Juli 14

26 Anan-Re / Jadeira

Alle 22 Kinder und Halbwüchsige waren schon mindestens einen Tag tot, rissige Augen starrten ins Nichts, Bäuche hatten sich aufgebläht einige Leichen waren von den Geiern und Hyänen bereits angefressen worden.

Qechi hatte die Kinder wohl in einer Reihe antreten lassen und war dann systematisch von den ältesten zu den jüngsten getreten, um sei einen nach dem anderen zu ermorden. Bei den jüngeren stimmte die Reihe nicht mehr, vermutlich hatten sie versucht, davon zu laufen, als sie verstanden, was da vor sich ging. Doch gegen den erfahrenen Jäger – den erfahrenen Mörder, sagte sich Anan, hatten sie keine Chance gehabt. Kimar war als einer der ersten gestorben. Anan glaubte, immer noch den Ausdruck naiver Überraschung auf seinem totenblassen Gesicht erkennen zu können. Die kleinsten Kinder hatten den schwersten Tod gehabt, da Qechi sie im Davonrennen niedergemacht hatte, so wie sich die Chance gerade bot. Anan sah ein Kind, dessen Kopf einmal ganz herum gedreht war, ein zweites, dass Qechi offenbar mit bloßen Klauen zerfetzt hatte, und das allerkleinste, Deras kleiner Sohn Tiwi, war von seinem grausamen Speer mitten im Lauf regelrecht an den Boden genagelt worden.

Anan zog unwillkürlich ihr Faytwa. Sie würde diesen feigen Mörder verfolgen und töten, selbst wenn das hieß, zurück zum Jägerlager der Jadeira zu gehen und dort für ihre bereits vorhandene Blutschuld hingerichtet zu werden.

Da bemerkte Anan aus dem Augenwinkel eine Bewegung – dort, in der Nähe des einzelnen toten Baumes, der das am weitesten entfernte Ende der Seitenschlucht markierte.

Den Dolch noch in der Hand, ein zorniges Knurren auf den Lippen, rannte sie dorthin. Ihre Wut hatte all die Schwäche aus ihrem Körper gebrannt – in diesem Moment hätte sie Qechi mit einem Zahnstocher erdolchen oder mit bloßen Händen erwürgen können, doch auf dem Weg zu dem Baum bemerkte sie zweierlei:
Erstens: Wer immer sich da am Baum bewegte, war eindeutig eine Frau.
Und zweitens: An Qechi war bereits Rache genommen worden – er lag mit einem langen Jagdspeer in der Brust keine fünf Meter vor dem Baum im Gras. Seine Hände und Pfoten waren gebrochen, seine Augen ausgestochen und seine Ohren abgeschnitten worden – die schlimmste Strafe, die man einem Toten noch antun konnte, in der Hoffnung, dass sein Geist dieselben Verkrüppelungen ins Nachleben mitnahm. Sein Bauch war monströs aufgeschwollen und jede freie, blutige Stelle bedeckten dicke, träge Fliegen; Anan erkannte ihn vor allem deswegen als das siebte Mitglied von Trakras Jagdgruppe, weil sie an seiner Kleidung und Ausrüstung ausschließen konnte, dass es jemand von den Jadeira war.

An dem Baum dahinter rutschte Dera gerade in eine liegende Position zurück; offensichtlich hatte sie Anan erkannt und versucht, sich aufzurichten.

Tiwis Mutter war leichenblass und zitterte unablässig, aber sie lächelte Anan zu.

Vorsichtig, den Dolch noch immer griffbereit, näherte sich Anan. Als sie vor Dera zum Stehen kam, wurde ihr aber schlagartig an einem einzigen Blick in ihre Augen klar, was geschehen war.

Dera war in Sorge um ihren Sohn einen Tag vor Anan hier hergeeilt, nur um dieses blutige Massaker vorzufinden. Sie hatte Qechi zum Kampf gestellt und ihn besiegt – ihr Jagdspeer steckte in seiner Brust. Aber Qechi hatte sie tödlich verwundet; Deras Bauchdecke war aufgeschlitzt und fing soeben, wo sie sich keuchend zurücksinken ließ, wieder an zu bluten. Fliegen bedeckten auch sie und ließen sich nicht ganz verscheuchen.

