste nur, dass er endlich, endlich lang genug wach bleiben konnte, um so viel zu essen wie sein Magen nur aufnehmen konnte. Und selbst nach dieser großen Mahlzeit blieb er fast eine ganze Stunde lang wach. Stolz sah er sich um, um von den Vogelwesen eine Bestätigung für die Besserung seines Zustands einzufordern – doch dann genügte ein schlichter Blick von einem der drei Männer, und Jori versank erneut in einen tiefen Schlaf, der ihm einen Traum von der goldenen Stadt einbrachte, in deren Ruinen er sich offensichtlich befand.

Wenige Tage später näherte sich ihm Urrikka-tikka erneut, die Stirn in besorgte Falten gelegt. Sie hockte sich vor ihm hin, und Jori spürte eine neue Welle von Schlaf in sich aufsteigen. Tapfer kämpfte er darum, die Augen offen zu halten.

„Wir ändern Fesseln, Kind.“ sagte sie zu ihm, seine Sprache überdeutlich betonend. Ihre langsame, vorsichtige Sprechweise schien nicht allein von der Unsicherheit der Fremdsprache zu kommen, sondern gehörte offensichtlich auch zu ihren üblichen Angewohnheiten.

„Du mit kommst uns, wir laufen. Dann wird besser, ohne Schlaf. Ist Teich – unter uns zieht. Und unsere… Vorangegangenheit.“

Sie nickte ruckartig, wie um ihre Worte zu unterstreichen.

Joris ganze Antwort bestand darin, dass er die Augen schloss – er hatte den Kampf gegen die seltsamen Träume wieder einmal verloren.

Immerhin waren die Worte der Vogelältesten nicht umsonst gewesen; Jori hatte sie gehört und versuchte, sie zu verstehen. Sie schenkten ihm eine Traumvision, in der er dem dunklen warmen Wasser unter dem Turm bis in unbekannte, schwärzeste Tiefen folgte, zu einer verborgenen feurigen Quelle im schwarzen Gestein. So tief hinab zog ihn sein Traum, dass Jori das Gefühl hatte, langsam von der schieren Masse an Stein über ihm zerquetscht und von Wasser, das seit Jahrhunderten unbewegt an der immer gleichen Stelle verharrte, erdrückt zu werden.

Und ganz am Ende dieses tiefen, dunklen Teiches wartete … ein Auge; ein strahlendes, katzenschlitziges Auge, doch nicht wie sein eigenes in grün und in gelb, sondern schimmernd wie flüssiges Gold…

August 1

9 Jori Gid’eron / Ada

Lächelnd sah die Vogelfrau auf den schlafenden Ada auf ihrem Schoß herab, löste vorsichtig die Hand aus seinen schwarzen langen Flechten.

„Seht ihr – er ist noch ein Kind,“ sagte sie in ihrer seltsamen, von Klicklauten durchsetzten Sprache zu den anderen Vier.

„Im Vergleich zu uns sind viele der anderen Schläge noch Kinder,“ widersprach !Xirruku ihr mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. „Dennoch haben sie ihre eigene Lebensspanne und ihren eigenen Kreislauf von Leben und Tod. Du solltest nicht von den Lebenslinien in seinem Gesicht auf sein Alter schließen; dieses Urteil muss unweigerlich zu einer Täuschung führen.

Und außerdem – er ist ganz augenscheinlich allein. Welcher Schlag würde ein Kind allein in diesen Ruinen aussetzen?“

„Ich weiß es nicht,“ gab Urrikka-tikka, die älteste der Vogelwesen, ihr Einverständnis zu !Xirrukus Ausführung. „Aber ich fürchte, es steckt ein schreckliches Schicksal dahinter.

Wir müssen versuchen, mit ihm zu sprechen, wenn er halbwegs wieder bei Kräften ist. Und über seine Halskette.“

„Er hat aus dem heiligen sehenden Teich getrunken und darin gebadet, Älteste,“ gab Trrajkja, die andere Vogelfrau, zu bedenken. „Zunächst gehört er bestraft; falls er es überhaupt überlebt.“

Doch Urrikka-tikka schüttelte den Kopf. „Wenn er es überlebt, hat er genug Schmerz und Wahn gesehen,“ sagte sie leise. „denn dann hat er gesehen, wie die Welt inzwischen geworden ist; kalt und einsam. Das ist Strafe genug.“

Alle fünf nickten einmal ruckartig mit dem Kopf; ein Zeichen des Einverständnisses unter den Albae, wie sich die Vogelmenschen selbst nannten. „Wie ihr es vorausseht, Älteste,“ antwortete Trrajkja noch förmlich, bevor sich die vier anderen wieder an ihre jeweiligen Arbeiten machten.

