August 5

25 Jori Gid’eron / Ada

Er sah zu den Hütten der Falkensippe hinüber und erschrak erneut, als er feststellte, was das böse Ding mit seinen gedrehten Blitzen anrichtete. Mit krachendem Donner schlugen sie in die Wände der Hütten ein, zersiebten Behausungen und Menschen gleichermaßen. Die Schreie der Sterbenden konnte Jori über den ohrenbetäubenden Lärm des Dings hinweg nicht hören. Er sah eine Frau, die, ihr Kind auf dem Arm, vom Drehblitz zerfetzt wurde und als blutige, sich windende Masse zu Boden ging. Er sah, wie das Dach eines Hauses einstürzte, weil alle Pfosten durchsiebt worden waren, und unter den Trümmern eine bittend ausgestreckte Hand zum Vorschein kam.

Er sah, wie der Blitz ein bereits blutverschmiertes, heulendes Kleinkind tötete, in dem er seinen Kopf explodieren ließ. Ebenso erging es einem Krieger, halbwüchsig noch fast, der es immerhin geschafft hatte, einen Speer in die Hand zu nehmen, bevor auch er vom Blitz getroffen wurde und zu den anderen Toten fiel.

Jori selbst hätte vielleicht Grauen empfunden – aber der Albae, durch dessen Augen er sah, fühlte nichts als Befriedigung.

Seine Aufgabe war erfüllt, seine Rache genommen.

Diese sterbenden Menschen waren Räuber, Diebe und Mörder und würden auch ihre Kinder zu nichts anderem erziehen. Sie mussten ausgelöscht werden, allesamt.

Jori spürte den in sich selbst aufsteigenden Ekel wie eine große, dunkle Woge auf den Albae zu kommen, der immer noch frohlockte.

Ja, für diese heldenhafte, wundervolle Tat war es richtig gewesen, das böse silberne Ding zu nehmen, auch wenn die wummernden, hämmernden Stöße der Dreh-Blitz-Maschine in Kürze die leichten, schwachen Vogelknochen der vier Albae-Träger zerstören würden. Keiner der vier hatte eine Rückkehr eingeplant, und auch die Maschine – Jori wußte nun, dass es eine Maschine war, wenn auch nicht, woher – war nur für eine einzige Verwendung gebaut worden.

Noch während die Dunkelheit seiner wahren Gefühle um Jori herum heraufzog, hörte und fühlte er das scharfe Knacken seiner falschen, brechenden Rippen und den Aufschrei einer seiner Albae-Gefährten, dessen rechtes Schultergelenk nun in einem unnatürlichen Winkel nach unten hing. Bald würde, bald musste doch diese ekelhafte Vision vorbei sein…

Als der Junge am Feuer einfach umfiel, trat Pakaa’ke zwischen den Bäumen hervor.

Er sah sich an, woran der junge Panther gearbeitet hatte- offensichtlich ein Speer mit steinerner Spitze.

Er musste sich gut auskennen n der Wahl der richtigen Rohmaterialien – die Spitze war scharf behauen und nicht so groß, dass sie brechen oder die Gewichtsverteilung des Speeres zu stark beeinflussen konnte. Auch der Schaft war sorgfältig ausgewählt und nicht zu lang, so dass man damit sowohl werfen als auch stechen konnte.

Auf dem Feuer kochten, in einer intelligent angelegten Konstruktion, Birkenspähne, um den schwarzen Teerkleber herzustellen, der die beiden Werkstoffe zusammen mit einigen Sehnen und Fasern halten würde.

Man konnte nicht behaupten, dass der junge Panther dumm wäre – nur kannte sein Volk offensichtlich kein Metall und auch keine Maschinen. Und es glaubte an die Existenz von Baumgeistern in den tiefen Wäldern… und hatte diese offensichtlich noch niemals zuvor verlassen.

Pakaa’ke schüttelte den Kopf und zog Jori aus der unmittelbaren Gefahrenzone am Feuer. Würde der Junge dort liegenbleiben, hätte er in zwei, drei Stunden spätestens schlimme Verbrennungen, und wenn er sich, gefangen in seiner Vision, auch noch bewegte, konnte er gut sein, dass er mitten im Feuer lag und gar nicht mehr aufwachen würde.

Pakaa’ke konnte sich leichtere Tode vorstellen. Der Junge war schwer, aber er schaffte es, ihn in Sicherheit zu hieven.

Er legte ihm eine Decke um und wartete geduldig – ganz so, wie der Auftrag der Vogelältesten gelautet hatte.

Sie hatte geahnt, dass Jori der furchtbaren Macht der träumenden Quelle von Lebanis auch auf diese Entfernung nicht entgehen würde.

Pakaa’ke war fast ein wenig neidisch auf Jori. Kaum einer der jüngeren Vogelleute vermochte, den tiefschürfenden Gedanken und verwickelten Vorahnungen der Ältesten, Urrikka-tikka, irgendwie zu folgen. Aber Jori eiferte ihr nach, träumte ihre Träume und erlebte ihre Sorgen, teilte ihre Gedanken, ganz sicher.

Wäre Pakaa’ke an seiner Stelle gewesen, hätte er seine Fähigkeiten benutzt, um die Älteste zu schützen, wie es seine Aufgabe war in allen Dingen – aber was die Traumwelt anging, vermochte er es nicht, vermochte es keiner der anderen Albae.

Urrikka-tikka war die letzte Seherin der Albae, denn Lebanis war zerstört und verlassen. Niemand konnte mehr von der träumenden Quelle als Traumhüter gewählt werden.

Pakaa’ke bedauerte dies. Aber Lebanis war zerstört und verlassen, und sein Volk – genauso wie die anderen Vogelvölker – war bei weitem nicht mehr zahlreich genug, um – wie einstmals – die Welt zu umfliegen und zu beherrschen.

Es ist die Zeit der Vierbeiner, dachte Pakaa’ke. Die Zeit der Erdgebundenen ist mit diesem letzten Krieg angebrochen , und wir sind nur noch selten gesehene Schatten an fernen Himmeln….

August 5

24 Jori Gid’eron / Ada

In dem rasenden, fallenden Dunkel gefangen, wusste er, dass er in einem Traum war. Seine Gefühle und Instinkte waren wieder einmal weit fort; es war, als ob Jori nur noch aus Augen bestand, die zu sehen hatten, was die Quelle mitteilte.

Jori fiel. Jori flog. Jori schwebte. Er wusste nicht genau, was von alledem – vielleicht auch etwas dazwischen. Er wusste nur, dass es dunkel war, nicht warm und nicht kalt – als hätte er alle seine Sinne dort oben auf der Erde zurückgelassen. Dann sah das Auge. Es war ein Tunnel aus Licht, gelbes, grünes – an den äußeren Enden leicht zugespitzt und in der Mitte mit einer katzenartig geschlitzten, lichtlos schwarzen Pupille. Ein riesenhaftes Auge mitten im Nichts. Jori wurde das Gefühl nicht los, es sei eine Sie, die da starrte, obwohl außer dieser einen riesenhaften Iris rein gar nichts in der Schwärze zu erkennen war. Sie starrte ihn an, wie er fiel. Oder schwebte. Tief, tief hinab, so tief, dass er das Gefühl hatte, schon wieder zu steigen, hinauf zu fliegen auf dieses riesige Auge zu. Er hätte schreien können vor eisig-kaltem Entsetzen, vor der Angst, auf oder in diesem riesenhaften und rätselhaften Gebilde auf zu prallen oder zerquetscht zu werden – aber er hatte keinen Mund. Er hatte auch keine Ohren, mit denen er seinen eigenen Schrei hätte hören können. Er war nur noch Geist, nur noch ein winziges Fünkchen Sein, und bevor er am meisten Angst hatte, war das dieses riesenhaft strahlende Gebilde sein glühwürmchenschwaches Leuchten überstrahlen und auslöschen würde, ohne davon auch nur Notiz zu nehmen.

Das Auge füllte seine gesamte Wahrnehmung, kam näher und näher und Jori verschwand in der lichtlosen Schwärze der rätselhaften Katzenpupille, groß wie die Welt. Dann kehrten seine Sinne wieder. Hören – das Geräusch des Windes, der durch seine Haare strich. Fühlen – die Luft, die an ihm vorbei strömte, während er weiter und weiter aufwärts flog. Sehen – einen mächtigen Sonnenaufgang, der eine große schneeige Bergkette im Süden beleuchtete, deren majestätisch graue Gipfel sich weit über die dampfigen Wälder erhoben, in denen der Nebel hing. Wunderschön – und keineswegs real. Zumindest nicht für Jori, denn irgendwie wusste der Ada- Junge, dass er neben seinem Feuer am fernen Ende des Sees lag und träumte.

Er hatte sogar einige Momente lang das Gefühl, er könnte sich von dieser Vision lösen, sein Bewusstsein in seinen Körper zurückzwingen, wenn er es wirklich wollte.

Er spürte, er war nicht allein am Feuer. Jemand war da und achtete auf ihn. Aber auch in seiner Vision war er nicht mehr allein. Er flog im Verbund mit drei anderen Albae, die weißen Federn über den heller werdenden Himmel gebreitet.

Und sie alle vier zusammen trugen etwas, ein silbrig glänzendes Ding das… böse war. Jori konnte es nicht anders beschreiben, er wusste nicht welchen Zweck dieses Ding erfüllte und konnte sich auch nicht vorstellen, wie eine Pflanze oder ein Tier aussehen musste, das dieses Ding hervorgebracht haben könnte. Ein wenig glänzte es wie sein Zunje, das er seltsamerweise wieder um den Hals trug. Aber dieses Ding war groß, sehr groß und schwer und… verschachtelt, verzweigt und verworren.

Es war schwierig in Formationen zu fliegen, aber seine drei Begleiter und er hatten das tage- und wochenlang geübt, wusste er plötzlich.

Jetzt konnte es nicht mehr allzu weit sein bis zu dem Bergdorf der Falkensippe, ja, da wurde es deutlich sichtbar an dem schroffen Berghang, den sie anflogen.

Es waren anders gebaute Häuser als die mit den goldenen Dächern der Stadt am See, Lebanis. Die Gebäude waren eher kuppelförmig, bunt bemalt und mit vielen Ein- und Ausgängen in allen Himmelsrichtungen versehen. Die meisten waren aus Lehm und Holz geformt worden und sahen so aus, als würden sie nur das allernötigsten an Regen und Schnee abhalten können.

Viele Falkenleute flogen und gingen ein und aus, braune Flügel und braune Gesichter, viele mit harten, strengen Zügen und zu Zöpfen geflochtenen schwarzen Haaren. Jori konnte Singen hören und ein Klopfen und Klingen wie von einem Schmiedehammer, Ratteln und Rütteln und Lachen und fröhliche Gespräche. Inzwischen empfand er das Ding, das sie zu viert trugen, als eine schwere Last, die viel leichter zu heben gewesen wäre, wenn sie nicht so nah an den schroffen Felsen entlang fliegen müssten, gerade unterhalb der Sichtlinie des Dorfes.

Einer der anderen gab das vereinbarte Signal, und Jori und seine Gefährten mussten sich noch mehr anstrengen, um das böse Ding im Gleichgewicht zu halten, während der vierte sich an dem Gerät zu schaffen machte. Es begann, zu klicken und zu klacken, als sei es jetzt aufgewacht. Ein großes, rundes teil begann sich zu drehen und wurde von selbst immer schneller und schneller. Der vierte Mann legte sich wieder ins Geschirr, und wie sie es geübt hatten, tauchten sie genau in dem Moment über der Klippe auf, als das böse Ding anfing, mit fürchterlichen Stößen Donner und blitze aus sich heraus zu schießen.

Jori sah sich angsterfüllt um – das konnte doch auf keinen Fall richtig sein, was das Ding da machte? Aber auf den Gesichtern seiner Gefährten entdeckte er nichts als Befriedigung.

August 5

23 Jori Gid’eron / Ada

Die Albae nickten ebenfalls. Nun war es beschlossen – aber so viele Fragen waren noch offen! Wenn Jori doch nur mehr wüsste…!

Er grübelte noch lange über diese Entscheidung, während die Sonne hinter dem Wald versank und es empfindlich kalt wurde. Dichter, zäher Nebel zog aus dem Wald herauf und ließ alles außerhalb der Reichweite ihres kleinen Feuers in Ungewissheit versinken.

Er wusste nicht genug über die Welt außerhalb des Waldes, über diese Leute, über die Zunje – nichts über gar nichts wusste er! Wie konnte er da die richtige Entscheidung treffen? Wie konnte er überhaupt eine Entscheidung treffen, egal, ob falsch oder richtig? Konnte er diesen Leuten, diesen Fremden, wirklich vertrauen? Es kam Jori so vor, als lägen hunderte von Wegen vor ihm, hunderte Möglichkeiten, diesen grasigen Hügel zu verlassen.

Eine sinnvolle Entscheidung war ihm nicht möglich. Jedes Ja, jedes Nein und sogar jedes Vielleicht würden Konsequenzen haben, die er von hier aus nicht absehen konnte, egal wie weit er sich empor reckte und seine Augen anstrengte, um in die Ferne hinter die Hügel zu schauen.

Das macht mich frei, begriff Jori plötzlich. Wenn jede Entscheidung etwas gleichermaßen Unbekanntes bedeuten kann – dann ist es wahrhaftig gleich, welche Entscheidung ich treffe. Das Gute, das Schlechte – es kommt sowieso aus dem Nebel hervor. Vielleicht auf andere Art, vielleicht früher oder später – aber es kommt sowieso, so, wie der Weg eben verläuft. Ich kann nur das tun, was ich für das Beste halte – und nichts sonst. Und warten, bis der Nebel wieder fort geht.

Mit diesem Gedanken und einem blassen, fernen Stern über sich schlief Jori erneut, tief und traumlos, und war noch im Schlaf dankbar dafür, dass er diesmal keine Bilder sah und ihn die Träumende Quelle nicht erneut rief.

Am nächsten Tag gab er Urrika-tikka sein Zunje. Auf ihr Anraten hin lief er zum See hinunter, bis auf die andere Seite hinüber zum Waldrand, denn sie sagte, wenn sie mit dem Zunje die Kräfte der Träumenden Quelle riefe, dann könnte es sehr wohl sein, dass Jori von ihr ebenfalls gerufen werde. Wenn er also den Tag nicht in unfreiwilligen Träumen verbringen wollte, musste er Abstand halten.

Das war für Jori eher Freude als Pflicht, denn er wollte gern seine Ausrüstung wieder vervollständigen. Also würde er einen neuen Speer machen.

Er sammelte Holz und machte ein eigenes kleines Feuer im nassen Wald, in der Nähe der Stelle, wo der mächtige Moth-Fluss aus dem namenlosen See entsprang. Jori bewunderte das kleine Bächlein, dass er hier nur war, für eine ganze Weile. Er reist durch das ganze Land, überlegte sich Jori, und wird dabei größer und größer, mächtiger und mächtiger. Bis eine Kehre im Flussbett ein unüberwindliches Hindernis wird und ein Hochwasser viele Tageslängen Wald überspülen kann. Wieviele Dinge mag es wohl geben, die auf ihrer Reise durchs Leben so mächtig werden? Und weiß dieser kleine Bach, was er einmal sein wird?

Es dauerte eine ganze Weile, bis Jori einen geraden Ast gefunden hatte, der ihm für seine Zwecke geeignet erschien. Er war etwas länger als sein Arm, ein guter Spieß, den man auch wie einen Speer zum Werfen gebrauchen konnte. Vorsichtig brachte er ihn mit seinem Steinmesser in Form und trennte die Spitze auf. Es war einfach, einen passenden Feuerstein für die Spitze zu finden, denn in dem grasigen Hügelland bildeten sie einen Teil des natürlichen Bodens, so dass Jori gar nicht tief graben oder weit laufen musste.

Jori wusste, dass es oft auch Zunderstein dort gab, wo Feuerstein war, und suchte erfolglos eine Weile danach. Der goldfarbene, glitzernde Stein ließ sich nicht finden, so dass Joris Zunderstein in seiner Tasche alleine blieb.

Danach machte er sich daran, den Feuerstein geduldig in Form zu schlagen; er sollte die Spitze des Speeres werden, und Jori wusste, dass dies den größten Teil des heutigen Tages in Anspruch nehmen würde. Immerhin fand sich schnell ein flacher Stein im Bach, auf dem er den Feuerstein gut schleifen konnte. Alle paar Minuten musste er eine Pause machen und seine Hände am Feuer wärmen, weil sie in dem eiskalten Wasser zu schmerzen begannen.

Gerade saß er wieder einmal am Feuer, als es ihn wie ein schwarzer Blitz erwischte : Seine Welt wurde dunkel, versank in plötzlicher Schwärze, und das kleine Feuer schrumpfte zu einem hellen Fünkchen zusammen, das immer kleiner wurde, während er mit verwirrender Schnelle nach hinten gerissen wurde. Er fuhr seine Krallen aus, peitschte wild mit dem Schwanz, fauchte und knurrte – und konnte doch rein gar nichts tun, denn sein Körper, das wurde ihm mit einem Mal klar, lag noch immer an dem Feuer im Matsch, und es war nur sein Geist, der durch die Schwärze raste. Ohne Anhaltspunkte durch die Dunkelheit zu rasen bescherte ihm dennoch das sichere Gefühl, dass er auf die Träumende Quelle zu flog, über den See und dann bergauf, zwischen den zerfallenen Ruinen von Lebanis hindurch. Tatsächlich lichtete sich das Dunkel allmählich, so als ginge die Sonne noch einmal auf an diesem Tag, und zeigte Jori gerade genug, um zu erkennen, dass er genau über dem hohen Turm, der über der Quelle erbaut war, in leerer Luft stand und dann wie ein Stein nach unten zu stürzen begann. Schreiend und wild um sich schlagend fiel Jori durch massiven Stein hindurch, an der hell erleuchteten Haupthalle vorbei und die steinerne Treppe hinunter. Doch auch das schwarze Wasser der Quelle war kein Halt für ihn, und er konnte an der letzten trockenen Stufe Urrikka-tikka knien sehen, die sein Zunje in der Hand hielt und erschrocken aussah. Es schien ein wenig zu leuchten, doch das konnte Jori nicht mehr genau erkennen, bevor das Wasser über ihm zusammenschlug und ihm erneut die Sicht nahm.

August 5

22 Jori Gid’eron / Ada

„Aylin-Jäger, wir wollen keinen Ersatz für unseren Schaden. Wir haben gerne geholfen. Um ehrlich zu sein, waren Deine Träume uns bereits eine große Hilfe, jedenfalls das, was Du davon in Deinem Schlaf erzählt hast. Eigentlich sind wir her gekommen, damit ich die Träumende Quelle selbst befragen kann. Ich war bereit, für eine Antwort des Wassers mein Leben zu geben. Doch stattdessen hat die Quelle mir Dich gegeben. Daher denke ich, dass Du die Antwort bist, die wir brauchen.

Doch die anderen sehen es noch nicht so. Ich werde die Wasser trotz aller Zeichen daher erneut befragen. In dieser Zeit solltest Du Dich besser fern halten, damit Du nicht wieder in solch einen langen, dunklen Traum versinkst.

Danach werden wir weiter ziehen, nach Terrandan. Wir hoffen, dort eines der Zunje zu finden, eines der alten Zeichen. Du trägst eines um den Hals.“

Die Älteste deutete auf den silbernen Anhänger, den Jori wieder umgehängt hatte.

„Es ist uns ein großes Rätsel, woher Du es hast, Aylin. Hat es je mit Dir gesprochen?“

Jori fasste aus einem Reflex heraus nach dem warmen Stück Metall.

„Es hat niemals mit mir gesprochen, Älteste. Es… man hat mir erzählt, es hätte am Anfang viel Streit verursacht, weil niemand solch ein glänzendes Ding hatte. Es lag mit mir in meinem Körbchen, sagte man mir.

Sie sagten, es sei ein Zauberding, weil es warm oder kalt sein kann und immer gleich glänzt. Ich habe es nie für gefährlich gehalten… meistens habe ich es als Fischköder verwendet.“

Urrikka-tikka stutzte bei diesen Worten einen Moment, dann fing sie an, lauthals zu lachen. Als sie Joris Worte mit einem Schnaufen übersetzt hatte, lachten auch die anderen los.

„Ein Zunje als Fischköder… nun, die Welt ist wahrlich groß und vielfältig,“ schnaufte die Vogelälteste, als sie sich ein wenig beruhigt hatte.

„Du sagst also, Dein Volk kennt kein Metall? Nichts, was so ist wie die Zunje? Und jagt mit Steinmessern und Speeren?“

Jori nickte. Wie denn auch sonst?

„Sage mir, habt ihr auch Bögen und Blasrohre benutzt?“

Jori nickte wieder, einigermaßen verblüfft. Worauf wollte die Älteste hinaus?

„Erzähle mir von den Göttern Deines Volkes, Aylin. Ihr folgt doch den Göttern, oder?“

Jori überlegte einen Moment. Das Wort hatte für ihn nicht viel Bedeutung.

Vorsichtig, den Blick auf die Albae gerichtet, schüttelte er den Kopf.

„Mein Volk folgt den Großen Geistern, Älteste. Ihre Gesichter sind in die höchsten Bäume geschnitzt und schützen das Alte Herz des Waldes, in dem wir wohnen. Die Bäume sind sehr hoch, beinahe so hoch wie der Großvaterbaum.“

Jori machte sich lang, um seine Erzählung zu verdeutlichen.

„Sie umgeben und schützen uns. Beziehungsweise – die Ada, mich nicht mehr.“

„Und wie sind ihre Namen, Aylin?“ fragte Urrika-tikka sanft. Sie sah ihn an, und die dunkel umrandeten Augen, die ihm sonst so starr und gefühllos erschienen waren, drückten allem Anschein nach echte Anteilnahme aus.

„Nun… da sind Woda und Wuda, Dona und Pichta, Sunna und Mani… Daana und Eod und Ortei und Ortu…“

„Und Mavros und Maya?“ – „Mabo und Mara… heissen sie…“

Jori war einigermaßen verwundert. Warum fragte Urrikka-tikka all diese Dinge? Vor allem, wenn sie die Namen der Großen Geister doch scheinbar zumindest zum Teil schon wusste?

Die Vogelälteste nickte zufrieden und übersetzte den anderen wieder ihre Worte. Daran schien sich eine längere Diskussion anzuschließen, die sie aber schließlich mit einer Handbewegung beendete.

Lächelnd wandte sie sich Jori wieder zu. „Du hast mir etwas bestätigt, über das die Albae schon lange rätseln, Aylin-Jäger,“ sagte sie.

„Nun… ich muss die Quelle befragen. Danach werde ich eine Weile nicht in der Lage sein, zu fliegen – vielleicht nicht einmal mehr, zu gehen.“ Urrika-tikka schüttelte die Federn ihrer Flügel auf und sah kurz zu Boden. Jori durchdrang die kurze, schmerzhafte Erkenntnis, das diese Befragung für die Älteste sehr strapaziös sein würde, und dass es auch durchaus möglich sein konnte, dass sie gar nicht mehr davon zurück kehrte. Er senkte anteilnehmend den Kopf.

Dann ist niemand mehr da, der mich versteht…. wisperte eine kleine, egoistische Stimme in seinem Hinterkopf.

„Dennoch werden wir weiter nach Süden ziehen, nach Terrandan. Es muss sein, denn wir brauchen alle Zunje, die noch existieren. Ich habe – mein Volk hat zwei Bitten an Dich, Aylin-Jäger. Wenn Du möchtest, sieh sie als Begleichung Deiner Schulden bei uns an.“

Urrika-tikka lächelte, aber Jori machte sich steif. So betrachtet, konnte er keine ihrer Bitten ablehnen.

„Die erste ist: Bitte leih mir Dein Zunje für die Befragung der Quelle. Es wird vieles leichter machen und meinen Weg weniger schwer. Du bekommst es danach selbstverständlich zurück.“

Jori nickte wortlos – das war doch selbstverständlich. Immerhin hätte Urrikka-tikka das Zunje auch einfach behalten können, sie hatte es ja schon in ihrer Tasche gehabt, und Jori hätte nie erfahren können, dass die Albae das Zeichen von seinem Hals genommen hatten.

„Und die zweite ist: Wenn ich zurück kehre, werde ich, wie gesagt, vermutlich sehr schwach sein. Wir haben schon lange darüber nachgedacht, wie wir die weitere Reise am Besten bewerkstelligen, aber uns ist keine bessere Idee gekommen, als hier geduldig abzuwarten, bis ich meine Flügel wieder nutzen kann. Mit Dir aber haben wir eine andere Möglichkeit erhalten, denn Du bist stark.

Wenn meine Krieger Dir einen Schlitten bauen, wirst Du mich tragen und ziehen?“

Jori schluckte. Dann würde er, zumindest eine ganze Weile lang, mit den Albae ziehen können. War das nicht genau das, was er wollte?

Auf einmal war er sich nicht mehr so sicher. Die Albae waren so fremdartig! Er hatte keine Ahnung, was der Zweck dieser Reise sein mochte, und Urrikka-tikkas Fragen nach den Geistern und dem Zeichen an seinem Hals hatten keineswegs dazu beigetragen, ihn zu beruhigen.

„Wie lange werden wir unterwegs sein?“ fragte Jori.

„Nun…,“ Urrikka-tikka überlegte. „Vermutlich einen ganzen Mond lang.“ Die Vogelälteste sah ihn an.

Ein Mondwechsel – das war nicht allzu lange. Es war allerdings lange genug, um den Schnee schmelzen zu lassen, der nächste Mondwechsel müsste schon der Frühlingswechsel sein. Und es war in etwa dieselbe Zeit, die Jori hilflos in der Pflege dieser Leute verbracht hatte.

Jori nickte erneut. Es war eine würdige Begleichung seiner Schuld; diese Zeit stand ihnen im mindesten zu. „Ich werde mit euch gehen,“ stimmte er zu.

August 5

21 Jori Gid’eron / Ada

Die Stille stand einige Minuten lang zwischen ihnen, weniger eine Barriere der Sprache als der vielen Dinge, die gesagt und besprochen werden mussten.

Jori wusste nicht genau, wo er anfangen sollte, und vermutete, dass es den Albae und ihrer Ältesten ganz ähnlich ging.

Schließlich durchbrach ausgerechnet Zu!qaxa die Stille, indem sie ein klapperndes Geräusch von sich gab. Jori riet es mehr am Duft als an der zugehörigen Geste – das Essen war fertig.

Eine Weile lang aßen sie schweigend, eine geräuschvolle, hastige Stille, in der zumindest Jori versuchte, mannhaft gegen seinen Bärenhunger anzukämpfen. Er hätte den wohlschmeckenden Brei ganz allein aufessen können, und von dem Fisch stopfte er sich hungrig große Stücke in den Mund.

Auch nachdem die Albae scheinbar gesättigt von ihren kleinen Portionen abließen schmatzte, schlürfte und kaute Jori hungrig, bis Trrajkja etwas bemerkte, das die anderen lachen ließ. Es ließ sich problemlos auch ohne Kenntnis der komplizierten Vogelsprache verstehen: Ganz offensichtlich fand sie das Loch in Joris Magen viel zu groß.

Jori wurde rot und sah zu Boden, konnte aber immer noch nicht aufhören zu essen. Es war, als sei sein Magen gerade eben erst aus dem monatelangen Schlaf erwacht.

Urrikka-tikka breitete die Hände weit aus, und das Lachen verstummte.

„Jäger der Ada, wir haben Dir unsere Namen gesagt. Wir haben viel zu besprechen. Wie sollen wir Dich nennen?“ fragte sie in Joris eigener Sprache.

Jori überlegte. Noch immer war er überzeugt, dass die Albae etwas Magisches an sich hatten, etwas, das trotz ihrer schwächlichen Statur mächtiger war als seine Wildheit und Körperkraft. Er würde vorsichtig bleiben und ihnen seinen wahren Namen nicht verraten. Zumal, wie ihm nachgerade einfiel, der Stamm ihm mit seiner Verbannung auch seinen Namen genommen hatte und er ihn eigentlich nicht mehr führen durfte. Damit konnte ihn eigentlich jeder verfluchen und verwünschen, denn der Schutz durch seinen wahren Namen war aufgehoben.

Trotzdem fühlte Jori sich immer noch wie Jori. Jetzt, wo sein Magen voll mit Fisch und Brei war, wunderte er sich darüber. Hätte er sich nicht.. nun.. tot fühlen müssen, mehr wie ein Geist? Stattdessen fühlte er sich satt und zufrieden, eigentlich rundherum gesund und wohl.

Aber ich war fast tot in diesem Winter…

„Ich bin Aylin von den Ada, dem Jaguarschlag,“ stellte er sich schließlich vor und dachte dabei an Ayle. Die männliche Form ihres Namens hatte er sich nun zum Pseudonym gewählt. Da niemand bei den Ada, niemand den er kannte, diesen Namen trug, konnte man schwerlich einem anderen damit etwas antun.

Urrikka-tikka übersetzte seine Worte für die anderen und nickte ihm ermutigend zu. Jori wusste nicht genau, was er nun sagen sollte.

„Weil mein Fell schwarz ist, hat man mich von den Ada verstoßen. Ich habe ihnen Unglück gebracht und schlechtes Wetter, Schnee und den Tod meines…. unseres Heilers, der nun bei den Großvaterbäumen weilt.“

Jori wollte es hinter sich bringen. Vielleicht würden sich die Albae von einem so gefährlichen Unglücksbringer abwenden wollen, aber er konnte nicht immer so tun, als sei er nur einfach so halb verhungert in die Ruinenstadt Lebanis gestolpert.

Statt Erschrecken und Vorsicht jedoch waren die Ausrufe der Albae nach der Übersetzung der Ältesten – soweit er sie deuten konnte – eher von Mitleid und Unverständnis geprägt. Aber Jori sah nicht hin – er hatte den Kopf gesenkt und erzählte weiter.

„Ich bin… habe keine Mutter. Man fand mich als Baby in einem Körbchen, das den großen Moth-Fluss hinuntertrieb. Der Stamm nahm mich auf und zog mich groß, doch woher ich kam, konnte man nie herausfinden. Daher glaubte man schnell, dass ich mit bösen Geistern im Bunde sei, als der Schnee kam.“

Jori schluckte. Wenn es so war, dann war es ihm nicht bewusst. Er hatte keinen Handel mit den Geistern abgeschlossen, hatte nicht um den Tod oder den strengen Winter gebeten, kein Opfer für die ruhelosen Toten dargebracht oder am falschen Ort Blut vergossen. Er wusste einfach nicht, wann und in welcher Weise er sich falsch verhalten hatte. Er wusste nur, dass er gründlich bestraft worden war, und dass er es nicht wieder gut machen konnte. Für die Ada war er tot, verloren. Für immer.

Erst jetzt, nachdem all die Gefahren und die bittere Kälte überstanden waren, kam ihm diese Erkenntnis überdeutlich zu Bewusstsein. Er konnte nicht mehr zurück. Und auch bei diesen Leuten zu bleiben, konnte ein Fehler sein. Wenn er wirklich solch ein Unglücksbringer war, dann hatte er bei den Albae nichts verloren.

Mutlos schüttelte er den Kopf.

„Ich kann jagen und fischen, wenn… wenn der Schnee geht. Ich werde euren Schaden für meine Fürsorge… und Fütterung… ersetzen und dann meinen Weg suchen. Schließlich müsst ihr weiter, nicht wahr?“

Urrika-tikka und die anderen sprachen einen Moment lang mit einander. Dann erhob die Älteste ihre Stimme.

August 1

20 Jori Gid’eron / Ada

!Xirruku nickte erneut und ging davon, um den anderen Krieger zu holen. Der wortkarge Pakaa’ke schnalzte nur unwillig mit der Zunge, doch dann machten sich die beiden Albae daran, Jori aus dem Wasser zu ziehen und den Hügel hinauf bis zum Feuer zu schleifen.

Obwohl sie zu stolz waren, um es einzugestehen, waren sie sehr froh, als Trrajkja und Zu!xaqa ihnen schließlich zu Hilfe kamen. Nur zu viert konnten sie den schweren Pantherkörper gut bewegen; Jori selbst war so halt- und hilflos wie ein Stein, gefangen in einem neuen Traum.

Als Jori erwachte, dachte er zunächst, er sei schon wieder gefesselt.

Nach wenigen Sekunden jedoch stellte er fest, dass er in zwei weiche Decken eingewickelt war und in der Nähe des niedrig brennenden Feuers lag.

Jori streckte wohlig alle Glieder und ließ die Augen noch für einen Moment geschlossen. Er wusste nicht mehr, wann er das letzte Mal so ausgeruht, vollkommen und rundherum so wohlig warm gewesen war, und er dachte für sich, dass dies wohl die allergrößte Annehmlichkeit auf der ganzen Welt sein mochte – so zu erwachen.

Er hörte die Stimmen der Vogelleute am Feuer. Ob er wohl die Sprache dieses Schlages lernen könnte? Immerhin hatte Urrikka-tikka ja auch die seine gelernt.

Er versuchte, mit geschlossenen Augen auf den Rhythmus der fremden Sprache zu lauschen, Worte darin zu erkennen – aber es dauerte nicht lange, dann gab er es auf. Die vielen harten Laute, das ständige Schnalzen und Klicken verwirrten ihn, und einen Sinn konnte er darin erst recht nicht erkennen.

Er öffnete die Augen und blickte zur Mittagssonne herauf. Essensduft wehte vom Feuer herüber – Fisch, in Blättern schmorend, und der ihm in seiner Zusammensetzung noch immer unbekannte, aber wohlschmeckende Brei der Albae, sagte ihm seine Nase sofort – und Jori richtete sich vorsichtig auf.

Seinem Körper schien es heute besser zu gehen als gestern, und sein Magen knurrte so laut, dass Jori sich erschrocken umsah. Alle Augen richteten sich auf ihn.

„Guten Tag,“ sagte er leise zu den Vogelmenschen, vorsichtig.

Urrikka-tikka lächelte. „Guten Tag, Jäger. Es scheint, Dein Magen hat eine leere Stelle, hm?“

Jori grinste und nickte. Während er mit den anderen zusammen auf das Essen wartete, nahm er sich die Zeit, die Vogelleute zu mustern und sich ihre so fremden Gesichtszüge einzuprägen.

Urrikka-tikka war unzweifelhaft die Älteste. Ihr Gesicht war nicht von Falten und Linien gezeichnet, wie es Jori von den alten Frauen seines Stammes kannte, aber es strahlte eine große, vielleicht ein wenig traurige Weisheit aus, ein über lange Jahre verborgenenes Geheimnis. Für Jori sah die Vogelälteste aus, als bestehe sie vor allem aus Geduld und Strenge; ihr einfaches weißes Gewand und die weißen Vogelfedern, die die Albae anstelle von Haaren auf dem Kopf hatten, unterstützten diesen Eindruck noch.

!Xirruku saß direkt neben ihr. Er sah jünger aus als Urrikka-tikka, wachsamer und … schärfer. Jori bemerkte, dass er seine Hand nie weit von seinem Schwertgurt fort nahm. Seine Haut war ein wenig dunkler als die der anderen; nicht mehr ganz milchweiß, sondern eher leicht gräulich. Pakaa’ke saß auf der anderen Seite von Urrikka-tikka; er wirkte nachdenklicher als sein Krieger-bruder. Jori fielen die schlanken, schnellen Hände auf. Bogenschütze, dachte er. Pakaa’ke schien so wenig wie möglich sprechen zu wollen. Die meisten Fragen, die an ihn gerichtet wurden – Jori erkannte dies vor allem an den dunklen Augen der Albae, die die Gesichter dieser Fremden so ausdrucksvoll beherrschten – beantwortete Pakaa’ke nur mit einem kurzen, leisen Klicken. Er wirkte verschlossen auf Jori, wie jemand, der gerne allein wäre und es nicht sein darf.

Die zwei Frauen, Trrajkja und Zu!xaqa, flüsterten gerade mit einander. Jori betrachtete sie nachdenklich. Trrajkja wirkte befehlsgewohnt; sie strich mit einer Hand ständig an ihren Federn herum. Sie hatte sich goldenen Schmuck in die Ohren gestochen, und von ihren Kopffedern hingen ein paar lange, goldene Ketten herunter bis zu ihren Schultern. Es klimperte, wenn sie den Kopf drehte, und genauso wie Jori schien dieses Geräusch Pakaa’ke gründlich zu missfallen.

Stört die Jagd, wurde Jori klar. Pakaa’ke musste auch Jäger sein wie er selbst. Er hätte Trrajkja auch nicht mit genommen, wenn er auf die Pirsch ging.

Zu!xaqa sah zu Boden und nickte viel. Sie fütterte das Feuer und stocherte immer und immer wieder in der Glut herum, als sei sie mit ihr nicht zufrieden. Eigentlich macht sie die ganze Arbeit, beobachtete Jori, als er den beiden Frauen zusah. Zu!qaxa wendete die Fische geschickt mit zwei flachen Stöcken und rührte den Brei, damit er nicht anbrannte.

August 1

19 Jori Gid’eron / Ada

„Hör zu, Jäger.“ Urrikka-tikka blinzelte, die dunklen Augen ein Quell des Rätsels für Jori. Die Albae waren so …anders!

Er hatte nicht gewusst, dass es außer dem Jaguarschlag noch andere Schläge auf der Welt gab. Sicher, der Mäuseschlag oder der schnelle Fischschlag oder auch der listenreiche Schlangenschlag kam in alten Geschichten vor, doch außer diesen märchenhaften Erzählungen hatte Jori noch nie jemanden gesehen, der nicht seinem eigenen Jaguarvolk angehörte.

Selbst sein eigenes schwarzes Fell kannte er ja nur von dem, was er von seinem eigenen Körper wahrnehmen konnte – Spiegel kannten die Ada nicht.

Jori umschloss den Anhänger mit seiner Faust.

„Ich höre, Älteste.“

„Ich – und die meinen – wir wollen Dir nichts Böses. Aber wir sind wissen nur wenig von den anderen Schlägen. Und Dein Anhänger… interessiert uns sehr. Bitte… sei eingeladen an unser Feuer und zu unserem Essen. Lass uns erzählen, erzähle uns. Lass uns… teilen, um die Not des anderen zu verringern?“

Jori zögerte. Sein erster, misstrauischer Reflex war ein fauchendes „Nein!“; immerhin hatten diese Leute ihn gefesselt und gefangen gehalten. Aber in seinem Herzen fühlte er eine tiefe Sehnsucht nach Gesellschaft – und in seinem Bauch ein großes Loch. Wie sollte er ganz allein in dieser ihm fremden Umgebung überleben? Zwar waren die Ada daran gewöhnt, allein zu wandern und zu überleben, doch war er noch nicht erwachsen und hatte bisher immer seine Mutter und seine Brüder, manchmal auch seinen Vater um sich gehabt.

Sein Körper nahm ihm die Entscheidung schließlich ab. Seine Beine versagten ihm den Dienst und knickten unter ihm ein; haltlos rutschte Jori die Uferböschung halb hinunter ins kalte Wasser.

