August 1

10 Jori Gid’eron / Ada

Insgesamt durchlebte Jori mehrere Tage, in denen er seinen Schlaf – und seine Träume – kaum kontrollieren konnte. Einmal fielen ihm sogar während des Essens die Augen zu, so dass er mit dem Gesicht vornüber in seine Mahlzeit sank. Er hatte das Gefühl, ebenso viel Schlaf zu benötigen wie ein neugeborenes Kind – kaum hatte er am Morgen die Augen geöffnet, als ihm die Lider schon wieder schwer wurden, und nach einigen Sekunden, wie er es empfand, berührte ihr zum Himmel offenes Lager bereits die sinkende Sonne. Seine Träume waren durchsetzt von merkwürdigen Visionen; viele beängstigend und unverständlich für ihn, andere wunderschön und so prächtig anzusehen wie der bunte Federschmuck, den die Qetzel an den Markttagen angeboten hatten.

Immer wieder sah Jori seine Familie, Vanta und Memi und Tarri, seine kleine Stiefschwester und Ule und Vaidi, seine Stiefbrüder. Es schien ihnen allesamt nicht gut zu gehen. Jori sah viele Tränen, doch wenn er diese seltsamen Träume hatte, dann war es immer so, als sei ein Fremder der Beobachter all dieser Szenen und erzähle sie Jori nur. Seine Gefühle blieben in seinem schlafenden Körper gefangen, während sein träumender Geist mit den Visionen zum Herz des Wilden Waldes flog.

Erst wenn er wieder erwachte, konnte er anfangen, das, was er gesehen hatte, auch zu verstehen und mit seinem Herzen zu erfassen. Dann fragte er sich stets, ob er denn überhaupt die Wahrheit gesehen hatte oder nur ein Was-wäre-wenn, ein Gedankenspiel irgendeines unbegreiflichen, unsichtbaren und übergroßen Wesens, das Joris Geist ganz nach seinem Belieben von seinem Körper trennte und in die Luft warf, wie andere Kinder ein Spielzeug hinauf werfen und es anschließend zu fangen versuchen.

Es frustrierte Jori mehr und mehr, dass er sich mit den Vogelwesen, die ihn gefangen hielten, nicht verständigen konnte. Mehrfach forderte er, seine Fesseln zu lösen, und seine eindringlichen Gesten und Lautmalereien schienen die Fremden auch zu verstehen – doch bevor sie sich ihm auch nur so weit nähern konnten, dass Jori seine Gesten hätte wiederholen können, schlief er wieder ein und versank in tiefe, traumlose Schwärze.

Als dieses merkwürdige Leiden endlich besser wurde, hatte Jori das Zählen der Tage aufgegeben. Er hatte keine Ahnung, wie viele Tage er zur Gänze verschlafen hatte; er wusste nur, dass er endlich, endlich lang genug wach bleiben konnte, um so viel zu essen wie sein Magen nur aufnehmen konnte. Und selbst nach dieser großen Mahlzeit blieb er fast eine ganze Stunde lang wach. Stolz sah er sich um, um von den Vogelwesen eine Bestätigung für die Besserung seines Zustands einzufordern – doch dann genügte ein schlichter Blick von einem der drei Männer, und Jori versank erneut in einen tiefen Schlaf, der ihm einen Traum von der goldenen Stadt einbrachte, in deren Ruinen er sich offensichtlich befand.

Wenige Tage später näherte sich ihm Urrikka-tikka erneut, die Stirn in besorgte Falten gelegt. Sie hockte sich vor ihm hin, und Jori spürte eine neue Welle von Schlaf in sich aufsteigen. Tapfer kämpfte er darum, die Augen offen zu halten.

„Wir ändern Fesseln, Kind.“ sagte sie zu ihm, seine Sprache überdeutlich betonend. Ihre langsame, vorsichtige Sprechweise schien nicht allein von der Unsicherheit der Fremdsprache zu kommen, sondern gehörte offensichtlich auch zu ihren üblichen Angewohnheiten.

„Du mit kommst uns, wir laufen. Dann wird besser, ohne Schlaf. Ist Teich – unter uns zieht. Und unsere… Vorangegangenheit.“

Sie nickte ruckartig, wie um ihre Worte zu unterstreichen.

Joris ganze Antwort bestand darin, dass er die Augen schloss – er hatte den Kampf gegen die seltsamen Träume wieder einmal verloren.

Immerhin waren die Worte der Vogelältesten nicht umsonst gewesen; Jori hatte sie gehört und versuchte, sie zu verstehen. Sie schenkten ihm eine Traumvision, in der er dem dunklen warmen Wasser unter dem Turm bis in unbekannte, schwärzeste Tiefen folgte, zu einer verborgenen feurigen Quelle im schwarzen Gestein. So tief hinab zog ihn sein Traum, dass Jori das Gefühl hatte, langsam von der schieren Masse an Stein über ihm zerquetscht und von Wasser, das seit Jahrhunderten unbewegt an der immer gleichen Stelle verharrte, erdrückt zu werden.

Und ganz am Ende dieses tiefen, dunklen Teiches wartete … ein Auge; ein strahlendes, katzenschlitziges Auge, doch nicht wie sein eigenes in grün und in gelb, sondern schimmernd wie flüssiges Gold…



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht1. August 2020 von ZuMe in Kategorie "Ada", "FvT

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