Urrikka-tikka streichelte weiter Joris schwarze Haare und sah zu dem schlafenden Panthermenschen hinab. Wie sie es voraus sah.

Juli 22

8 Jori Gid’eron / Ada

Erst nach einer Weile bemerkte Jori, dass die fünf Fremden sich mit einander unterhielten. Das lag daran, dass ihre Sprache Jori absolut fremdartig vorkam, ein Klicken und Scharren und Kieken, dass er eher den Vögeln am offenen Abendhimmel, hoch oben über dieser zerbrochenen Eierschale von einem Turm, zugeordnet hätte als irgendwelchen vernunftbegabten Wesen.
Als er versuchte, diese merkwürdige Sprache zu verstehen, begriff er ganz
allmählich, dass die Fremden mit einander debattierten. Ihre Gesichter waren ruhig und gelassen, aber ihre Gesten waren schnell und ruckartig, so als bahne sich ein Streit zwischen den Fünfen an. Einer von ihnen sah zu Jori hin und bemerkte seinen wachen Blick. Ein einziges „!Xirr“ von ihm beendete die gesamte Diskussion, und alle Fünf blickten auf Jori herab.
Der bleckte die Reißzähne. Er hatte seine Fesseln noch nicht auf ihre Festigkeit hin erprobt, aber er hatte den Verdacht, das diese schwachen, dürren Vogelwesen seine Stärke vielleicht gar nicht richtig einschätzen konnten.
Vermutlich würde seine Kraft – und Schnelligkeit – der entscheidende Vorteil sein, um seinen Findern zu entkommen. Warum sie ihn überhaupt gefesselt hatten, fragte er sich kein einziges Mal – wäre er umgekehrt in derselben Situation gewesen, hätte er einen möglichen Feind auch lieber gefesselt erwachen lassen als frei.
Von der Fünfergruppe löste sich eine der Frauen; Jori schätzte, dass es die
älteste der Schar sein musste. Sie näherte sich vorsichtig dem unbequem
hingestreckten Jori, ihre Hand tastete nach seiner Stirn.
Reflexartig knurrte Jori, fauchte die Fremde an, die ihn gefesselt hatte. Doch sie murmelte nur etwas, das klang wie das Knarren eines alten Baumes, und dann spürte er ihre kühle Hand an seiner Wange. Sie hob sein Gesicht zu ihr auf und sah ihm lange und tief in die Augen. Ihr schwarzer Blick schien tief in Joris Innerstes zu sehen, fragte ihn nach dem Woher und Wohin und vor allem nach dem Warum.

Es war ein trauriges, altes Gesicht, das von großer Mühe genauso wie von
großer Würde gezeichnet schien. Jori fühlte sich plötzlich nackt, unbehaglich – durchschaut. Er zerrte an seinen Fesseln, doch sie hielten.
Die Frau schüttelte sanft den Kopf, dann… dann, Jori fasste es kaum – kniete sie sich direkt neben seinem Kopf nieder und legte ihn sich auf den Schoß, wie man es vielleicht bei einem kleinen Kind macht. Sanft streichelte sie ihm durch die langen schwarzen Haare und über die spitzen Ohren und begann, in ihrer seltsamen Sprache zu singen. Jori machte sich steif und spannte die Muskeln unter den Fesseln. Was hatten sie vor?
Sie winkte mit einer Hand, und einer der anderen brachte von dem Fisch, der am Feuer zum Wärmen gelegen hatte, und von den Früchten und der
seltsamen, halbfesten Speise, die für Jori so gut gerochen hatte.
Wie bei einem Kleinkind begann die Frau, auf deren Schoß Jori liegen musste, ihn mit Brocken von diesem und jenem zu füttern. Da erst merkte Jori, wie ausgehungert er war. Er wusste, dass er, der strapaziösen Reise wegen, dem Tode nahe gewesen war, doch hatte er eher ein Erfrieren als ein Verhungern erwartet. Dennoch, diese wenigen Brocken Essen schon machten ihm klar, wie lange er ohne Proviant unterwegs gewesen war und wie entkräftet sein Körper wirklich war.
Er schlang das Essen hinunter, so gut er es in seiner derzeitigen, absurden Situation konnte, und alles schmeckte ihm so vorzüglich, ja märchenhaft gut, dass er beinahe glaubte, er sei nun ganz und gar in einen verrückten Traum versunken.
Und während der ganzen Zeit fuhr die Frau fort, zu streicheln und zu singen.
Obwohl Jori zwischen den ersten paar Dutzend Bissen noch Zeit gefunden
hatte, zu knurren und auch überlegt hatte, der Vogelfrau die Hand oder am
besten den ganzen Arm abzubeißen, fand er sich schnell von Lied, Wärme und Nahrung dermaßen eingelullt, dass er nichts weiter tun konnte, als liegend zu kauen, das wundervoll warme Essen in seinem Magen und die liebkosende Hand auf seinem Kopf zu genießen.
Es dauerte keine zehn Minuten, bis sein schmaler Hungermagen so voll
gestopft war, wie er es irgend wagen konnte – und bis er wieder eingeschlafen war.