Urrikka-tikka trat ein paar vogelkleine Schritte auf ihn zu – wie wollte diese kleine, schlanke Frau einen großen Jaguarkörper halten? – fragte Jori sich noch, dann wurde es wieder einmal schwarz um ihn. Das Traumwasser hatte ihm erneut eine Vision geschickt, und Joris Geist trudelte nach oben in den dunklen Nachthimmel davon, während sein Körper hilflos zurück blieb.

Jori fühlte seltsamerweise keine Wut über seine Hilflosigkeit; einen Funken Scham vielleicht. Doch in diesem Traumzustand schienen alle Gefühle seltsam gedämpft und beruhigt. Das Sehen war wichtig, nicht das Fühlen… zumindest schien das Traumwasser das so zu vermitteln. Jori verlor sich in dem schwarzen Sternenhimmel und folgte den tanzenden Bahnen der uralten Sterne durch die vergangenen Jahrhunderte.

„Du kannst jetzt heraus kommen,“ sagte Urrikka-tikka leise in ihrer eigenen Sprache.

!Xirruku trat wortlos aus seinem Versteck. „Er hätte Dich beinahe gewittert,“ schalt sie ihren Krieger, „seine Sinne sind sehr scharf.“

!Xirruku deutete eine Verbeugung an, ließ die schwarzen Augen jedoch auf Urrikka-tikka ruhen.

„Es ist meine Pflicht, Euch vor allen Gefahren zu schützen, Älteste. Der junge Panther mag auf Euch harmlos wirken, aber ich sehe die Kraft und Schnelligkeit unter seinem räudigen Fell.“

Urrikka-tikka lächelte kurz. !Xirruku hatte natürlich recht, auch wenn es ihr nach so vielen Jahrhunderten immer noch nicht gefiel, sich den Zwängen unterzuordnen, die dem Schutz und der Sicherheit der Ältesten dienten.

Dennoch…

„Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen, Krieger.“ Sie lächelte, um die Kritik abzumildern.

„Aber ich verstehe Deine Besorgnis. Bitte hol Pakaa’ke. Wenn wir den Panther hier im See liegen lassen, ist er morgen erfroren oder ertrunken – oder beides.

Ich habe noch nicht heraus bekommen, woher er eins der alten Zunje hat.

Es steckt eine lange Geschichte dahinter, dessen bin ich gewiss.

Ich fürchte nur, auch das junge Pantherkind kennt nur einen winzigen Teil davon.“

!Xirruku nickte kurz, ehe er hinzufügte: „Wenn ich so vermessen sein darf, Älteste… Ihr solltet ihn nicht ‚Kind‘ nennen. Er scheint mir gerade in dem Alter zu sein, in dem man sich stolz als Erwachsen bezeichnet, auch wenn Körper und Geist es noch nicht sind.“

Urrikka-tikka dachte einen Moment lang darüber nach, dann nickte sie.

„Es ist lange her, dass ich so jung war. Vielleicht hast Du recht.

In jedem Fall sollten wir seine Geschichte erfahren. Es ist kein Zufall, dass er das träumende Wasser gefunden hat. Ich wäre nicht überrascht, wenn man mir sagte, dass der Zunje ihn genau hier her geführt hat, damit er uns trifft. Zum richtigen Ort zur richtigen Zeit… nein, das ist mehr als Zufall.

Ich sehe voraus, dass in diesem Ada eine der großen Geschichten steckt.“

August 1

18 Jori Gid’eron / Ada

„Ich bin Urrikka-tikka, Älteste vom Volk der Albae und Mutter von vier .. starken Krieger-Eiern.“ Sie klang unsicher, als sie das sagte, und Jori überlegte, ob es wohl bedeuten könnte, dass sie vier erwachsene Söhne hatte.

„Ich bin einstmals die Erste Träumerin von Lebanis gewesen, ehe es verlassen wurde. Nun bin ich nur noch die Älteste.“

„Und wer sitzt mit Dir am Feuer, Älteste?“ fragte Jori.

„!Xirruku und Pakaa’ke sind Krieger, die mich und meine beiden Nest-töchter begleiten. Trrajkja ist meine Tochter und !Xirrukus Frau, und Zu!xaqa … ist… war… die Frau meines Kriegersohns Thii’tete. Er ist … in die Himmel geflogen, vor einiger Zeit.“

Jori verstand von der Rede seines Gegenübers kaum etwas, soviele seltsame Laute kamen darin vor. Immerhin schien sie seinen Forderungen nachzukommen. Sie hatte ihn auch nicht belogen, was seine Freiheit anging – auch, wenn ihr offensichtlich schon lange vor ihm klar gewesen war, dass er mit dieser seiner Freiheit rein gar nichts anfangen konnte.

„Warum nennst Du mich Pantherkind?“ fragte er als nächstes, um Zeit zu gewinnen. Er steckte das Messer ein, ließ sie aber nicht aus den Augen. Sie wollte ihn nicht angreifen, soviel schien ihm klar – aber: was wollte sie eigentlich?

Seine Beine schmerzten, nur von der geringen Aufgabe, sein Gewicht zu tragen. Nun hatte er fast einen ganzen Mond lang geschlafen und fühlte sich so müde, als hätte er es sein ganzes Leben lang nicht!

Urrikka-tikka lächelte vorsichtig, dann deutete sie auf sein schwarzes Fell. „Du bist doch Pantherschlag, oder nicht?“

Jori schüttelte den Kopf. „Kennst Du Menschen wie mich?“ fragte er neugierig. „Ich gehöre zu den Ada vom Jaguarschlag, doch sie haben mich davongejagt, weil mein Fell so schwarz ist. Verflucht, sagen sie.“

Urrikka-tikka machte schmale Augen, dann schüttelte sie den Kopf. „Ich kenne niemandem vom Pantherschlag. Ich.. habe nur… eine Geschichte gehört von diesem Menschenschlag. Ich dachte, du gehörst zu ihnen. Verzeih mir; ich werde Dich nicht wieder so nennen.“

Jori musterte Urrikka-tikka und beruhigte die Aufregung, die sein Herz zum flattern bringen wollte.

„Wer hat Dir die Geschichte erzählt? Kannst Du mich zu ihm bringen?“

„Ich… ja…. nein. Ich kenne die Worte nicht, die ich brauche, um Dir zu sagen, woher ich von diesem Schlag weiss. Aber ich will versuchen, Dir alles zu erzählen, was mir dazu einfällt.“

Urrikka-tikka sah nicht glücklich aus mit dieser Formulierung; sie schien mit den fremden Worten aus Joris Sprache beinahe zu kämpfen. Sie gibt sich Mühe, dachte Jori. Mehr Mühe, als ich mir jemals geben könnte. Sie hat in einem dreiviertel Mond meine Sprache gelernt, nur, um mit mir sprechen zu können.

„Was willst Du von mir, Albae-Frau?“ fragte er. Es ist Zeit, dieses Spielchen sein zu lassen. Sag mir die Wahrheit.

„Ich…“ Urrikka-tikka zögerte, dann holte sie etwas hervor, das im Mondlicht blitzte. „Ich wollte nicht stehlen. Es gehört Dir.“ Mein Anhänger!

Urrikka-tikka legte den kleinen, silbrigen Gegenstand auf den lehmigen Boden und trat einen Schritt zurück.

„Er ist von Deinem Hals gefallen, als ich Dich gefüttert habe.“ Jori erinnerte sich verlegen an die seltsame Situation, als Urrikka-tikka ihn auf ihren Schoß genommen und gepflegt hatte, als sei er ein kleines Kind.

„Er ist von meinem Volk gemacht, und er ist sehr wertvoll für uns. Wenn… Du uns sagen kannst, woher Du ihn hast?“

„Er kam mit mir zusammen den Fluss hinunter. Er lag in dem Körbchen, in dem ich von den Ada gefunden wurde.“

Jori langte nach dem Anhänger und riss ihn an sich, schnellte sich wieder aus der Reichweite der alten Frau fort, bevor sie reagieren konnte. Doch seine schnelle Aktion wurde von seinen müden Muskeln nicht gut aufgenommen – kaum war der Satz nach hinten geglückt, knickten seine Beine ein, und er lag halb, halb kniete er im feuchten Uferschlamm. Soviel zu meinem Bad…

Urrikka-tikka belächelte seine Situation nicht.

„Deine Beine sind schwach geworden, weil Du so lange träumend gelegen hast,“ sagte sie langsam. „Du musst ihnen Zeit geben, damit sie wieder stark und schnell werden können.“

Jori nickte. Er fühlte sich unendlich müde, aber er wollte – er durfte dem Drang, zu schlafen nicht nachgeben. Zwar war er fast überzeugt, dass Urrikka-tikka es mit ihm ehrlich meinte, doch ob ihre Ehrlichkeit auch Gutes für Jori bedeutete, war für ihn noch nicht sicher.

Er witterte. Irgendwas…

August 1

17 Jori Gid’eron / Ada

„Pantherkind….?“ kam eine Stimme aus der Dunkelheit jenseits der Uferböschung. Urrikka-tikka, die Vogelälteste. Jori zog sein Messer und knurrte leise zur Antwort. Er mochte es gar nicht, Kind genannt zu werden – und was ein Panther war, wusste er nicht.

„Ich… werde wieder gehen, wenn Du es wünschst. Jedoch hoffe ich, dass mehr Wissen… beiden Seiten helfen kann.

Vielleicht habe ich dieses Gespräch falsch begonnen. Du bist wild… und frei. Ich weiß das jetzt. Es war falsch, Dich zu fesseln.

!Xirruku stimmt mit mir überein, dass gerade wir Albae… Freiheit nicht nehmen dürfen. Wir sollten am besten wissen, wie schrecklich es ist, nicht fort fliegen zu können….“

Jori bemühte sich, so leise wie möglich aus dem Wasser zu steigen. Es würde seine Bewegungen verraten, und die Vogelälteste war schnell.

Er wollte sie nicht töten, aber er war vorsichtig. Ihre Worte erschienen ihm weise – aber sein Volk gehörte zu den geschickten Fallensteller-Jägern. Einen Vogel lockt man mit Saatkörnern und einen Fisch mit einem schmackhaften Insekt – und womit lockt man wohl Einen, der ganz allein ist? Mit süßen Worten, genau.

Die Vogelälteste schien in eine schmerzhafte Erinnerung zu versinken, doch als sie Jori die Böschung heraufkommen sah, schloss sie kurz die Augen und streckte die leeren Hände nach vorne. Jori sah es als eine Geste des Friedens an, aber er hielt Abstand.

„Bitte, hör mich an. Wir wundern uns, dass Du so… alleine bist, Pantherkind.

Wir haben Dir Essen und Trinken gegeben und Deine Träume bewacht, und wir glauben nun, dass Du nicht allein überleben kannst. Wir wundern uns, wo Du her kommst und wo Du hin gehst und wir wünschen, mehr zu wissen über Dein Volk.

Deine Sprache ist alt; ähnlich einer, die ich einst kannte, doch das ist viele, viele Sonnenumläufe her.

Doch Du hast Dein Messer gezogen; ich verstehe jetzt, dass es ein Fehler war, Dich nach Deinem Namen zu fragen.

Vielleicht willst Du meinen Namen wissen und den meiner Begleiter?

Vielleicht willst Du essen und an unserem Feuer sitzen und Dich wärmen?

Wir versprechen… Deine Freiheit ist unsere … Ehre…?“

Offensichtlich wusste Urrikka-tikka nicht, wie sie für Joris Freiheit garantieren konnte, und so schüttelte Jori auch schnell den Kopf.

„Sag Deinen Namen,“ forderte er. Eigentlich fühlte er sich müde, so müde, als sei er den ganzen Tag lang gerannt. Seine Beine wollten und wollten ihn nicht richtig tragen. Essen und Feuer wäre jetzt genau das richtige – aber diesen Vogelmenschen durfte er nicht vertrauen. Er durfte überhaupt niemandem vertrauen; er war allein.

August 1

16 Jori Gid’eron / Ada

Jori sah noch einmal zu dem Lagerfeuer auf der Hügelkuppe zurück und zählte die Schatten. Fünf… wie hatte sich dieser Vogelschlag selbst genannt? Albae. Sie waren seltsam; geheimnisvoll und undurchschaubar für Jori. Als seien sie so umgeben mit den Erinnerungen an vergangene Dinge, dass die Gegenwart kaum bis an sie heran kam.

Nun, es half jetzt alles nichts – Jori war frei, und er war allein. Wenn sein Ziel Überleben war, musste er das beste aus seiner jetzigen Situation machen.

Eine Bestandsaufnahme war schnell gemacht: Jori hatte sein Jagdmesser und das Fell an seinem Körper – mehr besaß er nicht mehr.

Die stinkenden, schimmligen Felldecken, mit denen er sich auf seiner Wanderung hier her gewärmt hatte, hatten die Albae offensichtlich entsorgt; Jori verstand diese Entscheidung sehr gut. Er selbst hätte sie schon hundertmal fort geworfen, wenn er nicht ohne sie so jämmerlich gefroren hätte.

Er hatte auf seinem Weg hier her keine Möglichkeit gehabt, sie haltbar zu machen, und daher wären sie ohnehin nicht zu retten gewesen.

Proviant hatte er nicht besessen. Jori fasste sich an den Hals – selbst seine Kette war fort; sein Geburtszeichen. Das versetzte ihm allerdings einen wehmütigen Stich. Die Kette hatte sich in dem Körbchen befunden, in dem Jori im Fluss angetrieben worden war, und die Ada hatten sie ihm um den Hals gelegt, sobald nicht mehr die Gefahr bestand, dass er daran erstickte.

Es war ein seltsames Ding gewesen, dieser Anhänger an dem sicherlich seither bereits drei- oder viermal ersetzten Lederriemen… ganz glatt und hart und dennoch angenehm für die Hände. Legte man es auf einen Baumstamm, wurde es kalt; trug man es um den Hals wurde es warm. Die Ada hatten nie herausgefunden, was es darstellte oder bedeuten sollte, also hatten sie es als Joris Geburtszeichen bei ihm belassen. Sein Anhänger war – neben seiner so ungewöhnlichen schwarzen Fellfarbe – auch mit ein Quell des Argwohns unter den anderen Ada gewesen, und als es hieß er habe den Fluch der langen Winter über den Stamm gebracht, so hatte man auch vermutet, dass dieser Fluch in seinem Anhänger gefangen gesessen hatte und Jori ihm nun mit irgendwelchen unbedachten Worten zur Freiheit verholfen hatte.

Bestandsaufnahme beendet. Jori gehörte ein Messer. Darüber hinaus besaß er nichts, und er war allein – ganz allein. Das Feuer auf der Hügelkuppe rief es ihm noch einmal deutlich in Erinnerung. Was sollte er nun tun? Wo sollte er hin?

August 1

15 Jori Gid’eron / Ada

Jori hatte sich alles angehört, was die Älteste zu sagen hatte. Doch beruhigt hatte es ihn keineswegs. „Lasst mich frei!“ forderte er erneut. Urrikka-tikka sah zu den anderen.

„Wirst Du uns töten, wenn wir Dich freilassen?“ fragte sie langsam. Sie wiederholte diese Worte in der Sprache der Vogelmenschen. Fünf Augenpaare richteten sich auf den jungen Ada. Niemand sprach; niemand lachte. Offensichtlich nahmen diese Fremden seine Antwort ernst.

Jori dachte nach.

„Ihr habt mich ernährt, als ich schlief. Ihr habt mich fort gebracht von der Träumenden Quelle, damit ich wieder aufwachen kann.

Eure Taten sind nicht nur schlecht. Darum werde ich Euch nicht töten. Aber ihr habt kein Recht, mich zu fesseln. Lasst mich frei!“

Die Vogelälteste übersetzte seine Worte zu den anderen. Es folgte ein Moment der Stille, der von einem einzigen knarrenden Laut des großen schlanken Mannes auf der anderen Seite des Feuers beendet wurde.

Dann schien es entschieden. Urrikka-tikka selbst nahm Joris Jagdmesser und durchschnitt seine Fesseln. Dann reichte sie ihm das Messer mit dem Griff voran zurück.

Jori nahm es und wich langsam ein paar Schritte zurück. Er wollte die Vogelleute nicht aus den Augen lassen, bevor er sie nicht in sicherem Abstand wusste.

Mehr stolpernd als gehend, witternd und immer wieder um sich sehend, rannte Jori zum See hinunter.

Er wollte fort von denen, die ihn gefangen gehalten hatten. Sie waren zu fünft, sie waren vielleicht nicht stark… aber seltsam geschmeidig-schnell; und diese eine Woche in den Träumen der dunklen Quelle und in den Fesseln der Albae schien seine Muskeln seltsam geschwächt zu haben. Jori zitterte vor Anstrengung, als er den See erreichte. Dabei war er erst wenige hundert Herzschläge lang gegangen.

Beschämenderweise war das Feuer der Vogelmenschen noch immer in Sichtweite, da es auf einem der sanften Hügel errichtet worden war und der grasige Hang nur sanft zum See hin abfiel. Jori keuchte bereits und war froh, dass die Dunkelheit sein schwarzes Fell verschluckt hatte – hoffentlich auch für diese seltsamen schwarzäugigen Vogelwesen.

Er trank durstig und wusch sein Fell so gründlich, wie er es in seinem elenden Zustand vermochte. Währenddessen grübelte er darüber nach, was mit dem Mond nicht stimmte; warum ihm die krallendünne Sichel, die bald im Norden versinken würde, so falsch vor kam.

Schließlich, als er nass bis auf die Haut und zitternd aus dem See watete, kam er darauf: Als er die Ruinenstadt betreten hatte, war es Vollmond gewesen. Der Mond war aber eine zunehmende Kralle… also musste er, anders als angenommen, nicht nur eine Woche schlafend und träumend bei den Vogelmenschen verbracht haben. Jori rechnete die Mondphasen an den Fingern nach. 7 Tage bis zum Voller-Bauch-Mond, dann noch einmal sieben Tage bis zum halben Mond und erneut soviele Tage, bis er eine dünne Krallensichel wurde. Und noch einmal 7 Tage, für die Zeit bis zur Nacht-ohne-Augen, wo der Mond gar nicht über den Himmel wanderte… und dann noch mindestens 3 oder 4 Tage, bis er wieder solch eine dünne Kralle bildete…. fast einen ganzen Mond lang hatte Jori geschlafen und geträumt!

Langsam wurde Jori klar, dass die Vogelmenschen sich sehr gut um ihn gekümmert haben mussten, da er mehr als nur halb verhungert zu ihnen gekommen war. Sein Bauch war jetzt zwar nicht rund und voll, doch Schmerzen und Hungerkrämpfe, wie er sie auf seinem Weg hier her erlebt hatte, waren nur noch eine ferne, fast verblasste Erinnerung.

Er wusste selbst, wie schwierig es war, jemanden zu ernähren, der es nicht wollte – Mela’chaks Krankheitsverlauf hatte es ihm schmerzhaft gezeigt. Also mussten die Albae jede seiner kurzen Wachphasen weise genutzt haben, während sie geduldig darauf warteten, dass die Wirkung der Träumenden Quelle in ihm nachließ. Beinahe einen ganzen Mondwechsel lang…

August 1

14 Jori Gid’eron / Ada

„Es ist… eine lange Geschichte. Dieser Ort-der-Schatten, wo einstmals Häuser waren, das war unser Ort. Mein Volk, die Albae, lebten hier lange Zeit. Unter diesem Ort liegt die Träumende Quelle… von der Du getrunken und in der Du gebadet hast.

In alten Zeiten war dies ein heiliger Ort, voll von Magie und Zauber. Wir… man kann mit dem Wasser der Träumenden Quelle in ferne Zeiten sehen und Orte schauen, die weit entfernt sind.

Unter den Albae gibt es nur wenige, die es wagen. Die Gefahr ist groß. Man kann in den Träumen versinken; die Schatten… sie ziehen einen hinab und man findet den Weg nicht mehr in die Welt, die Wach ist.

Es gab eine Kunst, die Träume zu lenken, einstmals… doch das ist lange her.“

Urrikka-tikka sah einen Moment lang sinnend in die Ferne, als sie der alten Zeiten gedachte, da Lebanis noch eine lebendige Stadt gewesen war.

Es war so lange her, dass sie die Erste Träumerin gewesen war… als man die Quelle noch heiligte und die Tagesgebete über sie sprach.

Niemand konnte wissen, was aus dem Traumwasser geworden war, nun, da es so lange verschüttet und unbeachtet im Dunkel, unter zerfallenden Ruinen gestanden hatte. Vermutlich war es genauso dunkel geworden… und brachte Reisenden wie diesem jungen Pantherkind nur Qual und Tod.

„Die Häuser waren weiß und die Dächer waren golden,“ unterbrach sie der junge Panther vor ihr. Mit einem Ruck sah die Älteste Albae auf, während ihre Begleiter zu tuscheln anfingen. „Woher weisst Du das, Kind?“ fragte sie Jori in seiner Sprache.

„Es… ich habe es in einem der Träume gesehen,“ sagte er. Er war wirklich noch sehr jung; Urrikka-tikka glaubte es in jeder seiner Bewegungen zu sehen, sogar in der Art, wie er sprach. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so jung gewesen zu sein. Dennoch; da er Lebanis in seiner Blüte gesehen hatte, teilten sie zumindest eine gemeinsame Erinnerung. Sie lächelte vorsichtig.

„So war es,“ bestätigte sie. „Wir hatten Angst, dass all Deine Träume dunkel sein würden, Kind,“ erzählte sie weiter, „denn das Wasser war lange allein. Es hat Dich weit fort geführt, glaube ich…?“

Jori nickte. Er hatte von Dingen geträumt, die er nicht – oder noch nicht – verstand; die seltsamen Träume hatten ihn zum Nachdenken über viele Dinge gebracht, die er zuvor gar nicht wahr genommen hatte.

„Warum habt ihr mich gefesselt? Warum habt ihr diesen Schlaf-Zauber über mich gebracht?“ fragte er. Es klang nicht mehr wütend, nicht wirklich. Nur trotzig.

„Wir… wir wussten nicht, wer Du bist und wie gefährlich Du bist, Kind,“ war die Antwort der alten Frau. „Wir dachten, das dunkle Wasser macht erst Deine Träume und dann auch Dein Herz dunkel.

Wer so lange allein ist wie dieses Wasser…. wird manchmal böse davon.“ Jori nickte zögernd; er selbst war ja in diesem Winter schrecklich einsam gewesen, und er wusste, dass es ihm beinahe das Herz gebrochen hatte.

„Außer dem Zauber, der im Wasser wohnt, haben wir keinen Zauber über Dich verhängt. Es ist nur so, dass die Macht des Wasser stark ist, und stärker wird, je näher an der Quelle man ist. Und mein Dasein scheint es auch zu verstärken, denn ich war einst die Erste Träumende der Quelle. Das Wasser kennt mich gut.“

August 1

13 Jori Gid’eron / Ada

Als Jori wieder zu sich kam, wollte er herumfahren und der Frau die Krallen ins Fleisch graben – aber da war niemand mehr. Darüber hinaus war es Nacht – Tau netzte das saftige Gras und ein paar wenige Sterne funkelten zwischen den sanften Wolkenschleiern und neben einem krallendünnen Sichelmond. Er musste schon wieder eingeschlafen sein.

Irgendetwas stimmte daran nicht, stimmte am Mond nicht, aber Jori konnte nicht sagen, was genau.

Ein wenig weiter entfernt auf der nächsten Hügelkuppe sah und roch er das Feuer der Vogelmenschen.

Er war noch immer gefesselt. Knurrend und die Zähne bleckend, die Ohren nach hinten gelegt, zerrte er zunächst noch einmal hilflos an den Fesseln, die ihn hielten, dann machte er sich wieder auf den Weg zum Lagerfeuer.

Was wollten diese seltsamen Wesen nur von ihm? Warum hielten sie ihn so grausam gefangen und quälten ihn mit Schlafzaubern?

Er näherte sich – vorsichtig und langsam – soweit, dass er mit einem großen Sprung die zwei nächst sitzenden Albae erreichen konnte. Sie sahen auf, wandten sich ihm zu; sprachen aber nicht.

Jori knurrte, tief in der Kehle. Er hatte diese seltsamen Leute satt!

„Lasst mich frei!“ forderte er laut, erneut durchfuhr ihn Wut über seine hilflose, absurde Lage. Er war von seinem eigenen Volk verbannt worden; er war durch den ganzen, boshaften, hungrigen Winter gegangen – nur, um jetzt in Fesseln zu liegen, gefangen nicht mehr durch Gesetze, nicht mehr durch Kälte, aber dennoch gefangen – gefangen von diesen seltsamen, unverständlichen Wesen, die er offensichtlich genauso wenig beeinflussen konnte wie die Gesetzes seines Volkes oder die Kälte des Winters. Sollte er denn sein ganzes Leben lang hilflos und gefangen sein? Niemals! Niemals mehr!

Er fauchte; sein verschmutztes Fell richtete sich auf, um dem halb verhungerten, schlanken Schatten etwas mehr Gewicht zu verleihen.

Die älteste Albae trat etwas näher. Zu seinem Erstaunen lag auf ihrem Gesicht keine Härte, nur etwas, das Jori nicht richtig benennen konnte. Mitleid? Abscheu? Vielleicht – Verständnis? Ihr dunkler Blick allein besänftigte seine Wut bereits; erneut fühlte Jori den Schlaf und die seltsamen Träume kommen. Nein! Niemals mehr!

Fauchend und knurrend biss er in die leere Luft, wie um den Zauber abzuwehren.

Die Albae hob beschwichtigend die Hände.

„Friede, Freund….“ sagte sie langsam. „Ich .. spreche nicht gut. Nur das, was Du gelehrt hast, in Deinen Schlaf-Träumen. Du träumst schon so lange…. bitte, lass mich… erzählen, was wichtig ist.“

„Du hast eine Mondbreite, alte Frau,“ gab Jori zurück; er meinte die Zeit, die der Mond braucht, um eine Handbreit am Himmel entlang zu wandern. Was er danach allerdings tun wollte; überhaupt tun konnte, das wusste er selbst nicht.

Sie verstand ihn offensichtlich nicht, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, doch sie nickte.

August 1

12 Jori Gid’eron / Ada

Noch immer mit den ihn bindenden Riemen hadernd kam Jori näher an das kleine Kochfeuer heran. Er sah zu der Ruinenstadt auf der Hügelkuppe hinüber. Er hatte keine Erinnerung daran, die Stadt verlassen zu haben; die Vogelmenschen mussten ihn den größten Teil des Weges getragen oder gezogen haben. Er hätte ihnen solch einen Kraftakt gar nicht zugetraut. Witternd, die Ohren eng an den Kopf gelegt, trat er näher ans Feuer.

Die fünf Albae hockten rings herum, und die Älteste nickte erneut mit dem Kopf.

„Deinen Namen – kannst Du sagen?“ bat sie.

Jori leckte sich die Lippen. Er hatte viele Geschichten von Mela’chak gehört, in denen ein Ada von bösen Mächten verflucht worden war, weil er seinen Geburtsnamen verraten hatte.

Diese Leute, so friedlich und ruhig sie auch wirkten, hatten ihn in Fesseln gelegt und mit einem Schlafzauber gefangen gehalten. Er würde ihnen seinen Namen nicht sagen.

Mit der plötzlichen Schnelligkeit, die dem Jaguarschlag zu eigen ist, sprang Jori hoch und versuchte, sich auf die älteste Albae zu stürzen. Seine Fesseln ließen keine geschickten Bewegungen zu, doch schätzte er die Vogelleute als leichte Beute ein und hoffte, die alte Frau mühelos überwältigen zu können, obwohl seine Muskeln und Sehnen ihm nicht mit alter Kraft gehorchen wollten.

Obwohl Jori den Sprung gut geschätzt hatte und sein Angriff die Albae offensichtlich total überraschte – ihrem Gesichtsausdruck nach zumindest – entkam sie ihm spielend. Sie drehte sich einfach fort, mit einer geschickten, ungeahnten Bewegung, und ließ ihn plump auf den Boden knallen.

Mit einem Knurren wandte Jori sich um und wollte sich erneut auf die Frau stürzen; Wut und Jagdlust in seinen Gedanken – doch die alte Frau führte ihre Hände gegen seinen Nacken, Jori fühlte einen kurzen, kaum schmerzhaften Ruck – und dann zersplitterte seine Welt in einer Explosion der Schwärze.

August 1

11 Jori Gid’eron / Ada

Als Jori erneut erwachte, befand er sich außerhalb der Ruinenstadt in der Nähe des Sees. Der Wald war nahe, und Jori atmete tief ein, als er den vertrauten Geruch von Borke, Blatt und Gras bemerkte.

Er hatte den Wald sehr vermisst. Vielleicht, obwohl die Welt außerhalb des Waldes nicht so tot und leer aussah, wie ihn seine Stammesangehörigen gelehrt hatten, war sie dennoch auf eine andere, schwer zu beschreibende Weise tot; nicht tot in dem Sinne, dass ihr jegliche Bewohner fehlten… aber eben tot, was die Bäume anging, diese mächtigen Stimmen im Winde, und auch tot, was die Ada anging.

In Waldnähe konnten die Ada überleben, doch ohne den Wald… eine Tote Welt, ohne Bäume und ohne Ada. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, konnte Jori den Geschichten seiner Vorfahren eine neue Wahrheit abgewinnen, die ihn allerdings zutiefst verwirrte. Er hatte noch nie über so etwas nachgedacht. Die Geschichten der Alten waren eben immer einfach… Geschichten gewesen. Es schien so, als habe ihn der lange Schlaf am Teich zu seltsamen Erkenntnissen gebracht; Erkenntnisse, die Jori in sich ruhen fühlte, ohne ihnen Namen geben zu können.

Er streckte sich und bemerkte, dass er noch immer gefesselt war; wenn auch nun auf andere Weise. Die geschickt angebrachten Lederriemen erlaubten es ihm nun, zu gehen, doch konnte er die Pfoten nicht weit genug auseinander ziehen, als dass er hätte rennen oder eine Beute schlagen können.

Geschickt gemacht….

Trotz seiner Fesseln genoss Jori das Gefühl, vollkommen wach und ausgeschlafen zu sein. Er genoss den Geruch des Waldbodens, als habe er ihn Jahre um Jahre vermisst, und das leise Geräusch des Sees, als habe man ihn soeben erst gelehrt, es zu hören.

Sein Jagdmesser fehlte. Seine Haare waren verfilzt und sein Fell stank, als habe er sich einen Monat lang nicht mehr gewaschen. Dabei war das Bad in dem warmen Wasser in der Turmruine doch höchstens eine Woche her… schätzte er jedenfalls; die vielen Stunden Schlaf voller unruhiger Träume hatten sein Zeitgefühl stark verwirrt.

Die Luft roch süß an diesem Tag; der Frühling hatte bereits Macht in diesem waldlosen Land.

Noch einmal streckte er sich und zog die Krallen durch das frische grüne Frühlingsgras und den weichen, schlammigen Untergrund. Vorsichtig erhob er sich und sah sich um.

Wie vermutet waren die Vogelleute nicht weit fort; sie hockten wenige Meter entfernt um ein niedrig brennendes Lagerfeuer und schienen überhaupt nicht mit einander zu sprechen. Sie bereiteten erneut eine Art Essen; Jori roch den bratenden Fisch selbst gegen den Wind auf diese Entfernung. Obwohl sein Magen schmerzhaft knurrte, musste Jori einen Moment lang inne halten und die perfekte Harmonie der kleinen Gruppe bewundern. Niemand von ihnen sprach. Dennoch war es, als läsen sie die Gedanken ihres Nächsten auf wundersame Weise. Brauchte einer von ihnen eine Zutat oder ein Gerät, so hatte es sein Nachbar bereits in den Händen. Musste dieser oder jener eine Arbeit tun, so brauchte er nicht mit Händen oder Ellenbogen um Platz zu stoßen – die anderen wichen schon zur Seite, bevor derjenige überhaupt begonnen hatte. Jori hatte diese Art der stummen Verständigung an den Vogelleuten bisher nicht bemerkt. Doch erschien es ihm, als beobachte er ein eingespieltes Team; eine Gruppe von langjährigen Vertrauten.

Er kannte ähnliches von alten Paaren zu Hause, wenn sie länger gemeinsam unterwegs waren, in weit schwächerem Maße. Bei ihnen kam es jedoch viel öfter zu Zank und Streit, wie es zu friedlichem Zusammenarbeiten kam. Die Ada waren eben Einzelgänger, und dieses Maß an perfekter Zusammenarbeit, dass die Vogelleute hier an den Tag legten, war den Ada unbekannt.

Hätte ich das früher auch erkannt? Fragte sich Jori, während er sich erhob und leise auf das Feuer zuging.

Obwohl er kein lautes Geräusch gemacht hatte, sah die alte Frau, die seine Sprache sprechen konnte, bei seinem Nähertreten auf, lächelte ein wenig und neigte den Kopf in seine Richtung.

Jori war eingeladen, näher zu treten.

August 1

10 Jori Gid’eron / Ada

Insgesamt durchlebte Jori mehrere Tage, in denen er seinen Schlaf – und seine Träume – kaum kontrollieren konnte. Einmal fielen ihm sogar während des Essens die Augen zu, so dass er mit dem Gesicht vornüber in seine Mahlzeit sank. Er hatte das Gefühl, ebenso viel Schlaf zu benötigen wie ein neugeborenes Kind – kaum hatte er am Morgen die Augen geöffnet, als ihm die Lider schon wieder schwer wurden, und nach einigen Sekunden, wie er es empfand, berührte ihr zum Himmel offenes Lager bereits die sinkende Sonne. Seine Träume waren durchsetzt von merkwürdigen Visionen; viele beängstigend und unverständlich für ihn, andere wunderschön und so prächtig anzusehen wie der bunte Federschmuck, den die Qetzel an den Markttagen angeboten hatten.

Immer wieder sah Jori seine Familie, Vanta und Memi und Tarri, seine kleine Stiefschwester und Ule und Vaidi, seine Stiefbrüder. Es schien ihnen allesamt nicht gut zu gehen. Jori sah viele Tränen, doch wenn er diese seltsamen Träume hatte, dann war es immer so, als sei ein Fremder der Beobachter all dieser Szenen und erzähle sie Jori nur. Seine Gefühle blieben in seinem schlafenden Körper gefangen, während sein träumender Geist mit den Visionen zum Herz des Wilden Waldes flog.

Erst wenn er wieder erwachte, konnte er anfangen, das, was er gesehen hatte, auch zu verstehen und mit seinem Herzen zu erfassen. Dann fragte er sich stets, ob er denn überhaupt die Wahrheit gesehen hatte oder nur ein Was-wäre-wenn, ein Gedankenspiel irgendeines unbegreiflichen, unsichtbaren und übergroßen Wesens, das Joris Geist ganz nach seinem Belieben von seinem Körper trennte und in die Luft warf, wie andere Kinder ein Spielzeug hinauf werfen und es anschließend zu fangen versuchen.

Es frustrierte Jori mehr und mehr, dass er sich mit den Vogelwesen, die ihn gefangen hielten, nicht verständigen konnte. Mehrfach forderte er, seine Fesseln zu lösen, und seine eindringlichen Gesten und Lautmalereien schienen die Fremden auch zu verstehen – doch bevor sie sich ihm auch nur so weit nähern konnten, dass Jori seine Gesten hätte wiederholen können, schlief er wieder ein und versank in tiefe, traumlose Schwärze.

Als dieses merkwürdige Leiden endlich besser wurde, hatte Jori das Zählen der Tage aufgegeben. Er hatte keine Ahnung, wie viele Tage er zur Gänze verschlafen hatte; er wusste nur, dass er endlich, endlich lang genug wach bleiben konnte, um so viel zu essen wie sein Magen nur aufnehmen konnte. Und selbst nach dieser großen Mahlzeit blieb er fast eine ganze Stunde lang wach. Stolz sah er sich um, um von den Vogelwesen eine Bestätigung für die Besserung seines Zustands einzufordern – doch dann genügte ein schlichter Blick von einem der drei Männer, und Jori versank erneut in einen tiefen Schlaf, der ihm einen Traum von der goldenen Stadt einbrachte, in deren Ruinen er sich offensichtlich befand.

Wenige Tage später näherte sich ihm Urrikka-tikka erneut, die Stirn in besorgte Falten gelegt. Sie hockte sich vor ihm hin, und Jori spürte eine neue Welle von Schlaf in sich aufsteigen. Tapfer kämpfte er darum, die Augen offen zu halten.

„Wir ändern Fesseln, Kind.“ sagte sie zu ihm, seine Sprache überdeutlich betonend. Ihre langsame, vorsichtige Sprechweise schien nicht allein von der Unsicherheit der Fremdsprache zu kommen, sondern gehörte offensichtlich auch zu ihren üblichen Angewohnheiten.

„Du mit kommst uns, wir laufen. Dann wird besser, ohne Schlaf. Ist Teich – unter uns zieht. Und unsere… Vorangegangenheit.“

Sie nickte ruckartig, wie um ihre Worte zu unterstreichen.

Joris ganze Antwort bestand darin, dass er die Augen schloss – er hatte den Kampf gegen die seltsamen Träume wieder einmal verloren.

Immerhin waren die Worte der Vogelältesten nicht umsonst gewesen; Jori hatte sie gehört und versuchte, sie zu verstehen. Sie schenkten ihm eine Traumvision, in der er dem dunklen warmen Wasser unter dem Turm bis in unbekannte, schwärzeste Tiefen folgte, zu einer verborgenen feurigen Quelle im schwarzen Gestein. So tief hinab zog ihn sein Traum, dass Jori das Gefühl hatte, langsam von der schieren Masse an Stein über ihm zerquetscht und von Wasser, das seit Jahrhunderten unbewegt an der immer gleichen Stelle verharrte, erdrückt zu werden.

Und ganz am Ende dieses tiefen, dunklen Teiches wartete … ein Auge; ein strahlendes, katzenschlitziges Auge, doch nicht wie sein eigenes in grün und in gelb, sondern schimmernd wie flüssiges Gold…

August 1

9 Jori Gid’eron / Ada

Lächelnd sah die Vogelfrau auf den schlafenden Ada auf ihrem Schoß herab, löste vorsichtig die Hand aus seinen schwarzen langen Flechten.

„Seht ihr – er ist noch ein Kind,“ sagte sie in ihrer seltsamen, von Klicklauten durchsetzten Sprache zu den anderen Vier.

„Im Vergleich zu uns sind viele der anderen Schläge noch Kinder,“ widersprach !Xirruku ihr mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. „Dennoch haben sie ihre eigene Lebensspanne und ihren eigenen Kreislauf von Leben und Tod. Du solltest nicht von den Lebenslinien in seinem Gesicht auf sein Alter schließen; dieses Urteil muss unweigerlich zu einer Täuschung führen.

Und außerdem – er ist ganz augenscheinlich allein. Welcher Schlag würde ein Kind allein in diesen Ruinen aussetzen?“

„Ich weiß es nicht,“ gab Urrikka-tikka, die älteste der Vogelwesen, ihr Einverständnis zu !Xirrukus Ausführung. „Aber ich fürchte, es steckt ein schreckliches Schicksal dahinter.

