August 1

14 Jori Gid’eron / Ada

„Es ist… eine lange Geschichte. Dieser Ort-der-Schatten, wo einstmals Häuser waren, das war unser Ort. Mein Volk, die Albae, lebten hier lange Zeit. Unter diesem Ort liegt die Träumende Quelle… von der Du getrunken und in der Du gebadet hast.

In alten Zeiten war dies ein heiliger Ort, voll von Magie und Zauber. Wir… man kann mit dem Wasser der Träumenden Quelle in ferne Zeiten sehen und Orte schauen, die weit entfernt sind.

Unter den Albae gibt es nur wenige, die es wagen. Die Gefahr ist groß. Man kann in den Träumen versinken; die Schatten… sie ziehen einen hinab und man findet den Weg nicht mehr in die Welt, die Wach ist.

Es gab eine Kunst, die Träume zu lenken, einstmals… doch das ist lange her.“

Urrikka-tikka sah einen Moment lang sinnend in die Ferne, als sie der alten Zeiten gedachte, da Lebanis noch eine lebendige Stadt gewesen war.

Es war so lange her, dass sie die Erste Träumerin gewesen war… als man die Quelle noch heiligte und die Tagesgebete über sie sprach.

Niemand konnte wissen, was aus dem Traumwasser geworden war, nun, da es so lange verschüttet und unbeachtet im Dunkel, unter zerfallenden Ruinen gestanden hatte. Vermutlich war es genauso dunkel geworden… und brachte Reisenden wie diesem jungen Pantherkind nur Qual und Tod.

„Die Häuser waren weiß und die Dächer waren golden,“ unterbrach sie der junge Panther vor ihr. Mit einem Ruck sah die Älteste Albae auf, während ihre Begleiter zu tuscheln anfingen. „Woher weisst Du das, Kind?“ fragte sie Jori in seiner Sprache.

„Es… ich habe es in einem der Träume gesehen,“ sagte er. Er war wirklich noch sehr jung; Urrikka-tikka glaubte es in jeder seiner Bewegungen zu sehen, sogar in der Art, wie er sprach. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so jung gewesen zu sein. Dennoch; da er Lebanis in seiner Blüte gesehen hatte, teilten sie zumindest eine gemeinsame Erinnerung. Sie lächelte vorsichtig.

„So war es,“ bestätigte sie. „Wir hatten Angst, dass all Deine Träume dunkel sein würden, Kind,“ erzählte sie weiter, „denn das Wasser war lange allein. Es hat Dich weit fort geführt, glaube ich…?“

Jori nickte. Er hatte von Dingen geträumt, die er nicht – oder noch nicht – verstand; die seltsamen Träume hatten ihn zum Nachdenken über viele Dinge gebracht, die er zuvor gar nicht wahr genommen hatte.

„Warum habt ihr mich gefesselt? Warum habt ihr diesen Schlaf-Zauber über mich gebracht?“ fragte er. Es klang nicht mehr wütend, nicht wirklich. Nur trotzig.

„Wir… wir wussten nicht, wer Du bist und wie gefährlich Du bist, Kind,“ war die Antwort der alten Frau. „Wir dachten, das dunkle Wasser macht erst Deine Träume und dann auch Dein Herz dunkel.

Wer so lange allein ist wie dieses Wasser…. wird manchmal böse davon.“ Jori nickte zögernd; er selbst war ja in diesem Winter schrecklich einsam gewesen, und er wusste, dass es ihm beinahe das Herz gebrochen hatte.

„Außer dem Zauber, der im Wasser wohnt, haben wir keinen Zauber über Dich verhängt. Es ist nur so, dass die Macht des Wasser stark ist, und stärker wird, je näher an der Quelle man ist. Und mein Dasein scheint es auch zu verstärken, denn ich war einst die Erste Träumende der Quelle. Das Wasser kennt mich gut.“



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht1. August 2020 von ZuMe in Kategorie "Ada", "FvT

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