Juli 22

7 Jori Gid’eron / Ada

Jori holte tief Luft. Sich mit wilder Kraft zu befreien, war seine erste Idee. Aber
dann hielt er ruhig und versuchte, zunächst etwas mehr von der Umgebung zu
erfassen, in der er sich befand.
Offensichtlich lag er in dem Hauptraum des Turmgebäudes, das er auf der
Suche nach Nahrung und Wasser betreten hatte. Die Fremden hatten hier ein
großes Feuer entfacht; dazu hatten sie die gemeißelte Schale auf dem
steinernen Fußboden verwendet, über die Jori auf dem Weg hinein schmerzhaft
gestolpert war.
Jori roch den schmerzlich lockenden Duft eines ihm unbekannten
Nahrungsmittels, das in der Nähe des Feuers auf einer flachen Platte briet.
Auch frisches Wasser konnte er riechen, genauso wie viele weitere, ihm
unbekannte Aromen.
Die Fremden waren offensichtlich zu fünft, zwei Frauen und drei Männer saßen
rings um das Feuer und gingen verschiedenen Tätigkeiten nach. Sie waren…
anders als alles, was Jori je gesehen hatte – sie waren keine Ada. Sie waren
hoch gewachsen und beinahe unglaublich schlank, wirkten so dünn und
zerbrechlich, das Jori meinte, mit einem Tatzenhieb all diesen Fremden Armen
und Beine brechen zu können. Während Joris Hautfarbe ein sanftes helles Braun
war, das an seiner Hüfte in sein ungewöhnlich schwarzes Fell überging, waren die Fremden so blass und weiß, dass man meinen konnte, sie beständen
vollständig aus Milch. Um ihre Köpfe legten sich reinweiße Federn, die sie anstelle von Haaren bedeckten. Alle fünf trugen weit fallende, weiße Roben, die seidig schimmerten und denen der Schmutz und Staub der Umgebung rein gar nichts anzuhaben schien.
Jori hatte noch nie soviel so fein gewebten Stoff an einem Menschen gesehen;
diese Wesen mussten sehr reich sein. Das schönste an den Fremden aber
waren die großen, weißgrauen Flügel auf ihren Rücken, die sie wie Vögel
übereinander verschränkt trugen.
Sie machten es ihnen unmöglich, sich zu setzen, daher zogen es diese Wesen
vor, zu hocken oder zu stehen. Zunächst verwirrte ihn die seltsame, ruckartige
Art und Weise, in der sich die Fremden bewegten, aber dann konnte er einen
Blick auf ihre Füße erhaschen, die unter den weiten Roben verborgen waren.
Sie waren breit und flach, erinnerten eher an Flossen als an Füße.

Was für Wesen waren das nur?
Sie hatten durchdringende, komplett schwarze Augen mit dunklen
Umrandungen – was Jori, der selbst nur die grünen Katzenaugen der Ada
gewohnt war, immer wieder aufs Neue auffiel.