Wir müssen versuchen, mit ihm zu sprechen, wenn er halbwegs wieder bei Kräften ist. Und über seine Halskette.“

„Er hat aus dem heiligen sehenden Teich getrunken und darin gebadet, Älteste,“ gab Trrajkja, die andere Vogelfrau, zu bedenken. „Zunächst gehört er bestraft; falls er es überhaupt überlebt.“

Doch Urrikka-tikka schüttelte den Kopf. „Wenn er es überlebt, hat er genug Schmerz und Wahn gesehen,“ sagte sie leise. „denn dann hat er gesehen, wie die Welt inzwischen geworden ist; kalt und einsam. Das ist Strafe genug.“

Alle fünf nickten einmal ruckartig mit dem Kopf; ein Zeichen des Einverständnisses unter den Albae, wie sich die Vogelmenschen selbst nannten. „Wie ihr es vorausseht, Älteste,“ antwortete Trrajkja noch förmlich, bevor sich die vier anderen wieder an ihre jeweiligen Arbeiten machten.

Urrikka-tikka streichelte weiter Joris schwarze Haare und sah zu dem schlafenden Panthermenschen hinab. Wie sie es voraus sah.

Juli 22

8 Jori Gid’eron / Ada

Erst nach einer Weile bemerkte Jori, dass die fünf Fremden sich mit einander unterhielten. Das lag daran, dass ihre Sprache Jori absolut fremdartig vorkam, ein Klicken und Scharren und Kieken, dass er eher den Vögeln am offenen Abendhimmel, hoch oben über dieser zerbrochenen Eierschale von einem Turm, zugeordnet hätte als irgendwelchen vernunftbegabten Wesen.
Als er versuchte, diese merkwürdige Sprache zu verstehen, begriff er ganz
allmählich, dass die Fremden mit einander debattierten. Ihre Gesichter waren ruhig und gelassen, aber ihre Gesten waren schnell und ruckartig, so als bahne sich ein Streit zwischen den Fünfen an. Einer von ihnen sah zu Jori hin und bemerkte seinen wachen Blick. Ein einziges „!Xirr“ von ihm beendete die gesamte Diskussion, und alle Fünf blickten auf Jori herab.
Der bleckte die Reißzähne. Er hatte seine Fesseln noch nicht auf ihre Festigkeit hin erprobt, aber er hatte den Verdacht, das diese schwachen, dürren Vogelwesen seine Stärke vielleicht gar nicht richtig einschätzen konnten.
Vermutlich würde seine Kraft – und Schnelligkeit – der entscheidende Vorteil sein, um seinen Findern zu entkommen. Warum sie ihn überhaupt gefesselt hatten, fragte er sich kein einziges Mal – wäre er umgekehrt in derselben Situation gewesen, hätte er einen möglichen Feind auch lieber gefesselt erwachen lassen als frei.
Von der Fünfergruppe löste sich eine der Frauen; Jori schätzte, dass es die
älteste der Schar sein musste. Sie näherte sich vorsichtig dem unbequem
hingestreckten Jori, ihre Hand tastete nach seiner Stirn.
Reflexartig knurrte Jori, fauchte die Fremde an, die ihn gefesselt hatte. Doch sie murmelte nur etwas, das klang wie das Knarren eines alten Baumes, und dann spürte er ihre kühle Hand an seiner Wange. Sie hob sein Gesicht zu ihr auf und sah ihm lange und tief in die Augen. Ihr schwarzer Blick schien tief in Joris Innerstes zu sehen, fragte ihn nach dem Woher und Wohin und vor allem nach dem Warum.

Es war ein trauriges, altes Gesicht, das von großer Mühe genauso wie von
großer Würde gezeichnet schien. Jori fühlte sich plötzlich nackt, unbehaglich – durchschaut. Er zerrte an seinen Fesseln, doch sie hielten.
Die Frau schüttelte sanft den Kopf, dann… dann, Jori fasste es kaum – kniete sie sich direkt neben seinem Kopf nieder und legte ihn sich auf den Schoß, wie man es vielleicht bei einem kleinen Kind macht. Sanft streichelte sie ihm durch die langen schwarzen Haare und über die spitzen Ohren und begann, in ihrer seltsamen Sprache zu singen. Jori machte sich steif und spannte die Muskeln unter den Fesseln. Was hatten sie vor?
Sie winkte mit einer Hand, und einer der anderen brachte von dem Fisch, der am Feuer zum Wärmen gelegen hatte, und von den Früchten und der
seltsamen, halbfesten Speise, die für Jori so gut gerochen hatte.
Wie bei einem Kleinkind begann die Frau, auf deren Schoß Jori liegen musste, ihn mit Brocken von diesem und jenem zu füttern. Da erst merkte Jori, wie ausgehungert er war. Er wusste, dass er, der strapaziösen Reise wegen, dem Tode nahe gewesen war, doch hatte er eher ein Erfrieren als ein Verhungern erwartet. Dennoch, diese wenigen Brocken Essen schon machten ihm klar, wie lange er ohne Proviant unterwegs gewesen war und wie entkräftet sein Körper wirklich war.
Er schlang das Essen hinunter, so gut er es in seiner derzeitigen, absurden Situation konnte, und alles schmeckte ihm so vorzüglich, ja märchenhaft gut, dass er beinahe glaubte, er sei nun ganz und gar in einen verrückten Traum versunken.
Und während der ganzen Zeit fuhr die Frau fort, zu streicheln und zu singen.
Obwohl Jori zwischen den ersten paar Dutzend Bissen noch Zeit gefunden
hatte, zu knurren und auch überlegt hatte, der Vogelfrau die Hand oder am
besten den ganzen Arm abzubeißen, fand er sich schnell von Lied, Wärme und Nahrung dermaßen eingelullt, dass er nichts weiter tun konnte, als liegend zu kauen, das wundervoll warme Essen in seinem Magen und die liebkosende Hand auf seinem Kopf zu genießen.
Es dauerte keine zehn Minuten, bis sein schmaler Hungermagen so voll
gestopft war, wie er es irgend wagen konnte – und bis er wieder eingeschlafen war.

Juli 22

7 Jori Gid’eron / Ada

Jori holte tief Luft. Sich mit wilder Kraft zu befreien, war seine erste Idee. Aber
dann hielt er ruhig und versuchte, zunächst etwas mehr von der Umgebung zu
erfassen, in der er sich befand.
Offensichtlich lag er in dem Hauptraum des Turmgebäudes, das er auf der
Suche nach Nahrung und Wasser betreten hatte. Die Fremden hatten hier ein
großes Feuer entfacht; dazu hatten sie die gemeißelte Schale auf dem
steinernen Fußboden verwendet, über die Jori auf dem Weg hinein schmerzhaft
gestolpert war.
Jori roch den schmerzlich lockenden Duft eines ihm unbekannten
Nahrungsmittels, das in der Nähe des Feuers auf einer flachen Platte briet.
Auch frisches Wasser konnte er riechen, genauso wie viele weitere, ihm
unbekannte Aromen.
Die Fremden waren offensichtlich zu fünft, zwei Frauen und drei Männer saßen
rings um das Feuer und gingen verschiedenen Tätigkeiten nach. Sie waren…
anders als alles, was Jori je gesehen hatte – sie waren keine Ada. Sie waren
hoch gewachsen und beinahe unglaublich schlank, wirkten so dünn und
zerbrechlich, das Jori meinte, mit einem Tatzenhieb all diesen Fremden Armen
und Beine brechen zu können. Während Joris Hautfarbe ein sanftes helles Braun
war, das an seiner Hüfte in sein ungewöhnlich schwarzes Fell überging, waren die Fremden so blass und weiß, dass man meinen konnte, sie beständen
vollständig aus Milch. Um ihre Köpfe legten sich reinweiße Federn, die sie anstelle von Haaren bedeckten. Alle fünf trugen weit fallende, weiße Roben, die seidig schimmerten und denen der Schmutz und Staub der Umgebung rein gar nichts anzuhaben schien.
Jori hatte noch nie soviel so fein gewebten Stoff an einem Menschen gesehen;
diese Wesen mussten sehr reich sein. Das schönste an den Fremden aber
waren die großen, weißgrauen Flügel auf ihren Rücken, die sie wie Vögel
übereinander verschränkt trugen.
Sie machten es ihnen unmöglich, sich zu setzen, daher zogen es diese Wesen
vor, zu hocken oder zu stehen. Zunächst verwirrte ihn die seltsame, ruckartige
Art und Weise, in der sich die Fremden bewegten, aber dann konnte er einen
Blick auf ihre Füße erhaschen, die unter den weiten Roben verborgen waren.
Sie waren breit und flach, erinnerten eher an Flossen als an Füße.

Was für Wesen waren das nur?
Sie hatten durchdringende, komplett schwarze Augen mit dunklen
Umrandungen – was Jori, der selbst nur die grünen Katzenaugen der Ada
gewohnt war, immer wieder aufs Neue auffiel.

Juli 14

6 Jori Gid’eron / Ada

Ruhig erkannte er, dass er ertrinken würde, wenn er nicht bald in seinen Körper zurückfand und seine Arme und Tatzen bewegen würde. Doch irgendwie schien ihm diese Erkenntnis unwichtig, nebensächlich vor der Tatsache, dass der Raum, in dem er sich befand, begann, sich zu verändern. Moos und Schimmelflecken heilten, während er ihnen zusah, verschwanden schließlich ganz. Ein gelbliches, grünliches Licht begann, den Raum zu durchfluten, ausgehend von einer ruhigen Kristalllampe in einer filigranen, silberfarbenen Halterung am Herzstück der Wendeltreppe. Die Wände überzogen sich mit weißem Putz, von oben bis nach unten ins Wasser reichend, und alsdann bildeten sich darauf farbenprächtige, mit Gold und Silber abgestimmte Malereien, die seltsame, vogelartige Wesen zeigten. Der Wasserstand schien ein wenig zu fallen, die Treppenstufen trockneten ab und glänzten mit glatten Fliesen, und dann wurde Joris Geist erneut aus dem Turm heraus gezogen, schwebte durch Licht und Luft und fand sich zu seinem großem Erstaunen über einer vollkommen unversehrten Ansiedlung wieder, die noch um einiges größer zu sein schien, als Jori an den Ruinen zu erkennen geglaubt hatte. Und jetzt waren die Straßen gepflastert, die flachen Dächer mit einer Art goldfarbener Grasmatten bedeckt, die Häuser allesamt unbeschädigt und makellos weiß. Hier und da spannte sich ein bunt gewebtes Vordach vor den Eingängen aus dunklem Holz, Marktstände waren zu sehen, und überall ging Vogelvolk ein und aus; schwebte mit Joris unsichtbarem Geist am Himmel. Höher zog es ihn und höher, in den blauen, wolkenlosen Himmel hinein, bis er nicht mehr wusste, ob er noch flog oder schon stürzte….

Als Jori erwachte, war er trocken, lag auf einer weichen Decke in der Nähe des Feuers, und obwohl in seinem Magen noch immer der Hunger brannte, war ihm warm – verglichen mit den Strapazen der letzten Wochen im Wald war ihm beinahe paradiesisch wohl zumute. Als nächstes jedoch stellte er fest, dass seine vier Tatzen mit dünnen Lederriemen gefesselt waren, und auch seine Hände…

Juli 14

5 Jori Gid’eron / Ada

Endlich endete die bedrückende Vision seiner Vergangenheit am Rande des großen Waldes, dort, wo Jori eines frühen Morgens die weißen Nebelschlieren auf den feuchten Wiesen staunend betrachtet hatte.

Die Ada des Jaguarschlags glaubten, der Wilde Wald sei unendlich groß, gemacht für alles Lebendige, und darum herum sei – wenn überhaupt etwas – dann eine tote, öde, leere Welt, in der nichts existieren konnte. Aber der Wald war endlich, hier, an einem kleinen, namenlosen See, der frisches, eiskaltes Trinkwasser spendete. Der große, behäbige Moth-Fluss war hier noch nicht mehr als ein Bächlein, versteckt in den Wiesen.

Jori hatte den See umrundet und sich auf sonderbare Weise nackt – viel zu gut sichtbar – gefühlt, als er zum allerersten Mal in seinem Leben den Schutz des Waldes verließ und über das taufeuchte Gras geschritten war.

Auf der dem Wald gegenüberliegenden Seite des namenlosen Sees lag die Ruinenstadt im feuchten Nebel verborgen, nur hier und da ragte ein eingefallener Turm oder ein dunkel gähnendes Tor aus dem schützenden Schleier.

Jori hatte noch nie eine Stadt aus Stein, am Boden gebaut, gesehen, und er witterte aufgeregt. Aber außer den bekannten, beruhigenden Gerüchen des Sees und des Waldes konnte er nichts feststellen, dass ihm als Gefahr erschienen wäre.

Entkräftet, wie er war, näherte er sich der Stadt in der Hoffnung, irgendwo irgendetwas zu essen zu finden und vielleicht ein wenig Schutz und Wärme, und sei es auch nur für eine kleine Weile.

Den Kopf in alle Richtungen drehend hatte er die geräumigen, mit weißem, bröckelnden Putz getünchten Gebäude bestaunt, die viel viel mehr Menschen Platz zu bieten schienen als es – seiner Meinung nach – auf der ganzen Welt überhaupt geben konnte. So war er in den verfallenen Turm in der Mitte der Stadt geraten, angezogen von dem Dunkel hinter einer vom Efeu eingerahmten Türöffnung.

Die Wärme der heißen Quelle, ganz unten in diesem Gebäude, hatte er als leisen, liebkosenden Lufthauch am Eingang erspürt, und so war er hier auf der glitschigen, verfallenden Wendeltreppe gelandet.

Jori sah sich selbst, seinen eigenen Körper, so, als würde er knapp unter der steinernen Decke schweben. Zu seinem Erstaunen hing der kräftige Jaguarleib schlaff herab, sein Kopf ruhte auf seinem Arm, die schlitzförmigen Nasenlöcher nur noch knapp über der Wasseroberfläche. Du träumst mit offenen Augen…

Juli 14

4 Jori Gid’eron / Ada

Jori weinte lange, versuchte, mit Vater und Mutter zu sprechen, doch beide taten nur so, als hörten sie ihn nicht. Jetzt rückblickend erkannte er, dass sie den Beschuldigungen gegen ihn geglaubt haben mussten, sonst hätte nichts auf der Welt sie daran hindern können, ihren Ziehsohn weiterhin zu unterstützen. Doch damals, vor diesem langen, kalten Winter, hatte er es nicht verstanden, hatte ihnen Vorwürfe gemacht und in die stummen, verschlossenen Gesichter geschrien, die so taten, als bemerkten sie seine Anwesenheit nicht. Niemand von den Ada sprach noch ein Wort mit ihm, alle wichen seinem Blick und seinen Berührungen aus, egal in welches Territorium er auch ging. Verzweifelt erkannte Jori, dass er hier – bei seinem eigenen Volk – den Winter auf keinen Fall überleben würde. Er würde fort gehen müssen, weit fort – irgendwohin, wo es andere Stämme gab.

Er stahl soviel an Nahrung, wie er tragen konnte, nahm seinen Speer und seinen Bogen an sich, seine Angelschnur und sein Steinmesser, drei Felle und die wenigen Habseligkeiten, die er als sein eigen auf dieser Welt betrachte. Es schmerzte ihn sehr, dass er sie teilweise aus den Hütten der anderen Ada stehlen musste, die sie an sich genommen hatten. Sein Messer nahm er aus Ayles Hütte; es lag neben ihrer Hängematte.

Dann ging Jori fort, am Jägerstein vorbei nach Süden, gegen die Fließrichtung des großen, behäbigen Moth-Flusses… immer in der Hoffnung, dass er vielleicht bald auf andere Stämme stoßen würde oder nach Süden hin wenigstens dem herannahenden Winter noch ein wenig länger würde entkommen können.

Ayle saß auf dem Stein, als er ging, doch sie hatte ihm keinen Blick geschenkt und tat es auch jetzt nicht.

Den Kopf gesenkt, trottete Jori voran, immer weiter fort von dem geliebten Herz des Wilden Waldes, von den riesengroßen Bäumen und den Ada, die er als seine Familie angesehen hatte.

Der Winter senkte sich schwer auf seinen Körper und auch auf seine Seele. Er weinte viel, denn sein Körper litt Hunger und sein Geist sehnte sich nach Gesellschaft.

Die Vorwürfe, die abweisenden, von seiner Schuld überzeugten Gesichter, drängten sich in seinen Schlaf und weckten ihn, und bald glaubte sich Jori selbst schuldig. Vielleicht hatte er sich ja wirklich falsch verhalten? Hätte er seinen Platz an Mela’chaks Schlafmatte nicht Unnin überlassen müssen? Brachte er wirklich Unglück, und wenn ja, wodurch? Durch eine Berührung? Oder nur durch seine Anwesenheit allein? Hätte er Mela’chak nicht berührt, hätte das einen Unterschied gemacht? Hätte der alte Mann vielleicht nicht sterben müssen, wenn er die richtigen Kräuter gegen den Tod gekannt hätte? Warum, wenn Mela’chak sie kannte, hatte er sie nicht in seinem Haus und ihm erklärt, wie man sie anwendete? War alles, was er gelernt hatte, denn ein Fehler gewesen; nur ein Trugschluss, dass es ihm nützlich sein könnte?

Der Winter war lang und hart, und Jori war so ganz und gar allein wie nur wenige Menschen zuvor. Seine Pfoten, an derartig lange Wanderungen noch nicht gewöhnt, wurden bald rau und wund und hinterließen kleine, blutige Spuren im schneeigen Untergrund. Keinen Tag gab es, an dem Jori nicht fror und Hunger litt, keine Nacht, in der er nicht geweint hätte um seine verlorene Familie und sein verlorenes Heim, seine wenigen Freunde und um einen einzigen, anerkennenden Blick von Ayle. Nur der Wald war um ihn, schweigend und schlafend, und bald bildete Jori sich ein, er könne die Geister der Toten zwischen den Bäumen sprechen hören, wie sie ihm Geschichten von ihrem eigenen Leid erzählten… davon, wie sie gestorben waren.

Friedvolle Tode gab es und grausame, Menschen, die mit erhobenem Haupt zu den Großvaterbäumen gegangen waren und solche, die sich mit Klauen, Händen und Zähnen an der Grünen Welt festgehalten hatten, weil sie Angst vor dem hatten, was sie vielleicht dort erwartete. Aber bald erzählten sie ihm, dass das Hinlegen, das Aufgeben und Einschlafen gar nicht schlimm sei, viel einfacher als das Atmen und Frieren und das sinnlose immer und immer Weitergehen.

Jori versuchte, sie nicht zu beachten. Doch da begannen die Geister zu singen. Wunderschöne, verlockende Stimmen erhoben sich im Wind und trugen ihn mit sich fort in ein warmes, schönes Land, in dem immer Sommer war und man die dicken Flussfische mit der Hand greifen konnte, wo rot-goldene Beeren an den Sträuchern hingen und Fleisch zum Trocknen über dem Feuer.

Nicht allzu lange dauerte es, bis Jori aus seinem wunderschönen Traum erwachte, schluchzend wie ein kleines Kind, weil er die überwältigenden Farben und die wohlige Wärme nicht gehen lassen wollte.

Doch seine Glieder waren steif und schmerzten vor Kälte, in seinen Haaren hing der Schnee, und neben ihm im Fluss trieben kleine Eisschollen im kalten Wind hangabwärts – und Jori wusste, wie nahe daran er gewesen war, zu erfrieren.

Viele Tage ging Jori am Fluss entlang. Ungezählte Tage nagenden Hungers, gefolgt von bitterkalten Nächten. Noch drei Mal hatte er solche Träume und seine liebe Not damit, wieder in der wirklichen, grausamen Welt aufzuwachen, ehe er sich ganz und gar der Kälte ergeben musste.

Juli 14

3 Jori Gid’eron / Ada

Und Mela’chak starb. An einem stürmischen Herbstmorgen wollte er einfach nicht mehr aufstehen, und als Jori an seiner Schlafmatte sitzen blieb, um dem alten Mann den Weg zu den Großvaterbäumen wenigstens mit ein wenig Gesellschaft zu erleichtern, stürmte Unnin aus der Hütte, rannte den ganzen Weg bis zum großen Feuer und erzählte dem Waldältesten, Jori habe einen Fluch über ihren Kräutermann gewirkt, so dass er nun elendiglich sterben müsse.

Nicht viele von Joris Freunden wollten für ihn und gegen Unnins Anklage sprechen an diesem Abend in der Hütte des Waldältesten, und so wurde entschieden, dass das Feuer zu Joris Vergehen befragt werden sollte.

Das große Feuer, das seit eh und je in der Hütte des Waldältesten in einer großen irdenen Schale brannte und im Winter sogar mit in die Höhlen umzog, war von den Altvorderen entzündet worden und wurde seit Generationen am Leben erhalten.

Jori musste sich vor diese Feuerschale setzen; Unnin als der Nachfolger des Kräutermanns übergab ihm einen Kiefernzapfen, den er ins Feuer werfen sollte. Wenn der Zapfen unter Knacken und Funkenstieben verbrannte, galt dies als gutes Zeichen und brachte Glück.

Doch Unnin hatte den Kiefernzapfen durchnässt – wie Jori später erfuhr sogar mit seinem eigenen Urin – und als er ihn ins Feuer warf, gab er nur ein schwächliches Zischen von sich und wollte gar nicht brennen.

Nun wurde Jori als Ursache für all das Unglück gesehen, dass den Ada in den letzten Jahren geschehen war. Stolz reckte Unnin sein von der Borkenmaske verdecktes Haupt und stieß einen bestätigenden Schrei aus.

Traurig schüttelte der Waldälteste sein Haupt und verkündete Joris Verbannung. Ein Geist sollte er von nun an sein, dem keiner Gehör schenken durfte. Joris Name durfte, wie der eines Toten, nicht mehr erwähnt werden, und ihm Essen oder Trinken anzubieten, war verboten.

Joris eigene Eltern – die sich seiner angenommen hatten, nachdem man ihn aus dem Fluss gefischt hatte, die ihm Milch zu trinken gegeben hatten und mit denen er gerauft, gejagt und gefischt hatte, seit er denken konnte – huben für ihren lebendigen Sohn ein Grab aus und hielten Trauerandacht für ihn.

Vanta, Joris Vater, stellte all die Dinge, die Jori gehört hatten, vor sein Haus; wie man es bei einem Verstorbenen macht, damit diejenigen, die etwas brauchen, es sich heraussuchen können.

Juli 14

2 Jori Gid’eron / Ada

Von den Ada wusste keiner, warum das so war, doch der Weg zu den anderen Stämmen war weit; schon zum Herbstmarkt war es weit, fast zwei Hände voll Tagesreisen den Fluss entlang.

Aber auch die Ada hatten nur noch wenige Kinder, die den Winter überlebten. Die Alten sagten, dass die Winter härter geworden waren, kälter und länger als in ihrer Jugend, und dass es nun das wichtigste war, Vorräte anzulegen.

Doch jeden Winter starb mindestens einer von den Alten und mindestens fünf von den Jungen, und so zählte der Ada-Stamm nur noch 40 Köpfe, als Jori alt genug geworden war, um ein Jäger zu sein.

Auf die Jäger und Jägerinnen musste man sich nun verlassen können. Doch obwohl man unter diesen Umständen annehmen könnte, dass die Schwierigkeiten den Stamm dazu zwingen würden, enger zusammen zu stehen und gemeinsam allen Widrigkeiten zu begegnen, herrschte mehr Uneinigkeit und Streit unter den Ada als früher. Vielleicht, weil der Jaguarschlag im Grunde aus Einzelgängern bestand und das enge Zusammenleben ihnen mehr schadete als nützte. Aber allein hatten die Ada in den kalten Wintern keine Überlebenschance, das hatte sich in der Vergangenheit deutlich bewiesen. Und, so nahm man wenigstens allgemein an, es war wohl auch der Grund für die Abwesenheit der anderen Jaguarstämme beim Herbstmarkt. Wer nicht seine mageren Vorräte zusammenlegte, sich in den engen, stinkenden Höhlen verkroch und sich gegenseitig den Pelz wärmte, der musste elendiglich verhungern und erfrieren.

Ganz besonders Jori bekam dies zu spüren, denn Jori sah anders aus als die anderen Ada. Wenn nicht sein großer Wuchs und seine langsame Entwicklung die anderen Ada daran erinnerte, dass Jori einst als nasses Bündel aus dem großen Moth gefischt worden war, dann sein schwarzes, glänzendes Fell, dass sich von den beigen Flecken der anderen Ada so deutlich unterschied.

Jori war kein besonders guter Jäger, kein besonders guter Tänzer oder Sänger oder Fischer. Außer seinen großartigen Träumen, die er bald der schrägen Blicke wegen den anderen nicht mehr zu erzählen wagte, konnte er gar nichts besonders gut.

Doch eines tat Jori gern – er hörte gerne zu. Vor allem Mela’chak, dem Kräutermann, mit dem er stundenlang auf der schmalen Balustrade vor des alten Mannes Haus‘ sitzen konnte, dort oben, auf der großen, vielfach verzweigten Buche, so weit oben, dass ringsumher der Waldboden von tausend flatternden Blättern verborgen wurde und die Vögel sich auf das Geländer setzten und meinten, es seien kleine Äste.

Unnin, der Lehrling des Kräutermannes, war bald eifersüchtig auf diese ungleiche Freundschaft und meinte, Mela’chak brächte Jori etwas bei, dass er nicht wissen dürfe.

Ganz unrecht hatte er mit diesen Vorwürfen wohl nicht, denn bald wusste Jori genauso viel vom geheimen Wesen der Pflanzen wie Unnin – doch geschah dieses Lernen keineswegs, um Unnin auszuschliessen.

Es war eher so, dass Jori das Verstehen, die Aufnahme von Mela’chaks Wissen, nicht verhindern konnte – es tröpfelte einfach so in ihn hinein, blieb hängen und war nicht mehr weg zu bekommen, füllte seinen Geist so selbstverständlich, als habe es immer schon dort hin gehört.

Unnin, der mühsam mehrfach alles wiederholen und üben musste, was Mela’chak ihn lehrte, kam dieses Zufliegen von Wissen natürlich unheimlich vor, und Neid war schnell die Folge.

Als der Herbst sich seinem Ende näherte und das Volk der Ada sich für den Umzug von den hohen Baumkronen in die wärmeren Erdhöhlen bereit machte, hatte die schlechte Stimmung unter den Ada einen noch nie dagewesenen Stand erreicht. Trotz aller Anstrengungen waren die Vorräte knapp bemessen für den langen, kalten Winter, der den Zeichen nach vermutlich bevorstand. Das Wild war schnell und scheu, die Vögel zogen in langen Reihen nach Süden, und der Wind schüttelte die Baumkronen und die Behausungen der Ada.

Juli 14

1 Jori Gid’eron / Ada

Jori duckte sich tiefer in die Schatten auf den feucht-kalten Steinen der Wendeltreppe. Dort oben waren Leute! Helle, fremdartige Stimmen hallten zwischen den alten, moosbewachsenen Steinen wieder. Sein scharfes Gehör sagte ihm mit unerbittlicher Sicherheit, dass er von hier unten nicht unbemerkt würde herauskommen können – dass er in der Falle saß.

Warum um alles in der Welt war er nur hier herunter geklettert?! In einer verlassenen Stadt in einen halb eingestürzten Turm…

Unruhig schlug die Spitze seines Schwanzes hin und her, bis er es bemerkte und hastig unterdrückte, damit nicht das Geräusch spritzenden Wassers die Fremden über ihm alarmierte.

Wie war er nur hier hineingeraten? Jori seufzte. Noch vor ein paar Stunden hatte er sich sehnlichst Gesellschaft gewünscht, sich nach anderen Stimmen gesehnt und jemandem, mit dem er reden konnte; jemand, der kein Geist war und ihn nicht mit stummen Anklagen überhäufte. Und jetzt – war sein Wunsch offensichtlich in Erfüllung gegangen, doch Freude darüber vermochte Jori beim besten Willen nicht zu spüren. Nur Misstrauen krampfte ihm den ohnehin schon leeren Magen zusammen.

Jori wich noch etwas weiter in das warme, mineralisch riechende Wasser zurück. Vielleicht würden sie ja nicht hier herunter kommen… vielleicht waren sie wegen etwas ganz anderem hier… vielleicht…

Merkwürdigerweise fühlte Jori sich nun schuldig, dass er in dieser warmen Quelle am Ende der Wendeltreppe gebadet und von dem leicht bitter schmeckenden Wasser getrunken hatte. Was, wenn die Fremden da oben die ehemaligen Bewohner dieser Ruinenstadt waren und ihm sein Eindringen übel nahmen? Was, wenn….?

Plötzlich, wie eine über seinem Kopf zusammenschlagende Welle, überkam ihn die Erinnerung an sein verlorenes Zuhause. Haltlos, kraftlos rutschte Jori noch ein Stückchen weiter die glitschige Treppe hinab, so dass er nun mit dem schwarzen, schlanken Leib im Wasser lag und nur sein Kopf und Oberkörper noch auf die Treppe herausragte.

Mit all seiner verbleibenden Kraft wollte Jori sich herausziehen, bemühte sich gleichzeitig, möglichst kein Geräusch zu machen, um die Fremden da oben nicht aufzuschrecken – doch es war so sinnlos, als hätte das dunkle, blutwarme Wasser sich vorgenommen, ihn zu verschlingen.

Tatsächlich fühlte Jori keine Panik, kein Entsetzen über seine plötzliche Wehrlosigkeit, denn sein Geist wurde von seiner Erinnerung fort gerissen, weit, weit nach oben in die Luft gewirbelt, achtlos wie ein loses Blatt und doch vom Winde geborgen, sanft geschaukelt und getragen.

Nach Westen und Norden wehte er, bis er die riesigen Bäume seiner Heimat aus dem Wilden Wald herausragen sah. Dorthin, wo alles begonnen hatte, segelte er, und mit Augen, die so scharf wie die eines Adlers waren, konnte er die Jagdhütten seines Volkes sehen, die wie zu groß geratene Vogelnester an den großen Stämmen und auf den ausladenden Ästen klebten. Brücken und bunte Bänder verbanden sie, Seile waren zwischen den Plattformen und Häusern gespannt.

Selbst in seinem seltsam entrückten, körper- und gefühllosen Zustand versetzte Jori der unerwartete Anblick seiner Heimat einen schmerzhaften Stich. Dort war der Moth-Fluss, dort die Schaukelseile, mit denen die Kinder zu spielen und ins Wasser zu plumpsen pflegten, dort die Hütte des Waldältesten, wo sich allabentlich alle am großen Feuer versammelten und Geschichten erzählten und Lieder sangen. Dort, etwas weiter entfernt, war auch Mela’chaks Hütte, in der er so lange gelernt hatte; dort unten der Jägerstein, auf dem die Mädchen zu sitzen pflegten, wenn die Jäger auszogen, damit sie ihnen kichernd hinterher winken konnten oder Frechheiten hinterher rufen. Dort würde Ayle wohl sitzen, wäre jetzt Sommer. Dort würde Jori vorbeigehen, geschmückt für die Jagd, und hoffen, dass sie einen Blick auf ihn werfen würde, einen einzigen nur…

Doch es war und blieb ein Trugbild. Dieser Sommer war vergangen, auch der Herbst, und er hatte Joris Volk, den Ada vom Jaguarschlag, nichts als Unglück gebracht.

Schon lange siechte Joris Volk dahin, waren es immer weniger und weniger Stämme geworden, die sich zum großen Herbstmarkt an der südlichen Flussbiegung trafen. Letztes Jahr waren die Ada alleine dort gewesen und waren nach 2 Tagen Wartezeit umgekehrt, denn Niemand war zum Tauschen gekommen, weder Qetzel noch Barrin oder Karruk – kein anderer Stamm vom Jaguarschlag schien noch Interesse am Handel zu haben.

Juli 14

12 Tjani / Koowu

Umzingelt von vier eher wenig bedrohlichen Spatzen und in einer fremden Sprache angeschrien konnte Tjani nichts weiter tun, als die Flügel anzulegen, den Kopf nahe an die Schultern zu ziehen und abzuwarten, bis man es endlich aufgab, sie anzuschreien.
Stattdessen flogen aber wieder einige von den Libellen fort – offensichtlich schnelle Boten – und kehrten kurze Zeit darauf mit noch mehr Libellen zurück. Bald saß Tjani auf dem gebrochenen Schilf, umringt von hunderten Libellenwesen, die meisten bewaffnet.

Alle waren sie schön, mit großen, ganz ausgefüllten Augen, zugespitzten Ohren und schillernden Chitinleibern, an denen vier zarte Flügel harte Arbeit leisteten, um sie in der Luft zu halten. Die meisten schwebten leichthin auf der Stelle, etwas, das Tjani bewundernd anstarrte, hätte sie selbst es doch nie zu Wege gebracht.

Tjani hatte ehrlicherweise keine Ahnung, was sie nun tun sollte. Als einer der Anführer eine Pause darin machte, ihr Unverständliches ins Gesicht zu blaffen, klapperte sie mit dem Schnabel.
Sofort herrschte verschreckte Stille, die Tjani nutzte, um sich zu verbeugen – erschrockenes Luftschnappen – und laut und deutlich zu sagen: „Bitte – FRIEDEN!“

Sie hoffte, auf diese Weise deutlich machen zu können, dass sie keine Bedrohung darstellte, und gleichzeitig, dass sie die Sprache der Libellen nicht verstand.

Aber als sie wieder aufsah, hatte jede einzelne Libelle seine oder ihre Waffe gezogen und auf sie gerichtet.

Tjani stiegen unwillkürlich die Tränen in die Augen. Warum machte sie alles immer nur falsch?

„Kossa. Koma puahas!“ rief ein dünnes Stimmchen irgendwo aus dem Hintergrund. „Koma mimpabkri sedusha.“ Aufgeregtes Tuscheln folgte. „Geh… da weg!“ rief dasselbe Stimmchen ihr zu. Tjani sah sich um. Sie saß auf dem geknickten Schilfstapel, hinter sich ihr Schlafbau von den letzten Tagen. Im weiten Umkreis waren Äste, Steine und alle anderen Sitzgelegenheiten von Libellenwesen besetzt. Wenn Tjani auch nur die Flügel entfaltete, würde sie drei oder vier der kleinen Wesen einfach davonschleudern.

„Wohin?“ fragte sie deshalb verzweifelt.

Es folgte ein kräftiger Fluch und eine unverständliche Anweisung. Die Libellen auf dem großen Stein, der ein ganzes Stück hinter ihr halb aus dem See ragte, flogen auf. Tjani reckte sehr langsam den Hals und stakste ungeschickt von dem Schilfrohr herunter bis zum Wasser. Ein kurzes Aufflattern ließ sie auf den Stein hüpfen. Dort drehte sie sich vorsichtig zu den wartenden Libellen. „…So?“ fragte sie halblaut, sich erneut verbeugend. Auf keinen Fall wollte sie eine Bedrohung für diese kriegerischen Leute darstellen. Sie waren zwar klein, aber es waren Hunderte von ihnen, alle bewaffnet mit nadelgroßen Pfeilen und zahnstochergroßen Speeren. Sie hätten Tjani durchaus arg zusetzen können.

Wieder folgte erschrockenes Aufatmen, dann Getuschel. Aus dem Pulk löste sich eine einzelner Libellenmann, der ihr zunickte.

„Besser,“ sagte er langsam. „Jetzt… nie mehr picken, ja?“

Juli 14

11 Tjani / Koowu

Das Mädchen hatte Tjani genauso angestarrt, und als sie zu sprechen anfing, fiel ihr tatsächlich die winzige Kinnlade herunter.

„Alarm! Eindringling! Mayase zalazza!! Alarm!!“

Tjani blinzelte. Bis auf den lange schon überlegten Satz, auf den sie seiner Höflichkeit und Finesse wegen recht stolz war, hielten sich ihre diplomatischen Kenntnisse in Grenzen. Was in aller Welt sollte das bedeuten?

„Ehm…“ Tjani verbeugte sich erneut.

„Es tut mir leid, wenn ich Euch beleidigt haben sollte, ehrenwerte Dame von den Libellen. Ich wollte nicht unhöflich sein.“

„Alarm!!!“ schrie die Libelle in einem so hohen Ton, dass Tjani die Zähne weh taten. „Memmero Alarmstufe!“
Tjani sah sich um. „…Alarmstufe?“ fragte sie, vorsichtig.

  • „Pirizzo! Sedusha! Alarm!!“

Perplex sah Tjani sich um. Ihr Leben lang hatte man sie gelehrt, dass alle Flieger dieselbe Sprache verwandten, während die erdgebundenen Kriecher und Wühler sich in tausend verschiedenen Sprachen bekämpften. Offensichtlich… war nicht ganz richtig gewesen, was man sie gelehrt hatte.

„Zimoro zze, jashashta! Luftschutz medemmo! Landezonenverteidigung!! Mizzo Alarmstufe!!“

Die kleine geflügelte Frau hob ab und flog brummend davon. Tjani blieb verdattert sitzen und starrte dem schnellen Flug der Libelle nach.

Was war gerade geschehen…?

Nun beweg dich endlich, du dumme Kuh, schimpfte sich Tjani selbst, flieg ihr hinterher! Sie ist deine einzige Chance, das solltest Du doch mittlerweise wissen.

Du hast es versaubeutelt, war ja klar, du blöde Trine hast es irgendwie geschafft….

Ja, aber wie? Warum?

Ist doch egal, Heulsuse, flieg ihr nach!

Das bringt doch nichts, hast du nicht gehört? Sie scheint dich nicht oder du sie nicht richtig zu verstehen. Klar das liegt an dir, nur an dir! Jeder andere hätte eine gute Chance gehabt, aber Du musst es natürlich versauen...

Tjani schimpfte noch eine Weile mit sich selbst, hatte aber keine Chance mehr, die Libelle einzuholen. Die war viel zu schnell fort und viel zu klein. Schließlich landete sie wieder dort, wo sie die Libellenfrau gefunden hatte. Noch immer ging ihr nicht in den Kopf, dass sie zwar einen Teil der Worte verstanden, andere ihr aber völlig fremd gewesen waren. Was sollte das?

Warum hatte sie auf die höfliche Begrüßung so verschreckt reagiert? Dass sie die Libellen finden würde, nur um dann in einer seltsamen Sprache angeschrien zu werden – mit allem hätte sie gerechnet, aber damit nicht.

Es dauerte gar nicht lange – Tjani war noch nicht einmal durch die Hälfte der üblichen Schmipftirade hindurch, die sie sich selbst nach solchen Reinfällen grundsätzlich hielt – da flog ein ganzer Pulk Libellen auf sie zu. Sofort erkannte Tjani die präzise Formation und die Waffen, die die kleinen Leute bereit hielten. Sie hatten vier Spatzen dabei, die mit Zaumzeug gelenkt wurden und jeder eine seltsame Art Mechanismus trugen, der wohl Pfeile verschießen konnte. Eine Spatzen-Armbrust, bedient von Libellen?

