August 5

21 Jori Gid’eron / Ada

Die Stille stand einige Minuten lang zwischen ihnen, weniger eine Barriere der Sprache als der vielen Dinge, die gesagt und besprochen werden mussten.

Jori wusste nicht genau, wo er anfangen sollte, und vermutete, dass es den Albae und ihrer Ältesten ganz ähnlich ging.

Schließlich durchbrach ausgerechnet Zu!qaxa die Stille, indem sie ein klapperndes Geräusch von sich gab. Jori riet es mehr am Duft als an der zugehörigen Geste – das Essen war fertig.

Eine Weile lang aßen sie schweigend, eine geräuschvolle, hastige Stille, in der zumindest Jori versuchte, mannhaft gegen seinen Bärenhunger anzukämpfen. Er hätte den wohlschmeckenden Brei ganz allein aufessen können, und von dem Fisch stopfte er sich hungrig große Stücke in den Mund.

Auch nachdem die Albae scheinbar gesättigt von ihren kleinen Portionen abließen schmatzte, schlürfte und kaute Jori hungrig, bis Trrajkja etwas bemerkte, das die anderen lachen ließ. Es ließ sich problemlos auch ohne Kenntnis der komplizierten Vogelsprache verstehen: Ganz offensichtlich fand sie das Loch in Joris Magen viel zu groß.

Jori wurde rot und sah zu Boden, konnte aber immer noch nicht aufhören zu essen. Es war, als sei sein Magen gerade eben erst aus dem monatelangen Schlaf erwacht.

Urrikka-tikka breitete die Hände weit aus, und das Lachen verstummte.

„Jäger der Ada, wir haben Dir unsere Namen gesagt. Wir haben viel zu besprechen. Wie sollen wir Dich nennen?“ fragte sie in Joris eigener Sprache.

Jori überlegte. Noch immer war er überzeugt, dass die Albae etwas Magisches an sich hatten, etwas, das trotz ihrer schwächlichen Statur mächtiger war als seine Wildheit und Körperkraft. Er würde vorsichtig bleiben und ihnen seinen wahren Namen nicht verraten. Zumal, wie ihm nachgerade einfiel, der Stamm ihm mit seiner Verbannung auch seinen Namen genommen hatte und er ihn eigentlich nicht mehr führen durfte. Damit konnte ihn eigentlich jeder verfluchen und verwünschen, denn der Schutz durch seinen wahren Namen war aufgehoben.

Trotzdem fühlte Jori sich immer noch wie Jori. Jetzt, wo sein Magen voll mit Fisch und Brei war, wunderte er sich darüber. Hätte er sich nicht.. nun.. tot fühlen müssen, mehr wie ein Geist? Stattdessen fühlte er sich satt und zufrieden, eigentlich rundherum gesund und wohl.

Aber ich war fast tot in diesem Winter…

„Ich bin Aylin von den Ada, dem Jaguarschlag,“ stellte er sich schließlich vor und dachte dabei an Ayle. Die männliche Form ihres Namens hatte er sich nun zum Pseudonym gewählt. Da niemand bei den Ada, niemand den er kannte, diesen Namen trug, konnte man schwerlich einem anderen damit etwas antun.

Urrikka-tikka übersetzte seine Worte für die anderen und nickte ihm ermutigend zu. Jori wusste nicht genau, was er nun sagen sollte.

„Weil mein Fell schwarz ist, hat man mich von den Ada verstoßen. Ich habe ihnen Unglück gebracht und schlechtes Wetter, Schnee und den Tod meines…. unseres Heilers, der nun bei den Großvaterbäumen weilt.“

Jori wollte es hinter sich bringen. Vielleicht würden sich die Albae von einem so gefährlichen Unglücksbringer abwenden wollen, aber er konnte nicht immer so tun, als sei er nur einfach so halb verhungert in die Ruinenstadt Lebanis gestolpert.

Statt Erschrecken und Vorsicht jedoch waren die Ausrufe der Albae nach der Übersetzung der Ältesten – soweit er sie deuten konnte – eher von Mitleid und Unverständnis geprägt. Aber Jori sah nicht hin – er hatte den Kopf gesenkt und erzählte weiter.

„Ich bin… habe keine Mutter. Man fand mich als Baby in einem Körbchen, das den großen Moth-Fluss hinuntertrieb. Der Stamm nahm mich auf und zog mich groß, doch woher ich kam, konnte man nie herausfinden. Daher glaubte man schnell, dass ich mit bösen Geistern im Bunde sei, als der Schnee kam.“

Jori schluckte. Wenn es so war, dann war es ihm nicht bewusst. Er hatte keinen Handel mit den Geistern abgeschlossen, hatte nicht um den Tod oder den strengen Winter gebeten, kein Opfer für die ruhelosen Toten dargebracht oder am falschen Ort Blut vergossen. Er wusste einfach nicht, wann und in welcher Weise er sich falsch verhalten hatte. Er wusste nur, dass er gründlich bestraft worden war, und dass er es nicht wieder gut machen konnte. Für die Ada war er tot, verloren. Für immer.

Erst jetzt, nachdem all die Gefahren und die bittere Kälte überstanden waren, kam ihm diese Erkenntnis überdeutlich zu Bewusstsein. Er konnte nicht mehr zurück. Und auch bei diesen Leuten zu bleiben, konnte ein Fehler sein. Wenn er wirklich solch ein Unglücksbringer war, dann hatte er bei den Albae nichts verloren.

Mutlos schüttelte er den Kopf.

„Ich kann jagen und fischen, wenn… wenn der Schnee geht. Ich werde euren Schaden für meine Fürsorge… und Fütterung… ersetzen und dann meinen Weg suchen. Schließlich müsst ihr weiter, nicht wahr?“

Urrika-tikka und die anderen sprachen einen Moment lang mit einander. Dann erhob die Älteste ihre Stimme.



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht5. August 2020 von ZuMe in Kategorie "Ada", "FvT

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