Juli 14

6 Jori Gid’eron / Ada

Ruhig erkannte er, dass er ertrinken würde, wenn er nicht bald in seinen Körper zurückfand und seine Arme und Tatzen bewegen würde. Doch irgendwie schien ihm diese Erkenntnis unwichtig, nebensächlich vor der Tatsache, dass der Raum, in dem er sich befand, begann, sich zu verändern. Moos und Schimmelflecken heilten, während er ihnen zusah, verschwanden schließlich ganz. Ein gelbliches, grünliches Licht begann, den Raum zu durchfluten, ausgehend von einer ruhigen Kristalllampe in einer filigranen, silberfarbenen Halterung am Herzstück der Wendeltreppe. Die Wände überzogen sich mit weißem Putz, von oben bis nach unten ins Wasser reichend, und alsdann bildeten sich darauf farbenprächtige, mit Gold und Silber abgestimmte Malereien, die seltsame, vogelartige Wesen zeigten. Der Wasserstand schien ein wenig zu fallen, die Treppenstufen trockneten ab und glänzten mit glatten Fliesen, und dann wurde Joris Geist erneut aus dem Turm heraus gezogen, schwebte durch Licht und Luft und fand sich zu seinem großem Erstaunen über einer vollkommen unversehrten Ansiedlung wieder, die noch um einiges größer zu sein schien, als Jori an den Ruinen zu erkennen geglaubt hatte. Und jetzt waren die Straßen gepflastert, die flachen Dächer mit einer Art goldfarbener Grasmatten bedeckt, die Häuser allesamt unbeschädigt und makellos weiß. Hier und da spannte sich ein bunt gewebtes Vordach vor den Eingängen aus dunklem Holz, Marktstände waren zu sehen, und überall ging Vogelvolk ein und aus; schwebte mit Joris unsichtbarem Geist am Himmel. Höher zog es ihn und höher, in den blauen, wolkenlosen Himmel hinein, bis er nicht mehr wusste, ob er noch flog oder schon stürzte….

Als Jori erwachte, war er trocken, lag auf einer weichen Decke in der Nähe des Feuers, und obwohl in seinem Magen noch immer der Hunger brannte, war ihm warm – verglichen mit den Strapazen der letzten Wochen im Wald war ihm beinahe paradiesisch wohl zumute. Als nächstes jedoch stellte er fest, dass seine vier Tatzen mit dünnen Lederriemen gefesselt waren, und auch seine Hände…

Juli 14

5 Jori Gid’eron / Ada

Endlich endete die bedrückende Vision seiner Vergangenheit am Rande des großen Waldes, dort, wo Jori eines frühen Morgens die weißen Nebelschlieren auf den feuchten Wiesen staunend betrachtet hatte.

Die Ada des Jaguarschlags glaubten, der Wilde Wald sei unendlich groß, gemacht für alles Lebendige, und darum herum sei – wenn überhaupt etwas – dann eine tote, öde, leere Welt, in der nichts existieren konnte. Aber der Wald war endlich, hier, an einem kleinen, namenlosen See, der frisches, eiskaltes Trinkwasser spendete. Der große, behäbige Moth-Fluss war hier noch nicht mehr als ein Bächlein, versteckt in den Wiesen.

Jori hatte den See umrundet und sich auf sonderbare Weise nackt – viel zu gut sichtbar – gefühlt, als er zum allerersten Mal in seinem Leben den Schutz des Waldes verließ und über das taufeuchte Gras geschritten war.

Auf der dem Wald gegenüberliegenden Seite des namenlosen Sees lag die Ruinenstadt im feuchten Nebel verborgen, nur hier und da ragte ein eingefallener Turm oder ein dunkel gähnendes Tor aus dem schützenden Schleier.

Jori hatte noch nie eine Stadt aus Stein, am Boden gebaut, gesehen, und er witterte aufgeregt. Aber außer den bekannten, beruhigenden Gerüchen des Sees und des Waldes konnte er nichts feststellen, dass ihm als Gefahr erschienen wäre.

Entkräftet, wie er war, näherte er sich der Stadt in der Hoffnung, irgendwo irgendetwas zu essen zu finden und vielleicht ein wenig Schutz und Wärme, und sei es auch nur für eine kleine Weile.

Den Kopf in alle Richtungen drehend hatte er die geräumigen, mit weißem, bröckelnden Putz getünchten Gebäude bestaunt, die viel viel mehr Menschen Platz zu bieten schienen als es – seiner Meinung nach – auf der ganzen Welt überhaupt geben konnte. So war er in den verfallenen Turm in der Mitte der Stadt geraten, angezogen von dem Dunkel hinter einer vom Efeu eingerahmten Türöffnung.

Die Wärme der heißen Quelle, ganz unten in diesem Gebäude, hatte er als leisen, liebkosenden Lufthauch am Eingang erspürt, und so war er hier auf der glitschigen, verfallenden Wendeltreppe gelandet.