Tjani gab auf. Diese Reise entwickelte sich mehr und mehr zu einem unverständlichen, sinnlosen Trip.

Sie legte die Flügel an und streckte die leeren Hände aus, um ihren Friedenswillen zu zeigen, dann wartete sie auf das, was da auf sie zukam. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

Juli 14

10 Tjani / Koowu

Doch an diesem Tag schlief sie nicht gut. Tjani kannte das schon – wenn sie absichtlich wach blieb, konnte ihr Körper keinen Rhythmus mehr finden.

Sie wechselte zwischen Wachen, Schlafen und Träumen, bis sie das Gefühl hatte, sie warte auf etwas, ohne zu wissen, was es war. Schließlich gab sie auf, obwohl die Sonne noch hoch am Himmel stand. Irgendwann später würde die Müdigkeit über sie hereinbrechen, das wusste sie – aber ändern konnte sie daran nichts.

Ihr Körper war schon immer stark und stur gewesen, und auch, wenn dies Eigenschaften waren, die bei den Koowu als für Frauen unpassend und hinderlich angesehen wurden, war sie ein ganz klein wenig stolz darauf.

Der vierte Tag ihrer Suche in diesem Tal begann. Tjani blinzelte in die schrägen Sonnenstrahlen; es war heute vergleichsweise warm gewesen und der Schnee schmolz in zahlreichen, murmelnden Rinnsalen und dicken, eiskalten Tropfen von Grösern und Bäumen.

Tjani überlegte, ob sie überhaupt ein einziges Insekt gehört oder gesehen hatte, seit sie hier war.

Vielleicht war es für die Libellen gar nicht möglich gewesen, hier zu überleben, und sie hatten den Ort verlassen?

Vielleicht – was, wenn es nicht mehr möglich war, überhaupt noch etwas herauszufinden?

Ich fliege nicht zurück.

Ich kann alleine leben und jagen. Sollen sie mir doch gestohlen bleiben in ihrem großen Baum.

Werden sie Dir nicht fehlen?

Was, diese Heuchler und Schleimer? Nein. Allein bin ich stark. Stärker als sie.

Aber nicht stärker als sie alle zusammen.

Nein.. aber das muss ich auch nicht sein. Was bringt es, das Zusammenleben im Großen Baum? Wohin führt es? Sind sie glücklicher zusammen? Nicht wirklich. Sie haben mehr zu essen. Und mehr Pflichten, mehr Regeln. Mehr – einen ganzen Wust an ungeschriebenen Gesetzen, vorgefertigten Verhaltensweisen und verborgenen Möglichkeiten, einander weh zu tun. Allein sein heißt frei sein. Sie werden mich nicht einmal suchen.

Ja. Aber es heißt auch – allein sein.

Tjani diskutierte noch lange mit sich selbst, während sie Feuerholz und Zunder holte. Die Stelle am Teich, wo das Schilfrohr gebrochen war, erwies sich als gute Quelle für Zündmaterial, und Tjani nahm reichlich davon, denn zumindest, bis sie gar keine andere Möglichkeit mehr sah, wollte sie hier bleiben. Das Bergtal war ein schöner, stiller Ort, der eine feierliche Eigenart und Majestät besaß, die sie als sehr erholsam empfand.

Ich könnte hier leben.

„Sedusha!“ meldete sich eine kleine Stimme. „Eindringlingsalarm!“

Tjani sah sich um, konnte aber nichts und niemanden entdecken.

„Eindringling! Alarm!“ ertönte das Stimmchen erneut. Tjani ließ das Schilf fallen. In dem frisch aufgewühlten Bruch saß eine Libelle, unbeweglich. Nur ihre durchsichtigen Flügel glitzerten in der Sonne. Tjani nahm sich einen Moment, um zur Besinnung zu kommen, während der Sturm aus Überraschung und Freude über ihren Erfolg in ihr tobte.

Ich habe sie gefunden! Das ist sie bestimmt!

Sie beäugte das kleine, handgroße Wesen neugierig, während sie gegen die sinkende Sonne anblinzelte.

Gesicht und Oberkörper waren menschlich, doch von der Taille an abwärts sah das Wesen wie ein Insekt aus – schillernd blauer Chitinpanzer verhüllte die Hüften und lief in einen langen, nach hinten gestreckten Rumpf mit vier Beinen aus. Am Rücken zog sich der Panzer bis zu den Flügeln hoch. Die mächtigen Rückenmuskeln, die sie bewegten, ließen es fast ein wenig so aussehen, als habe das Wesen einen Buckel.

Doch die langen schwarzen Haare, die schräg stehenden, strahlend blauen Augen und die spitzen Ohren erzeugten in Tjani fast sofort ein unschickliches Gefühl des Neids.

Sie ist schön, wunderschön. Dagegen kannst Du einpacken.

Du sowieso, Tjani, schon lange. Seit wann legst Du Wert auf Äußerlichkeiten?

Nicht soo viel – solange ich hübscher bin.

Ha.

Nein. Diese aufgedonnerten, geschminkten, geschnäbelten, frisierten und parfürmierten Schnepfen-eulen bedeuten nichts. Schön machen kann sich jeder. Aber diese hier ist – einfach natürlich schön.

Das Mädchen hatte Gras in den Haaren und einen schmutzigen Streifen auf der Wange. Es trug eine Art blaue Sack-Tunika und einen Speer, den Tjani, hätte sie ihn ohne das Mädchen daran gefunden, vermutlich für einen jener Spieße gehalten hätte, mit denen man daheim im großen Baum kandierte Ratte zubereitete. Und trotzdem war sie schön, schöner, als Tjani je sein könnte, auch mit allen Hilfsmitteln auf der Welt nicht.

Sie schluckte, dann verbeugte sie sich.

„Grüße, Angehörige des Libellenvolkes. Ich bin Tjani von den Koowu, vom Schlag der Eulen, und wurde in einer Mission zu Euch gesandt, die von höchster Wichtigkeit ist. Könnt Ihr mich bitte euren Ältesten vorstellen, damit ich sie näher ausführen kann…?“

Juli 14

9 Tjani / Koowu

Als die Sonne hinter den hohen Bergen versank und sich kühle Dämmerung über das Tal ausbreitete, war Tjani noch keinen Schritt weitergekommen. Alle Bäume und Sträucher in unmittelbarer Umgebung des namenlosen Teiches hatte sie überprüft… auf irgendwas, dass sie vermuten lassen könnte, hier gäbe es irgendeine Art von Zivilisation. Keine Lampen, keine befestigten Eingänge, keine Einflugschneisen, keine Wächter. Nicht einmal Löcher in den Bäumen gab es viele, denn die hiesigen Lärchen, Tannen und Kiefern waren eher klein und geduckt, und wenn sie irgendeine Art von Angriffsfläche für Wetter und Wind zeigten, waren sie offensichtlich bald umgeknickt und lagen unter dem hohen Schnee vergraben. Eine hohe Esche direkt am See hatte ihr besondere Hoffnung gegeben, doch außer einigen gar nicht so leckeren Würmern und Maden hatte sie in den Höhlungen der Rinde nichts gefunden, was darauf hindeutete, dass es hier überhaupt noch Leben gab.

Ihr war kalt und sie hatte Hunger, sie war vom frühen Aufstehen müde und sah an den Wolken über den Hängen, dass es bald wieder schneien würde. Ja, man konnte mit Fug und Recht sagen, dass Tjanis Laune an einem Tiefstpunkt angekommen war, der sie die Entscheidung, nicht aufzugeben und hier weiter nach den Libellen zu suchen, bereuen und anzweifeln ließ.

Wenn sie sich heute reichlich und morgen nicht ganz so gut verpflegte, konnte sie zuhause sein, bevor ihr der Proviant ausging. Niemand konnte sagen, dass sie nicht gründlich genug gesucht hatte; zwei Nächte und einen Tag lang hatte sie ihr Bestes versucht. Nur war es eben nicht gut genug gewesen.

Trotzdem – Tjani störte gerade letzteres. Das, was sie erreichen wollte, was sie schaffen wollte, das schaffte sie auch. Aufgeben gehörte nicht zu ihren üblichen Optionen, was ihr mehr als einmal schon das Etikett „stur und seltsam“ eingebracht hatte. Alles an ihr sträubte sich dagegen, die offensichtlich sichere und bequemere Wahl zu treffen.

Nein, noch einen Tag. Und noch einen, falls nötig.

Wenn dann mein Proviant ausgegangen ist, kann ich einen Tag jagen und dann mit vollem Beutel heimfliegen, wenn schon sonst nichts.

Aber diese tapferen Überlegungen machte die Tatsache nicht besser, dass Tjani nur kalte, getrocknete Mausmuskeln als Verpflegung hatte und in ihrem einfachen Gewand in der ungewohnten Schneekälte zitterte, sobald sie aufhörte, sich zu bewegen.

Ein Feuer, also.

Gedacht, getan – Tjani stärkte sich ausgiebig und hob dann erneut ab, um abgebrochene Zweige und Äste für ein Feuer zu suchen. Unter dem Schnee waren einige versteckt, trocken Gebliebenes konnte man natürlich nicht erwarten. Am Fuß einer Kiefer fanden sich trockene Nadeln und einige Zapfen, die sie zum Anzünden verwenden wollte. Nun fehlte nur noch… achja. Am Ufer des Sees machte Tjani einige Büschel umgestürztes Schilf aus, dessen lange Rohre sich gut knicken und falten ließen. Hier ein Schnabelhieb, da ein Klauenriss… das würde gehen.

Tjani stapelte alles ordentlich in den halbwegs schneefreien Bereich unter der Kiefer, dann arbeitete sie sich geduldig mit Feuerstein und Zunder vor. Nadeln, Schilf, Holz. Es dauerte fast eine Stunde, bis das geduldig gehegte Fünkchen zu einer wärmenden Flamme geworden war. Tjani suchte mehr Holz und legte es zum Trocknen rings um das Feuer. Bald knisterte und zischte das Feuer auf das Gemütlichste, und Tjani konnte sich auf den Kiefernast darüber setzen, die Wärme genießen und die Augen für ein kurzes Mitternachtsschläfchen schließen.

Späterhin, als der Mond schon wieder im Osten unterging, machte sie sich noch auf die Jagd. Nicht sehr erfolgreich, wie sie selbst zugeben musste, aber immerhin: zwei Mäuse hatte sie erbeutet. Und mit ihrem Feuer konnte sie sogar ein warmes Essen und einen Tee genießen, denn Kräuter und einen irdenen Becher hatte sie in ihrem Tragbeutel mitgenommen. So war Tjanis Laune beträchtlich gestiegen, als sie mit der Morgendämmerung zu ihrem Ruheplatz zurückkehrte. So sieht doch alles schon viel besser aus…

Sie nahm sich vor, am nächsten Nachmittag wieder so früh aufzustehen und ihre Suche fortzusetzen. Und wenn ich im Schnee scharren muss…

Juli 14

8 Tjani / Koowu

Zwei Nächte später hatte sie das Tal gründlich erkundet, ohne irgendetwas anderes zu finden als Steine, Gras, Schnee und Eis.

Tjani kam sich so dumm vor: In Rekordzeit hier her zu fliegen, um dann, angekommen, rein gar nichts zu finden. Was sollte sie nun tun? Aufgeben und zurückfliegen?

Konnte sie denn ehrlich und aufrichtig behaupten, genug gesucht zu haben? Würde man ihr nicht Pflichtverletzung und Versagen vorwerfen, wenn sie mit leeren Händen zu dem großen Weisen zurückkehrte?

Warum nur hatte sie sich nicht genauer darüber informiert, wie der große Baum der Libellen aussah?

Es hatte alles so einfach geklungen, als Wanja-lu ihr von diesem Auftrag erzählt hatte. So – durchdacht.

Aber jetzt? Jetzt saß sie in einem Wald und sollte einen Baum finden, den es nicht gab. Wunderbar.

Also gut, überlegte Tjani während der Morgendämmerung. Wenn Du eine Libelle wärst, wo würdest Du wohnen?

Libellen, das wusste Tjani, liebten das Wasser. Außerdem, davon war sie fest überzeugt, waren sie Tagtiere. Vielleicht hatte sie sie nicht sehen können, weil sie in Dämmerung und Dunkelheit gesucht hatte? Vielleicht löschten die Libellen alle Lampen, wenn sie im dunkeln schliefen?

Und drittens und letztens vermutete Tjani, dass der Libellenschlag einen Baum brauchte, der bereits Hohlstellen oder andere Verletzungen aufwies. Immerhin hatten sie keine Schnäbel und waren, zumindest, was die Erzählungen anging, recht klein. Einen ganzen Baum auszuhöhlen, wäre für das Kleine Volk vermutlich eine Jahrhundertaufgabe gewesen.

Das könnte auch bedeuten, dass sie gar keinen Baum brauchten, sondern etwas anderes, dass Schutz bot… ein Gebüsch? Ein Felsen? Tjani kuschelte sich tiefer in ihre warmen Federn und seufzte. Es konnte alles sein, und sie würde umständlich am Tag suchen müssen, im Schnee.

An diesem Nachmittag stand Tjani sehr früh auf. Sie wollte jeden einzelnen Baum überprüfen, während die Sonne noch am Himmel stand. Die Bäume ganz oben am Hang hatte sie ausgeschlossen. Dort war es sehr windig, der Schnee lag hoch, und die Bäume waren knorrig und schütter. Wenn ihre Überlegungen stimmten, waren die Libellen eher am Boden des Tals zu finden, in der Nähe des Sees. Also würde sie zunächst alle Bäume am See überprüfen, dann alle Büsche, dann … irgendwie so. Systematisches Vorgehen, in jedem Fall.

Vielleicht hatten Libellen auch einzelne, weit verstreute Erdbauten…? Tjani seufzte und schüttelte den Kopf. Es musste möglich sein, sie zu finden, irgendwie. Sie würde nicht so schnell aufgeben, auch wenn ihr Proviant bald zu Neige ging. Es würde länger dauern, wenn sie für ihre Nahrung jagen musste, aber es würde gehen, auch wenn es hier sehr kalt war und der hohe Schnee es schwierig machte, Mäuse und andere Jagdbeute direkt ausfindig zu machen.

Tjani lauschte. Die Rufe der Vögel waren hier tatsächlich lauter als daheim; und es waren fast die einzigen Geräusche. Hier ein Knacken eines Astes unter der Schneelast, dort ein Rascheln in den toten Zweigen und Tannennadeln unterhalb des Schnees – aber wenig sonst. Hier oben schien die Welt noch immer in Winterstarre den Atem anzuhalten, obwohl der Frühlingsvollmond bereits voll am Himmel stand.

Juli 14

7 Tjani / Koowu

Tjani erwachte erst, als der Mond ihr durch eine Lücke in den Kiefernadeln direkt ins Gesicht schien, bestimmt war es schon die Zeit der zweiten Wache. Seufzend erhob sie sich, schüttelte die Federn zurecht und drehte eine neue Orientierungsrunde. Der Ort, den man ihr als Heimat des Libellenschlages bezeichnet hatte, war nicht mehr weit entfernt; Tjani konnte ihn mit anderthalb bis zwei Flugstunden erreichen. Sie nahm sich die Zeit, noch etwas von ihrem Proviant zu frühstücken, bevor sie die östliche Flugrichtung fortsetzte.

Sie flog jetzt langsamer und dachte über ihren Auftrag nach. Die Schwierigkeit begann ja schon damit, das Heim des Libellenschlags überhaupt zu finden. Tjani, als Kind des Großen Baumes, hatte natürlich selbstverständlich damit gerechnet, dass der Libellenschlag einen eigenen großen Baum hatte, dass er genauso beleuchtet und bewacht wäre.

Siedendheiss fiel Tjani ein, dass sie Walja-lu nicht gefragt hatte, wie sie das Heim des Libellenschlags überhaupt erkennen sollte. Sie hatte sich den Ort auf der Karte angesehen und gewusst, dass sie dorthin fliegen konnte – und über mehr hatte sie nicht nachgedacht. Tjani ärgerte sich über sich selbst. Jetzt, wo ein Zurückfliegen ganz und gar nicht mehr in Frage kommen würde – jetzt erst fing ihr Kopf an, zu arbeiten! Das war mal wieder typisch. Tjani erging sich noch eine Weile in Vorwürfen gegen sich selbst, aber es half alles nichts. Sie hatte das Tal erreicht, das ihr als Heimat des Libellenschlags gewiesen worden war – und sie hatte keine Ahnung, was jetzt zu tun war.

Es war die vierte Wache, die Sonne würde bald aufgehen. Einfluglampen wie am Großen Baum waren weit und breit keine zu sehen. Überhaupt gab es hier keine großen Buchen oder Eichen wie in Tjanis Heimat, sondern nur ein paar dünne Fichten und Tannen, die sich schräg an die Hänge schmiegten, denn die Berge waren schon sehr nah gekommen. Reichlich Schnee deckte hier alles zu, auch den lanzenschmalen Teich am tiefsten Punkt des Tales, aus dem ein kleiner, vereister Bach entsprang.

Tjani lauschte, doch außer dem Zwitschern der allerersten Tagvögel war hier nur der Wind zu vernehmen, der eisige Luft von den Bergen herunterblies. Tjani zog ihr Gewand enger um den schmalen Körper. Niemand hatte ihr gesagt, dass es hier so… kalt und einsam sein würde! Wie sollte sie die Libellen jetzt nur finden?

Eigentlich hatte sie ihren Auftrag in einer sehr guten Zeit erfüllt – und praktisch drohte er jetzt an solch einer dummen Kleinigkeit zu scheitern! Tjani flog ein um die andere Runde durch das schmale Tal und suchte besorgt die Bäume ab, doch sie fand – nichts. Gar nichts. Wunderbar.

Wenn sie schließlich zurückfliegen müsste, könnte sie eine wilde Geschichte davon erzählen, dass die Libellen alle ausgestorben seien – ob man ihr so etwas glauben würde?

Tjani schüttelte den Kopf. So schnell würde sie nicht aufgeben. Erst einmal war es Zeit, zu schlafen. Sie suchte sich eine halbwegs brauchbare Erle als Schlafplatz aus und kauerte sich zusammen. Es war schwer, Schlaf zu finden, während Tjani vorwurfsvolle Gedanken über ihre Versäumnisse wälzte und die Tagvögel scheinbar noch viel mehr Lärm veranstalteten als sonst. Erst nach einiger Zeit kam sie dahinter, dass die schneeigen Gipfel den Lärm zurückwarfen und verstärkten; doch das half ihr auch nicht, ihre Ohren zu verschließen.

Was würde nun werden?

Juli 14

6 Tjani / Koowu

Bis zur dritten Wache flog Tjani nach Osten. Es war eine große Leistung, sogar für eine ausgewachsene Koowu-Jägerin, die ganze Nacht ohne größere Pausen zu fliegen. Normalerweise jagte der Eulenschlag nur über kurze Strecken; geduldig wartete man auf einem Baum oder einer Anhöhe, bis man das gewünschte Wildtier erspäht hatte und es nah genug heran gekommen war. Dann, mit einem plötzlichen Ruck, wurde die Beute gepackt und getötet. Ein stundenlanges, nächtelanges Fliegen wurde von den Koowu nicht trainiert; Tjani hätte vermutlich verständnisloses Stirnrunzeln geerntet, hätte sie von ihrem Können erzählt. Dennoch war sie stolz auf sich.

Auf meinen Körper kann ich mich verlassen.

Bevor die Sonne erneut aufging, suchte sich Tjani einen sicheren Schlafplatz in den unteren Zweigen einer mächtigen Kiefer. Sie mochte den Geruch des Kiefernharzes sehr gern, und die breite Krone des Baums schützte sie vor den nicht enden wollenden Schneeschauern.

Soviel Schnee im ersten Frühlingsvollmond… nunja. Zwei Dinge konnte man nicht ändern : Das Wetter und das Jagdglück – sagte zumindest ein altes Sprichwort der Koowu.

Tjani blinkerte mit den müden Augen und kuschelte sich zusammen.

Und den Tod… den kann man auch nicht ändern. Er kommt in vielerlei Gestalt, aber das Ergebnis ist immer dasselbe….

Irgendwie hatte dieser Gedanke etwas seltsam tröstliches. Irgendwann, irgendwie ist alles vorbei. Das Herz schlägt nicht mehr, das Blut pulsiert nicht mehr in den Adern, und die Luft pfeift nicht mehr durch die Lungen, aus und ein. Und was kommt dann? Eine ganz besondere Art von Stille, nehme ich an.

Juli 14

5 Tjani / Koowu

Tjanis Tagschlaf endete viel früher als geplant, Die Sonne stand gerade erst eine Flügelbreite im Westen, als irgendein Tagvogel Tjanis Ruheplatz entdeckt hatte und laut schimpfend versuchte, die Eule zu vertreiben. Mehrere andere schlossen sich an, und schließlich war es für Tjani unmöglich geworden, sie weiterhin zu ignorieren. Seufzend schüttelte sie die Federn zurecht und räumte den Baum, das erboste Gezwitscher und Gekrächze hinter sich lassend.

Fürs erste würde sie nicht wieder einschlafen. Außerdem – sie wusste nicht, wie lange sie wirklich bis zum Großen Baum der Libellen brauchen würde; niemand hatte die Strecke je als kurz bezeichnet. Wäre es nicht wundervoll, wenn Sie zurückkommen und alle über ihre noch nie dagewesene Schnelligkeit staunen würden? Mit diesem ehrgeizigen Gedanken im Kopf hockte Tjani sich auf einen anderen Ast und nahm ein kaltes Frühstück aus getrockneten Fleischstreifen und Wasser ein, bevor sie eilig ihren Weg nach Osten fortsetzte.

Irgendwann gegen Abend allerdings begann sie doch wieder, müde zu werden; so müde, dass ihre Entschlossenheit zu wanken begann. Sie flog noch eine Stunde in die Dunkelheit hinein, kämpfte sich mit vielen kleinen Pausen durch die zweite, doch als die dritte Nachtstunde anbrach, brauchte Tjani unbedingt etwas Schlaf, so merkwürdig ihr das auch mitten in der Nacht erschien.

Der Wald hatte sich verändert; hier standen Fichten und Tannen viel dichter als die ihr altbekannten Buchen und Eichen, und der sanft ansteigende Boden war dick mit weichen braunen Tannennadeln bedeckt. Er schien alle Geräusche zu dämpfen; in ihrer Schläfrigkeit hatte sie das Gefühl, ihr lautloser Flug fände durch eine Welt der Stille statt, einer Welt ohne Wind und ohne weiteres Leben außer ihr selbst.

Schließlich fand sie einen taumelnden Halt an einem schwankenden Fichtenast. Obwohl vermutlich bessere Lagerplätze in der Nähe waren, schloss Tjani sofort die Augen und kuschelte den Kopf in die Federn. Selbst den Wunsch nach Nahrung hatte die Müdigkeit in ihr verdrängt.

So kam es, dass die Mitternacht eine hungrige, verschlafene Eule vorfand, die sich erst einmal die Augen reiben und sich verstohlen umsehen musste, um zu wissen, wo sie sich eigentlich befand. Ein leises Zischen schien von überall her gleichzeitig zu kommen, und war es schon wieder Morgen…? So hell war es doch vorhin nicht gewesen… ah. Es schneite wieder; dicke Schneewolken ließen dem Vollmond kaum eine Chance, sein Licht bis auf den Erdboden dringen zu lassen. Immer noch wehte keinerlei Wind, und durch das Fichtendickicht drang kaum eine Schneeflocke bis auf den Boden. Dennoch glänzte der Schnee, der die oberen Zweige bedeckte, stumpf im Mondlicht wie angelaufenes Silber. Tjani lächelte unbewusst.

Ihr war schon länger klar, dass sie für das Leben im Großen Baum der Koowu nicht so gut geeignet war wie die anderen. Sie war jemand für draußen und würde es immer bleiben. Fliegen und frei sein – das gehörte für sie zusammen wie kaum etwas sonst. Die anderen Eulen… nun, es gab ein oder zwei Freunde für Tjani, wenn sie sich auch in letzter Zeit sogar von ihnen ein wenig zurückgezogen hatte, doch würde sie nie eine der Beliebten, eine der Wichtigen in der Gemeinschaft der Koowu sein; eine, die etwas zu sagen hatte.

Sie hatte eine Weile gebraucht, um das zu begreifen.

Aber mit dem Wald, mit der wilden Welt da draußen, verband sie viel mehr als mit ihrem Volk und mit ihrer Sippe. Sie sehnte sich nur selten nach Gesellschaft und Kurzweil, und wo Andere Mode und andere Äußerlichkeiten als überaus wichtig erachteten, da hatte Tjani nur ein leises Lächeln für solchen Tand übrig. Sie konnte sich um keinen Preis vorstellen, ihr ganzes Leben im Großen Baum zu verbringen und die Außenwelt als merkwürdige, ferne Gefahr zu betrachten, wie es einige ihrer Gesippen taten.

Sie würde Jägerin sein und bleiben. Draußen, in den von ihr so geliebten Wäldern; auch oder gerade deswegen, weil dieser Wald den Tod zu ihren Eltern gebracht hatte.

Tjani hatte viel über all dies nachgegrübelt, aber alles Grübeln der Welt hatte ihr nicht geholfen, sich mit dem Tod ihrer Eltern abzufinden. Immer wieder fragte sie sich wer – oder was – wohl das letzte gewesen war, das ihre Eltern gesehen hatten.

Was hatten sie gefühlt? Was nur, was war dort draußen passiert?

Tjani konnte sich nur schwer damit abfinden, dass sie es vermutlich nie herausfinden würde. So blieb ihr nur die Vorstellung, ein geheimnisvolles, schwarzes Ding habe ihre Eltern geraubt, ein Jäger in der Nacht, der andere Jäger erbeutete.

Tjani schauderte zusammen und legte dann ihre Federn ordentlich an. Dann hob sie ab, flog noch eine kurze Runde über den schneebeladenen Fichten zur Orientierung und folgte dann wieder dem Vollmond nach Osten hin, über den unendlich scheinenden Wald.

Juli 14

4 Tjani / Koowu

Tjani war nach der Unterredung mit Walja-lu sofort losgeflogen, das Tragetuch mit zwei geschickten Knoten um ihren Bauch gebunden, damit es ihren lautlosen Flügelschlag nicht behinderte. Sie genoss die kühle Nachtluft und das helle Licht der Sterne über den kahlen Zweigen des großen Waldes. Es lag noch immer Schnee auf dem dunklen, gefrorenen Waldboden, dort unten, und Tjani wusste aus eigener Erfahrung, dass es in diesen Wintermonaten am schwersten war, Nahrung für die Koowu zu finden. Die Jäger leisteten ganze Arbeit, um genug Fleisch für alle heranzuschaffen, und so, wie es aussah, würde der Winter noch eine ganze Weile anhalten, Frühlingsvollmond hin oder her.

Auch deswegen war sie über eine Pause in diesem ständigen Bemühen dankbar. Und dann, dachte sie bei sich, sehe ich den Libellenschlag! Sie war noch nie länger als eine Tagesreise vom großen Heimatbaum fort gewesen – diese ungeschriebene Gesetzmäßigkeit galt für alle jungen Eulen – und auch nicht im mindesten traurig darüber, dass sie den Großen Tanz verpassen würde. Im besten Fall könnte sie sich von dieser verpflichtenden Veranstaltung früh zurückziehen – im schlimmsten würden Falett und ihre Freundinnen sie finden und erneut als Hauptgegenstand ihrer Neckereien in Anspruch nehmen. Es könnte sich auch einer der älteren Jägerinnen berufen fühlen, mit ihr über den Tod ihrer Eltern sprechen zu wollen – und dieses teils aufrichtige, teils geheuchelte Mitleid und die beinahe unersättliche Neugier an der Qual der jungen Eule war mehr, als Tjani ertragen konnte.

Tjani hatte ein gutes Stück des Weges geschafft, als der Himmel im Osten heller wurde. Obwohl das in ihre Augen fallende Licht sie ermüdete, flog sie noch eine ganze Stunde lang weiter in den Sonnenaufgang hinein, bis die Macht der Sonne sie dazu zwang, eine Pause einzulegen. Sie suchte sich eine feste Eiche als ihren Schlafplatz an diesem Tag aus und kuschelte sich an die Rinde, begleitet vom Chorus der Tagvögel, die nun gerade erwachten. Der Baum hatte wohl vom Frühling noch nicht viel mitbekommen – er klammerte sich an seine alten, braunen Blätter wie an einen Schatz, während die neuen noch in ihren Knospen schliefen. Tjani kauerte sich in geübter Haltung zusammen, um möglichst viel der eigenen Körperwärme halten zu können, und schloss die Augen. Was für eine aufregende Nacht! Morgen würde sie die Grenzen der ihr bisher bekannten Welt überschreiten. Was für ein Gedanke!

Sie fühlte sich frei; entbunden von den zahllosen Pflichten und Vorschriften, die es im Großen Baum nun einmal gab. Ihre letzten, schläfrigen Gedanken galten ihrer Mutter; ihrem immer ein wenig traurigen Lächeln. Irgendwo hier draußen waren ihre Mutter und ihr Vater etwas Unbekanntem zum Opfer gefallen.

Tjani hatte lange geweint, den Verstorbenen Vorwürfe gemacht, warum sie fort gegangen waren und sie im Großen Baum allein gelassen hatten. Jetzt, an der Schwelle des Unbekannten, Fernen, konnte sie zumindest einen Teil der Beweggründe ihrer Eltern verstehen.

Juli 14

3 Tjani / Koowu

„Ich bin die Schnellste,“ unterbrach die fünfte junge Jägerin ihre Gedanken ziemlich ruppig und sah sie trotzig an, als wolle sie Widerspruch hervorrufen.

Neben ihr wurde das Getuschel und Gekicher der vier Freundinnen lauter.

„Und Dein Name ist…?“ fragte Walja-lu die magere kleine Eule behutsam.

„Ich bin Tjani,“ antwortete die junge Jägerin halblaut und sah dabei etwas unglücklich zu Boden. Walja-lu überlegte. Von Tjani der Waisen hatte sie schon gehört, denn viele Eulen des großen Baumes hielten ihre bisherige tragische Lebensgeschichte für den derzeit interessantesten Tratsch und erzählten die Geschichte des Unfalltodes ihrer Eltern mit Genuss im ganzen Baum herum.

Walja-lu musste ein „das tut mit leid,“ mit Macht unterdrücken. Stattdessen versuchte sie ein Lächeln.

„Sie ist wirklich die Schnellste, Meisterin Walja-lu“ meldete sich Falett nun zu Wort, „und außerdem dürfte es ihrer Frisur überhaupt nicht schaden, drei oder vier Nächte im Freien zu verbringen. Ich bin sicher, sie ist die Richtige für Euch.“

Und mit diesen hohntriefenden Worten stolzierten die übrigen 4 Jägerinnen aus dem Versammlungsraum, natürlich nicht ohne kräftiges Kichern.

Halbwüchsige! Nun hatte Walja-lu keine Wahl mehr.

Sie nickte und sagte so freundlich wie möglich:

„Ja, ich glaube du bist tatsächlich die Richtige, Tjani. Hier, sieh – ich habe schon alles gepackt, was an Vorräten nötig ist. Du kannst sofort aufbrechen.“

Tjani nickte und öffnete kurz das Tragetuch, um den Inhalt zu überprüfen.

„Ich stecke vorsichtshalber noch meine Waffen dazu, Meisterin Walja-lu,“ sagte sie dann nüchtern und sah die Ältere einen Augenblick lang prüfend an.

„Ich habe auch eine Bitte, Meisterin Walja-lu?“

„Und die wäre?“

„Ich möchte bitte einmal persönlich den Meister Moiwa-tze treffen. Meint Ihr, dass das geht?“ fragte die kleine Eule mit den großen, wissbegierigen Augen.

Walja-lu schmunzelte.

„Wenn Du zurück kehrst, wirst Du diesen Schläft-nicht zum großen Meister Moiwa-tze bringen, Jägerin Tjani. Versprochen.“

„Prima,“ war alles, was die junge Eule dazu sagte.

Dann packte sie das Tragetuch und schlüpfte aus der Messe. Nachdenklich sah Walja-lu ihr nach.

Ihr Verstand sagte ihr, dass sie das Richtige getan hatte, doch in ihrem Herzen waren Zweifel, ob Moiwa-tze dies verstehen würde.

Und wenn sie keinen Erfolg hat? Wenn sie verletzt oder gar getötet wird? Zweifel schlichen sich in Walja-lus Herz. Während die Hörner den Beginn der zweiten Wache verkündeten, schlich sich eine reichlich kleinlaute Walja-lu durch die hölzernen Gänge und über die gewundenen Treppen zu den Jägerquartieren, zu Torrek. An ihn gekuschelt berichtete sie ihm und ließ sich von seinen sanften Worten und starken Armen trösten.

Juli 14

2 Tjani / Koowu

Später in der Nacht, als sie bereits alles gepackt hatte, rang Walja-lu noch immer mit sich. Sie liebte Torrek, und noch ein weiteres Jahr warten zu müssen, würde ihm und ihr das Herz brechen. Sie hatte Meister Moiwa von der Verlobung erzählt und den Eindruck gehabt, dass er verstanden hatte, dass ihre Heirat auch bedeuten würde, dass sie die Lehre bei dem weisen Meister abbrechen würde, um bei Torrek zu leben und ein Jäger zu sein wie er.

Niemand konnte gleichzeitig den Dienst am Meister versehen und im eigenen Nest Junge großziehen, das war doch selbstverständlich?

Und dennoch hatte Meister Moiwa-tze sie nicht von ihren Pflichten entbunden. Er hatte auch keinen neuen Schüler gesucht. Irgendwie hatte Walja-lu das Gespräch nicht noch einmal auf diese bevorstehende Änderung in ihrem Lebensweg bringen können – es war niemals leicht, mit Meister Moiwa-tze zu sprechen. Sie hatte gehofft, nach dem Fest gemeinsam mit Torrek noch einmal beim Meister vorstellig werden und sozusagen ganz offiziell ihren Abschied nehmen zu können. Und nun? Walja-lu rang mit sich und ihrem Gewissen.

Nach den langen, harten Jahren des Lernens fühlte sie sich dem Meister zutiefst verpflichtet; sie wusste auch, das die so einfach vorgetragene Bitte des Meisters durchaus eine größere Prüfung ihrer Fähigkeiten sein konnte. Meister Moiwa-tze hatte eine Schwäche für derlei verborgene Testes.

Walja-lu starrte auf ihr gepacktes Bündel und seufzte.

Dann ging sie in die große Messe, um die Jägerinnen und Jäger zusammen zu rufen. Der Raum war aus dem lebendigen Baum herausgearbeitet, rund und gemütlich eingerichtet; für die Menschen des Eulenschlags war er hell erleuchtet mit einer rötlich schimmernden Laterne und winzigen glühenden Kohlebrocken in Tonschalen auf den rund geformten Tischen.

Als sie fertig war, die Aufgabe des weisen Meisters zu erklären, waren die älteren Jäger schon wieder zur runden Flugöffnung hinaus gegangen; ihren Minen war deutlich anzumerken, dass sie Wichtigeres zu tun haben glauben.

Als Walja-lu geendet hatte, sah sie sich fünf jungen, runden Augenpaaren gegenüber – die fünf jüngsten Jägerinnen in ihrem ersten Ausbildungsjahr. Niemand von ihnen dürfte ohne einen Auftrag von Walja-lu so weit vom Heimatbaum fortfliegen, niemals.

Walja-lu betrachtete die fünf Mädchen eingehend. Vier von ihnen tuschelten jetzt miteinander, offensichtlich waren sie Freundinnen.

Die fünfte sah ein wenig zerrupft aus, so als habe sie sich schon einen Weile lang nicht mehr richtig geschnäbelt.

Die erste Nachtwache war schon vergangen, Mitternacht neigte sich eben dem Ende zu, und Meister Moiwa-tzes Bemerkung, das der Auftrag eilig war, rieselte Walja-lu wie heißer Sand über den Nacken.

„Dürfen wir auch zusammen fliegen?“ frage Falett, ein hübsches hellbraun gefiedertes Mädchen. Sie streckte die Flügel nach links und rechts aus und meinte offensichtlich ihre drei Freundinnen, die zu kichern anfingen. Die fünfte, deren Namen Walja-lu nicht kannte, stand etwas verloren daneben und betrachtete ihre Krallen. Walja-lu schloß die Augen, damit Falett nicht sah, wie sie in den Höhlen rollten.

„Dies ist kein Wettbewerb um Aufmerksamkeit, Jägerin Falett,“ rief sie der erschrockenen jungen Eule mit dunkler, leiser Stimme in Erinnerung, „Es ist ein wichtiger und vielleicht lebensgefährlicher Auftrag, der dem Meister sehr am Herzen liegt.

Und da er ebenso sehr eilt, werde ich nicht vier junge Eulen auf einmal schicken, sondern einzig und allein die schnellste.“

Ganz abgesehen davon, fügte Walja in Gedanken hinzu, dass Chew-wen, die Jägermeisterin, sich dann Walja-lu sicherlich zur Brust nehmen würde. Als Schülerin des Weisen reichten ihre Befugnisse im großen Baum zwar weit, doch konnte sie nicht einfach einen großen Teil der Jäger von ihrer Arbeit abziehen – zumal der Meister selbst ja gar nicht erlaubt hatte, dass Walja-lu diese Aufgabe überhaupt jemand anderem übertrug.

Juli 14

1 Tjani / Koowu

Der uralte, weise Meister öffnete die roten Augen. Er gab ein leises Krächzen von sich, das seine Schülerin aufmerksam werden ließ.

„Bring mir… Schläft-nicht, bitte,“ bat er sie leise, doch Walja-lu schüttelte verständnislos den Kopf.

„Jemand dieses Namens ist mir nicht bekannt, großer Meister Moiwa-tze,“ antwortete sie ihm, die braunen Federn unbehaglich schüttelnd.

Der Meister schenkte ihr einen seiner forschenden Blicke, die ihr selbst nach so vielen Jahren der Ausbildung noch durch Mark und Bein gingen und in ihr wie stets den Eindruck erweckten, sie würde in der Tiefe ihrer Seele auf Falsch und Richtig geprüft.

„Dann ist die Zeit noch nicht reif, glaube ich,“ antwortete der weise Meister Moiwa-tze und schloss die orangeroten, beeindruckenden Augen wieder. Er saß so still auf dem großen Ast, als sei er mit ihm seit undenklichen Zeiten verwachsen. Die winzige, rote Glut der Feuerschale spendete alles Licht in diesem Raum und ließ jede einzelne Feder der beiden Wesen hervortreten. Manchmal schien es der Schülerin, als sei selbst ein Schütteln einer einzigen Schwungfeder des Meisters schon eine bedeutsame Aussage.

Walja-lu seufzte unhörbar, hatte sie doch das Gefühl, in einer Prüfung versagt zu haben.

