Juli 14

7 Tjani / Koowu

Tjani erwachte erst, als der Mond ihr durch eine Lücke in den Kiefernadeln direkt ins Gesicht schien, bestimmt war es schon die Zeit der zweiten Wache. Seufzend erhob sie sich, schüttelte die Federn zurecht und drehte eine neue Orientierungsrunde. Der Ort, den man ihr als Heimat des Libellenschlages bezeichnet hatte, war nicht mehr weit entfernt; Tjani konnte ihn mit anderthalb bis zwei Flugstunden erreichen. Sie nahm sich die Zeit, noch etwas von ihrem Proviant zu frühstücken, bevor sie die östliche Flugrichtung fortsetzte.

Sie flog jetzt langsamer und dachte über ihren Auftrag nach. Die Schwierigkeit begann ja schon damit, das Heim des Libellenschlags überhaupt zu finden. Tjani, als Kind des Großen Baumes, hatte natürlich selbstverständlich damit gerechnet, dass der Libellenschlag einen eigenen großen Baum hatte, dass er genauso beleuchtet und bewacht wäre.

Siedendheiss fiel Tjani ein, dass sie Walja-lu nicht gefragt hatte, wie sie das Heim des Libellenschlags überhaupt erkennen sollte. Sie hatte sich den Ort auf der Karte angesehen und gewusst, dass sie dorthin fliegen konnte – und über mehr hatte sie nicht nachgedacht. Tjani ärgerte sich über sich selbst. Jetzt, wo ein Zurückfliegen ganz und gar nicht mehr in Frage kommen würde – jetzt erst fing ihr Kopf an, zu arbeiten! Das war mal wieder typisch. Tjani erging sich noch eine Weile in Vorwürfen gegen sich selbst, aber es half alles nichts. Sie hatte das Tal erreicht, das ihr als Heimat des Libellenschlags gewiesen worden war – und sie hatte keine Ahnung, was jetzt zu tun war.

Es war die vierte Wache, die Sonne würde bald aufgehen. Einfluglampen wie am Großen Baum waren weit und breit keine zu sehen. Überhaupt gab es hier keine großen Buchen oder Eichen wie in Tjanis Heimat, sondern nur ein paar dünne Fichten und Tannen, die sich schräg an die Hänge schmiegten, denn die Berge waren schon sehr nah gekommen. Reichlich Schnee deckte hier alles zu, auch den lanzenschmalen Teich am tiefsten Punkt des Tales, aus dem ein kleiner, vereister Bach entsprang.

Tjani lauschte, doch außer dem Zwitschern der allerersten Tagvögel war hier nur der Wind zu vernehmen, der eisige Luft von den Bergen herunterblies. Tjani zog ihr Gewand enger um den schmalen Körper. Niemand hatte ihr gesagt, dass es hier so… kalt und einsam sein würde! Wie sollte sie die Libellen jetzt nur finden?

Eigentlich hatte sie ihren Auftrag in einer sehr guten Zeit erfüllt – und praktisch drohte er jetzt an solch einer dummen Kleinigkeit zu scheitern! Tjani flog ein um die andere Runde durch das schmale Tal und suchte besorgt die Bäume ab, doch sie fand – nichts. Gar nichts. Wunderbar.

Wenn sie schließlich zurückfliegen müsste, könnte sie eine wilde Geschichte davon erzählen, dass die Libellen alle ausgestorben seien – ob man ihr so etwas glauben würde?

Tjani schüttelte den Kopf. So schnell würde sie nicht aufgeben. Erst einmal war es Zeit, zu schlafen. Sie suchte sich eine halbwegs brauchbare Erle als Schlafplatz aus und kauerte sich zusammen. Es war schwer, Schlaf zu finden, während Tjani vorwurfsvolle Gedanken über ihre Versäumnisse wälzte und die Tagvögel scheinbar noch viel mehr Lärm veranstalteten als sonst. Erst nach einiger Zeit kam sie dahinter, dass die schneeigen Gipfel den Lärm zurückwarfen und verstärkten; doch das half ihr auch nicht, ihre Ohren zu verschließen.

Was würde nun werden?



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht14. Juli 2020 von ZuMe in Kategorie "FvT", "Koowu

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