Jori sah sich selbst, seinen eigenen Körper, so, als würde er knapp unter der steinernen Decke schweben. Zu seinem Erstaunen hing der kräftige Jaguarleib schlaff herab, sein Kopf ruhte auf seinem Arm, die schlitzförmigen Nasenlöcher nur noch knapp über der Wasseroberfläche. Du träumst mit offenen Augen…

Juli 14

4 Jori Gid’eron / Ada

Jori weinte lange, versuchte, mit Vater und Mutter zu sprechen, doch beide taten nur so, als hörten sie ihn nicht. Jetzt rückblickend erkannte er, dass sie den Beschuldigungen gegen ihn geglaubt haben mussten, sonst hätte nichts auf der Welt sie daran hindern können, ihren Ziehsohn weiterhin zu unterstützen. Doch damals, vor diesem langen, kalten Winter, hatte er es nicht verstanden, hatte ihnen Vorwürfe gemacht und in die stummen, verschlossenen Gesichter geschrien, die so taten, als bemerkten sie seine Anwesenheit nicht. Niemand von den Ada sprach noch ein Wort mit ihm, alle wichen seinem Blick und seinen Berührungen aus, egal in welches Territorium er auch ging. Verzweifelt erkannte Jori, dass er hier – bei seinem eigenen Volk – den Winter auf keinen Fall überleben würde. Er würde fort gehen müssen, weit fort – irgendwohin, wo es andere Stämme gab.

Er stahl soviel an Nahrung, wie er tragen konnte, nahm seinen Speer und seinen Bogen an sich, seine Angelschnur und sein Steinmesser, drei Felle und die wenigen Habseligkeiten, die er als sein eigen auf dieser Welt betrachte. Es schmerzte ihn sehr, dass er sie teilweise aus den Hütten der anderen Ada stehlen musste, die sie an sich genommen hatten. Sein Messer nahm er aus Ayles Hütte; es lag neben ihrer Hängematte.

Dann ging Jori fort, am Jägerstein vorbei nach Süden, gegen die Fließrichtung des großen, behäbigen Moth-Flusses… immer in der Hoffnung, dass er vielleicht bald auf andere Stämme stoßen würde oder nach Süden hin wenigstens dem herannahenden Winter noch ein wenig länger würde entkommen können.

Ayle saß auf dem Stein, als er ging, doch sie hatte ihm keinen Blick geschenkt und tat es auch jetzt nicht.

Den Kopf gesenkt, trottete Jori voran, immer weiter fort von dem geliebten Herz des Wilden Waldes, von den riesengroßen Bäumen und den Ada, die er als seine Familie angesehen hatte.

Der Winter senkte sich schwer auf seinen Körper und auch auf seine Seele. Er weinte viel, denn sein Körper litt Hunger und sein Geist sehnte sich nach Gesellschaft.

Die Vorwürfe, die abweisenden, von seiner Schuld überzeugten Gesichter, drängten sich in seinen Schlaf und weckten ihn, und bald glaubte sich Jori selbst schuldig. Vielleicht hatte er sich ja wirklich falsch verhalten? Hätte er seinen Platz an Mela’chaks Schlafmatte nicht Unnin überlassen müssen? Brachte er wirklich Unglück, und wenn ja, wodurch? Durch eine Berührung? Oder nur durch seine Anwesenheit allein? Hätte er Mela’chak nicht berührt, hätte das einen Unterschied gemacht? Hätte der alte Mann vielleicht nicht sterben müssen, wenn er die richtigen Kräuter gegen den Tod gekannt hätte? Warum, wenn Mela’chak sie kannte, hatte er sie nicht in seinem Haus und ihm erklärt, wie man sie anwendete? War alles, was er gelernt hatte, denn ein Fehler gewesen; nur ein Trugschluss, dass es ihm nützlich sein könnte?

Der Winter war lang und hart, und Jori war so ganz und gar allein wie nur wenige Menschen zuvor. Seine Pfoten, an derartig lange Wanderungen noch nicht gewöhnt, wurden bald rau und wund und hinterließen kleine, blutige Spuren im schneeigen Untergrund. Keinen Tag gab es, an dem Jori nicht fror und Hunger litt, keine Nacht, in der er nicht geweint hätte um seine verlorene Familie und sein verlorenes Heim, seine wenigen Freunde und um einen einzigen, anerkennenden Blick von Ayle. Nur der Wald war um ihn, schweigend und schlafend, und bald bildete Jori sich ein, er könne die Geister der Toten zwischen den Bäumen sprechen hören, wie sie ihm Geschichten von ihrem eigenen Leid erzählten… davon, wie sie gestorben waren.

Friedvolle Tode gab es und grausame, Menschen, die mit erhobenem Haupt zu den Großvaterbäumen gegangen waren und solche, die sich mit Klauen, Händen und Zähnen an der Grünen Welt festgehalten hatten, weil sie Angst vor dem hatten, was sie vielleicht dort erwartete. Aber bald erzählten sie ihm, dass das Hinlegen, das Aufgeben und Einschlafen gar nicht schlimm sei, viel einfacher als das Atmen und Frieren und das sinnlose immer und immer Weitergehen.