„Wenn Ihr erlaubt, großer Meister, werde ich versuchen, Eurer Bitte zu entsprechen.

Vielleicht… vielleicht ist nur ein wenig Herumfragen nötig? Vielleicht ist es ein Spitzname?“

Der weise Moiwa-tze schlug die roten Augen erneut auf. Diesmal schien sein Blick klarer, kräftiger – mehr im Diesseits als in den jenseitigen Welten gefangen. Er fixierte Walja-lu noch einmal mit seinem schrecklich wissenden Blick.

„Deine Hartnäckigkeit ehrt Dich, Schülerin,“ nickte er, „aber verzeih mir. Ich habe meine Bitte nicht genau genug formuliert.

Schläft-nicht gehört zum Libellenschlag. Es ist unabdinglich, ihn zu finden und hierher zu bringen, damit.. damit er meine Worte hört. Du solltest so bald wie möglich aufbrechen, Walja-lu, bitte.“

Walja-lu nickte. Der nächste Stamm des Libellenschlags war zweieinhalb Tagesreisen entfernt. Sie würde einige Vorräte mitnehmen müssen und ein paar Tage unterwegs sein. Sie wusste nicht genau, ob die Menschen des Libellenschlags ebenso schnell und lautlos reisen konnten wie die Koowu des Eulenschlags, also könnte ihre Rückreise länger dauern…

Während sie noch nachdachte, hatte der Meister die Augen bereits wieder geschlossen. Siedend heiß fiel es Walja-lu ein: Der Große Tanz!

Übermorgen war der große Tanz zu Ehren des ersten Frühlingsvollmonds – egal wie, wenn sie des Meisters Wünsche erfüllte, würde sie ihn auf jeden Fall verpassen, und damit auch die Zeremonie… mit Torrek…

„Meister,“ begann sie noch einmal zaghaft, doch Moiwa-tze regte sich nicht mehr. Er war schon zu tief in seiner Meditation versunken, die ihm Aufschluss über die Zukunft der Koowu und des ganzen Eulenschlags bringen solte.

Juli 14

27 Anan-Re / Jadeira

Nein, wurde ihr klar, sie plante gar nichts. Sie konnte nicht zurück, niemals. Sie konnte nirgendwo hin. Sie hätte Dera bitten sollen… sie konnte sich selbst das Leben nehmen, sich in ihr blutiges Faytwa stürzen. Dann hätte all dieser Schmerz, all die sinnlosen Tode ein Ende.

Aber… ich will leben, hörte Anan sich selbst in ihrem Inneren rufen. Ich… will… leben!

Juli 14

26 Anan-Re / Jadeira

Alle 22 Kinder und Halbwüchsige waren schon mindestens einen Tag tot, rissige Augen starrten ins Nichts, Bäuche hatten sich aufgebläht einige Leichen waren von den Geiern und Hyänen bereits angefressen worden.

Qechi hatte die Kinder wohl in einer Reihe antreten lassen und war dann systematisch von den ältesten zu den jüngsten getreten, um sei einen nach dem anderen zu ermorden. Bei den jüngeren stimmte die Reihe nicht mehr, vermutlich hatten sie versucht, davon zu laufen, als sie verstanden, was da vor sich ging. Doch gegen den erfahrenen Jäger – den erfahrenen Mörder, sagte sich Anan, hatten sie keine Chance gehabt. Kimar war als einer der ersten gestorben. Anan glaubte, immer noch den Ausdruck naiver Überraschung auf seinem totenblassen Gesicht erkennen zu können. Die kleinsten Kinder hatten den schwersten Tod gehabt, da Qechi sie im Davonrennen niedergemacht hatte, so wie sich die Chance gerade bot. Anan sah ein Kind, dessen Kopf einmal ganz herum gedreht war, ein zweites, dass Qechi offenbar mit bloßen Klauen zerfetzt hatte, und das allerkleinste, Deras kleiner Sohn Tiwi, war von seinem grausamen Speer mitten im Lauf regelrecht an den Boden genagelt worden.

Anan zog unwillkürlich ihr Faytwa. Sie würde diesen feigen Mörder verfolgen und töten, selbst wenn das hieß, zurück zum Jägerlager der Jadeira zu gehen und dort für ihre bereits vorhandene Blutschuld hingerichtet zu werden.

Da bemerkte Anan aus dem Augenwinkel eine Bewegung – dort, in der Nähe des einzelnen toten Baumes, der das am weitesten entfernte Ende der Seitenschlucht markierte.

Den Dolch noch in der Hand, ein zorniges Knurren auf den Lippen, rannte sie dorthin. Ihre Wut hatte all die Schwäche aus ihrem Körper gebrannt – in diesem Moment hätte sie Qechi mit einem Zahnstocher erdolchen oder mit bloßen Händen erwürgen können, doch auf dem Weg zu dem Baum bemerkte sie zweierlei:
Erstens: Wer immer sich da am Baum bewegte, war eindeutig eine Frau.
Und zweitens: An Qechi war bereits Rache genommen worden – er lag mit einem langen Jagdspeer in der Brust keine fünf Meter vor dem Baum im Gras. Seine Hände und Pfoten waren gebrochen, seine Augen ausgestochen und seine Ohren abgeschnitten worden – die schlimmste Strafe, die man einem Toten noch antun konnte, in der Hoffnung, dass sein Geist dieselben Verkrüppelungen ins Nachleben mitnahm. Sein Bauch war monströs aufgeschwollen und jede freie, blutige Stelle bedeckten dicke, träge Fliegen; Anan erkannte ihn vor allem deswegen als das siebte Mitglied von Trakras Jagdgruppe, weil sie an seiner Kleidung und Ausrüstung ausschließen konnte, dass es jemand von den Jadeira war.

An dem Baum dahinter rutschte Dera gerade in eine liegende Position zurück; offensichtlich hatte sie Anan erkannt und versucht, sich aufzurichten.

Tiwis Mutter war leichenblass und zitterte unablässig, aber sie lächelte Anan zu.

Vorsichtig, den Dolch noch immer griffbereit, näherte sich Anan. Als sie vor Dera zum Stehen kam, wurde ihr aber schlagartig an einem einzigen Blick in ihre Augen klar, was geschehen war.

Dera war in Sorge um ihren Sohn einen Tag vor Anan hier hergeeilt, nur um dieses blutige Massaker vorzufinden. Sie hatte Qechi zum Kampf gestellt und ihn besiegt – ihr Jagdspeer steckte in seiner Brust. Aber Qechi hatte sie tödlich verwundet; Deras Bauchdecke war aufgeschlitzt und fing soeben, wo sie sich keuchend zurücksinken ließ, wieder an zu bluten. Fliegen bedeckten auch sie und ließen sich nicht ganz verscheuchen.

Ihre Lippen waren aufgesprungen und ihre Augen fiebrig, als sie Anans Blick suchte. „Ist… ist er tot?“ fragte sie leise. Anan nickte. „Trakra und Isam liegen tot in Taitas Zelt. Den anderen habe ich die Mähne genommen. Und Qechi… ist sehr, sehr tot, ja.“ Sie nickte anerkennend in Deras Richtung.

„Ich habe Kräuter dabei. Ich werde Deine Wunde reinigen und nähen, ja, Dera?“ fragte sie, während sie sich niederkniete und ihr Wasser aus ihrem Schlauch zu trinken gab. Dera trank durstig und schauderte dann zusammen, als sei das Wasser eiskalt. Sie schüttelte den Kopf. „Ich… habe die Wunde nicht ansehen können, aber.. sie ist groß. Ich habe Fieber… und.. ich habe hier nichts mehr, was mich hält. Tiwi… ich… Anan, ich möchte Dich darum bitten, mich zu ihm zu schicken. Ich liege hier schon einen Tag und eine Nacht und muss mir all diese Leichen ansehen… ich.. kann nicht… ich will nicht mehr. Bitte, mach dem ein Ende.“

Anan senkte die Augenlider. Sie hatte die Wunde gesehen und musste Dera Recht geben – es gab keine Chance auf eine Genesung, zumal nicht in dieser sumpfigen Schlucht mit 22 weiteren Leichen daneben, die die bösen Geister von Krankheiten anziehen würden, ohne Verbandmaterial, ohne Heiler. Dera würde sich noch zwei, vielleicht drei Tage quälen, während die ersten Maden ihr Fleisch zerfraßen, und dann doch sterben. Sie zog ihren Dolch; mit der anderen fasste sie nach Deras Hand.

„Bist Du Dir sicher, Dera?“ fragte sie mit bebender Stimme.

„Aye,“ hustete diese.

„Dann geh in Frieden,“ erwiderte Anan und strich ihr sanft die blutigen Haare aus der Stirn.

„Geister, nehmt die Seele von Dera, vierfach gesegnete Mutter, aufrechte und ehrenwerte Jägerin.
Sie stirbt tapfer, nachdem sie die Blutrache an einem feigen Kindsmörder vollzogen hat, dessen Name es nicht wert ist, jemals wieder genannt zu werden,“ flüsterte sie. Dera nickte, während ihr eine Träne über die Wange lief. Sie hielt sich zitternd an Anan fest, um eine halbwegs aufrechte Position einnehmen zu können.

In der dicken, zähflüssigen Stille brummten hunderttausend Fliegen.

Leicht, ganz leicht drang Anans Faytwa in Deras Hals ein, hinterließ eine blutige Spur und nahm das Leben der älteren Frau. Anan wich nicht zurück, obwohl Deras Blut ihre Hände überströmte, und wartete, bis Deras Augen brachen. Dann schnitt sie ihr die Brust auf und entnahm das Herz, ließ den Seelenwind entweichen und sprach die nötigen Worte, um sie sicher ins Nachleben zu geleiten.

Blutbesudelt und mit steifen, hölzernen Bewegungen machte sich Anan anschließend daran, auch die Seelen der Kinder zu befreien. All ihre kleinen Herzen legte sie zu Deras großem, in den Schatten der gelben Felswand. Dann häufte sie eine Menge Steine darüber, damit sie nicht von Geiern und Hyänen gefressen werden konnten.

Qechis Leichnahm ließ sie unangetastet dort liegen, wo er war. Der Mörder ihres geliebten Kimar sollte in das Nachleben ruhig als blinder Krüppel eingehen, und seine Seele sollte so lange wie möglich in dem aufgedunsenen, verwesenden Körper gefangen sitzen. Wenn dieser Seitenarm der Wasserfall-Oase von nun an von seinem bösen Geist heimgesucht werden würde, nun, dann sollte das eben so sein.

Anan plante nicht, je noch einmal hier hin zu gehen.

Juli 14

25 Anan-Re / Jadeira

Ihr entkräfteter Körper hielt die ganze Nacht lang durch – Anans eiserner Wille sorgte dafür. Doch als die Sonne aufging, suchte sie sich ein Versteck zwischen den rotbraunen Felsen – nachdem sie vorher noch eine volle Stunde damit zugebracht hatte, ihre Spuren hierher so gut als möglich zu verwischen.

Als sie in dem schattigen Einschnitt zwischen zwei sandigen roten Felsen lag, übermannte sie der Schlaf mit der Wucht einer Keule.

Sie erwachte zerschlagen und durstig, mit unangenehmen Kopfschmerzen. Das war vorhersehbar gewesen. Vorsichtig sicherte sie nach allen Seiten, bevor sie sich erlaubte, einen Schluck aus dem Wasserschlauch zu nehmen.

Anan war fast am Ende ihrer Kräfte, als sie am nächsten Morgen an der Wasserfall-Oase ankam. Sie hatte den ganzen langen heißen Vortag in der Felsspalte geruht, Hitze, stickige Luft und den quälenden, immer wiederkehrenden Durst ertragen und war dann bei Einbruch der Dämmerung mit steifen Beinen losgestolpert, immer in Richtung des Habichtauges. Es war schon zwei Stunden nach Sonnenhoch, als sie die Wasserfall-Oase erreichte.

Das Licht dieses neuen Tages schien Anan zu gleißend, zu hell, der Wind zu heiß und zu trocken, und jede Bewegung, jeder Schritt war eine widerwillige Anstrengung. Anan konnte sich auf ihren Körper verlassen, hatte sich immer auf ihn verlassen, und bei den langen Jagdzügen oder der schnellen Verfolgung der Zebra- und Antilopenherden hatte er sie nie enttäuscht.

Aber nach der Nacht und der Folter durch Traka, nach all den schlimmen Erlebnissen und Toten schien der Schmerz in ihrer Seele ihren Körper auszulaugen und zu schwächen. Sie zwang sich weiter. Vielleicht war Kimar noch zu retten – sie musste nur rechtzeitig…. der Geruch an der Wasserfall-Oase verhieß nichts Gutes.

Geier folgen krächzend auf, als Anan in der Sandsteinschlucht eindrang, wo Wasser aus einer unterirdischen Ader zwischen den gelben Felsen entsprang, in einem fröhlich rauschenden Wasserfall in die Tiefe stürzte und am Grunde der Schlucht einen seichten, pfeilspitzenförmigen See formte. Palmen, Schilf, Gräser wuchsen dort und hundert verschiedene Vogelarten nisteten auf den schmalen, terrassenförmig abgestuften Sandsteinfelsen, so dass ihr Gekreisch in der Schlucht nimmerendend widerhallte.

Die Schlucht war zu eng für eine Siedlung oder auch nur einen längeren Aufenthalt, aber es war sauberes und sicher vorhandenes Wasser, auch in der Trockenzeit, darum war die Oase in der weiten Umgegend bekannt und wurde regelmäßig von den Hirten mit ihren Viehherden aufgesucht.
Ringsum erstreckte sich Geröllwüste, durchzogen von weiteren, tiefen Spalten, an deren Grund teilweise ganze Dickichte und Haine schwarzer, krummer Bäume und Büsche wuchsen.

Anan wusste, wo die Übungen abgehalten wurden. Es war ein Seitenteil der Wasserfallschlucht, in der ein dünnes Rinnsal mündete und dort auch versickerte. Der Boden dieses Seitentals war sandig und beinahe topfeben, und die Sandsteinwände trugen die Speernarben von vielen Generationen der Jadeira, die hier ausbildet worden waren.

Während der Regenzeit war das ganze Gebiet knöchelhoch überflutet, wusste Anan.

Aber die Regenzeit kam nicht mehr so zuverlässig und kräftig wie früher, so dass die Hirten angefangen hatten, ihre Tiere zwischen den bekannten Oasen hin- und herzutreiben, und es teilweise zu erbitterten Fehden über Wasserrechte und Wanderrouten gekommen war.

Im Süden muss es noch schlimmer sein, dachte Anan kurz, bevor sie die Oase erreichte. Vielleicht waren Trakra und seine Gefolgsleute deshalb gezwungen, so weit nordwärts zu wandern. Anan dachte an all die Narben, die die Haut des toten Kowa‘ geziert hatten, und sofort überfiel sie ein beängstigend deutliches Déjà-vu der furchtbaren Nacht, der Vergewaltigungen und der Schmerzen, die er ihr zugefügt hatte.

Er wäre besser im Süden geblieben und verhungert, versuchte sie den Gedanken abzuschütteln, aber zäh wie Baumharz klebte er an ihren Gedanken und machte ihr Hände schlüpfrig und zitterig, als sie den Abzweig in den Seitenarm der Schlucht nahm.

Dort erwartete sie alles genau so, wie sie es befürchtet hatte. Die verwesenden, aufgedunsenen Leichen der Kinder lagen fast alle der Größe nach geordnet aufgebahrt entlang der Felsen, teilweise noch mit ihren Speeren in den Händen.

Qechi musste sie von hinten angefallen und die Kehlen aufgerissen haben. Anan stürzte hin, aufschluchzend, als sie auch Kimar unter den Toten fand. Tränen nahmen ihr die Sicht, aber sie wusste, dass hier aller Hader und Schmerz umsonst war: Sie war zu spät, viel zu spät gekommen, und Tränen interessierten die Toten nicht.

Juli 14

24 Anan-Re / Jadeira

Natürlich war an Schlaf nicht wirklich zu denken, aber Anan schloss tapfer nach jedem Alptraum und jedem alarmierenden Geräusch erneut die Augen und kämpfte sich wieder zurück in die süße Dunkelheit.

Von den brutalen Vergewaltigungen und den Demütigungen der neuen Männer der Jadeira würde sie sich nicht bezwingen lassen. Niemals, das hatte sie beschlossen.

In den frühen Morgenstunden hörte sie oben am Brunnenrand viele Stimmen, durch den Stein gebrochen und unkenntlich gemacht. Wie ein kleines Sandkätzchen kauerte sich Anan zusammen und versuchte, möglichst kein Geräusch zu verursachen.

Der Eimer wurde hochgezogen, und Anan folgte dem Lederriemen, den sie daran gebunden hatte, furchtsam mit den Augen. Wenn sie den Eimer oben feststeckten, saß Anan hier unten in der Falle.

Deswegen hatte sie an den Riemen gedacht, um entweder daran emporzuklettern – obwohl ihr das jetzt, von unten betrachtet, beinahe unmöglich schien – oder, um den Eimer und das starke Seil daran wieder herunter zu ziehen, wenn das denn möglich war.

Es war das beste, was Anan auf die Schnelle eingefallen war.

Jetzt konnte sie nur hoffen, dass ihr Plan gelingen würde.

Der Eimer kam nach einiger Zeit wieder herunter und die Stimmen verstummten. Anan rührte sich nicht. Sie beobachtete, wie das Sonnenlicht langsam seinen täglichen Kreis über dem steinernen Brunnenrand vollzog. Wartete, streckte die steif werdenden Muskeln und nahm ein weiteres, sehr leises Bad.

Ihre Notdurft hinterließ sie auf einer Ecke des Sims‘, denn das Brunnenwasser wollte sie nicht verunreinigen; es musste neben den anderen Jadera ja vielleicht auch ihr noch einige Tage als Wasser- und Nahrungsquelle reichen.

Als es schließlich doch, nach einem langen, langweiligen Tag endlich dämmerte und die Hirtinnen das Abendwasser für das Vieh geholt hatten, machte sich Anan an den Aufstieg. Sie brauchte drei oder vier Versuche und sie fiel einmal sehr unglücklich und nicht gerade leise auf einen vorspringenden Stein, was ihr ein schmerzhaftes Aufheulen entlockte und einen der Speere zerbrach; aber dann hatte sie es geschafft und konnte über den oberen Brunnenrand klettern.

Obwohl ihr nach der Düsternis der Brunnenkaverne die Augen vor Helligkeit stachen, war es doch schon später, als sie gedacht hatte. Am Himmel blinkten all die mächtigen, vertrauten Sterne, und die Dattelpalmen raschelten im sanften Wind.

Ein Antilopen-Pärchen nahm reißaus, als sie mühsam über die Brüstung kletterte, und das war für Anan ein sehr gutes Zeichen; bedeutete es doch, dass seit Stunden niemand von den Jadeira mehr hier gewesen sein und seine Witterung hinterlassen haben konnte.

Anan wusste, dass sie im Brunnenschacht und jetzt auf den raschelnden Dattelpalmwedeln zu viele deutliche Spuren hinterlassen würde, als dass sich je ein guter Fährtenleser über ihre Absicht und Richtung täuschen lassen könnte. Also wandte sie sich nach Osten, weg von der untergehenden Sonne und trottete in einem ruhigen Jägerlauf los. Als es ganz dunkel wurde, fing sie an, einen langsam Bogen in Richtung des Habichts zu schlagen, dessen Sternbild deutlich erkennbar am Himmel stand.

Der helle Stern der Prophezeiung, von der ihr Großvater Maror gesprochen hatte, bildete das Auge des Habichts, und nach ein paar Stunden lief Anan schließlich genau darauf zu.

Großvater ist tot, dachte sie. Vater ist tot, Mutter auch. Und ich bin qui’lo, Ausgestoßene und Clanlose.

Und das alles ist mir egal – wenn ich nur Kimar retten kann.

Juli 14

23 Anan-Re / Jadeira

Sie weinte um ihren Vater und Großvater, um die Ratsältesten, die ihr vertraut waren wie Familienmitglieder, um Kimar und alle Jungen der Jadeira. Aber nach und nach formten sich kalte, harte Gedanken in ihrem Innern, die sie nicht einfach wegschieben konnte.

Ja, sie war qui’lo, und sie war es zu recht: Sie hatte den Kowa‘ und seinen Berater ermordet. Jede andere Jagdgruppe, ganz gleich, ob sie hier aus dem Norden oder wie Trakra aus dem tiefen, heißen Süden käme, würde dasselbe Urteil fällen: Anan hatte nicht darüber zu richten, ob der Kampf der leeren Hand richtig geführt worden war. Wenn der Stamm den neuen Kowa‘ anerkannt hatte, so war das auch von der Tochter des alten Kowa‘ zu akzeptieren.

Ja, der Mord an den Beratern ihres Vaters war unnötig und grausam gewesen, das mochte auch ein Fremder anrechnen – allerdings war es durchaus im Rahmen der Entscheidungsgewalt eines Kowa‘, wenn die Alten zum Beispiel Unruhe verursachten oder zuviel Nahrung und Privilegien forderten.

Und die Jungen? Wenn Anan recht hatte, waren sie alle in Lebensgefahr und vielleicht auch schon tot. Ihr Geliebter mit den langen Locken und dem weißen, zärtlichen Lächeln… Anan konnte den Gedanken nicht loslassen. Aber sie konnte unmöglich sofort dorthin aufbrechen, denn die Wüste war gnadenlos. Einen ganzen Tag Marsch in ihrem Zustand würde Fieber bedeuten, und wenn sie den Weg verlor, war sie so gut wie tot.

Und um ihre Misere perfekt zu machen, würde man sie äußerst gründlich suchen und gefangen nehmen wollen – wenn man sie nicht gleich an Ort und Stelle tötete und in den Sand warf.

Es ist verrückt, dachte Anan. Wenn sie wirklich alle männlichen Nachkommen ermorden, hat der ganze Jadeira Stamm nur noch fünf Männer – eben die fremden Jäger, die eben jetzt im Zelt lagen und den tiefen Traumnuß-Schlaf schliefen…

So hat Trakra gedacht, wurde ihr klar. Es sieht seine Stammesfrauen als Besitz, als Beute. Deswegen schaltete er alle aus, die ihm seinen Besitz streitig machen könnten. Kinder musste man säugen, kleiden und erziehen, und die, die schon da waren, wären niemals sein vollständiger Besitz.

Kein Wunder, dass er Anan nicht als Jägerin anerkennen konnte. Frauen haben…angepflockt zu werden, so wie Vieh.

Aus Anans wunder Kehle löste sich ein tiefes Grollen vor lauter Abscheu.

Sie schüttelte sich, trank von dem Wasser und wusch sich, so gut es ging, das Blut und den Schmerz von den Hinterbeinen. Dann rollte sie sich auf dem sandigen Sims zusammen, um die Augen zu schließen.

Juli 14

22 Anan-Re / Jadeira

Endlich hatte Anan den alten Brunnenschacht erreicht. Er war aus Feldsteinen aufgeschichtet, der Lehm dazwischen von der Sonne so hart wie Stahl gebacken worden.

Ein langer, wertvoller Querbalken aus Holz spannte sich darüber, von dem ein langes Seil mit dem ledernen Eimer in die dunkle Tiefe hing.

Irgendwo in der Nähe muhte es – vermutlich hatte über die ganzen „Fest“-Tage jemand nicht daran gedacht, das Vieh zweimal täglich zu tränken. Anan zog den Eimer hoch und knotete ihren langen Lederriemen an den Holm.

Dann, mit schmerzhaftem Stöhnen und sehr, sehr vorsichtig, ließ sich Anan an dem Seil hinab, einen Fuß in den Eimer gestützt und der Rest mit Krallen und Händen am Seil rutschend.

Es war ekelerregend, so ohne Halt rückwärts in die Dunkelheit zu schliddern, vor allem, als sie so tief war, dass sie das Seil nicht mehr kontrolliert abspulen lassen konnte und sich mehr oder weniger auf gut Glück fallen lassen musste.

Dann gab es ein Platschen und sie landete im kühlen Wasser. Es war unendlich angenehm, kühl und gerade hüfthoch.

Anan wusste, dass es in der Sandsteinkaverne, in die der Brunnen getrieben worden war, einen Sims gab, auf dem man stehen konnte.

Sie hatte selbst nicht mitgeholfen, weil sie damals noch ein Kind gewesen war, aber der Erzählung ihres Vaters intensiv gelauscht. Er hatte damals zusammen mit den anderen jungen Männern die kleine Janja gerettet, die hier hereingeklettert war. Ein breitschultriger, großer Jäger hatte nicht in den Schacht gepasst, aber in die Kaverne unter dem Brunnen konnte man problemlos zwei Zelte stellen.

Vater hatte ihr lange Vorträge darüber gehalten, was man tun und nicht tun durfte und welche Plätze zum Spielen zu gefährlich waren.

Anan musste schlucken und die aufkommenden Tränen unterdrücken. Rudernd watete sie bis an den Vorsprung und kletterte dann hinauf.

Sie würde hier die Nacht und den nächsten Tag verbringen, hatte sie sich überlegt. Dann waren die Suchtrupps der Männer, die sie töten wollten, hoffentlich schon erfolglos hier gewesen und sie konnte sich zu ihrem eigentlichen Ziel aufmachen, der Wasserfall-Oase, wo die Jungen und Kimar hingebracht worden waren. Anan wäre gern sofort gegangen, fürchtete sie doch um Kimars Leben und um das aller anderen Jungen, aber sie wusste genau, dass sie in ihrem Zustand nicht all zu weit kommen und deutliche Spuren hinterlassen würde.

Dann kamen die Tränen doch, ließen sich nicht aufhalten. Wenigstens war sie hier so gut verborgen, dass niemand sah, wie eine Jägerin weinte.

Juli 14

21 Anan-Re / Jadeira

Anan schluckte – und rührte sich nicht, auch nicht, als erneut der peinigende Schmerz zwischen ihren Flanken aufflammte, dort, wo Trakra sie in der gestrigen Nacht schon mehrfach gegen ihren Willen genommen hatte. Der Dolch zitterte vor ihre Kehle, der ekelhafte Fremde über ihr keuchte, fauchte und spuckte, zuckte, drückte, quälte sie.

Anan konnte nicht sagen, wie lange es dauerte. Die Zeit schien endlos still zu stehen, und im Takt der ekelerregenden Stöße zitterte der Dolch, eine halbe Krallenbreite vor ihrer Kehle.

Schließlich wich das Keuchen einem erstickten Schnaufen. Ein letzter Ruck, dann sank der Faytwa nach vorne, der Schmerz legte sich – und zu Anans Überraschung auch Baruf. Er sank nach vorne, halb an der Seite von ihr herab, und blieb, eingeklemmt zwischen ihr und der Zeltstange, liegen. Die Traumnüsse hatten auch ihm noch den Schlaf gebracht – allerdings in der denkbar schlechtesten Lage. Sein Penis steckte noch in ihr, schlaff, aber durch seinen kräftigen Löwenkörper an Ort und Stelle gehalten. Anan konnte nicht vor und nicht zurück, selbst wenn die gelockerten Lederfesseln ihr jede beliebige Bewegung erlaubt hätten. Oh ihr Götter – was nun?

Tränen stiegen ihr in die Augen. All die wundervollen Rachepläne – und nun? Nun würde sie warten müssen, bis irgendjemand sie so fand, gefesselt, vergewaltigt, eingeklemmt zwischen all den vergifteten Jägern – oder, noch schlimmer – bis sie aufwachten und sich selbst ein Bild von der Lage machen konnten. Anans Tod wäre dann unausweichliche Gewissheit.

Sie raffte all ihre verbliebenen Kräfte zusammen und ruckte so lange nach vorne, bis sie wenigstens Barufs Männlichkeit nicht mehr in ihrem gepeinigten Inneren spürte. Der Jäger gab nur ein schwaches Grunzen von sich, wachte aber nicht auf. Danach dauerte es – zumindest fühlte Anan es so – Stunden, bis sie sich unter dem schweren Löwenkörper hervor gearbeitet hatte.

Als sie endlich frei war, nahm sie Barufs Faytwa an sich, dann stieß sie es ohne viel Federlesens Trakra durch die Kehle nach oben ins Gehirn.

Der neue Kowa‘ der Jadeira starb ohne einen weiteren Laut. Nur ein kurzes Zucken deutete an, dass er überhaupt noch versucht hatte, zu reagieren.

Anan ließ es stecken, damit die Seelenwinde nicht aus Trakras Körper austreten konnten. Er hätte einen langen und blutigen Tod verdient, dieselbe Art von Folter, wie er an ihr ausgeübt hatte. Doch dazu hatte sie keine Gelegenheit und auch nicht das passende Werkzeug, und sie konnte kaum stehen.

Sie zog Trakras Faytwa aus seinem Gürtel und tötete Baruf auf die gleiche Weise. Anschließend ließ sie es zu, dass sich ihr rebellierender Magen übergab. Der säuerlich-schale Gestank halbverdauter Kräuter-Antilope auf blutigem Löwenfell hinterließ ein einzigartiges Aroma in Taitas Zelt, der Anan erneut die Tränen in die Augen trieb.

So schnell sie konnte, riss sie mit ihren Vorderpranken den Teppich hoch, wickelte ihn halb um den toten Baruf, und legte die Wasserschläuche, die Kräutertasche und dann auch Taitas Faytwa frei.

Als sie sich ausgerüstet hatte, schlug sie den Teppich wieder zurück und begann, die Ratsmitglieder, die nur schliefen, von ihrer Mähne zu befreien, wie man es bei Kindern tut, wenn sie Läuse haben.

Sie arbeitete nicht sorgfältig, hinterließ Knoten und Knötchen ungeschorenen Haares, denn ihre Finger zitterten. Ich hätte euch alle töten können, dachte sie. Ich tue es nicht, weil ich eine ehrenwerte Jägerin bin, Anan-re, von Shinans Wurf von den Jaderia, Tochter von Moari-Re.

Ogonns Haar ließ sie ungeschoren, nur eine einzelne Strähne schnitt sie ihm ab. Dann verknotete sie die Zeltplane von innen, als müsse man das Zelt gegen einen Sandsturm sichern, und stolperte noch einmal über all das wilde Durcheinander schlafender und toter Löwenkörper.

Mit einem ungeschickt geführten Schnitt von Taitas Faytwa zerteilte sie die Zeltplane auf der Rückwand und stolperte hinaus in die sternbesetzte Abenddämmerung des Lagers. Tief holte sie Luft, schüttelte die Mähne und orientierte sich an den Sternen. Dann nahm sie sich vom Feuerplatz einen, zwei der langen Jagdspeere, einen der wertvollen Bogen und einen Köcher mit guten Pfeilen. Sie wollte auch noch nach etwas zu essen greifen, doch als ihr Magen erneut warnende Signale aussandte, ließ sie es bleiben. Sie würde es später bereuen, aber daran war jetzt nichts zu ändern.

Ohne noch einmal zurück zu sehen, humpelte Anan los, zum Palmenwäldchen hinüber. Sie war jetzt keine Jadeira mehr. Sie war eine Kowa‘-mörderin, eine qui’lo, jemand, der das heilige Gesetz der Blutrache missachtet hatte.

Ihr war es nicht klar gewesen, obwohl die Männer sie bereits so behandelt hatten. Irgendwie hatte sie gehofft, in ihr altes Leben zurückkehren zu können, wenn sie ihren Vater rächte. Aber Rache hatte offensichtlich doch keinen so süßen Geschmack, wie die Geschichten es immer erzählten.

Das Lager blieb still zurück; alle Festlichkeit hatte ein Ende.

Anan torkelte mehr als dass sie lief, und der Weg bis zur Wasserstelle kam ihr doppelt so weit vor wie tags zuvor. Sie wusste, dass sie am Ende ihrer Kräfte war.

Es war ihr bewusst, dass sie blutete, und auch, dass jeder, der sie sah, auf den ersten Blick erkennen musste, dass mit ihr etwas nicht stimmte.

Dennoch flogen die Vögel auf und senkte sich die gewohnte Art von Stille auf die Dattelpalmen-oase herab, als Anan den finsteren Schatten unter den Bäumen betrat, der vom hellen Mondlicht geworfen wurde.

Auf eine gewisse Weise, das schienen die kleineren Tiere zu wissen, war ein verletztes Raubtier noch gefährlicher als ein gesundes.

Anan hatte zwei Wasserschläuche, den Vorrat mit den Kräutern, zwei kleine Faytwa und ein langes Stück Leder – mehr war von ihrem alten Leben nicht geblieben.

Juli 14

20 Anan-Re / Jadeira

Anan fuhr alle Krallen aus, sträubte ihr Fell, fletschte die Zähne – und wusste gleichzeitig, dass es so sinnlos war, gegen sie alle zu kämpfen, wie den Sand von den Zelten zu fegen, wenn der Wind wehte.

Ogonn erhob sich ebenfalls, leicht schwankend. Mit einem Seitenblick auf Anan bedankte er sich höflich bei Trakra für das Angebot, doch sei er müde und wolle sich lieber zurück ziehen. Die anderen Räte quittierten dies mit dröhnendem Gelächter und einigen spitzen Bemerkungen, die Ogonn aber ignorierte.

Ainwe hatte wohl recht dahingehend, dass er der netteste der neuen Jäger sei, dachte Anan. Trakra nickte und wollte noch etwas erwidern – aber mitten im Satz fielen ihm die Augen zu und er schlug schwer auf den Zeltboden auf.

Es gab einen Moment der atemlosen, gespannten Stille, als alle zu Trakra sahen und zu begreifen versuchten, was geschehen war. Zu Anans unendlicher Erleichterung drehte sich sogar der massige Isam langsam zu seinem Kowa‘ um und wollte ihm wohl helfen, wieder auf die Beine zu kommen.

Doch wo es zunächst nur schien, als hätte ein Stück Teppich unter seinem Hinterlauf nachgegeben, rutschte in der nächsten Sekunde der ganze massige Leib des Jägers hinterher, fiel halb auf den dumpf vor sich hin starrenden Fath und blieb dann genauso regungslos liegen wie Trakra. Anans kleines Herz klopfte wie rasend in ihrer Brust, als sei zwischen ihren Rippen ein Wildvogel gefangen und versuche nun unbedingt, auszubrechen.

Der älteste Jäger Fath, unmöglich eingequetscht zwischen Isam und Zanja, versuchte, auf die Beine zu kommen und sein Faytwa zu ziehen, doch er schaffte weder das eine noch das andere ganz, bevor auch ihm die Beine umknickten. Schwer fiel er auf Zanja, der das jedoch gar nicht mehr bemerkte – er war bereits in den Schlaf vornüber gesunken. Ogonn machte noch zwei Schritte in Richtung Zeltplane – dann wurde auch er vom Schlaf übermannt.

Als allerletztes noch stand Baruf, der nur wenig gegessen, aber dafür umso mehr getrunken hatte. Er starrte Anan an, und in seinen Augen funkelte es boshaft. „Du… hast sie vergiftet, nicht wahr?“ fragte er drohend. „Dafür wirst Du sterben….!“

Anan saß da wie ein Kaninchen vor der Schlange, still, unfähig sich zu bewegen. Sie konnte nur stumm den Kopf schütteln.

Er zog sein Faytwa, kam auf sie zu. Baruf war der unauffälligste der neuen Jäger, sehnig und drahtig, die Haare dunkel, das Gesicht ebenfalls. Hatte Anan ihn unterschätzt? Würde sie es schaffen können, sich gegen ihn zu behaupten?

Er stieg über seine gefallenen Kameraden, vorsichtig, knurrend, bereit, sich auf sie zu stürzen. Anan hatte nur die leeren Hände, konnte sich bei aller Macht nicht bewegen. Ihr Körper ließ sie schändlicherweise im Stich, ihre Gedanken wirbelten haltlos in ihrem Kopf herum, ohne ihr eine Lösung, einen Ausweg aus diesem Dilemma anbieten zu können.

Baruf war bis auf zwei Schritte an sie heran gekommen, den Dolch kampfbereit gezückt. In seinen Augen blitzte Wut auf, unverhohlen, und Abscheu. Anan kroch in ihren Fesseln noch weiter zur Zeltwand hin, schob sich auf den Hinterläufen über den Teppich. Sie konnte nicht vorbei – sie konnte nirgends hin.

Baruf hielt ihr den Dolch an die Kehle, drückte zu, bis ein einzelner Blutstropfen ihrem weit nach hinten gebeugten Hals entsprang – dann war er mit einem plötzlichen Sprung über ihr und trat mit einer wütenden Bewegung ihren Schwanz beiseite. Keuchend legte er ihr den Arm über die Brüste, knurrte in ihr Ohr: „Keinen Ton, Verräterin! Dies ist das beste, was Dir vor Deinem qualvollen Tod noch passieren kann!“

Juli 14

19 Anan-Re / Jadeira

Hinter Trakra, der einen recht zufriedenen Gesichtsausdruck zur Schau trug, folgten seine fünf verbliebenen Jäger: Ogonn, Zanja, Baruf, Isam und Fath. Qechi war mit den männlichen Jadeira zur Wasserfall-Oase gezogen; Anan hielt ihn für den ruchlosesten und loyalsten Jäger des neuen Kowa‘.

Vorek, der siebte seiner Getreuen, war ja – gestern erst? Anan schien es Welten her zu sein – von Taita erstochen worden und lag nun im Sande; vermutlich nicht weit von dem Körper ihres erdrosselten Vaters entfernt.

Anan schluckte. Selbstmord ist die letzte Option, sagte sie sich erneut. Und vorher zahle ich es diesem Schwein heim, wenn ich irgend kann.

„Nun haben wir genügend Leute für ein Fest, Püppchen,“ prahlte Trakra zufrieden, und Anan schluckte. In dem Zelt war es mit so vielen Leuten sehr eng, und jedes einzelne Ratsmitglied musterte sie mit gierigen, funkelnden Augen. Was hatte Trakra ihnen versprochen? Für Anan war das nicht schwer zu erraten. Ihre Hände zitterten merklich, als sie den Ratsmitgliedern Wein aus der Karaffe einschenkte und den würzigen Geschmack der beigefügten Nüsse lobte.

Ihre sichtliche Angst entlockte Trakra ein volles, genüssliches Lachen: So hatte eine Frau zu sein, so und nicht anders.

Anan wusste wirklich nicht, wie stark die Traumnüsse waren, wieviel davon einem ausgewachsenen Mann den gewünschten Schlaf bringen konnte. Für Trakra hätte die Menge in der Karaffe vielleicht ausgereicht – Anans Plan war gewesen, ihn dazu zu bringen, möglichst viel davon zu trinken – doch dasselbe Ziel für alle fünf Ratsmitglieder zu erreichen, schien ihr mit dieser einen Karaffe unmöglich zu sein. Doch was konnte sie tun? Gar nichts. Sie schenkte allen Wein und sich Tee ein und senkte den Kopf bei Trakras großspurig vorgebrachten Lob auf seine vorzügliche Jagdbeute und den nun ihm gehörenden Reichtum der Jadeira.

