Juli 14

5 Jori Gid’eron / Ada

Endlich endete die bedrückende Vision seiner Vergangenheit am Rande des großen Waldes, dort, wo Jori eines frühen Morgens die weißen Nebelschlieren auf den feuchten Wiesen staunend betrachtet hatte.

Die Ada des Jaguarschlags glaubten, der Wilde Wald sei unendlich groß, gemacht für alles Lebendige, und darum herum sei – wenn überhaupt etwas – dann eine tote, öde, leere Welt, in der nichts existieren konnte. Aber der Wald war endlich, hier, an einem kleinen, namenlosen See, der frisches, eiskaltes Trinkwasser spendete. Der große, behäbige Moth-Fluss war hier noch nicht mehr als ein Bächlein, versteckt in den Wiesen.

Jori hatte den See umrundet und sich auf sonderbare Weise nackt – viel zu gut sichtbar – gefühlt, als er zum allerersten Mal in seinem Leben den Schutz des Waldes verließ und über das taufeuchte Gras geschritten war.

Auf der dem Wald gegenüberliegenden Seite des namenlosen Sees lag die Ruinenstadt im feuchten Nebel verborgen, nur hier und da ragte ein eingefallener Turm oder ein dunkel gähnendes Tor aus dem schützenden Schleier.

Jori hatte noch nie eine Stadt aus Stein, am Boden gebaut, gesehen, und er witterte aufgeregt. Aber außer den bekannten, beruhigenden Gerüchen des Sees und des Waldes konnte er nichts feststellen, dass ihm als Gefahr erschienen wäre.

Entkräftet, wie er war, näherte er sich der Stadt in der Hoffnung, irgendwo irgendetwas zu essen zu finden und vielleicht ein wenig Schutz und Wärme, und sei es auch nur für eine kleine Weile.

Den Kopf in alle Richtungen drehend hatte er die geräumigen, mit weißem, bröckelnden Putz getünchten Gebäude bestaunt, die viel viel mehr Menschen Platz zu bieten schienen als es – seiner Meinung nach – auf der ganzen Welt überhaupt geben konnte. So war er in den verfallenen Turm in der Mitte der Stadt geraten, angezogen von dem Dunkel hinter einer vom Efeu eingerahmten Türöffnung.

Die Wärme der heißen Quelle, ganz unten in diesem Gebäude, hatte er als leisen, liebkosenden Lufthauch am Eingang erspürt, und so war er hier auf der glitschigen, verfallenden Wendeltreppe gelandet.

Jori sah sich selbst, seinen eigenen Körper, so, als würde er knapp unter der steinernen Decke schweben. Zu seinem Erstaunen hing der kräftige Jaguarleib schlaff herab, sein Kopf ruhte auf seinem Arm, die schlitzförmigen Nasenlöcher nur noch knapp über der Wasseroberfläche. Du träumst mit offenen Augen…



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht14. Juli 2020 von ZuMe in Kategorie "Ada", "FvT

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