Jori versuchte, sie nicht zu beachten. Doch da begannen die Geister zu singen. Wunderschöne, verlockende Stimmen erhoben sich im Wind und trugen ihn mit sich fort in ein warmes, schönes Land, in dem immer Sommer war und man die dicken Flussfische mit der Hand greifen konnte, wo rot-goldene Beeren an den Sträuchern hingen und Fleisch zum Trocknen über dem Feuer.

Nicht allzu lange dauerte es, bis Jori aus seinem wunderschönen Traum erwachte, schluchzend wie ein kleines Kind, weil er die überwältigenden Farben und die wohlige Wärme nicht gehen lassen wollte.

Doch seine Glieder waren steif und schmerzten vor Kälte, in seinen Haaren hing der Schnee, und neben ihm im Fluss trieben kleine Eisschollen im kalten Wind hangabwärts – und Jori wusste, wie nahe daran er gewesen war, zu erfrieren.

Viele Tage ging Jori am Fluss entlang. Ungezählte Tage nagenden Hungers, gefolgt von bitterkalten Nächten. Noch drei Mal hatte er solche Träume und seine liebe Not damit, wieder in der wirklichen, grausamen Welt aufzuwachen, ehe er sich ganz und gar der Kälte ergeben musste.

Juli 14

3 Jori Gid’eron / Ada

Und Mela’chak starb. An einem stürmischen Herbstmorgen wollte er einfach nicht mehr aufstehen, und als Jori an seiner Schlafmatte sitzen blieb, um dem alten Mann den Weg zu den Großvaterbäumen wenigstens mit ein wenig Gesellschaft zu erleichtern, stürmte Unnin aus der Hütte, rannte den ganzen Weg bis zum großen Feuer und erzählte dem Waldältesten, Jori habe einen Fluch über ihren Kräutermann gewirkt, so dass er nun elendiglich sterben müsse.

Nicht viele von Joris Freunden wollten für ihn und gegen Unnins Anklage sprechen an diesem Abend in der Hütte des Waldältesten, und so wurde entschieden, dass das Feuer zu Joris Vergehen befragt werden sollte.

Das große Feuer, das seit eh und je in der Hütte des Waldältesten in einer großen irdenen Schale brannte und im Winter sogar mit in die Höhlen umzog, war von den Altvorderen entzündet worden und wurde seit Generationen am Leben erhalten.

Jori musste sich vor diese Feuerschale setzen; Unnin als der Nachfolger des Kräutermanns übergab ihm einen Kiefernzapfen, den er ins Feuer werfen sollte. Wenn der Zapfen unter Knacken und Funkenstieben verbrannte, galt dies als gutes Zeichen und brachte Glück.

Doch Unnin hatte den Kiefernzapfen durchnässt – wie Jori später erfuhr sogar mit seinem eigenen Urin – und als er ihn ins Feuer warf, gab er nur ein schwächliches Zischen von sich und wollte gar nicht brennen.

Nun wurde Jori als Ursache für all das Unglück gesehen, dass den Ada in den letzten Jahren geschehen war. Stolz reckte Unnin sein von der Borkenmaske verdecktes Haupt und stieß einen bestätigenden Schrei aus.

Traurig schüttelte der Waldälteste sein Haupt und verkündete Joris Verbannung. Ein Geist sollte er von nun an sein, dem keiner Gehör schenken durfte. Joris Name durfte, wie der eines Toten, nicht mehr erwähnt werden, und ihm Essen oder Trinken anzubieten, war verboten.

Joris eigene Eltern – die sich seiner angenommen hatten, nachdem man ihn aus dem Fluss gefischt hatte, die ihm Milch zu trinken gegeben hatten und mit denen er gerauft, gejagt und gefischt hatte, seit er denken konnte – huben für ihren lebendigen Sohn ein Grab aus und hielten Trauerandacht für ihn.

Vanta, Joris Vater, stellte all die Dinge, die Jori gehört hatten, vor sein Haus; wie man es bei einem Verstorbenen macht, damit diejenigen, die etwas brauchen, es sich heraussuchen können.

Juli 14

2 Jori Gid’eron / Ada

Von den Ada wusste keiner, warum das so war, doch der Weg zu den anderen Stämmen war weit; schon zum Herbstmarkt war es weit, fast zwei Hände voll Tagesreisen den Fluss entlang.

Aber auch die Ada hatten nur noch wenige Kinder, die den Winter überlebten. Die Alten sagten, dass die Winter härter geworden waren, kälter und länger als in ihrer Jugend, und dass es nun das wichtigste war, Vorräte anzulegen.