Die Männer aßen von dem Kräuterbraten, tranken von dem Wein, glotzten Anan an. Es herrschte eine gespannte, erwartungsvolle Atmosphäre, die Anan bei bestem Willen nicht übersehen konnte. Einige Ratsmitglieder tatschten an ihren Flanken herum, wenn sie, behindert von ihren Fesseln, vorbeiging, streichelten ihr Fell oder machten bewundernde Komplimente über ihre straffe Haut, starrten dabei auf ihre Brüste, als hätten sie noch nie welche gesehen.

Die magere kleine Antilope, ohnehin schon mit Kräutern gestreckt, war bald vertilgt, und die Männer riefen nach mehr Wein und mehr Essen.

Schließlich holten sie beides aus dem Frauenzelt; es war der Rinderbraten mit der Nusskruste und ein ganzes Fässchen Showi-Wein. Anan trank ein paar Schlucke Tee, hockte sich in die dunkelste Ecke des Zeltes und versuchte, sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Sie saß genau auf dem kleinen Hügelchen, unter dem sie ihren Notvorrat versteckt hatte, und rutschte dort unruhig hin und her. Sie konnte jetzt nur noch warten, und das war das allerschlimmste.

Trakra nickte zufrieden. Sie beginnt zu lernen, dachte er, als er ihren ängstlichen Blick sah.

Zu Anans Zufriedenheit zeigten sich bald Anzeichen von Müdigkeit bei den Ratsmitgliedern, und auch wenn sie gar nicht sagen konnte, ob dies den Nüssen oder dem reichlich geflossenen Wein geschuldet war, konnte sie doch nicht verhindern, dass in ihrem Herzen Hoffnung aufkeimte, so schnell wie die Sprossen der Ulawate-Pflanze nach dem ersten Winterregen.

Doch dann verkündete Trakra, was Anan die ganze Zeit über schon befürchtet hatte. Sie hätte allen Ratsmitgliedern zur Verfügung zu stehen, sei seine Jagdbeute genauso wie die Antilope, von der nur noch die abgenagten Knochen in die Luft ragten. Und er sei so großmütig, sie mit seinen Jagdbrüdern zu teilen, Vorek zu Ehren, der von einer ehrlosen Frau hinterrücks ermordet worden sei. Anan schwoll die Kehle zu bei soviel Lüge und Prahlerei; sie wollte schreien, das Unrecht anprangern – doch fehlte ihr die Luft zum Atmen genauso wie zum Schreien, so als würde Trakra sie wieder so brutal würgen wie in der Nacht zuvor.

Sie wich noch ein wenig weiter in die dunkelste Zeltecke zurück, als Isam aufstand und sagte, er wolle als erster von dem süßen Honigtau kosten, den sein Kowa‘ ihm hier anbiete. Breit lächelnd, die Zähne vom Showi-wein dunkel verfärbt, kam er auf sie zu. Er war kräftig und breit, stiernackig und braungebrannt; sicherlich wog er gut das doppelte von Anan.

Juli 14

18 Anan-Re / Jadeira

Was nun? Trakra würde den Braten zurückbringen und seine Antilope fordern.

Aber nun hatte sie keine gehackten Nüsse mehr, um noch einen Braten zu würzen.

Es würde nicht klappen. Und dann?

Sie würde hier gefangen bleiben. Trakra würde sie quälen, bis sie sein Kind trug – oder bis sie verhungert oder verdurstet war.

Sie würde nicht entkommen können. Sie wäre verdammt, so oder so….

Anan brauchte nicht darüber nach zu denken. Sollte es so kommen, würden sie den Weg der alten Frau vorziehen. Diese Möglichkeit blieb ihr immer noch – als letzter, allerletzter Ausweg.

Trakra kam schnell zurück, schneller, als sie einen neuen Plan fassen konnte. Sie zwang sich zu einem nervösen Lächeln, als er seine Antilope hereinbrachte.

„So.“ Trakra stand über ihr und sah auf sie herab. „Erst das Essen, nicht wahr?“

Anan würgte. Er würde sie erneut vergewaltigen. Und sie konnte nichts, gar nichts dagegen tun. Ihre mühsam aufrecht erhaltene Fassade bröckelte. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen traten.

Das hilft nun gar nichts, ärgerte sie sich über sich selbst.

Glücklicherweise hatte Trakra sich schon abgewandt und ihr Schweigen als Zustimmung verstanden. Er zerschnitt das lockere Antilopenfleisch mit geübten Bewegungen. Dieser Braten war nicht mit Nüssen, sondern nur mit Kräutern dekoriert. Wenn sie doch nur…

Sie hinkte näher an Trakra heran, während sie die letzten zwei ganzen Nüsse aus dem kleinen Säckchen an ihrem Handgelenk heraus schüttelte. Als er ihr ihre Schale reichte, zwang sie sich zu einem Lächeln.

„Bitte, gib mir noch etwas mehr von der Kruste mit den Kräutern. Sie ist sehr gut.“

„Natürlich, Püppchen.“ Trakra grinste. „Gewöhnst Du Dich schon an den Gedanken, meine Frau zu sein? Du wirst nur das beste Essen bekommen und nicht mehr selbst jagen und Vieh hüten müssen. Du wirst schon sehen. Dieses Zelt mag luxuriös eingerichtet sein, aber gegen das Zelt meiner Hauptfrau sieht es nur aus wie ein verwischtes Sandbild.“

Anan lächelte kurz, anstatt mit den Augen zu rollen. Ein Leben als Püppchen, eingesperrt in einem Zelt – das war das Letzte, was sie wollte! Sie war Anan-re, Jägerin der Jadeira! Sie war frei, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, war es immer gewesen und würde es auch jetzt sein. Auch dann, wenn ihre einzige Entscheidungsfreiheit in Sklaverei oder Freitod bestand. Sie wusste, was sie dann wählen würde, hatte es vorhin beschlossen.

Trakras Weltbild war nicht ihres, und sich ihm unterzuordnen, diesem feigen Mörder und Sklavenhalter, kam für sie überhaupt nicht in Betracht.

Sie sah keine Möglichkeit, die Nüsse in Trakras Schale zu geben, ohne dass er misstrauisch werden würde.

Trakra begann das Mahl mit der traditionellen Anrufung der Götter, wobei er nur Sanu-Ra, den Sonnengott, pries. Peche-Ur, die Windgöttin, und Mande-Ur, die Mondjungfrau, rief er nicht an.

Daraufhin tat es Anan, was Trakra offensichtlich ärgerte.

„Diese schwachen Göttinnen sind der Anrufung vor einem Fest nicht würdig,“ mäkelte er.

„Oh, die Jadeira verehren sie sehr,“ behauptete Anan. „Und – welches Fest meinst Du? Wir sind allein,“ erinnerte sie ihn.

Trakra runzelte die Stirn und knurrte leise, weil ihm darauf scheinbar keine gute Antwort einfiel.

Doch dann huschte so etwas wie ein bösartiges Lächeln über seine Miene.

„Warte hier. Ich bitte die anderen Räte, uns Gesellschaft zu leisten, wenn sie ihr Mahl in den Frauenzelten beendet haben.“

Trakra erhob sich erneut und verließ das Zelt. Für Anan die Gelegenheit, die zwei Nüsse, die sie in der verschwitzten Hand trug, mit dem Boden ihrer Schale grob in Stücke zu brechen.

Trakra hatte von seiner Schale bereits gegessen, ein veränderter Geschmack würde ihm vermutlich auffallen. Also konnte sie keine Traumnüsse mehr zu seinem Essen hinzufügen. Aber er hatte Wein und Tee mit ins Zelt gebracht. Anan hatte keine Ahnung, ob nur ein Teil einer Nuss ausreichte, um den tiefen Schlaf in Trakra zu erzeugen, den sie für ihr Vorhaben brauchte. So schnell es ging, drückte sie die Nüsse noch kleiner und streute sie in den Wein, einen größeren Teil in sein Glas und einen kleineren in die offene Karaffe. Sie würden nach unten sinken und einen sichtbaren Bodenbelag bilden, aber Anan konnte dann sagen, dass bei den Jadeira der Wein eben auf diese Art und Weise gewürzt wurde. Mit etwas Glück würden die Nüsse zusammen mit dem Alkohol schneller wirken. Nun musste sie Trakra nur noch dazu kriegen, möglichst viel Wein zu trinken…

Als er wiederkam, hatte sie bereits ihre Schale hastig leer geschlungen und ihren Wein ausgetrunken. Sie fand es sehr schlau, dass sie ein wenig von den Nusskrümeln auch in ihr leeres Glas gestreut hatte, so dass es aussah, als sei auch dieser Wein mit Nüssen gewürzt gewesen.

Hoffentlich, hoffentlich würde diese eine Nuss in Trakras Glas ausreichen!

Juli 14

17 Anan-Re / Jadeira

Es schien endlos zu dauern, bis die Sonne unterging und es im Zelt ein wenig kühler wurde. Gleichzeitig schien es Anan, als rase die Zeit dahin, als hätte sie noch hunderte Dinge vorzubereiten und könne nichts davon erledigen.

Ein paar mal kam die Wache, die Ainwe Ogonn genannt hatte, ins Zelt und sah nach ihr.

Tatsächlich machte er einen eher zurückhaltenden und freundlichen Eindruck, ganz so, wie Ainwe ihn von Trakras gesamter restlicher Jagdgruppe beschrieben hatte.

Er entschuldigte sich sogar dafür, dass sie hier gefesselt im Zelt liegen musste. Seltsamerweise bestätigte das Anan nur in ihren Plänen.

Trakra selbst war die Wurzel des Übels und ihrer würde sie sich heute abend annehmen.

Tatsächlich klappte – dank ihrer Freundinnen – alles wie am Schnürchen. Traka war noch nicht lange im Zelt, hatte nur seine geheuchelte Eingangsrede gehalten, dass er ihre Fesselung zutiefst bedauere, sie sich aber selbst in diese unangenehme Lage gebracht habe – da brachte man ihm auch schon eine große Platte mit einem saftigen Bratenstück, das mit Nüssen bestreut war. Trakra präsentierte es stolz als seine Jagdbeute, und Anan musste sich ein Lächeln verbeißen. Es war Rindfleisch von den Koppeln der Jadeira, noch dazu gut abgehangen. Dieses Stück Fleisch war ganz sicher nicht seine heutige Jagdbeute.

Doch seine großspurige Lüge nutzte sie, um sich bewundernd über den Braten zu beugen und ihren Vorrat an gehackten und gepulverten Traumnüssen der Kruste hinzuzufügen.

„Komm,“ sagte Trakra, „lass mich Dir aufschneiden. Du hast ja den ganzen Tag gehungert, nicht wahr? Nach mir, natürlich auch.“

Anan schloss die Lider, um ihr unmittelbares Augenrollen zu verbergen.

„Ogonn war so freundlich, sich um mich zu kümmern,“ erwiderte sie, „ohne ihn wäre ich halb verdurstet oder hätte Dich in meinen eigenen Exkrementen liegend empfangen müssen, Kowa‘.“

Trakra ging auf ihren feinsinnigen Tadel nicht ein, sondern schnitt stattdessen den Braten auf. Anan bildete sich ein, den Duft der Traumnüsse bis hier her riechen zu können. Ihr klopfte das Herz bis zum Hals.

„Das ist nicht meine Jagdbeute,“ sagte Trakra plötzlich. Also hatte er jetzt auch erkannt, dass er Rindfleisch schnitt. Trakra nahm den Braten auf und schüttelte den Kopf.

„Sie müssen meine Antilope noch im Frauenzelt haben. Warte doch hier einen Augenblick, ja?“

Blanker Hohn, schließlich hatte Trakra ihre Fußfesseln nicht gelöst, nur gelockert.

Anan nickte nur stur. Sie hatte das Gefühl, nicht mehr sprechen zu können, ihre Kehle war wie ausgedörrt.

Juli 14

16 Anan-Re / Jadeira

Es dauerte nicht lange, bis Anan die restlichen Knoten gelöst hatte. Dann ging sie hastig an die Arbeit.

Mit einer Pflanzschaufel, die sie in Taitas persönlichen Besitztümern gefunden hatte, grub sie unter dem hinteren Teppich ein breites Loch in den harten, rotgelben Wüstenboden. Dort hinein verschwand Taitas Dolch aus der Zeltplane, die zwei fast vollen Wasserschläuche und eine kleine, fransenbesetzte Tasche, die Medizinkräuter enthielt, offensichtlich ebenfalls aus Taitas Besitz.

Es dauert lange, alles wieder ordentlich zuzuschaufeln und den Teppich so darüber zu arrangieren, als sei das Zelt schon vorher auf dem kleinen, unauffälligen Hügel erbaut worden.

Essen, zumal etwas Haltbares, hatte Anan nicht. Jetzt hatte sie aber zumindest einen Notvorrat, auf den sie zurückgreifen konnte.

Die Schaufel reinigte sie sorgfältig und versteckte sie wieder in Taitas Truhe. Sie konnte notfalls auch mit bloßen Pranken graben, aber das würde viel mehr auffälligen Dreck und Unordnung bewirken.

Nun, für Traka selbst würde der kleine Dolch ihr nichts nutzen, selbst dann nicht, wenn sie ihn nicht eben vergraben hätte.

Er war zu schnell, zu geschmeidig, zu stark. Anan war nicht zu stolz, um das vor sich selbst zuzugeben.

Dennoch ließ diese Erkenntnis nicht viel Spielraum für andere Möglichkeiten.

Anan hatte jedoch eine Entdeckung gemacht, die sie zuversichtlich stimmte. Offensichtlich hatte Taita Probleme mit dem Einschlafen gehabt, denn sie hatte einen ganzen Beutel Traumnüsse in ihrer Medizintasche aufbewahrt.

Traumnüsse wurden normalerweise gerieben und das Pulver dann als Tee aufgebrüht, um die schlaffördernde Wirkung zu erzielen.

Anan wusste, dass sie angenehm würzig schmeckten.

Sofern Trakra den Geschmack nicht kannte – was gut möglich war, denn sie wuchsen in den feuchten Sumpfgebieten des Nordflusses und waren nur selten über die Quedda-Handelsgruppen zu bekommen – würde es einfach sein, sie ihm unters Essen zu mischen.

Und dann… und dann würde sich irgendeine Möglichkeit ergeben.

Das Problem war nur, dass sie kein Essen hatte – ihr leerer Magen sagte ihr das nur allzu deutlich.

Anan pulverte zwei und hackte drei der Nüsse, zwei liess sie ganz – vielleicht bekam sie die Gelegenheit, Trakra einen Tee zuzubereiten?

Dann legte sie sich die Fesseln wieder um die Beine. Es war sehr schwer, ihre eigenen Hände zu fesseln, so dass es zumindest halbwegs wieder so aussah, wie Trakra sie gebunden hatte. Das Beutelchen mit den vorbereiteten Nüssen band sie dabei an ihr Handgelenk fest.

Mit etwas Glück konnte sie es dort in den gebundenen Händen gut verstecken. Als das erledigt, war, robbte sie auf den Platz zurück, an dem Trakra sie zurückgelassen hatte, dann fing sie an, so laut zu jammern und zu klagen, wie es ihre geschundene Kehle erlaubte.

Wie sie es geplant hatte, dauerte es gar nicht lange, bis sie von irgendjemandem draußen gehört wurde; und nicht viel später steckte einer der Fremden seinen zottigen Kopf durch die Zeltplane.

„Was willst Du?“ fragte er unwirsch. Anan gab sich Mühe, die Vorstellung echt wirken zu lassen. Sie hoffte, dass das schummrige Halbdunkel des stickigen Zeltes verbergen würde, was ihr an Talent dazu fehlte.

Anklagend robbte sie auf den Wächter zu. „Trakra hält mich seit zwei Tagen hier gefangen – ohne Wasser, ohne Essen – nicht einmal waschen konnte ich mich! Was glaubst Du, was ich will?

Ich flehe dich an – gib mir wenigstens etwas Wasser. Oder Trakra wird hier heute abend nur noch meine Leiche vorfinden!“

„Hm.“ Der Kopf zog sich zurück, und Anan wartete bangen Herzens eine Zeitspanne, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam.

Schließlich öffnete sich die Zeltklappe erneut, und drei ihrer Freundinnen wurden mehr hineingeschoben als dass sie gingen.

Das fremde Ratsmitglied mit dem Wuschelkopf sah als letzter noch einmal in das Zelt und ranzte: „Ihre Fesseln bleiben, wo sie sind, klar?“

Die drei nickten verschüchtert und setzten die Sachen, die sie mitgebracht hatten, neben Anan ab.

Laut genug, dass die Wache draußen es verstehen konnte, begann ihre Freundin Inien das Gespräch.

„Der großmächtige Kowa‘ Trakra lässt Dir ausrichten, dass Du heute Abend mit ihm speisen wirst,“ sagte Inien geziert. „Bis dahin sollen wir dich hübsch machen und Deinen Durst stillen.

In seiner unendlichen Weisheit schickt Kowa‘ Trakra Dir sogar dies hier.“

Inien rollte dramatisch mit den Augen, was die anderen Mädchen in Kichern ausbrechen ließ, denn Inien hatte dabei auf den Nachttopf gedeutet, den sie hergebracht hatte.

Während die Freundinnen ihr das Fell auskämmten und neue Zöpfe flochten, ihr Wasser zu trinken gaben und eine laute, belanglose Unterhaltung führten, flüsterte Anan ihnen ihren Plan zu.

Ainwe fand den Medizinbeutel mit den restlichen Traumnüssen nach Anan Beschreibung schnell, und die anderen kamen überein, allen Besuchern des Frauenzeltes heute Abend heißen, süßen Schlaftee zu servieren. Töten wollten sie keinen der anderen Räte. Übereinstimmend waren sie der Meinung, dass Trakra allein die ganze seltsame Situation herbei geführt hatte.

„Außerdem ist Ogonn recht nett,“ flüsterte ihr Ainwe rotwerdend zu.

Juli 14

15 Anan-Re / Jadeira

Trakra grinste nur amüsiert über Anans spitze Bemerkung. „Mir scheint, deine Zunge kann besser Gift verspritzen als so manche Schlange, Püppchen.

Trotzdem werden wir die letzte Nacht heute noch einmal wiederholen – schließlich hast Du mir ganz gut gefallen.“

Anan nahm alle verbleibende Kraft und ihre ganze Wut zusammen und sprang ihn mit gespreizten Krallen an. Aber Trakra hatte damit gerechnet und konnte mit einer tänzerischen Bewegung zur Seite ausweichen. Dort schnappte er sich den langen Lederriemen, von dem sie gerade erst befreit worden war.

„Und damit wir dieses leidige Spielchen nicht noch einmal wiederholen müssen, meine Hübsche -“ unvermittelt langte er nach Anans Schwanz, zog kräftig daran, glitt geschmeidig um die Zeltstange herum und legte den Lederriemen um ihre Hinterbeine – „werde ich dieses mal sicherstellen, dass Du schön brav auf mich wartest, wie eine gehorsame Frau es tut.“

Trakra Gewicht drückte Anan zu Boden, und ihre gefesselten Beine konnten sie nicht mehr stützen.

Schwer stürzte sie auf die leere Stelle, wo der blutige Teppich und Taitas Leichnam entfernt worden waren. Trakra fackelte nicht lange und band ihr auch die Vorderpranken zusammen, ohne auf die tiefen Kratzer zu achten, die sie ihm dabei mit den Fingernägeln beibrachte. Er fauchte nur kurz, als sie die empfindliche Haut zwischen Auge und Ohr aufriss, ließ sich aber in seiner Tätigkeit nicht stören, bis Anan erneut an allen 6 Gliedmaßen gefesselt war.

Anschließend nahm sich Trakra noch die Zeit, die Brustwarzen der wehrlosen Anan zu küssen.

„Bis heute abend, meine ungeduldige Geliebte.“ Es lag nicht einmal Spott in seiner Stimme dabei, als sei ihr Knurren und Fauchen tatsächlich ein Zeichen von Zustimmung.

Im Gegenteil, er küsste sie auch noch auf den Mund. Er schmeckte nach Blut, so dass in Anan der Hunger erwachte. Sie hatte nichts zu essen bekommen, seit ihr Fest vorüber gewesen war.

Ihr war schwindelig und schlecht bei der Aussicht, eine weitere Nacht gefesselt und Trakras Launen ausgeliefert zu sein.

Aber sie konnte wenig tun – ihre Fesseln waren sorgfältig fest gezogen worden und das Material viel zu stabil, um es zu zerreißen.

Obwohl es ihr nicht helfen würde, schossen Anan die Tränen in die Augen, sobald Trakra gegangen war. Sie fühlte sich so hilflos – und sie hasste dieses Gefühl aus ganzem Herzen.

Traka war stärker als sie, mächtiger. Er würde dieses entsetzliche Spiel gewinnen, früher oder später.

Was konnte sie nur tun?

Wütend auf die eigene Ohnmacht versuchte Anan, die Lederriemen an ihren Händen mit den Zähnen durch zu beißen.

Eine Stunde später – oder vielleicht zwei, Anan wusste es nicht – öffnete sich die Zeltklappe erneut, und Dera schlüpfte hindurch. Dera war Tiwis Mutter, des jüngsten männlichen Nachkommens der Jadeira mit Ausnahme von Paydro, der ja noch an der Brust hing.

Der dreijährige Tiwi war mit den anderen Jungen mit dem Jagdbruder Trakras, diesem Qechi, ausgezogen, um eine Dijadda zu formen. Zusammen mit Kimar.

Anan zweifelte nicht daran, dass die jungen Jäger der Jadeira entweder schon tot waren oder ihre Ermordung unmittelbar bevor stand. Sie war deshalb keineswegs überrascht, ängstliche Besorgnis auf Deras Gesicht zu sehen.

Die ältere Frau kauerte sich neben Anan und warf kaum einen Blick auf ihre Verletzungen.

„Und Du meinst wirklich, er wird sie alle umbringen?“ flüsterte sie ohne jedes Vorgeplänkel.

Anan nickte wortlos. „Ich fürchte, sie sind schon so gut wie verloren,“ brachte sie dann doch hervor. „Wenn Du kannst, jage ihnen hinterher und warne sie,“ riet sie Dera.

Diese zögerte, doch dann nickte sie entschlossen. Mit einer hastigen, aber gut gezielten Bewegung zog Dera ihren Dolch und durchtrennte die angebissenen Fesseln an Anans Händen.

„Er vergnügt sich in den Frauenzelten und erzählt überall herum, Du hättest mit Freuden Deine Zustimmung gegeben, seine Hauptfrau zu werden,“ erzählte sie dann.

„Bring ihn um, wenn Du kannst.“

Anan nickte und lächelte der anderen Frau zu. Genau das hatte sie vor.

Juli 14

14 Anan-Re / Jadeira

Nein. Sie konnte nicht von sich auf andere schließen. Vielleicht war dies Trakras Art gewesen, ihren Widerspruch zu bestrafen. Bestraft fühlte sie sich auf jeden Fall. Vielleicht waren die anderen Fremden ganz anders; ihre Freundinnen schienen das auf jeden Fall zu glauben. Und was nur, was sollten sie tun?

„Wo… ist Kimar?“ fragte sie.

Hundertmal mindestens hatte sie sich vorgestellt, dass er zum Zelt hinein käme und sie rettete.

Ainwes Gesicht wurde fröhlicher. „Trakra und Qechi, sein Berater, haben eine lange Rede gehalten heute mittag. Dass sie den Jadeira die wahren Traditionen des Löwenschlags wieder zurück bringen wollen und die Jungen richtig ausbilden. Qechi hat alle männlichen Jadeira mit zur Wasserfall-Oase genommen, um sie für eine Dijadda auszubilden. Sogar Tiwi haben sie mitgenommen!“

Tiwi war drei Jahre alt. Anan schwante fürchterliches. „Und wann… kommen sie zurück?“ presste sie hervor.

„Oh, mal sehen. Das hat Qechi nicht gesagt, aber ich denke, es wird eine Zeit dauern. Stell Dir vor, Tiwi als Jäger!“

„Und… Paydro?“ Paydro war der jüngste männliche Nachkomme der Jadeira, der Sohn von Yula. Er war gerade sechs Monate alt.

Ainwe schüttelte den Kopf. „Den haben sie natürlich nicht mitgenommen. Er braucht doch noch Yulas Milch!“

Ainwe lachte, als sei Anan verwirrt oder dumm. Anan spürte Kraft in ihre Glieder zurück kehren, als Wut in ihr aufwallte.

„Ich sage euch, er wird alle männlichen Nachkommen der alten Ratsältesten umbringen. Die Jungen sind so gut wie verloren, und Paydro wird bestimmt auch noch umkommen! Ihr müsst etwas unternehmen! Wehrt Euch! Er ist kein Kowa‘… er ist.. ein Monster!“

Anans Freundinnen wichen entsetzt zurück, als sie solch eine beängstigende Prophezeiung machte. Unglauben stand so offen im Raum, dass Anan auf Widerworte wartete.

„Du… bist verwirrt, Anan,“ sagte Ainwe schließlich, nach einer langen Pause. „Du solltest noch etwas trinken und ein wenig schlafen. Die Nacht war anstrengend für Dich, ja?“

Natürlich war sie das! wollte Anan schreien, aber der lange Wortschwall hatte ihre Stimme beinahe überlastet, und außer einem grollenden Husten brachte sie keine Antwort mehr hervor.

Konnten oder wollten ihre Freundinnen die Verletzungen nicht sehen, die Trakra ihr beigebracht hatte? Die Scham, die Schmerzen, die Schreie? Hatten sie denn gar nichts verstanden? Sie musste dafür sorgen, dass sie es erkannten. Nur wie? Und sie musste fort, Kimar warnen und… aber wie?

Ihre Gedanken überstürzten sich, während ihre Freundinnen sich tuschelnd zurück zogen. „Bringt.. mir mehr Wasser… bitte,“ keuchte sie.

Zumindest Ainwe nickte. Sie war sehr bleich geworden; Tiwi war ihr jüngster Bruder.

Vielleicht hatte sie die Mädchen doch zum Nachdenken gebracht.

Ein dunkler Schatten zeichnete sich an der offenen Zeltklappe ab, und die ohnehin schon nervösen Mädchen stoben auseinander.

Es war Trakra. Anan konnte ein instinktives Zurückzucken nicht vermeiden, obwohl es sie wütend auf sich selbst machte.

Die Mädchen verdunsteten aus dem Zelt, wie Wasser auf dem heißen Wüstenboden. Anan wurde klar, dass sie nicht den Auftrag gehabt hatten, sich um sie zu kümmern. Vermutlich hatte Ainwe nur nach dem Gestank sehen wollen, der von Taitas Leichnam gekommen war. Anan zog die schmerzenden Pranken sprungbereit unter den Körper und strich sich das wirre Haar zurück.

Sie fletschte die Zähne.

Trakra bewegte sich geschmeidig und ausgeruht; sie würde wenig Chancen in einem Kampf haben in ihrem geschwächten Zustand. Aber aufgeben? Niemals. Er hatte sie verletzt und gedemütigt, aber für Anan war das kein Grund, sich zu unterwerfen.

„Nun, Püppchen?“ fragte Trakra lässig. „Hast Du unseren ersten gemeinsamen Abend genossen, ja?“

Er zeigte die Zähne und wartete tatsächlich auf ein demütiges „Ja, Kowa‘.“

„Einen Schlangenbiss hätte ich mehr genossen, Zerkratzter,“
fauchte Anan und zog eine spöttische Mine zu den zahlreichen Striemen auf seiner Haut. Es war nichts gegen ihre Verletzungen, aber immerhin hatte er für die Gewalt, die er ihr angetan hatte, zumindest ein wenig büßen müssen. Noch lange nicht genug, wenn es nach Anan ging.
„Noch mehr hätte ich ihn allerdings genossen, wenn die Schlange Dich gebissen hätte.“

Trakra verzog keine Mine – er hatte schon gewusst, dass er von dieser Frau den Respekt, den sie ihm natürlicherweise schuldete, nicht ohne weiteres bekommen würde. Die Jadeira waren in ihren Traditionen wahrhaft verderbt.

Trakra hatte bereits darüber nachgedacht. Die Männer – fast alle Männer – des alten Stammes waren beseitigt worden, und bei den Frauen würde geduldige Umerziehung der Schlüssel zum Erfolg sein.

Er hatte die älteren Frauen nach Familienverhältnissen und Herkunft der einzelnen Frauen befragt und wusste jetzt, wer in der Hierarchie des Stammes wo stand.

Der kleine Paydro würde früher oder später einem bedauerlichen Unfall zum Opfer fallen, und dann würde es bei den Jadeira nur noch seine Nachkommen und die seiner Jagdbrüder geben – die allesamt noch zu zeugen waren.

Ein wirklich guter Schlag, mit seiner handverlesenen Jagdgruppe die Jadeira zu übernehmen. Sie hatten viele junge Frauen, und die, die nicht gerade stillten, hatten alle mehr oder weniger zu den Annäherungsversuchen seiner Jäger zugestimmt. Schließlich waren es junge, starke Männer, die gerade von einem Kampf und einem Sieg kamen.

Die Berater des vorherigen Kowa‘ waren fast durchweg alte Männer gewesen. Großväter, die den Frauen sicherlich nicht mehr viel nachgestiegen waren.

So hatte Moari sie wohl alle für sich alleine gehabt… aber die älteren Frauen hatten Trakra erzählt, dass Moari keine andere Frau mehr angefasst hatte, seit Shinan ihm ein Kind geschenkt hatte. Und obwohl sie schon ein halbes Jahr im Sande lag, hatte er auch danach nie nach einer anderen verlangt.

Sie müssen sich nach jungen Stammeskriegern gesehnt haben… das stand für Trakra fest. Umso verwunderlicher, dass Anan ihn nicht wollte. Er war der Kowa‘!

Anan als ranghöchste der jungen Frauen und als Tochter des alten Kowa‘ war die beste Wahl als seine Hauptfrau – er hätte so sich und die Rangfolge der Frauen gleichermaßen bestätigen können.

Aber aus welchen Gründen auch immer, ob vorgeschoben oder ausgedacht – sie wollte seinen ihm natürlich zustehenden Rang nicht anerkennen. Und offensichtlich auch nicht zugeben, dass ihr diese Zweifel als Frau gar nicht zustanden. Sie sollte doch eigentlich wissen, dass ihr Verstand gar nicht ausreichte, um seine Handlungen zu beurteilen. So leicht würde er sein Ziel offensichtlich nicht erreichen.

Nun, Traka kannte mehrere Methoden, um einer Frau Gehorsam bei zu bringen, und Anan würde diejenige kennen lernen, die auch bei seiner eigenen Erziehung erfolgreich angewandt worden war: Gewalt und Geduld.

Irgendwann würde sie nachgeben und eine fügsame Frau sein, wie er es von ihr wünschte. Spätestens, wenn sie sein Kind trug, nicht wahr?

Juli 14

13 Anan-Re / Jadeira

Als Traka ging, dämmerte schon der Morgen. Er schmunzelte. Zwar hatte er einiges einstecken müssen von dieser kratzbürstigen Jägerin – unter und neben dem Dolchschmiss auf seiner Brust zeichneten sich jetzt fünf, sechs weitere, blutige Krallenspuren ab, eine der unteren Rippen war schmerzhaft geprellt und an seinem Schwanz hatte er eine hässliche, tiefe Bißwunde – aber er hatte sie besiegt und bestiegen.

Er hoffte nur, sie wusste jetzt, wo ihr Platz war. Wäre er nur gleich auf die Idee gekommen, die beiden widerspenstigen Frauen zu fesseln, dann hätte er nicht den ganzen langen Nachmittag vor dem Zelt Wache stehen müssen und sich stattdessen mit seinen Jagdbrüdern betrinken können.

Der Showi-Wein hatte offensichtlich gut gewirkt, um das Eis zu brechen. Trakras Jagdgefährten waren allesamt in den Frauenzelten verschwunden, und es herrschte Stille im Lager. Kein Wunder nach zwei Tagen Fest!

Anan hing hilflos in den Lederriemen, mit denen Trakra ihre Hände an die Zeltstange gebunden hatte, die Arme in den Gelenken nach oben gerissen. Er hatte auch ihre Vorder- und Hinterläufe zusammen gebunden, so dass sie ihr Gewicht kaum darauf verlagern konnte. Sie blutete aus zahlreichen kleineren Wunden und ein Auge war bereits so zugeschwollen, dass sie damit nichts mehr sehen konnte. Um den Hals zeichneten sich purpurrote Würgemale ab.

Sprechen oder schreien konnte sie nicht mehr.

Das schlimmste aber war, dass es offensichtlich niemanden interessierte. Niemand kam, um nach ihr zu sehen. Niemand kam wegen der aufgeschnittenen Leiche, die in der Hitze des neuen Tages erbärmlich zu stinken anfing. Niemand kam.

Soweit Anan hören konnte, ging das Lagerleben draußen seinen gewöhnlichen Gang; nur einmal konnte sie hören, dass eine längere Rede von einem der Fremden gehalten wurde. Aber sie war fiebrig und schwach und verstand den Inhalt nicht.

Schmerzen und schrecklicher Durst – das war alles, worüber Anan nachdenken konnte; für nichts anderes ließ ihre Qual ihr Raum.

Es war später Nachmittag, als sich die Zeltklappe hob und die dicken Fliegen aufscheuchte, die sich an Taitas Fleisch gütlich getan hatten.

Anan hob den Kopf, konnte aber gegen das Licht nicht viel erkennen.

Ein erschreckter Schrei – dann war das Licht fort. Wer immer da gewesen war – er war sofort wieder gegangen.

Es dauerte eine qualvoll lange Zeit, bevor erneut die Zeltklappe gehoben wurde. Fünf oder sechs Frauen traten ein; Anans Freundin Temaran führte sie an. Sie hatte die anderen geholt, denn allein konnte sie Taitas Leiche nicht bewegen.

Während drei Frauen sich um das stinkende Fleisch und den vorderen Teppich kümmerten, der von Taitas Blut steif geworden war, kamen Temaran und Ainwe und banden sie vorsichtig los. Die Riemen hatten sich tief in ihre Haut geschnitten, und ihre Beine konnten ihr Gewicht nicht tragen. Sie hustete, und man gab ihr Wasser.

Vorsichtig wuschen ihre Freundinnen sie und versorgten die größeren Wunden, wenn sie auch nicht mehr viel tun konnten.

„Danke,“ krächzte Anan. „Wer.. was ist Dir geschehen, Anan?“ fragten sie die Frauen, nachdem sie die Klappe aufgestellt hatten, um frische Luft herein zu lassen.

„Trakra…“ Anan hätte so viel zu erzählen gehabt, aber sie brachte die Worte aus ihrer schmerzenden Kehle nicht hervor. „Taita… wollte zu Maror. D… Der Rest … war Trakra. Bei euch…?“

Anan versuchte, mit ihren geschwollenen Augen ihre Freundinnen in Augenschein zu nehmen – hatten sie von der gestrigen Nacht auch Verletzungen davon getragen? Hatte man sie auch gezwungen, den Fremden zu Willen zu sein?

„Alles ist gut bei uns, Anan,“ sagte Temaran, die sich neben ihr nieder gelassen hatte und eine neue Räucherkohle entzündete, um die Luft zu reinigen. „Trakras Berater waren bei uns, und sie sind jung und stark.“

Sogar verhaltenes Gekicher hörte Anan bei diesen Worten. Wie konnten sie nur? Sahen sie nicht, wie diese Fremden wirklich waren? Was Trakra ihr angetan hatte, blühte sicher jeder einzelnen ihrer Freundinnen ebenso. Konnten sie das nicht sehen? Trakra und seine Jagdbrüder würden nicht eher ruhen, bis sie alle anderen Männer der Jadeira ermordet oder vertrieben hatten, und dann würden sie jede einzelne Frau schänden und…

Sie setzte erneut dazu an, ihrer wunden Kehle ein paar verständliche Laute zu entlocken. „Es… ist unrecht und.. er wird alle töten…“ hustete sie.

Ihre Freundinnen tauschten besorgte Blicke, doch meinte Anan spüren zu können, dass sie ihr nicht wirklich glaubten. Sie musste sprechen! So schnell sie konnte, trank sie von dem Wasser aus dem Schlauch, den ihre Freundinnen ihr gebracht hatten, um ihre wunde Kehle zu beruhigen.

„Bitte.. ihr müsst…“

Juli 14

12 Anan-Re / Jadeira

Mit dem freien Arm deutete sie ungeschickt auf Taitas Leiche. Dazu musste sie den Arm zwischen sich und Trakra hindurch strecken.

Trakra beugte sich vor und hielt sie einen Moment in dieser unbequemen Haltung gefangen, an seine Brust gepresst. Anan starrte genau auf den langen, verschorften Schnitt, den sie ihm quer über die Brust beigebracht hatte. Er witterte erneut und stieß ein tiefes Knurren aus.

„Du wartest hier. Du schuldest mir etwas, Püppchen.“

Ich schulde ihm etwas? Anan grübelte darüber nach, während Trakra zu Taitas Leiche trat und mit geübten Bewegungen den rituellen Schnitt ansetzte. Er sprach die zugehörigen Worte mit ruhiger, leiser Stimme, und Anan war erleichtert, als der Geist der alten Frau endlich entlassen war. Jetzt waren Taitas Überreste nur noch Fleisch, das den Sand- und Windgeistern gegeben werden konnte.

Als er wieder zu ihr trat, schien er immer noch wütend zu sein.

„Mehr Ehre, als die Alte verdient hat,“ grollte er. Anan schüttelte nur kurz den Kopf. Die Seele in die heiligen Jagdgründe fort ziehen zu lassen, war ein Vorrecht aller Jadeira. Niemand konnte es verwirken oder verweigern. Warum auch, wenn man selbst nicht anschließend von einem bösen Geist gequält werden wollte?

Eine Stille entstand. Trakra starrte Anan an, als warte er auf etwas, aber Anan wusste nicht, was er erwartete.

„Was… was schulde ich Euch, Kowa‘?“ fragte sie schließlich. Der Klumpen Besorgnis in ihrem Magen war noch immer da, seit sie heute morgen Trakra zum ersten Mal gesehen hatte. Er schien Gefahr auszustrahlen wie eine Lampe Licht und Wärme. Sie schluckte.

Trakra grinste und packte sie erneut am Arm. „Ganz einfach. Du und Deine tote Freundin da,“ – er zeigte hinüber zu Taita – „haben mir meinen Sieg beim Saddhaq genommen, Tradition hin oder her. Und anstatt jetzt mit meinen Jagdbrüdern und den sechs Fässern Showi-Wein im Frauenzelt zu feiern, muss ich Dein Zelt bewachen.“

Er zog sie hart zu sich heran. Anan hatte keine Möglichkeit, auszuweichen, als er sie an seine schorfige Brust presste. Darum also hatte er selbst Wache gestanden. Er hatte diese langweilige Aufgabe keinem seiner Jagdbrüder übertragen wollen, die sich heute Nacht mit den Frauen der Jadeira vergnügten. Showi-Wein galt als Aphrodisiakum – falls er es nicht war, machte dieser süße, gewürzte Wein zumindest sehr schnell betrunken.

