Juli 22

8 Jori Gid’eron / Ada

Erst nach einer Weile bemerkte Jori, dass die fünf Fremden sich mit einander unterhielten. Das lag daran, dass ihre Sprache Jori absolut fremdartig vorkam, ein Klicken und Scharren und Kieken, dass er eher den Vögeln am offenen Abendhimmel, hoch oben über dieser zerbrochenen Eierschale von einem Turm, zugeordnet hätte als irgendwelchen vernunftbegabten Wesen.
Als er versuchte, diese merkwürdige Sprache zu verstehen, begriff er ganz
allmählich, dass die Fremden mit einander debattierten. Ihre Gesichter waren ruhig und gelassen, aber ihre Gesten waren schnell und ruckartig, so als bahne sich ein Streit zwischen den Fünfen an. Einer von ihnen sah zu Jori hin und bemerkte seinen wachen Blick. Ein einziges „!Xirr“ von ihm beendete die gesamte Diskussion, und alle Fünf blickten auf Jori herab.
Der bleckte die Reißzähne. Er hatte seine Fesseln noch nicht auf ihre Festigkeit hin erprobt, aber er hatte den Verdacht, das diese schwachen, dürren Vogelwesen seine Stärke vielleicht gar nicht richtig einschätzen konnten.
Vermutlich würde seine Kraft – und Schnelligkeit – der entscheidende Vorteil sein, um seinen Findern zu entkommen. Warum sie ihn überhaupt gefesselt hatten, fragte er sich kein einziges Mal – wäre er umgekehrt in derselben Situation gewesen, hätte er einen möglichen Feind auch lieber gefesselt erwachen lassen als frei.
Von der Fünfergruppe löste sich eine der Frauen; Jori schätzte, dass es die
älteste der Schar sein musste. Sie näherte sich vorsichtig dem unbequem
hingestreckten Jori, ihre Hand tastete nach seiner Stirn.
Reflexartig knurrte Jori, fauchte die Fremde an, die ihn gefesselt hatte. Doch sie murmelte nur etwas, das klang wie das Knarren eines alten Baumes, und dann spürte er ihre kühle Hand an seiner Wange. Sie hob sein Gesicht zu ihr auf und sah ihm lange und tief in die Augen. Ihr schwarzer Blick schien tief in Joris Innerstes zu sehen, fragte ihn nach dem Woher und Wohin und vor allem nach dem Warum.

Es war ein trauriges, altes Gesicht, das von großer Mühe genauso wie von
großer Würde gezeichnet schien. Jori fühlte sich plötzlich nackt, unbehaglich – durchschaut. Er zerrte an seinen Fesseln, doch sie hielten.
Die Frau schüttelte sanft den Kopf, dann… dann, Jori fasste es kaum – kniete sie sich direkt neben seinem Kopf nieder und legte ihn sich auf den Schoß, wie man es vielleicht bei einem kleinen Kind macht. Sanft streichelte sie ihm durch die langen schwarzen Haare und über die spitzen Ohren und begann, in ihrer seltsamen Sprache zu singen. Jori machte sich steif und spannte die Muskeln unter den Fesseln. Was hatten sie vor?
Sie winkte mit einer Hand, und einer der anderen brachte von dem Fisch, der am Feuer zum Wärmen gelegen hatte, und von den Früchten und der
seltsamen, halbfesten Speise, die für Jori so gut gerochen hatte.
Wie bei einem Kleinkind begann die Frau, auf deren Schoß Jori liegen musste, ihn mit Brocken von diesem und jenem zu füttern. Da erst merkte Jori, wie ausgehungert er war. Er wusste, dass er, der strapaziösen Reise wegen, dem Tode nahe gewesen war, doch hatte er eher ein Erfrieren als ein Verhungern erwartet. Dennoch, diese wenigen Brocken Essen schon machten ihm klar, wie lange er ohne Proviant unterwegs gewesen war und wie entkräftet sein Körper wirklich war.
Er schlang das Essen hinunter, so gut er es in seiner derzeitigen, absurden Situation konnte, und alles schmeckte ihm so vorzüglich, ja märchenhaft gut, dass er beinahe glaubte, er sei nun ganz und gar in einen verrückten Traum versunken.
Und während der ganzen Zeit fuhr die Frau fort, zu streicheln und zu singen.
Obwohl Jori zwischen den ersten paar Dutzend Bissen noch Zeit gefunden
hatte, zu knurren und auch überlegt hatte, der Vogelfrau die Hand oder am
besten den ganzen Arm abzubeißen, fand er sich schnell von Lied, Wärme und Nahrung dermaßen eingelullt, dass er nichts weiter tun konnte, als liegend zu kauen, das wundervoll warme Essen in seinem Magen und die liebkosende Hand auf seinem Kopf zu genießen.
Es dauerte keine zehn Minuten, bis sein schmaler Hungermagen so voll
gestopft war, wie er es irgend wagen konnte – und bis er wieder eingeschlafen war.



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht22. Juli 2020 von ZuMe in Kategorie "Ada", "FvT

Schreibe einen Kommentar