Doch jeden Winter starb mindestens einer von den Alten und mindestens fünf von den Jungen, und so zählte der Ada-Stamm nur noch 40 Köpfe, als Jori alt genug geworden war, um ein Jäger zu sein.

Auf die Jäger und Jägerinnen musste man sich nun verlassen können. Doch obwohl man unter diesen Umständen annehmen könnte, dass die Schwierigkeiten den Stamm dazu zwingen würden, enger zusammen zu stehen und gemeinsam allen Widrigkeiten zu begegnen, herrschte mehr Uneinigkeit und Streit unter den Ada als früher. Vielleicht, weil der Jaguarschlag im Grunde aus Einzelgängern bestand und das enge Zusammenleben ihnen mehr schadete als nützte. Aber allein hatten die Ada in den kalten Wintern keine Überlebenschance, das hatte sich in der Vergangenheit deutlich bewiesen. Und, so nahm man wenigstens allgemein an, es war wohl auch der Grund für die Abwesenheit der anderen Jaguarstämme beim Herbstmarkt. Wer nicht seine mageren Vorräte zusammenlegte, sich in den engen, stinkenden Höhlen verkroch und sich gegenseitig den Pelz wärmte, der musste elendiglich verhungern und erfrieren.

Ganz besonders Jori bekam dies zu spüren, denn Jori sah anders aus als die anderen Ada. Wenn nicht sein großer Wuchs und seine langsame Entwicklung die anderen Ada daran erinnerte, dass Jori einst als nasses Bündel aus dem großen Moth gefischt worden war, dann sein schwarzes, glänzendes Fell, dass sich von den beigen Flecken der anderen Ada so deutlich unterschied.

Jori war kein besonders guter Jäger, kein besonders guter Tänzer oder Sänger oder Fischer. Außer seinen großartigen Träumen, die er bald der schrägen Blicke wegen den anderen nicht mehr zu erzählen wagte, konnte er gar nichts besonders gut.

Doch eines tat Jori gern – er hörte gerne zu. Vor allem Mela’chak, dem Kräutermann, mit dem er stundenlang auf der schmalen Balustrade vor des alten Mannes Haus‘ sitzen konnte, dort oben, auf der großen, vielfach verzweigten Buche, so weit oben, dass ringsumher der Waldboden von tausend flatternden Blättern verborgen wurde und die Vögel sich auf das Geländer setzten und meinten, es seien kleine Äste.

Unnin, der Lehrling des Kräutermannes, war bald eifersüchtig auf diese ungleiche Freundschaft und meinte, Mela’chak brächte Jori etwas bei, dass er nicht wissen dürfe.

Ganz unrecht hatte er mit diesen Vorwürfen wohl nicht, denn bald wusste Jori genauso viel vom geheimen Wesen der Pflanzen wie Unnin – doch geschah dieses Lernen keineswegs, um Unnin auszuschliessen.

Es war eher so, dass Jori das Verstehen, die Aufnahme von Mela’chaks Wissen, nicht verhindern konnte – es tröpfelte einfach so in ihn hinein, blieb hängen und war nicht mehr weg zu bekommen, füllte seinen Geist so selbstverständlich, als habe es immer schon dort hin gehört.

Unnin, der mühsam mehrfach alles wiederholen und üben musste, was Mela’chak ihn lehrte, kam dieses Zufliegen von Wissen natürlich unheimlich vor, und Neid war schnell die Folge.

Als der Herbst sich seinem Ende näherte und das Volk der Ada sich für den Umzug von den hohen Baumkronen in die wärmeren Erdhöhlen bereit machte, hatte die schlechte Stimmung unter den Ada einen noch nie dagewesenen Stand erreicht. Trotz aller Anstrengungen waren die Vorräte knapp bemessen für den langen, kalten Winter, der den Zeichen nach vermutlich bevorstand. Das Wild war schnell und scheu, die Vögel zogen in langen Reihen nach Süden, und der Wind schüttelte die Baumkronen und die Behausungen der Ada.

Juli 14

1 Jori Gid’eron / Ada

Jori duckte sich tiefer in die Schatten auf den feucht-kalten Steinen der Wendeltreppe. Dort oben waren Leute! Helle, fremdartige Stimmen hallten zwischen den alten, moosbewachsenen Steinen wieder. Sein scharfes Gehör sagte ihm mit unerbittlicher Sicherheit, dass er von hier unten nicht unbemerkt würde herauskommen können – dass er in der Falle saß.

Warum um alles in der Welt war er nur hier herunter geklettert?! In einer verlassenen Stadt in einen halb eingestürzten Turm…

Unruhig schlug die Spitze seines Schwanzes hin und her, bis er es bemerkte und hastig unterdrückte, damit nicht das Geräusch spritzenden Wassers die Fremden über ihm alarmierte.