„Aber dennoch bin ich jetzt der Kowa‘ der Jadeira. Und jetzt werde ich mich vergnügen,“ grollte er, während er ihr den Arm auf den Rücken drehte und über sie stieg. Anan spürte einen brennenden Biss im Nacken und ihr eigenes, warmes Blut, dass ihr die Brüste hinab lief.

„NEIN!“ kreischte sie auf. Wild warf sie sich hin und her, versuchte, mit den Krallen an seinen Flanken zu reißen, doch ihr schmerzhaft auf den Rücken verdrehter Arm hinderte sie daran, sich herum zu werfen und ihm die Tatzen in den Bauch zu rammen. Trakra lachte nur. Schon flammte Schmerz in Anans Innerem auf – der Kowa‘ gehörte nicht zu den Männern, die lange zögern.

Ihre Schreie konnte man außerhalb des Zeltes wohl hören, aber das Gelächter und die Musik im Frauenzelt nebenan übertönten sie mit Leichtigkeit.

Juli 14

11 Anan-Re / Jadeira

Sie fühlte sich allein gelassen, erneut verraten – und wusste gleichzeitig, dass sie diese Gefühle keinesfalls Taita anlasten durfte. Sie hatte sie über ihre Absichten nicht belogen. Maror in die nächste Welt zu folgen, war ihr letzter Wunsch gewesen, und sie hatte ihn sich selbst erfüllt.

Anan wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Draußen war alles still. Sie umkreiste Taitas Leichnam mit soviel Abstand wie in dem engen Zelt möglich und hob vorsichtig die Zeltklappe.

Draußen stand eine Wache – dem Schattenriss nach zu urteilen einer der Fremden. Viele andere Männer sind ja auch nicht mehr übrig.

Anan überlegte. Sie konnte Taitas Tod jetzt der Wache melden. Schlimmstenfalls würde er ihr angelastet werden, vor allem, wenn sie zuvor ihre Pflicht als Taitas Stammesangehörige erfüllen und den rituellen Schnitt setzen würde, der die Seele aus dem toten Körper befreite.

Völlig zu Recht konnten die Fremden und der neue Kowa‘ dann behaupten, dass sie den todbringenden Dolch berührt und bei ihrem Auffinden Taitas Blut an den Händen gehabt habe. Sie dann als Sippenmörderin anzuklagen, war der nächste logische Schritt und würde es dem neuen Kowa‘ ermöglichen, seine derzeitigen Probleme auf einen Schlag zu lösen.

Sie könnte aber auch…

Vorsichtig zog Anan den Dolch aus Taitas Herzen. Dann trat sie an die hinterste Zeltwand, dort, wo es am dunkelsten war. Dort, wo sie gerade noch das Zeltdach erreichen konnte, machte sie mit der blutigen Waffe zwei kleine Schnitte und schob den Dolch so hindurch, dass das glänzende Heft draußen und die blutdunkle Klinge im Zeltstoff verkeilt war. Nun hatte sie eine verborgene Waffe. Jetzt musste sie nur noch eine andere glaubhafte Geschichte für Taitas Tod erfinden – aber welche?

Eine hastige Suche brachte als einzige andere mögliche Tatwaffe nur eine abgebrochene Zeltstange hervor, die Taita aus irgendeinem Grund bei ihrer persönlichen Habe aufbewahrt hatte. Sie war reich geschnitzt und aus einem wertvollen Holz gearbeitet worden, denn sie glänzte trotz ihres offensichtlichen Alters noch wie frisch geölt. Sie war mit einem scharfen, langen Splitter gebrochen und fast so lang wie ein Jagdspieß.

Anan beließ Taita in derselben Position, in der sie sie im Tode vorgefunden hatte, und holte erst einmal tief Luft. Dann rammte sie die geborstene Spitze der Zeltstange in die Wunde, die der kleine Dolch hinterlassen hatte, so tief sie es vermochte.

Es war grausig. Anan bildete sich ein, Taita müsse noch immer zucken und sicher auch gleich vor Schmerz laut aufschreien, fauchend auf die Beine kommen und Anan mit einem mächtigen Prankenhieb aufhalten – aber sie lag still und ertrug die ehrlose Aktion mit der Ruhe, die nur die Toten besitzen können.

Anan musste den Pfahl noch zweimal fest in den leblosen Körper rammen, bis die Verletzung – in ihren Augen – halbwegs glaubhaft aussah.

Dann stieß sie einen lauten Schrei aus und rannte zum Eingang, um die Wache zu alarmieren.

„Sie… sie.. hat sich in den Pfahl gestürzt.. ich weiß nicht, wie…!“

All die Aufregung, die sie zuvor mit kühler Überlegung verdrängt hatte, brach jetzt hervor und machte ihre Schauspielerei glaubhafter, als sie selbst es wusste.

Irgendwann musste sie es ja hinter sich bringen. Schließlich würde Ihre Geschichte immer unglaubwürdiger werden, je länger sie die Benachrichtigung darüber aufschob.

Sie war weiß wie Kalksand und krampfte die zitternden Finger in einander, als die Wache näher trat.

Zu ihrem Erstaunen war der Wächter am Zeltausgang Trakra selbst.

Der Kowa‘ hatte an der vorderen Zeltstange gelehnt und beinahe sehnsüchtig zu dem Frauenzelt hinüber gesehen, aus dem Licht und Gelächter drang.

„Taita… Taita ist tot, Kowa‘,“ sprudelte Anan hervor. „Sie ist.. sie hat sich in eine abgebrochene Zeltstange gestürzt. Ich.. Ihr.. jemand muss ihre Seele befreien, und… und..“

Trakra unterbrach sie mit einer einzigen Handbewegung und schlug die Zeltklappe zurück. Dann stieß er sie hinein.

Anan erkannte den erfahrenen Kämpfer, der einen Hinterhalt vermutete, denn er blieb am Zelteingang stehen und spähte ins Innere, bis sich seine Augen an die noch tiefere Dunkelheit darinnen angepasst hatten. Mit gezogenem Dolch kam er schließlich hinein und witterte grollend.

Dann öffnete er die Abdeckung der Laterne. Im Zelt wurde es hell, so dass Anan blinzeln musste.

Trakra schnupperte an Taita, sein Faytwa an ihrer Kehle. Anan zog sich in den hinteren Teil des Zeltes zurück, wo der kleine Dolch im Zeltdach steckte, um dem Kowa‘ mehr Platz zu lassen. Sie verschränkte die Finger in einander, während der neue Kowa‘ die Leiche der alten Frau untersuchte.

Es gab ein schmatzendes Geräusch, als er die Zeltstange aus ihrem Brustkorb zog und begutachtete.

„Ich.. ich weiß nicht, woher sie stammt,“ wagte Anan einzuwerfen, als er das splitterige Holz untersuchte, „sie war wohl bei ihren persönlichen Sachen.“ Anan deutete auf die reich verzierte Truhe, die sie durchwühlte hatte.

Trakra untersuchte auch diese.

„Erzähl mir, was passiert ist,“ forderte er.

„Nun, ich… wir… wir stritten uns, nachdem ihr uns in das Zelt bringen ließet, Kowa‘. Taita meinte, mir stünden keine Widerworte gegen… Eure Methoden zu, da ich zu jung sei, um mit der möglichen Strafe zu leben. Sie selbst sagte, sie wolle Großvater Maror in die nächste Welt nachfolgen, so bald sie die nötigen Mittel dafür fände.

Ich.. nahm es nicht ganz ernst, denn ich war erbost über ihre Meinung, man dürfe einfach ungestraft Vater und Großvater ermorden lassen…“

Hier zuckte Trakra unruhig mit dem Schwanz und gab ein bedrohliches Knurren von sich – Hinweis genug für Anan, dass sie den Bogen beinahe überspannt hatte. Hastig fuhr sie fort.

„Sie gab mir etwas zu trinken und eine Decke und ich… ich weinte mich in den Schlaf. Taita sang, sehr lange und leise, und ich bin darüber eingeschlafen. Als… Ich erwachte, als etwas Schweres neben mir aufschlug – Taitas Körper.

Sie.. sie muss die Zeltstange wie einen Jagdspieß gegen sich selbst verwandt haben. Ich.. ich weiß es nicht.“

„Hm,“ war alles, was Trakra dazu sagte.

„Bitte.. Ihr müsst Ihre Seele aus ihrem Körper befreien, Kowa‘. Wenn … Ihr wisst sicher selbst, dass sie sonst bald als Geist umgehen wird.“

Trakra runzelte die Stirn.

„Das hast Du bei deinem Vater doch gegen jede Tradition heute schon getan, Püppchen. Warum nicht jetzt auch bei Taita?“ fragte er.

„Ich.. ich habe kein Faytwa. Euer Jagdgefährte.. nahm ihn fort, Taitas auch. Auch deswegen rechnete ich nicht damit, dass Taita sich ernsthaft etwas antun könnte.“

Anan sah zu Trakra auf und versuchte mit allen Mitteln, die Augen von der kleinen Falte im Zeltdach, genau über ihm, zu lassen. Wenn der Dolch jetzt heraus fiele…

Wäre nur jemand anders heute Abend der Wächter des Zeltes gewesen! Selbst einen ihr völlig unbekannten Fremden meinte sie leichter überzeugen zu können als diesen schweigsamen, misstrauischen, stiernackigen Kowa‘!

Trakra trat einen halben Schritt näher. Anan konnte nur noch an die Zeltwand zurückweichen, also blieb sie stehen und schlug die Augen nieder. Trakra stand so dicht vor ihr, dass sie seine Brustwarzen anstarren musste und ihr Atemhauch die Härchen auf seinen Armen bewegte.

Er packte sie am Arm. Was für eine Kraft dieser Mann hatte!

„Es scheint, dass Du die Wahrheit sagst, Püppchen,“ grollte er. „Obwohl Du sie genauso gut selbst hättest umbringen können.“

Wieder sah Anan mit großen Augen zu ihm hoch und hoffte, das richtige Maß an Erstaunen in ihren Blick legen zu können. „Aber.. warum sollte ich, Kowa‘?“ fragte sie. „Taita war die einzige, die in meinem Sinne gesprochen hat nach dem Saddhaq…. nach dem… Kampf.“

Trakra sah sie lange an, seine riesenhafte Hand um ihren Unterarm geschlossen. „Es gibt Männer, die nicht nach dem Warum fragen, wenn sie töten,“ sagte er schließlich, zum ersten Mal ohne diesen wütenden, grollenden Unterton in der Stimme. „Bis heute war ich sogar überzeugt, das sei bei den meisten Menschen so. Aber die Nordstämme sind wohl sanfter als die Löwen des Südens – oder zumindest die Jadeira sind es.

Verweichlicht und schwach. Fett geworden über den grünen Weiden und von den wahren Traditionen des Löwenschlags weit entfernt. Ha! Ein Kampf der leeren Hand. Welch eine Unverschämtheit. Ich werde sie euch alle zurück bringen.“

Anan versuchte, ihren Arm aus seiner Hand zu lösen, aber genauso gut hätte sie versuchen können, einen Berg fort zu schieben. In seinen Gedankengängen gefangen, schien der Kowa‘ von ihren Bemühungen noch nicht einmal sonderlich viel zu bemerken.

„Nein, Kowa‘, das seht Ihr falsch,“ erwiderte sie dann. „Moari forderte den Kampf der leeren Hand aus Respekt vor Eurer Stärke. Beim Tanz-Kampf geht es um Geschick und Wendigkeit, nicht nur um bloße Kraft. Mein Vater hoffte, Euch auf diesem Gebiet schlagen zu können, wenn schon nicht mit purer Gewalt.“

„Er hätte so oder so verloren,“ grollte Trakra. Die Wut in seiner Stimme war zurück gekehrt, und er starrte sie an. Anan schluckte unbehaglich. Die Leiche im Raum, auf der sich bereits die ersten Fliegen niederließen, trug auch nicht gerade zu ihrem Wohlbefinden bei.

„Aye, aber er hätte mit einigen guten Treffern sein Gesicht wahren und überleben können. Geschlagene Krieger können sich doch immer noch einer Dijadda oder einer Quedda anschließen.“

„Ihr lasst besiegte Gegner am Leben?“ Trakra sah nun wirklich wütend aus. Anan ruckte erneut an ihrem Arm, genauso sinnlos wie zuvor.

„Und wegen diesen verweichlichten Zerrbildern der Löwen-Tradition hat man mir meinen Sieg genommen und meinen Jagdbruder Vorek erstochen?“

Anan brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass Vorek wohl der Fremde war, dem Taita ihren Dolch in den Rücken gerammt hatte.

„Unsere Traditionen gehören uns, Kowa‘.“ wagte sie einzuwerfen und versuchte, ihn wieder daran zu erinnern, warum sie ihn hereingerufen hatte. „Die Stämme des Nordens haben sehr profitiert von den Quedda-Händlern und -Lehrern, und für die Dijaddas gibt es genug Jagdwild, auch wenn unter ihnen schon einmal geschlagene Krieger mitziehen.

„Und das Befreien der Seele eines Toten gehört genauso dazu. Bitte?“

Juli 14

10 Anan-Re / Jadeira

Es war Taitas eigenes, wie Anan blinzelnd erkannte. Viele der älteren, verdienten Stammesangehörigen der Jadeira hatten eigene Zelte, in die sie sich zurück ziehen konnten, wenn ihnen der Sinn danach stand. Es war eine Ehre, wenn jemandes Zelt von der Gemeinschaft aufgebaut wurde und er selbst keine Hand regen musste.

Diese Ehre stand nur wenigen zu, den älteren Beratern des Kowa‘ etwa – oder einer geliebten Frau.

Taita fauchte Anan an, kaum dass ihre Bewacher damit fertig waren, das Zelt grob zu durchsuchen.

„Kind, warum um alles in der Welt hast Du das getan?“

Anan stutzte. „Wieso? Du hast doch selbst gegen den neuen Kowa‘ gesprochen! Ich schäme mich nicht, die Wahrheit zu sagen!“

„Anan! Ich bin eine alte Frau. Mein geliebter Mann ist tot. Ich kann sagen, was ich will, weil ich mich ohnehin in mein zweites Faytwa stürzen werde, sobald ich es finde. Aber Du! Du bist noch jung und hast Dein ganzes Leben noch vor Dir. Du solltest den neuen Kowa‘ nicht verärgern!“

„Moari war mein Vater und Maror mein Großvater,“ antwortete Anan hitzig, „und was er getan hat, war eines Kowa‘ nicht würdig. Es war reiner Mord! Und für Mord gilt nto – das Gesetz der Blutrache!“

Taita sah Anan einen Moment lang an, dann wurde ihre Mine milder.

„So jung. Und so wütend. Du erinnerst mich an mich selbst, vor dreißig, fünfunddreißig Regenzeiten…
Dennoch, Anan – du magst Recht haben und die Wahrheit sagen – aber das heißt nicht, dass die dazu passende Gerechtigkeit vom Himmel fallen wird wie der jährliche Regen.

Der Kowa‘ ist das Gesetz – und der Kowa‘ ist jetzt Trakra. Du wirst für Deine Worte fürchterlich leiden müssen, fürchte ich.“

Anans Zorn verflog beinahe so schnell, wie er gekommen war. Heiße Tränen schossen ihr in die Augen. Sie wandte den Kopf ab und fauchte.

„Das ist mir egal,“ schniefte sie. „Ich habe Recht.“

Taita wandte sich kopfschüttelnd ab und kramte in ihren Sachen. Nach einer Weile reichte sie ihr eine Decke, die streng nach Kamel roch.

Dankbar nahm sie die Gabe an, wickelte sich hinein und rollte sich auf einem Teppich zusammen. Verborgen unter dem lohfarbenen Gewebe ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Es dauerte lange, bevor sie aus reiner Erschöpfung einschlief. Dann verfolgten die Bilder ihres um Luft ringenden Vaters sie in ihren unruhigen Träumen.

In ihrem eigenen Elend und einem stickigen Halbschlaf gefangen bemerkte sie kaum, dass Taita begonnen hatte, leise zu singen.

Sie sang sehr lange und sehr leise, und ihre Worte schienen eine Geschichte von vielen Regenzeiten zu erzählen, von Trauer und Schmerz und großem Glück und Geborgenheit, von der wilden Jagd und den warmen Abenden am großen Feuer….

Anan fuhr erst auf, als eine plötzliche Stille das Ende des Liedes anzeigte. Da war noch ein anderes Geräusch gewesen – ein leises Röcheln?

Anan strampelte sich aus der Decke und sah in das erschlaffte Gesicht von Taita, die direkt neben ihr auf dem Teppich lag.

Ihre Augen brachen gerade, denn sie hatte ihre Behauptung wahr gemacht und sich ihren Faytwa ins Herz gestoßen.

Das lange, leise Lied war wohl die Totenklage der alten Frau gewesen.

Anan rollte zurück von der Leiche, wie betäubt. Sie sollte… sie musste… sie wusste es nicht.

Juli 14

9 Anan-Re / Jadeira

Aber niemand konnte etwas tun. Moari erstickte qualvoll, die Hände um seinen Hals gepresst; seine Pranken trommelten auf den Boden, seine Augen traten ihm beinahe aus den Höhlen; sein Gesicht lief erst rot, dann blau an.

Es dauerte qualvoll lange Minuten, bevor es vorbei war.

Anan liefen die Tränen über das Gesicht, ohne dass sie es merkte. Sie versuchte verzweifelt, Moaris verkrampfte Hände von seinem Hals zu ziehen und seinen Kopf zu stützen. Anan rang selbst um Luft, während sie ihren Vater stützte, so, als habe Trakra nicht nur ihm, sondern gleichzeitig auch ihr denselben, tödlichen Schlag versetzt.

Moaris Kopf war in einem schmerzhaften Winkel nach hinten gebogen, die Zunge hing ihm weit aus dem Mund. Sand wehte über den mächtigen, hingestreckten Löwenkörper.

Und niemand rührte sich! Verdammt, warum schauten sie alle nur zu?

All ihre Träume und Vorstellungen von der Zukunft schienen in diesem Moment davon zu fliegen, zu zerrinnen wie warmer Wüstensand unter ihren Fingern.

Gleichzeitig weigerte sie sich, zu akzeptieren, dass ihr Vater starb. Es konnte, es durfte nicht sein! Moari war immer ein fester, verlässlicher Halt in ihrem Leben gewesen, und sie konnte und wollte nicht verstehen, dass er so einfach – mit einem einzigen Schlag – von ihr fortgerissen werden konnte.

In der lastenden Stille der allgemeinen, erschrockenen Betäubung klang Trakras Stimme ruhig und fest.

„Jetzt,“ sagte er.

Nur ein feuchtes Röcheln warnte die tränenblinde Anan, dass noch etwas passiert war.

Neben ihr schwemmte Blut in den Staub des Kampfplatzes. Auf Trakras Befehl hatten seine Jäger den Ratsältesten, den Beratern des toten Kowa‘ die Kehlen durchgeschnitten.

Alle sieben, der alte Tasma’a genauso wie ihr Großvater Maror, waren leblos in den Staub gesunken.

Anan fühlte keinen Schmerz mehr – nicht mehr jedenfalls als zuvor. Irgendwo in ihr war ein Feuer entfacht, das bereits bis zur äußersten Weißglut geschürt worden war. Mehr Glut – mehr Wut – war nicht möglich, mehr Schmerz konnte sie nicht empfinden.

Knurrend fletschte sie ihre Zähne und kauerte sich neben dem Leichnam ihres Vaters zum Sprung zusammen, während sie den kleinen, scharfen Faytwa in der Scheide lockerte.

Schnell wie der Wind zischte ihr Faytwa aus der Scheide, und sie sprang auf Trakra zu. Mit einem zornigen Brüllen warf sie sich auf ihn, wollte nur noch zerfleischen und töten, blindwütige Rache nehmen für ihren Vater.

Trakra stolperte überrascht zwei Schritte zurück – quer über seinen narbigen Brustkorb zog sich ein neuer, blutiger Striemen – doch ein, zwei andere Jadeira schnappten nach Anans Armen und bogen ihr den Dolch aus den Fingern.

Sie versuchten das weinende, schreiende Mädchen zu beruhigen, das vor dem blutigen, im Staub liegenden Messer und neben ihrem toten Vater zusammenbrach.

Der Saddhaq war nto-qui – von der Blutrache ausgenommen.

Trakra hob den Kopf und brüllte den Siegesruf, riss die Arme hoch, als erwarte er tatsächlich Jubel für seine Tat.

Nur seine eigenen Jagdgefährten brachen in Hochrufe aus und priesen seine Kraft, während sich in den Reihen der besiegten Jadeira Murren und Knurren ausbreitete.

Anan bemerkte einen Moment lang echtes Erstaunen auf dem Gesicht des neuen Kowa‘, bevor die übliche, harte und ausdruckslose Maske wieder an ihren Platz rückte.

„Der Kowa‘ der Jadeira ist tot,“ rief Trakra laut und voll tönend mit seiner tiefen, angenehmen Stimme.

„Der Kampf wurde gerecht und ehrenhaft geführt. Bestreitet das jemand?“ fragte er in die Runde. Seine dunkelbraune Haarmähne streifte hinter ihm her, als er nacheinander in die Gesichter in der Runde sah.

„Beim Kampf der Leeren Hand geht es nicht darum, schnell zu töten, sondern im Tanz zu zeigen, wie gut man es kann!“ rief jemand aus den hinteren Reihen. Anan glaubte, es sei Kimars Stimme gewesen. Sie nickte nur kraftlos, während sie sich mit einer müden Bewegung die Tränen abwischte.

Trakra legte den Kopf schief und schüttelte den Mähne.

„Ich habe es nicht nötig, zu tanzen und so zu tun, als ob. Ich kämpfe für das, was ich will – und ich bekomme es auch,“ tat er den Einwand ab.

„Ich bin der neue Kowa‘ der Jadeira. Bestreitet das jemand?“ fragte er erneut.

Viele Jadeira nickten zu diesen Worten, was Anan den Magen zusammenkrampfte.

„Warum habt ihr die Ratsältesten getötet, unehrenhafte Verbrecherbande?!“ rief eine weitere Stimme, die einer Frau.

Vermutlich war es Taita, Marors langjährige Gefährtin. Mit einem Hauch von Schuldbewusstsein wurde Anan klar, dass auch andere Jadeira Verluste erlitten hatten. Sie hatte Vater und Großvater verloren. Anderen hier war dasselbe geschehen, denn die Ratsältesten waren allesamt mehrfache Väter, Großväter, Onkel und Schwager.

Nun konnte selbst Anan die aufrichtige Verblüffung in Trakras Antwort hören. „Weil es das Recht der Dijadda ist, um die Ratsmitgliedschaft zu kämpfen. Wenn sich die Ältesten nicht vorsehen, während ein Fremder mit einem Faytwa neben ihm steht – wann dann?“

Anan begriff es, obwohl sie es nicht verstehen wollte. Offensichtlich waren die Bräuche im Süden, dort, wo Trakras Dijadda her kam, anders als im Norden. Den Tanz der Leeren Hand hatte er nicht gekannt. Und auch die freundschaftlichen, meist nicht tödlichen Zweikämpfe, die die Ratsältesten nach dem Kampf der Kowa‘ mit den fremden Herausforderern hier im Norden ausfochten, schienen ihm nicht bekannt zu sein.

Offensichtlich waren die Bräuche im Süden anders; härter – und das war das Verhängnis sowohl ihres Vaters als auch ihres Großvaters gewesen.

„Es wäre nicht nötig gewesen, sie zu töten,“ widersprach dieselbe Frau. „Sie hätten in einem freundlichen Wettkampf um das Vorrecht gekämpft, dem Rat anzugehören, und nur so ist es Brauch. Du verdrehst die ehrenvollen Regeln des Saddhaq!“

Aus der Richtung der näher kommenden Stimme ertönte ein stöhnender Schrei, und einer der Fremden sackte zusammen. Ja, es war die weißhaarige Taita, die ihren Dolch dem fremden Jäger in den Rücken gerammt hatte, denjenigen, der Maror getötet hatte. Sein Blut klebte noch an seinen Fingern, und er fiel in seinen eigenen Mörderdolch.

Trakra trat ein paar Schritte vor, fort von Anan, die noch immer festgehalten wurde, und hin zu Taita. Stumm sah er auf seinen sterbenden Jagdgefährten, dann wieder zu Taita, die jetzt unbewaffnet vor ihm stand. Die anderen Jadeira waren auseinander gewichen, so als wollten sie Taita als nächstes Opfer einer reißenden Bestie zuführen.

„Die unehrenhafte Verbrecherin bist Du,“ sagte Trakra ruhig und zeigte auf seinen sich windenden Jagdgefährten.

„Der Saddhaq ist nto-qui – oder ist auch dieser Brauch im Norden verweichlicht und vergessen worden?“

Taitas Augen wurden schmal, als sie die immer noch scharfen Reißzähne entblößte.

„Das war kein Kampf, kein Saddhaq, was Deine Jagdgefährten auf Deinen Befehl hier getan haben. Das war Mord!“

Trakra sah sich um. Die Jadeira waren näher gekommen, und in den meisten Gesichtern fand er wohl Zustimmung zu Taitas Rede, denn von einem solchen Brauch hatte man bei den Jadeira noch nie gehört.

„Als neuer Kowa‘ der Jadeira gebührt mir das Vorrecht, über diese Anklage zu entscheiden,“ sagte Trakra schließlich, langsam.

„Meine Berater und ich werden darüber in Ruhe befinden. Zunächst gilt unsere Pflicht der Bestattung der ehrenvoll im Kampf Gefallenen.“

Er wies auf die hingestreckten Leichen, auf denen sich bereits die ersten Fliegen niedergelassen hatten.

Anan wurde klar, was Trakra vor hatte. Wie bei einer geehrten Jagdbeute wollte er ihrem Vater die Innereien herausschneiden. Aber dieser Kampf war nicht ehrenvoll gewesen – egal, was dieser Fremdling behaupten mochte.

Sie entwand sich dem eher stützenden als haltenden Griff ihrer beiden Freundinnen mit einer schnellen Rückwärtsbewegung, die ihr auch den kleinen, gekrümmten Faytwa ihrer Freundin Temaran in die Hände spielte.

„Die Mörder beraten sich darüber, ob ihre Tat ein Mord war?“ keifte Taita weiter hinten. „Kann so wahre Gerechtigkeit aussehen?“

Ehe Trakra darauf anders reagieren konnte als mit einem unruhigen Zucken seines Schwanzes, war Anan im Schutz der vielen Pranken schon bis zu ihrem Vater gekrochen.

Dort setzte sie selbst mit unruhig zitternden Händen den nötigen Schritt.

„Geister, nehmt die Seele meines Vaters Jadeira Moari-Re, der ein aufrechter und ehrenwerter Kämpfer war.
Er starb tapfer und für die Ehre seines Stammes,“ flüsterte sie, während sie das noch warme Fleisch aufschnitt.

Schließlich merkte man doch, was sie da tat, und zog sie von ihrem Vater fort, ehe sie das große Herz entfernen konnte. Doch die rituellen Worte waren bereits gesprochen und der flüchtige Seelenwind aus dem toten Körper in die reine Wüstenluft entwichen. Trakra würde diese Ehre nicht mehr für sich selbst in Anspruch nehmen können. Nach den Traditionen des Löwenschlags konnte Trakra sich nun Moaris Tod nicht als seine eigene Tat anrechnen.

Er warf ihr einen wütenden Blick zu, während sie aufrecht zwischen denen stand, die sie hoch gerissen hatten, den Dolch noch in den Händen, die vom Blut ihres Vaters rot gefärbt waren.

„Mörder!“ schrie sie lautstark, um Taitas Forderung gegen Trakra zu unterstützen.

„Sperrt sie ein,“ befahl Trakra nun. „Diese hier und diese da auch.“

Er zeigte auf Taita und Anan.

„Die Mädchen gehen in das Frauenzelt,“ ordnete er dann an, „und alle Jungen kommen zu mir. Ich will sie mir ansehen.“

„Sofort!“ Die Worte endeten in einem Brüllen. Ganz offensichtlich hatte Trakra sich diesen Sieg anders vorgestellt.

Starke Arme griffen nach Anan und führten sie und Taita in ein kleines, mit weichen Teppichen ausgelegtes Zelt.

Juli 14

8 Anan-Re / Jadeira

Tatsächlich hatte sie sich nicht getäuscht; nach ein paar Minuten kamen Herausforderer und Verteidiger des Stammes zwischen den Zelten herausgetreten. Moari wartete geduldig, bis alle acht Fremden zwischen den Zelten herausgetreten waren.

„Alawe Trakra-re, Jäger aus dem Stamm Alawe, Sohn von Derelija. Wählst du die Waffe oder den Ort?“ fragte Moari der Tradition entsprechend.

„Den Ort,“ erwiderte Trakra sofort. Moari nickte und bedeutete den anderen Jadeira, zwischen den Zelten zu warten, damit Trakra sich umsehen konnte. Anan schüttelte den Kopf über diese großspurige Entscheidung. Trakra war hier fremd, also hatte er kaum einen Vorteil davon, eine bestimmte Stelle der Steppe für den Kampf auszuwählen – außer vielleicht dem winzigen Vorteil, dass er unehrenhafte Fallen, die ihm ein besonders verschlagener Stammesführer vielleicht stellen mochte, vermeiden konnte. Im wesentlichen bedeutete Trakras Wahl, dass er sich zutraute, Moari mit jederlei Waffe zu besiegen.

Trakra ging mehrere Meter weit ins Grasland hinein, prüfte dort eine sandige Stelle und hier einen herabgefallenen Ast und schnupperte am Wind. Schließlich rief er seine Begleiter und befahl ihnen, im Kreis um die Stelle Aufstellung zu nehmen, die er ausgewählt hatte.

Sofort drängten sich die Jadeira um die Fremden, um einen guten Platz zu erhaschen. Trakras Berater waren allesamt genauso narbenübersäht wie er selbst; das harte Leben als Jagdgruppe sah man ihnen an. Auch jetzt sah Anan, wie sie ohne weitere Absprachen agierten und den Kreis auf die vorgeschriebenen 50 Schritte Durchmesser erweiterten, was viele neugierige Jadeira, unter ihnen auch die sieben Ratsältesten, die sich neben die Fremden gestellt hatten, rückwärts stolpern ließ.

Trakra selbst lockerte seine Muskeln mit geübten Bewegungen und streckte seine Beine. Er war wirklich etwas größer als Moari, glaubte Anan. Sein Gesicht wirkte verschlossen, die dunklen Augen ruhig und wachsam. Über seinen Rücken und seine Brust spannten sich lange, dünne Narben – so als sei Trakra vor langer Zeit zerfleischt oder von allen Seiten ausgepeitscht worden. Das sandfarbene Löwenfell aber war dick und glänzend, und Trakras dunkelbraune Mähne war zu langen Zöpfen geflochten, die ihm der Wind nicht ins Gesicht wehen konnte. Er sah mit jedem Zoll wie ein waghalsiger, starker Jagdgruppenführer aus. Kein Wunder, dass seine Dijadda ihm blind vertraute.

Moari war damit beschäftigt, seine lange schwarze Mähne zu einem hastigen Pferdeschwanz zusammen zu fassen, damit er keinen Nachteil gegenüber Trakra hatte. Dann trat er vor und hob die Arme. Sofort jubelten ihm die Jadeira zu – allein diese moralische Unterstützung würde es dem Fremden schwer machen.

„Der Kowa‘ wählt die Waffe!“ rief er laut, was erneut Jubel hervorrief. „Und ich wähle – die Leere Hand!“

Anan runzelte die Stirn. Moari hatte den waffenlosen Kampf gewählt. Dies war unter den nördlichen Stämmen sehr beliebt, denn der traditionelle Saddhaq wurde dann mit einem Tanz-Kampf ausgetragen. Schon schlugen die ersten Jadeira die mitgebrachten Trommeln an.

Vermutlich schätzte Moari Trakras Stärke größer als seine eigene ein und hoffte so auf eine gute Chance, nicht Kraft, sondern Geschicklichkeit und Wendigkeit in den Vordergrund dieses Kampfes zu rücken. Doch Anan konnte an Trakras Gesicht sehen, dass ihm Moaris Wahl nicht gefiel. Offensichtlich verstand er sie keineswegs als das Zugeständnis, dass es war, sondern eher als Beleidigung, denn ein waffenloser Kampf war natürlich ungefährlicher und führte nicht so oft zum Tode einer der beiden Kämpfer.

Anan sah, wie er ein paar Mal mit den Pranken stampfte, um seine Wut los zu werden, die er nicht in Worte fassen durfte.

Die Jadeira dämpften ihre Stimmen, dennoch klangen die verbleibenden Unterhaltungen fröhlich und entspannt. Anan sah sich um. Tief in ihrem Innern schien sich ein harter, fester Klumpen Besorgnis einzunisten, der schwer wie ein Stein auf ihrem vollen Magen drückte. Dieser Mann war gefährlich, das spürte sie jetzt. Hoffentlich unterschätzte Moari ihn nicht.

Anan kam es vor, als sei das Fest ein schrecklicher Fehler gewesen, der die Jadeira satt und träge gemacht hatte – ausgerechnet jetzt, wo sie wachsam und kampfbereit sein sollten.

Langsam begannen die Trommeln den Kampfschlag, der immer schneller werden sollte. Moari machte allerlei Verrenkungen, die mit Gelächter quittiert wurden. Dann nahm er Kampfhaltung ein und begann mit den ersten, vorgetäuschten Schlägen und Tritten. Trakra starrte ihn wütend an, ohne sich zu rühren. Moari wirbelte herum, um einen Schlag gegen seine Nase zu führen, den er nur wenige Zentimeter vor Trakras Gesicht abstoppte. Doch Trakra wich nicht zurück – er hob beide Hände mit einer kurzen, ruckartigen Bewegung und führte genau einen Schlag: Gegen Moaris Kehle.

Es gab ein malmendes, ekelhaftes Geräusch, dann sackte der Kowa‘ der Jadeira röchelnd zu Boden. Trakra hatte ihm mit einem Griff den Kehlkopf zerquetscht.

Teilnahmslos sah der Fremde zu Anans Vater hinunter, der mit beiden Händen seine Kehle umfasst hatte und mit lautlosem Entsetzen nach Luft rang.

Die Trommeln verstummten; entsetzt starrten alle Jadeira auf ihren Anführer. Es waren lange, fassungslose Sekunden, in denen sich niemand regte – alle außer Anan, die zu ihrem Vater stürzte und seine Hand nehmen wollte.

„Helft ihm doch!“ schrie sie verzweifelt, „helft ihm!“

Juli 14

7 Anan-Re / Jadeira

Später, als Kimar und Anan aus dem Wäldchen herauskamen, sahen sie sich vorsichtig um. Eigentlich hatten sie getrennt zum Lager zurück schleichen wollen, doch sie schafften es nicht, sich zu trennen.
Immer wieder überfiel der eine den anderen mit einer wilden Attacke aus Küssen und Bissen – auf diese Art und Weise hatten sie gut die vierfache Zeit gebraucht, um überhaupt die halbe Strecke bis zum Lager zurückzulegen. Das seltsame Lied und die verrückte Forderung ihres Großvaters hatte Anan inzwischen so gut wie vergessen.
Doch auch die zwei Jungverliebten, blind für alles außer sich selbst, merkten beim Betreten des Lagers, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Es war still zwischen den Zelten, viel zu still.
Als dann ein lautes, fremdes Brüllen erklang – es gehörte zu keinem der Jadeira aus dem Lager, das wusste Anan sofort – war aller jugendlicher Leichtsinn verflogen. Gemeinsam, ohne sich auch nur einmal anzusehen, rannten Kimar und Anan zum großen Platz in der Lagermitte, wo das Kochfeuer brannte und das gestrige Fest gefeiert worden war.
Ausnahmslos alle Jadeira standen dort versammelt, Anan konnte nicht erkennen, was sie anstarrten.
Sie hörte eine fremde, dunkle Stimme, die eine wohl gerade begonnene Rede fortsetzte.
„…dann, wie es Tradition ist, fordern ich und die Meinen den Saddhaq. Ich bin Trakra Narbenhaut, vom Wurf von Derelija von den Alawe.“
Gemurmel und Geflüster setzte ein, und Anan setzte Pranken und Ellenbogen ein, um sich einen Platz zu erkämpfen, von dem aus sie wenigstens irgendetwas sehen konnte.
Schließlich hatte sie sich so weit durchgedrängelt, dass sie die Kehrseite des fremden Herausforderers sehen konnte.
Sie nickte anerkennend – er war groß, kräftig, und sein Rücken – das einzig erkennbare aus dieser schlechten Position – breit und gerade. Ein guter Gegner für ihren Vater Moari; als Kowa‘ der Jadeira war es seine Aufgabe, diese Vorrangstellung zu verteidigen. Anan spürte die Aufregung in der Menge; einen Saddhaq, den traditionellen Zweikampf um die Stammesführerschaft, sah man höchstens drei mal in zehn Jahren und meistens deutlich seltener.

Sie sah sich nach den anderen Herausforderern um, Trakra konnte nicht alleine gekommen sein. Sie machte sie schnell aus, denn sie hielten sich abseits von den neugierigen Jadeira zwischen den Zelten. Auch das eine schon lange bestehende Tradition: Der Saddhaq musste vom Anführer einer Jagdgruppe gefordert werden. Falls er tatsächlich gewann, würden seine Begleiter mit den Stammesältesten um die Ehre kämpfen, Ratgeber des neuen Kowa‘ zu sein.

Anan zählte sieben Fremde zwischen den Zelten, also waren es mit Trakra insgesamt acht Herausforderer. Eine gute Zahl, vermutlich eine seit längerem eingespielte Jagdgruppe. Anan kannte den Stamm Alawe, den Trakra als seine Herkunft angegeben hatte, nicht, doch seine dunkle Haut und die zusammengewürfelten Begleiter ließen sie vermuten, dass die Alawe ein weit entfernter, südlicher Stamm waren und Trakra einen weiten Weg bis zu den Jadeira hinter sich gebracht hatte. Bei allen Stämmen vom Löwenschlag war es Tradition, dass die jungen Männer, die ihr fünfzehntes Lebensjahr überschritten hatten, ihren Stamm verließen. Sie wanderten allein umher, schlossen sich anderen einzelnen Jägern an und bildeten eine Dijadda, eine feste Jagdgruppe, in der sie auch ihren Rang untereinander festlegten.

Wenn solch eine Dijadda meinte, dass sie dazu stark genug sei und ihr Anführer sich einen guten Namen mit seinem Jagdgeschick gemacht hatte, suchte sie eine lagernde Stammesgemeinschaft auf und forderte den Saddhaq, um sie zu übernehmen. Die Kämpfe waren eine stete Herausforderung für den Kowa‘, den Anführer solch einer Gemeinschaft, und sorgten dafür, dass er stark und wachsam blieb. Außerdem waren sie eine willkommene Unterhaltung für die Frauen und Kinder des Stammes.

