August 5

25 Jori Gid’eron / Ada

Er sah zu den Hütten der Falkensippe hinüber und erschrak erneut, als er feststellte, was das böse Ding mit seinen gedrehten Blitzen anrichtete. Mit krachendem Donner schlugen sie in die Wände der Hütten ein, zersiebten Behausungen und Menschen gleichermaßen. Die Schreie der Sterbenden konnte Jori über den ohrenbetäubenden Lärm des Dings hinweg nicht hören. Er sah eine Frau, die, ihr Kind auf dem Arm, vom Drehblitz zerfetzt wurde und als blutige, sich windende Masse zu Boden ging. Er sah, wie das Dach eines Hauses einstürzte, weil alle Pfosten durchsiebt worden waren, und unter den Trümmern eine bittend ausgestreckte Hand zum Vorschein kam.

Er sah, wie der Blitz ein bereits blutverschmiertes, heulendes Kleinkind tötete, in dem er seinen Kopf explodieren ließ. Ebenso erging es einem Krieger, halbwüchsig noch fast, der es immerhin geschafft hatte, einen Speer in die Hand zu nehmen, bevor auch er vom Blitz getroffen wurde und zu den anderen Toten fiel.

Jori selbst hätte vielleicht Grauen empfunden – aber der Albae, durch dessen Augen er sah, fühlte nichts als Befriedigung.

Seine Aufgabe war erfüllt, seine Rache genommen.

Diese sterbenden Menschen waren Räuber, Diebe und Mörder und würden auch ihre Kinder zu nichts anderem erziehen. Sie mussten ausgelöscht werden, allesamt.

Jori spürte den in sich selbst aufsteigenden Ekel wie eine große, dunkle Woge auf den Albae zu kommen, der immer noch frohlockte.

Ja, für diese heldenhafte, wundervolle Tat war es richtig gewesen, das böse silberne Ding zu nehmen, auch wenn die wummernden, hämmernden Stöße der Dreh-Blitz-Maschine in Kürze die leichten, schwachen Vogelknochen der vier Albae-Träger zerstören würden. Keiner der vier hatte eine Rückkehr eingeplant, und auch die Maschine – Jori wußte nun, dass es eine Maschine war, wenn auch nicht, woher – war nur für eine einzige Verwendung gebaut worden.

Noch während die Dunkelheit seiner wahren Gefühle um Jori herum heraufzog, hörte und fühlte er das scharfe Knacken seiner falschen, brechenden Rippen und den Aufschrei einer seiner Albae-Gefährten, dessen rechtes Schultergelenk nun in einem unnatürlichen Winkel nach unten hing. Bald würde, bald musste doch diese ekelhafte Vision vorbei sein…

Als der Junge am Feuer einfach umfiel, trat Pakaa’ke zwischen den Bäumen hervor.

Er sah sich an, woran der junge Panther gearbeitet hatte- offensichtlich ein Speer mit steinerner Spitze.

Er musste sich gut auskennen n der Wahl der richtigen Rohmaterialien – die Spitze war scharf behauen und nicht so groß, dass sie brechen oder die Gewichtsverteilung des Speeres zu stark beeinflussen konnte. Auch der Schaft war sorgfältig ausgewählt und nicht zu lang, so dass man damit sowohl werfen als auch stechen konnte.

Auf dem Feuer kochten, in einer intelligent angelegten Konstruktion, Birkenspähne, um den schwarzen Teerkleber herzustellen, der die beiden Werkstoffe zusammen mit einigen Sehnen und Fasern halten würde.

Man konnte nicht behaupten, dass der junge Panther dumm wäre – nur kannte sein Volk offensichtlich kein Metall und auch keine Maschinen. Und es glaubte an die Existenz von Baumgeistern in den tiefen Wäldern… und hatte diese offensichtlich noch niemals zuvor verlassen.

Pakaa’ke schüttelte den Kopf und zog Jori aus der unmittelbaren Gefahrenzone am Feuer. Würde der Junge dort liegenbleiben, hätte er in zwei, drei Stunden spätestens schlimme Verbrennungen, und wenn er sich, gefangen in seiner Vision, auch noch bewegte, konnte er gut sein, dass er mitten im Feuer lag und gar nicht mehr aufwachen würde.

Pakaa’ke konnte sich leichtere Tode vorstellen. Der Junge war schwer, aber er schaffte es, ihn in Sicherheit zu hieven.

Er legte ihm eine Decke um und wartete geduldig – ganz so, wie der Auftrag der Vogelältesten gelautet hatte.

Sie hatte geahnt, dass Jori der furchtbaren Macht der träumenden Quelle von Lebanis auch auf diese Entfernung nicht entgehen würde.

Pakaa’ke war fast ein wenig neidisch auf Jori. Kaum einer der jüngeren Vogelleute vermochte, den tiefschürfenden Gedanken und verwickelten Vorahnungen der Ältesten, Urrikka-tikka, irgendwie zu folgen. Aber Jori eiferte ihr nach, träumte ihre Träume und erlebte ihre Sorgen, teilte ihre Gedanken, ganz sicher.

Wäre Pakaa’ke an seiner Stelle gewesen, hätte er seine Fähigkeiten benutzt, um die Älteste zu schützen, wie es seine Aufgabe war in allen Dingen – aber was die Traumwelt anging, vermochte er es nicht, vermochte es keiner der anderen Albae.

Urrikka-tikka war die letzte Seherin der Albae, denn Lebanis war zerstört und verlassen. Niemand konnte mehr von der träumenden Quelle als Traumhüter gewählt werden.

Pakaa’ke bedauerte dies. Aber Lebanis war zerstört und verlassen, und sein Volk – genauso wie die anderen Vogelvölker – war bei weitem nicht mehr zahlreich genug, um – wie einstmals – die Welt zu umfliegen und zu beherrschen.

Es ist die Zeit der Vierbeiner, dachte Pakaa’ke. Die Zeit der Erdgebundenen ist mit diesem letzten Krieg angebrochen , und wir sind nur noch selten gesehene Schatten an fernen Himmeln….



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht5. August 2020 von ZuMe in Kategorie "Ada", "FvT

Schreibe einen Kommentar