Wie war er nur hier hineingeraten? Jori seufzte. Noch vor ein paar Stunden hatte er sich sehnlichst Gesellschaft gewünscht, sich nach anderen Stimmen gesehnt und jemandem, mit dem er reden konnte; jemand, der kein Geist war und ihn nicht mit stummen Anklagen überhäufte. Und jetzt – war sein Wunsch offensichtlich in Erfüllung gegangen, doch Freude darüber vermochte Jori beim besten Willen nicht zu spüren. Nur Misstrauen krampfte ihm den ohnehin schon leeren Magen zusammen.

Jori wich noch etwas weiter in das warme, mineralisch riechende Wasser zurück. Vielleicht würden sie ja nicht hier herunter kommen… vielleicht waren sie wegen etwas ganz anderem hier… vielleicht…

Merkwürdigerweise fühlte Jori sich nun schuldig, dass er in dieser warmen Quelle am Ende der Wendeltreppe gebadet und von dem leicht bitter schmeckenden Wasser getrunken hatte. Was, wenn die Fremden da oben die ehemaligen Bewohner dieser Ruinenstadt waren und ihm sein Eindringen übel nahmen? Was, wenn….?

Plötzlich, wie eine über seinem Kopf zusammenschlagende Welle, überkam ihn die Erinnerung an sein verlorenes Zuhause. Haltlos, kraftlos rutschte Jori noch ein Stückchen weiter die glitschige Treppe hinab, so dass er nun mit dem schwarzen, schlanken Leib im Wasser lag und nur sein Kopf und Oberkörper noch auf die Treppe herausragte.

Mit all seiner verbleibenden Kraft wollte Jori sich herausziehen, bemühte sich gleichzeitig, möglichst kein Geräusch zu machen, um die Fremden da oben nicht aufzuschrecken – doch es war so sinnlos, als hätte das dunkle, blutwarme Wasser sich vorgenommen, ihn zu verschlingen.

Tatsächlich fühlte Jori keine Panik, kein Entsetzen über seine plötzliche Wehrlosigkeit, denn sein Geist wurde von seiner Erinnerung fort gerissen, weit, weit nach oben in die Luft gewirbelt, achtlos wie ein loses Blatt und doch vom Winde geborgen, sanft geschaukelt und getragen.

Nach Westen und Norden wehte er, bis er die riesigen Bäume seiner Heimat aus dem Wilden Wald herausragen sah. Dorthin, wo alles begonnen hatte, segelte er, und mit Augen, die so scharf wie die eines Adlers waren, konnte er die Jagdhütten seines Volkes sehen, die wie zu groß geratene Vogelnester an den großen Stämmen und auf den ausladenden Ästen klebten. Brücken und bunte Bänder verbanden sie, Seile waren zwischen den Plattformen und Häusern gespannt.

Selbst in seinem seltsam entrückten, körper- und gefühllosen Zustand versetzte Jori der unerwartete Anblick seiner Heimat einen schmerzhaften Stich. Dort war der Moth-Fluss, dort die Schaukelseile, mit denen die Kinder zu spielen und ins Wasser zu plumpsen pflegten, dort die Hütte des Waldältesten, wo sich allabentlich alle am großen Feuer versammelten und Geschichten erzählten und Lieder sangen. Dort, etwas weiter entfernt, war auch Mela’chaks Hütte, in der er so lange gelernt hatte; dort unten der Jägerstein, auf dem die Mädchen zu sitzen pflegten, wenn die Jäger auszogen, damit sie ihnen kichernd hinterher winken konnten oder Frechheiten hinterher rufen. Dort würde Ayle wohl sitzen, wäre jetzt Sommer. Dort würde Jori vorbeigehen, geschmückt für die Jagd, und hoffen, dass sie einen Blick auf ihn werfen würde, einen einzigen nur…

Doch es war und blieb ein Trugbild. Dieser Sommer war vergangen, auch der Herbst, und er hatte Joris Volk, den Ada vom Jaguarschlag, nichts als Unglück gebracht.

Schon lange siechte Joris Volk dahin, waren es immer weniger und weniger Stämme geworden, die sich zum großen Herbstmarkt an der südlichen Flussbiegung trafen. Letztes Jahr waren die Ada alleine dort gewesen und waren nach 2 Tagen Wartezeit umgekehrt, denn Niemand war zum Tauschen gekommen, weder Qetzel noch Barrin oder Karruk – kein anderer Stamm vom Jaguarschlag schien noch Interesse am Handel zu haben.