Natürlich gab es auch Jagdgruppen, die keine Gemeinschaft übernehmen wollten oder konnten. Oft setzten sie sich aus schwächeren oder älteren Männern zusammen oder auch aus Stammesführern, die ihre Gemeinschaft bei einem Saddhaq verloren hatten und die zu alt waren, um erneut zu kämpfen. Diese Jagdgruppen wurden Queddas genannt und waren in den Lagerzelten aller Löwen hochwillkommen, denn sie sorgten für den Handels-, Wissens- und Warenaustausch zwischen den einzelnen Stämmen.

Kimar, Anan sah es schon vor sich, würde natürlich Kowa‘ einer Jagdgruppe werden, sich einen guten Namen machen und dann ihren Vater Moari in einem freundschaftlichen Saddhaq ablösen. Trakra, so stark er auch sein mochte, sah sie nicht als reale Bedrohung für die Stellung ihres Vaters an. Moari war ein erfahrener, schneller Kämpfer und ein sehr guter Jäger. Er würde Trakra besiegen, so wie die anderen Herausforderer in den zwei Saddhaqs zuvor, die Anan in ihrem Leben bisher zu sehen bekommen hatte.

Dennoch – erst ein Fest und dann noch ein Saddhaq! Anan meinte, die Stimmung der Menge wie die Strömung des Windes über den Dünen beinahe sehen zu können. Soviel Unterhaltung hatte es seit Jahren nicht gegeben; viele freuten sich auf noch einen Tag Nichtstuerei und das unvermeidlich folgende zweite Fest.

Anan boxte sich, rückwärtsgehend, wieder aus der Menge heraus – der Saddhaq würde aus Platzgründen nicht auf dem Lagerplatz stattfinden, sondern vor den Zelten im offenen Jagdland. Wer zuerst zwischen den Zelten herauskam, hatte die beste Chance auf einen guten Sichtplatz.
Sie brauchte nicht zuerst noch Moaris traditionelle Erwiderung auf Trakras Herausforderung zu hören, denn ablehnen konnte er sie so oder so nicht. Dennoch blieben die meisten Jadeira stehen und warteten auf die Rede ihres Kowa‘; Anan dagegen suchte sich schon einmal einen guten Platz im offenen Grasland.

Juli 13

6 Anan-Re / Jadeira

Es dauerte gar nicht lange, da weckte Moaris wütendes Brüllen auch diejenigen Jadeira, die in den Nachbarzelten schliefen. Wer schon wach und nicht mehr betrunken genug war, versammelte sich nach und nach vor dem Ratszelt, die Ohren neugierig gespitzt.

Während auf diese Art und Weise bald schon die ersten Gerüchte umliefen, trabte Anan zwischen den Zelten hinaus in Richtung des Palmenwäldchens.

Die Wut war ihr in die Glieder gefahren, sie wollte rennen und kämpfen. Gleichzeitig hatte sie halb den Gedanken, Kimar zu wecken und sich bei ihm gründlich über diese Prophezeiung und ihren offensichtlich verrückten Großvater zu beschweren.

So kam es, dass keiner von den Jadeira bemerkte, was sich ihrer Zeltstadt näherte – bis es bereits zu spät war.

Tatsächlich schlief Kimar noch, als Anan das Palmenwäldchen wutschnaubend wieder betrat – aber natürlich nicht mehr lange. Anans aufgebrachtes Gebrüll und ihr wütendes Fauchen bedeuteten für jedes schwächere Wesen in weitem Umkreis tödliche Gefahr, so dass es entlang ihres Weges raschelte und zischelte, als sich alles in Sicherheit zu bringen versuchte.

Mit dem untrüglichen Instinkt des geborenen Jägers erwachte Kimar von dem Geräusch der Fliehenden, rieb sich die Augen und blinzelte sich gerade noch rechtzeitig den Schlaf aus den Augen, bevor eine äußerst ungehaltene Anan auf ihn zugestürzt kam.

Zufrieden musterte er das geschmeidige Spiel ihrer Muskeln unter dem kurzen sandfarbenen Fell und die dunkel glänzende, feste Haut ihrer Brüste – seine Gespielin in dieser vergangenen Nacht hatte wirklich seine ganze Aufmerksamkeit verdient.

Doch warum war ihr Gesicht so düster? Hatte sie die Nacht nicht genauso genossen wie er? Hastig sah er sich nach ihrem Vater oder den Ältesten um, die ihr vielleicht auf dem Fuße folgten.

Doch es war niemand anders zu sehen; ringsumher schützte sie beide das flirrende Palmendickicht vor der erwachenden Sonne und jeder anderen unerwünschten Aufmerksamkeit.

Es dauerte eine Weile, bis er seiner Geliebten eine klare Antwort und eine Erklärung entlockt hatte, die er auch verstehen konnte. Dann begann er das einzig sinnvolle – Anan vorsichtig zu beruhigen; auch wenn es ihm wie der Versuch schien, einen Sandsturm daran hindern zu wollen, über die Zelte hinwegzufegen.

Schließlich zeigten seine ruhigen Worte und zärtlichen Berührungen die gewünschte Wirkung. Er würde mit ihr fort gehen, wenn es wirklich nötig werden sollte, versprach er ihr; natürlich würde er mit den Ältesten und mit Kowa‘ Moari sprechen und ebenfalls darlegen, dass solch eine unsinnige alte Prophezeiung unmöglich auf Anan zutreffen konnte und es überhaupt keinen handfesten Grund gab, sie fort zu schicken, noch dazu womöglich allein.

Er könnte sich vorstellen, dass Anans Großvater gestern Abend ein wenig zu viel gefeiert habe, behauptete er, und auch, dass er vielleicht mit dem Kopf im Sand geschlafen und ihm ein Käfer mit dieser komischen Idee durchs Ohr hindurch gekrochen sei. Dies entlockte Anan zumindest ein schiefes Grinsen.

Auch seine Streicheleien zeigten eine Wirkung – jedoch nicht so sehr bei ihr, sondern viel eher bei ihm selbst. Vorsichtig, um die reißende Bestie in Anans Innern nicht erneut zu wecken, begannen seine Finger, die weiche, empfindliche Übergangszone zwischen dunkler Haut und hellem Fell zu liebkosen, wanderten dann über ihren Rippenbogen empor, vermieden – es war noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür, leider – die wunderschönen Brüste und fanden schließlich die Schultern und den leuchtenden Hals, in den er so gerne hinein gebissen hatte. Auf Vorsicht bedacht, zog er sie näher, bis er ihr einen flüsterzarten Kuss geben konnte, in ihren großen, braunen Augen lesen konnte.

Er würde sie beschützen, versprach er ihr, und wenn es nötig sei, würde er nicht selbst als Krieger ausziehen, um sich einen Namen zu machen, sondern erst bei Kowa‘ Moari um ihre Hand anhalten und sich später ihren Brautpreis verdienen, irgendwie. Kimar war sich nicht so sicher, ob er damit nicht log – Moari würde ebenso wenig wie jeder andere Vater einen mittellosen Schwiegersohn mit Freuden begrüßen, und er war noch dazu der Kowa‘ der Jadeira – aber allein ihr wohliges Schnurren bei dieser Schmeichelei brachte ihn schon halb um den Verstand. Natürlich würde er sich irgendwie einen Namen machen müssen; aber Anans Erzählung hatte so unglaubwürdig geklungen, dass er sicher irgendeinen Ausweg für sie beide finden konnte, der es ihm erlaubte, dieses halbherzige Versprechen auszuhebeln. Niemand schickte eine gute Jägerin fort wegen eines uralten Liedes. Niemand, der noch bei klarem Verstand war, konnte eine Frau fortschicken, die so lockende Rundungen hatte wie Anan, ihre Hüfte so geschmeidig kreisen lassen konnte und solch einen wundervollen Hals hatte wie der, in den er gerade biss…

Erneut raschelten die alten, grauen Palmwedel rings um das Lager von Kimar und Anan, aufgescheucht von ihren rhythmischen Bewegungen. Soweit es diese beiden betraf, hätte im Moment auch eine ganze Elefantenherde direkt an ihrem Versteck vorbeiziehen können – sie hätten es nicht gehört.

Juli 13

5 Anan-Re / Jadeira

Es dämmerte gerade erst, als Anan zurück zu den Zelten kam. Kimar schlief noch zwischen den raschelnden Palmenblättern, und Anan hatte sich am Wasserloch der Oase gewaschen und frisch gemacht, bevor die Sonne so hoch stand, dass der Schweiß ihre Bemühungen gleich wieder fortwusch.

Nun war sie auf der Suche nach einem kräftigen Frühstück – vielleicht war noch ein wenig Fleisch von ihrer Beute übrig? Als sie sich umsah, entdeckte sie Großvater Maror, der sich direkt an der großen Feuerstelle des gestrigen Festes niedergelegt hatte.

Sein Gesicht war vor ihr verborgen, doch er lag lang hingestreckt vor der letzten Glut und lag direkt im Weg zu den letzten Fleischbrocken, die noch an den Knochen über der Feuerstelle hingen.

Leise, um ihn nicht zu wecken, schlich sie sich näher. Doch plötzlich sah Maror auf und lächelte sie an. Vielleicht war sie zu laut gewesen? Unmöglich. Er musste schon wach und nur am Nachdenken gewesen sein.

„Anan-Re. Genau Dich wollte ich sprechen. Bitte, leg Dich zu mir.“ Während Maror sich aufrichtete, um ihr Platz zu machen, kauerte sich Anan auf ihre vier Pfoten vor den Ältesten. Er war nicht größer als sie, bemerkte sie zufrieden.

„Ich… habe dieses Gespräch ein wenig hinausgezogen. Heute jedoch duldet es keinen Aufschub mehr. Anan-Re, Deine Jagd war die Beste in diesem Jahr, das weißt Du sicher selbst.“

Anan nickte stolz; sie wusste es.

„Nun gibt es einen Spruch, der einst von Karaty-der-Weisen getan wurde. Hör mir zu.“

Anan spitzte die Ohren, und Maror begann, mit leiser Stimme zu singen. Es war eine seltsame, eingängige Melodie, die zu hüpfen schien wie Wüstenmäuse auf einer heißen Sanddüne.

Der Eine kommt:
das Juwel, das niemand erringen kann
glitzert nicht nur in der Schwärze,
sondern auch in der Helle.
Der beste Jäger, der mit den hellen Augen
muss seinen Speer nehmen
und ihm nachfolgen,
dorthin, wo er selbst das Wild ist.
Er allein muss jagen, muss finden
was die Welt bedroht,
lernen, selbst Beute zu sein.
Seine Jagdbeute ist
aus kleinen Teilen gemacht
und wird ihm den Weg zeigen
zum großen Opfer.
Flammen und Feuerhitze
soll er bringen
zu dem, der seiner Hilfe bedarf.
Die Eine kommt:
Habt Wacht
und schickt den Jäger
mit den hellen Augen.

Anan hatte Maror aufmerksam zugehört, wurde aber aus den Worten, die in der springenden Melodie gefangen waren, nicht recht schlau. „Sing es noch einmal, Yanta-ulu,“ bat sie Maror, „es klingt hübsch.“

Ihr Großvater schüttelte traurig den Kopf. „Es ist kein Lied, das seiner Schönheit wegen gesungen wird, Enkeltochter. Die Seherin hinterließ diese Worte vor vielen Generationen. Sie wurden unter den Ältesten vererbt; wir alle versuchen seit jeher, hinter ihre Bedeutung zu kommen. Ich.. wir alle glauben, dass der neue Stern das Juwel ist, das niemand erringen kann.“

Maror nickte kurz zu dem im Morgenlicht seltsam hell erscheinenden Stern hinüber, der im Norden stand. Er war vor beinahe sechs Monaten erschienen und hatte alle Jagden des Sejtenq-Wurfes gesehen. Die Antilope, die Anan alleine erlegt hatte, war das größte Beutetier der neuen Stammesjäger gewesen. Auch Kimar hatte eine Antilope erlegt, ein kleines Jungtier allerdings, an das er sich in vielen geduldigen Stunden angeschlichen hatte. Anans Jagd dagegen war so reibungslos und schnell gegangen, das die Wahl des Sterns eindeutig schien. Maror seufzte.

„Und… und das heißt?“ fragte Anan misstrauisch.

„Das wissen wir nicht, Anan-Re. Soweit wir den Spruch bis jetzt enträtseln können, sollst Du nach Norden ziehen, in Richtung des Neuen Sterns, und etwas finden, das unsere Welt retten kann. Was das jedoch sein könnte – du hast selbst gehört, dass der Spruch nur sagte, es sei aus vielen kleinen Teilen gemacht. Vielleicht bist Du die einzige, die dieses Ding finden kann.“

Maror seufzte erneut. Es war sehr schwer, die eigene Enkeltochter von den heimatlichen Zelten fort zu schicken, doch er war überzeugt, dass es auf irgendeine Art und Weise nötig war.

„Aber…!“ Anan schüttelte wild den Kopf. „Niemals!“ rief sie. „Ich gehöre hier her! Und unsere Welt ist überhaupt nicht in Gefahr! Wodurch denn?“

Maror schien ein wenig kleiner zu werden, das Gesicht älter und müder. Die buschigen weißen Augenbrauen zogen sich zusammen, als er zu Anan aufsah. „Ich weiß es nicht, Enkeltochter. Wüsste ich es, hätte ich mich wohl kaum so lange mit Grübeleien abgegeben.“ Eine seiner Pranken deutete auf die schwelende Glut und den immer noch sehr appetitlich duftenden Fleischrest auf dem Spieß über dem Feuer.

Anan stapfte vor Wut mit der Pranke auf. „So ein Unsinn!“ ereiferte sie sich. „Das lässt Moari niemals zu! Und ich werde ihn bestimmt nicht davon überzeugen, seine Meinung zu ändern. So ein… so ein… Unsinn!“

Anan hielt es nicht am Feuer. Aufgebracht trabte sie davon, die langen sandfarbenen Haare mit den bunten Perlen darin hinter sich herschleudernd. Maror sah ihr nach – er hatte gefürchtet, dass dieses Gespräch derartig ablaufen würde. Aber irgendwo musste er anfangen. Er seufzte ein drittes Mal und wandte sich dann um, um ins große Ratszelt zu gehen, wo Moari schlief. Leise weckte er ihn, um mit ihm ein ganz ähnlich aussichtsloses Gespräch mit demselben Inhalt zu führen.

Juli 13

4 Anan-Re / Jadeira

Kimar legte den Kopf schief, so dass seine langen Zöpfe halb über sein hübsches Gesicht fielen. Nach einer zögernden Pause, die Anan beinahe so lange vorkam wie eine ganze Jagdzeit, sprach er leise mit ihr. „Anan-re… du weißt, dass du die Letzte des Sejtenq-Wurfs bist, die ihre Große Jagd gehalten hat. Sicherlich werden sie morgen oder übermorgen, nach dem Fest, die neuen Jäger fort schicken, denn der Frühlingsmond ist voll. Ich… werde gehen müssen. Ich will gehen und mir einen Namen machen.“

Anan nickte. Kimar war ein ausgebildeter Jäger wie sie selbst. Doch während die Frauen bei denen blieben, die sie geboren hatten, mussten alle jungen Männer den Stamm verlassen und sich ein eigenes Gebiet und einen eigenen Namen erobern. Auch darum hatte sie gehofft, schon eher mit Kimar sprechen zu können, bevor er fort gehen musste. „Wirst du… wirst Du wiederkommen und Moari zum Kampf fordern, wenn Du stark genug bist, Kimar-re?“ fragte sie. Sie wollte, dass Kimar ja sagte, auch wenn es bedeuten würde, dass er ihren Vater von den Jadeira vertreiben musste. Besser er als irgendjemand anders, sagte sie sich.

Einige Herzschläge später nickte Kimar. „Ich werde kommen, Anan-re,“ versprach er feierlich, dann zog ein Grinsen seine weichen Lippen auseinander. Schnell sah er sich nach allen Seiten um. Die Sterne leuchteten hell über dem kurzen Steppengras und dem Palmenwäldchen im Osten, die Grillen zirpten und die Jadeira sangen beim großen Feuer. Hier, etwas abseits zwischen den schwarzen Zelten, herrschte nur die Dunkelheit der tiefen Nacht. Ein lauer Wind raschelte in den Dattelwedeln und brachte Anans unbekleideter Brust und Rücken angenehme Kühle. Sie spürte, wie ihre Brustwarzen sich aufstellten, als Erregung, wie kurz vor einer guten Jagd, sie durchflutete. Sie wusste, was Kimar vorschlagen wollte, ohne dass er die Worte dazu machen musste.

„Komm,“ sagte sie rau und fasste nach Kimars Hand. Er ließ sich nicht lange ziehen; gemeinsam rannten sie zu dem Palmenwäldchen hinüber, als gelte es, eine Beute zu schlagen. Wenn Kimar sowieso wiederkommen und die Jadeira für sich erobern würde, konnte Anan ihn doch auch jetzt schon für sich haben, im voraus sozusagen. Während sie im Dunkel der knisternden alten Palmblätter spielerisch mit einander rangen und einander fauchend die Arme festhielten und sich abwechselnd küssten oder bissen, sah Anan ihr weiteres Leben schon ganz genau vor sich; Kimar als einer der Stammesführer und sie mit seinem Sohn an seiner Seite…

Schließlich, als er sie niedergerungen hatte und seine Zähne in ihren Hals grub, schloss sie die Augen und ließ sich von den schönen Bildern fort ziehen, die seine Berührungen ihr boten. Im voraus, natürlich.

Juli 13

3 Anan-Re / Jadeira

Als seien sie durch den Gesang und die Freudenschreie der Frauen hervorgelockt worden, traten nun auch die Männer ans große Feuer. Die allermeisten waren ebenfalls fein gemacht, die muskulösen Oberkörper mit glänzendem Öl bestrichen, die langen braunen Mähnenhaare in kunstvolle Zöpfe geflochten und die gelbbraunen Felle ordentlich gebürstet und ausgekämmt.

Alle Jadeira trugen soviel Schmuck, wie sie sich leisten konnten, und die traditionellen Faytwa, kleine, gekrümmte Jagddolche, an fein verzierten Riemen an ihrer Hüfte. Die grünen und gelben Augenpaare glommen im Schein des Feuers auf und erloschen wieder, wenn das Licht sich in den geschlitzten Katzenaugen der Jadeira spiegelte.

Der Gesang der Frauen wurde leiser, erwartungsvoller, und schließlich trat Maror, der Älteste der Jadeira und Anans Großvater, in die Mitte der Dorfgemeinschaft. Er legte den Kopf in den Nacken und stieß ein mächtiges, donnerndes Brüllen aus, das allen Jadeira Jubel entlockte. Moari, sein jüngerer Sohn, hielt sich dicht neben ihm und sah stolz zu seiner Tochter herüber.

„Meine Tochter ist heute Abend Anan-re, Jägerin der Jadeira!“ rief Moari dann mit strahlender Mine. Er breitete die Arme aus. „Esst von ihrer Jagdbeute, trinkt von meinem Wein. Heute Abend soll mein Besitz der eure sein, denn heute feiere ich Anan-re, erste und einzige Tochter von Shinan der Schönen.“

Es gelang Moari trotz der Erwähnung seiner verstorbenen Frau, keine Trauer in seiner Mine zu zeigen. Nur Anan, die ihren Vater gut genug kannte, hörte die leisen Echos seiner Trauer in seiner Stimme mitschwingen. Sie selbst hatte sich geschworen, nicht mehr zu trauern, darum senkte sie den Blick und ballte die Fäuste, bis sie fühlte, dass kein Blut mehr in ihre Hände floss. Es lenkte sie von diesen Gedanken ab, bis die Freude über ihren Erfolg wieder die Oberhand über ihre Gefühle hatte und die Tränen, die sich unbedingt in ihren Augen hatten sammeln wollen, verschwunden waren.

Du bist jetzt fünfzehn, sagte sie sich, eine erwachsene Frau und eine Jägerin der Jadeira. Du weinst nicht mehr wegen einer verlorenen Mutter wie ein kleines Kind, verstanden? Es half. Als sie wieder aufsah, fingen gerade die Frauen wieder mit dem Gesang an, ein jubelnder, stampfender Rhythmus und eine fröhliche Melodie, die hin und wieder in reines Lachen überging. Anan hob den Kopf und brüllte, so laut sie es vermochte, und die anderen Jadeira antworteten ihr mit Freuden.

Anan hatte das Gefühl, ihr Lärm müsse in den großen Nachthimmel hinaufsteigen und die Sterne selbst wecken, so laut war es.

Sie tanzte. Heute Nacht tanzte sie, um zu feiern und um zu trauern. Sie tanzte, um alles zu vergessen und sich an alles zu erinnern, und sie lachte und trank den süßen Jagdwein mit dem Antilopenblut und aß von dem warmen Fleisch und sprang über das funkenstiebende Feuer aus reinem Übermut – und irgendwann, spät in der Nacht, stand sie vor Kimar.

Er hatte seine schwarzen Haare zu langen Zöpfen geflochten, die ihm bis auf das Rückenfell fielen. Seine Augen waren grün, die geschlitzten Pupillen in der Dunkelheit weit geöffnet. Er griff nach Anan, die gerade um ihr Gleichgewicht rang. Ihre vier Tatzen schienen ihr die Mitarbeit zu verwehren und sie nicht mehr tragen zu wollen. Der Wein, der verdammte Wein…

Einen Moment lang hielt er ihre Hand fest und sah sie an. Anan versuchte zu lächeln, war sich jedoch mehr als klar darüber, dass die schwarze Kahjo-Kohle um ihre Augen schon lange verwischt war und vermutlich hässliche Ränder auf ihren Wangen bildete und sie geronnenes Blut und Weinspritzer an den Mundwinkeln und auf der Brust kleben hatte. Halb erwartete sie, dass er sich abwenden würde, doch zu ihrem Erstaunen senkte er kurz den Kopf. „Anan-re,“ sagte er leise, beinahe respektvoll.

Stolz wallte in Anan auf. Anerkennung, das war in ihren Augen das höchste Gut, süß wie Honig und berauschend wie Wein. Bevor sie sich ihre eigene Angst eingestehen konnte, trat sie einen weiteren Schritt auf Kimar zu, so dass Haut an Haut rieb, schlang ihre Arme um ihn und küsste ihn leidenschaftlich. Sie merkte, wie er sich versteifte, zurückziehen wollte – und dann nachgab und ihren Kuss erwiderte.

Hitze flutete durch Anans Körper, als ihr aufging, dass Kimar sie nicht abweisen würde. Ihre Gedanken rasten, wollten einen Plan machen, das weitere Vorgehen zurechtlegen – doch sie konnten die Barriere aus purer Leidenschaft, die sich in ihrem Kopf gebildet hatte, nicht überwinden. Hätte Kimar sie nicht festgehalten, wäre sie wohl zu Boden gesunken. Er lachte, als sich ihre Lippen lösten.

„Du machst nicht viele Worte, hm?“ fragte er, den Kopf schräg gelegt. Anan schluckte einmal, zweimal – sie hatte tatsächlich für einen Moment die Sprache verloren. Darüber mussten sie beide wieder lachen.

„Ich.. ich… würde die Schuld daran gerne dem Wein geben,“ sagte Anan schließlich, als sie es wieder konnte, „aber das wäre nicht ganz wahr.“

Juli 13

2 Anan-Re / Jadeira

Anans Freundinnen begrüßten sie mit Johlen und Freuden-pfiffen und -schreien, als sie den Vorhang des schwarzen Zeltes zurückschlug und mit ihren Waffen eintrat.

„Anan-re! Anan-re!“ skandierten sie und geleiteten sie zur teppichbedeckten Zeltmitte, wo auf einem Brocken glühender Kohle duftendes Räucherwerk verbrannt wurde.

Zu sechst, und noch ohne große Worte zu machen, fielen die Freundinnen Anan in die Arme – der gemeinsame Ansturm warf sie fast von den Tatzen.

Singend, lachend und hin und wieder den Kampfschrei der Jadeira ausstoßend entkleideten sie die Freundinnen, striegelten ihr Fell, wuschen ihren staubbedeckten Oberkörper und kämmten und flochten ihr die Haare neu. Duftende Öle wurden gebracht, leuchtend bunte Perlen in die Zöpfe gewebt.

Zuletzt malte Miran ihr mit Kahjo-Kohle die schwarzen Jäger-Augen auf die geschlossenen Lider. Anan kam sich so schön vor wie noch nie und platzte beinahe vor Stolz.

Nicht sehr viele Mädchen wollten Jägerinnen werden – keine ihrer Freundinnen hatte die Große Jagd abgehalten, denn die Jadeira waren sehr erfolgreiche Viehzüchter und die Frauen hatten es darum kaum noch nötig, zu jagen – aber Anan fand es nur umso schöner, dass sie alle sich dennoch so sehr mit mir freuten.

Anan hatte schon immer den Wunsch gehabt, Jägerin zu werden, fühlte sie sich doch erst dann ganz und frei, wenn sie sich an eine nichts ahnende Beute heranpirschte. Nein, dieses Gefühl war wahrhaftig von nichts in der Welt zu übertreffen.

„Du siehst wunderschön aus!“ freute sich Ainwe, als sie die nun schwarz umrandeten Augen wieder öffnen durfte. „Bittest Du nun Kimar zum Tanz?“ Alle fingen an zu kichern, und Anan wurde rot.

Bis die Sonne endgültig hinter den Sandsteinhügeln im Westen untergegangen war, feierte Anan mit ihren Freundinnen. Dann, als die Tageshitze endlich nachgelassen hatte und die Räucherkohle ihre Sinne schon herumwirbeln ließ wie der heiße Wüstenwind den losen Sand, öffneten sie die Zeltwand und tanzten hinaus zum großen Feuer in der Mitte des Lagers.

Der neue Stern, den die Ältesten den Seelenfänger nannten, stand beinahe so hell am Himmel wie der volle Mond, der sich allerdings erst gerade eben im Osten hinter den Dattelpalmen emporschwang und dem dämmernden Himmel einen schönen, türkisen Ton verlieh.

Die Grillen begannen in der kühleren Abendluft gerade ihr endloses Konzert, Anan und ihre Freundinnen sangen den großen Jagdgesang mit all den Strophen, die sie kannten, und über dem Feuer briet Anans Jagdbeute als Festschmaus für alle Jadeira. Anan hatte das Gefühl, bald vor Glück platzen zu müssen.

Juli 12

1 Anan-Re / Jadeira

Anan sah nicht auf, obwohl sie wusste, dass die Stammes-Ältesten sie umringten. Mit geübten Griffen nahm sie das erlegte Tier aus und zog es ab. Wie man es sie gelehrt hatte, bot sie die Eingeweide der erlegten Antilope den Windgeistern dar und vergrub sie anschließend unter ein paar Händen voll Sand. Erst dann sah sie auf, und ihre Zufriedenheit war ihrer Mine deutlich anzumerken.
Dies war ihre Große Jagd, und sie hatte sie zur vollsten Zufriedenheit Aller vollendet.
Die Dorfältesten nickten wohlwollend; viel zu sagen blieb ihnen nicht. Nur Tasma’a räusperte sich.
„Denke stets daran, Anan, eine Jägerin allein mag zwar mutig und stark sein, doch ihre wahre Stärke zeigt sich erst im Rudel.“
Anan lächelte herablassend. Sicher.
„Ich werde stets daran denken, weiser Ältester,“ erwiderte sie dennoch respektvoll. Es war kein guter Zeitpunkt, für so eine kleine Zurechtweisung die Rudelordnung in Frage zu stellen. Sie erhob sich und streckte alle vier Tatzen, überprüfte den Sitz ihres Jagdspeeres und des Bogens und säuberte ihr Messer im Sand.
„Darf ich gehen?“ fragte sie schließlich, weil sich die Ältesten noch immer ansahen und wortlos etwas zu besprechen schienen.
„Aye, natürlich, Anan-re,“ sagte Maror, ihr Großvater, mit einem Schmunzeln, das sein wettergegerbtes, zerfurchtes Gesicht in tausend Falten zog.
„Feiere ruhig mit Deinen Freundinnen. Und lass Dir sagen, dass wir schon lange keine so gute Jagd wie Deine gesehen haben. Deine Fähigkeiten sind für Dein Alter weit fortgeschritten.“
Anan glühte vor Stolz über das Lob und die neue, respektvolle Anrede als
Stammesjägerin.
Mit der traditionellen Shawa‘, dem respektvollem Gruß, entfernte sie sich und trabte auf das Frauenzelt zu, das unter den fünfzehn Zelten des Lagers für ihren scharfen Blick bereits von hier auszumachen war.
Die Luft flirrte in der Hitze des langen Tages, als die Ältesten ihr nach sahen. Maror seufzte.
„Es war die beste Jagd seit langem, in der Tat,“ sagte er leise. „Wenn wir der
Prophezeiung Glauben wollen, ist sie die Auserwählte.“

Tasma’a schnaufte. „Wir dachten, einer der Erstgeborenen…„ fing er an, „…einer der Männer…“
„Aye, aber was wir dachten, zählt nicht,“ unterbrach ihn Maror traurig, „ nur das, was geschrieben steht, zählt.“
Die anderen schüttelten die Köpfe oder murmelten sorgenvolle Kommentare.
„Mein Sohn wird sehr aufgebracht sein, wenn ich es ihm sage,“ fuhr Maror fort, „also werden wir damit warten, bis ihr Fest vorüber ist. Wenn Euch das recht ist?“ Er sah die anderen fragend an, seine Mine bat um ihre Zustimmung.
Die Jagdmeister nickten.
„Gut. Danke.“ erwiderte Maror. „Dann lasst uns die Jagdbeute heimbringen.“
Alle packten mit an, und so wurde das kräftige Tier schnell zum Lager und dem wartenden Feuer hinübergebracht. Ein ums andere Mal sah Maror zu dem blassen Stern hinauf, der seit einiger Zeit tags wie auch nachts am Himmel zu sehen war.

Das Himmelszeichen. Das Juwel, das niemand erringen kann.

Die Zeit war ganz unzweifelhaft die Richtige. Und es waren nur eine Handvoll Kinder gewesen dieses Jahr, die ihre Große Jagd gehalten hatten. Die Wahl des Himmels schien eindeutig, dennoch bedrückte es Marors altes Herz, das es ausgerechnet seine Enkeltochter sein musste, das einzig überlebende Kind seines Sohnes Moari und der schönen Shinan, die nun schon ein halbes Jahr im Sande lag.
Es würde Moaris mühsam aufrecht erhaltene Selbstbeherrschung vielleicht vollkommen zertrümmern, wenn er diese Nachricht erfuhr. Dennoch, das Wüstenvolk der Jadeira vom Löwenschlag stellte Tapferkeit und Mut über alle anderen Tugenden.
Maror konnte vor seiner Aufgabe, seinen Sohn und seine Enkeltochter in die alten Prophezeiungen einzuweihen, genauso wenig davon laufen wie Anan davor, sie zu erfüllen – oder ihre Erfüllung zumindest zu versuchen.
Trotzdem, diesen einen Abend Aufschub, während Anan-res Fest, sollte ihm das Schicksal noch gewähren.

Juli 12

Prolog – Der Meister

Der Meister wählte vorsichtig einen anderen der im gelben Licht des Öls schwach schimmernden Kristalle und hielt ihn vor mich hin.
„Sieh hin,“ wisperte er, hauchleise – so wie beinahe immer.
„Sieh genau hin, Jüngling. Hier ist Er, den wir erwarten. Eines Tages wird Er kommen.
Wir wissen nichts über Ihn. Wir wissen nichts über das, was Er tun wird, lediglich ist es vorhergesagt, dass Er uns finden wird, mich… oder einen meiner Schüler… oder dessen Nachfolger oder jenen, der danach kommt. Vielleicht sogar Dich…. Wer weiss es schon…“
Ein trockener, quälender Husten schüttelte den alten Meister, zerrte von innen
heraus an dem gebrechlichen Körper und ließ seine langen goldenen Barten
erbeben.
„Präg ihn Dir gut ein, mein Kleiner,“ wiederholte mein Lehrer, als er wieder
genug Luft dazu hatte, „denn es steht geschrieben, daß Er unsere Rasse
vernichten wird. Wir müssen sehr wachsam sein…“
Ich sah genau hin, aufmerksamer Schüler und beeindruckt von der
Eindringlichkeit der Rede des Meisters, ließ er sich doch überhaupt das erste Mal dazu herab, mit mir zu sprechen. Ich sah ein seltsames Wesen, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte, ein Wesen, das halb Mensch und halb Panther zu sein schien. Der obere Teil war haar- und schuppenlos, lange, schwarze Haare entsprossen dem oberen Kopfbereich und bedeckten die nicht sehr breiten Schultern. Das Gesicht darunter vereinte menschliche und kätzische Züge – besser kann ich es nicht beschreiben. Vielleicht bedingten diesen Eindruck die großen, schräg gestellten grünen Katzenaugen des Wesens. Der aufrechte, mit vielerlei Tätowierungen bedeckte Oberkörper mündete in einen behaarten Rumpf mit vier starken Beinen und einem langen, unruhig hin und her schlagenden Schwanz.
An den Spitzen der großen Tatzen blitzten scharfe Krallen, und der ganze Körper schien jugendlich und geschmeidig und bereit zu Sprung und Kampf.
Ich schnaubte. Wenn dieses Wesen nicht wesentlich grösser war als das Abbild es verhieß, konnte selbst ich ihn mit einem einzigen Schnappen meiner mächtigen Zähne mühelos zerreissen. Ich öffnete den Rachen, um meinem Meister und dem in den Kristall geätzten Bild meine Reißzähne zu zeigen, doch der Alte schnaubte ebenfalls und lächelte müde.
Bevor seine Stimme in einem erneuten Hustenanfall unterging, brachte er noch hervor: „Aye, ich weiss. Er sieht klein und unbedeutend aus, nicht wahr? Aber gerade das ist es, was ihn so gefährlich macht, Jüngling. Wie schon gesagt – präge ihn Dir gut ein….“
Ich sah noch einmal in den Kristall. Das Wesen schien sich leicht zu ducken, als setze es zum Sprung an…

Juni 12

Prolog – Über Iya

Früher gab es viele Geschichten und Erzählungen darüber, dass der Mensch auf Erden nicht alleine sei. Riesen, Trolle, Zwerge, Kobolde, Feen, Drachen und noch vielerlei mehr bevölkerten die Fantasie unserer Vorfahren unter tausenderlei Namen und Gestalt.

Für unsere Vorfahren war dies kein Aberglaube, kein mitleidig belächeltes Vielleicht-doch, sondern eine konkrete Tatsache, die ihr Leben mit bestimmte.

Auch heute noch gibt es viele solcher Geschichten, die davon ausgehen, dass Werwölfe oder Vampire, Drachen oder Elfen auf irgendeine geheime Weise der Aufmerksamkeit der Menschen in den letzten Jahrhunderten irgendwie entgangen sind und im Geheimen noch unter uns leben.

Natürlich kann so etwas nicht bewiesen werden – es ist ja geheim. Aber diese Geschichten sind anders, denn sie werden nicht mehr geglaubt.
Oh, ja, ein wohliges Schauern überkommt diesen oder jenen, wenn er solch einen Roman genüßlich im warmen Bett liest, während draußen der Winterwind heult – aber das ist noch kein Glaube. Nur, weil einem solch eine Geschichte gefallen hat, wird man nicht mit einer Knoblauchzehe um den Hals herumlaufen oder furchtsam den Himmel absuchen, wenn man ein unbekanntes Geräusch hört. Niemand heutzutage – der Göttin sei dank – würde ein Kind auf einem Feenhügel aussetzen, weil er davon überzeugt ist, ein kränkliches Wechselbalg untergeschoben bekommen zu haben.

Und das ist natürlich so, weil all die alten Geschichten irgendwann nicht mehr stimmten. Weil die Wirklichkeit zu den beschriebenen Vorkommnissen in den Geschichten nicht mehr passte. Weil all diese Wesen, die Drachen, die Feen, die Riesen – plötzlich nicht mehr da waren.

Und das ist der Punkt, wo wir hellhörig werden sollten. Die Geschichten enden, die Glaubwürdigkeit endet.

Natürlich, die Geschichten werden später wieder aufgenommen. Weil sie wieder einmal modern sind, lehrreich und nützlich, lustig und unterhaltsam. Aber der Glaube endete.

Weil die Wesen, mit denen unsere Vorfahren sprachen, mit denen sie lebten und nach deren Schutz, Wissen, Schönheit, Weisheit oder Reichtum sie strebten – uns verließen. Und wohin sind sie gegangen?

Wer kann es schon sagen…

Vielleicht… ja, vielleicht fanden sie eine Möglichkeit, die Erde zu verlassen; einen Zauber, der sie fort brachte von den wachsenden, rodenden, ackerbauenden Menschen, die so viel Platz brauchten und so wenig Verständnis für andere hatten.

Vielleicht sind sie auch alle ausgestorben. Vielleicht… vielleicht ist ein Wort, das so viel enthalten kann.

Aber angenommen, einige konnten fliehen. Sich eine eigene Welt erschaffen und einen neuen Anfang wagen.

Angenommen, man könnte einen Blick auf solch eine Welt erhaschen. Einen ganz kurzen nur, einen, der einem bei weitem nicht all das Wunderbare zeigen kann, aus dem sie besteht – aber einen, der einen glauben lassen will.

Hm. Vielleicht…

Vielleicht gibt es eine Welt, in die all die Wesen der nördlichen Sagen flohen, die Asen und Riesen, die Trolle und Kobolde. Oder eine andere, die all jene aufnahm, die dem reichen Sagenschatz des äußersten Westens entsprungen sind, die Tuatha de Dannan, die Sidhe und die Faye und den grünen Mann.

Und eine, die all die Tiere aufnahm, die Einhörner und Drachen, den Vogel Greif und den Basilisk, den Phönix und den Pegasus.

Oder eine, in die all diese Wesen gleichzeitig flohen und sich erst einmal an einander gewöhnen mussten, vielleicht sogar blutige Kriege führten und einander erbittert bekämpften.

Vielleicht…

Aber wisst Ihr was? Ich kann es euch nicht sagen. So etwas gehört zu den Dingen, die man selbst herausfinden muss, ganz allein für sich, so wie die verborgene Wahrheit im innersten Kern eines alten Lieblingsmärchens. Man muss daran glauben wollen.

Aber wenn man die Chance bekommen kann, einmal einen Blick in solch eine Welt zu werfen, sollte man ruhig genau hinschauen, meint ihr nicht?

Nun, reisst die Augen weit auf…

Diese Welt heisst Iya. Sie ist der Erde nicht unähnlich; grün und gold und weiss und blau leuchtet sie schon von weitem aus der samtenen Schwärze hervor. Ja, es sind Wälder und Wiesen, die ihre Kontinente bedecken, erhabene Berge mit schneebedeckten Gipfeln und unergründlich tiefe Meere. Inseln kann man sehen und Wüsten und Steppen und Seen und noch so viel mehr. Und jetzt, wenn man noch näher kommt…