Ihre Lippen waren aufgesprungen und ihre Augen fiebrig, als sie Anans Blick suchte. „Ist… ist er tot?“ fragte sie leise. Anan nickte. „Trakra und Isam liegen tot in Taitas Zelt. Den anderen habe ich die Mähne genommen. Und Qechi… ist sehr, sehr tot, ja.“ Sie nickte anerkennend in Deras Richtung.

„Ich habe Kräuter dabei. Ich werde Deine Wunde reinigen und nähen, ja, Dera?“ fragte sie, während sie sich niederkniete und ihr Wasser aus ihrem Schlauch zu trinken gab. Dera trank durstig und schauderte dann zusammen, als sei das Wasser eiskalt. Sie schüttelte den Kopf. „Ich… habe die Wunde nicht ansehen können, aber.. sie ist groß. Ich habe Fieber… und.. ich habe hier nichts mehr, was mich hält. Tiwi… ich… Anan, ich möchte Dich darum bitten, mich zu ihm zu schicken. Ich liege hier schon einen Tag und eine Nacht und muss mir all diese Leichen ansehen… ich.. kann nicht… ich will nicht mehr. Bitte, mach dem ein Ende.“

Anan senkte die Augenlider. Sie hatte die Wunde gesehen und musste Dera Recht geben – es gab keine Chance auf eine Genesung, zumal nicht in dieser sumpfigen Schlucht mit 22 weiteren Leichen daneben, die die bösen Geister von Krankheiten anziehen würden, ohne Verbandmaterial, ohne Heiler. Dera würde sich noch zwei, vielleicht drei Tage quälen, während die ersten Maden ihr Fleisch zerfraßen, und dann doch sterben. Sie zog ihren Dolch; mit der anderen fasste sie nach Deras Hand.

„Bist Du Dir sicher, Dera?“ fragte sie mit bebender Stimme.

„Aye,“ hustete diese.

„Dann geh in Frieden,“ erwiderte Anan und strich ihr sanft die blutigen Haare aus der Stirn.

„Geister, nehmt die Seele von Dera, vierfach gesegnete Mutter, aufrechte und ehrenwerte Jägerin.
Sie stirbt tapfer, nachdem sie die Blutrache an einem feigen Kindsmörder vollzogen hat, dessen Name es nicht wert ist, jemals wieder genannt zu werden,“ flüsterte sie. Dera nickte, während ihr eine Träne über die Wange lief. Sie hielt sich zitternd an Anan fest, um eine halbwegs aufrechte Position einnehmen zu können.

In der dicken, zähflüssigen Stille brummten hunderttausend Fliegen.

Leicht, ganz leicht drang Anans Faytwa in Deras Hals ein, hinterließ eine blutige Spur und nahm das Leben der älteren Frau. Anan wich nicht zurück, obwohl Deras Blut ihre Hände überströmte, und wartete, bis Deras Augen brachen. Dann schnitt sie ihr die Brust auf und entnahm das Herz, ließ den Seelenwind entweichen und sprach die nötigen Worte, um sie sicher ins Nachleben zu geleiten.

Blutbesudelt und mit steifen, hölzernen Bewegungen machte sich Anan anschließend daran, auch die Seelen der Kinder zu befreien. All ihre kleinen Herzen legte sie zu Deras großem, in den Schatten der gelben Felswand. Dann häufte sie eine Menge Steine darüber, damit sie nicht von Geiern und Hyänen gefressen werden konnten.

Qechis Leichnahm ließ sie unangetastet dort liegen, wo er war. Der Mörder ihres geliebten Kimar sollte in das Nachleben ruhig als blinder Krüppel eingehen, und seine Seele sollte so lange wie möglich in dem aufgedunsenen, verwesenden Körper gefangen sitzen. Wenn dieser Seitenarm der Wasserfall-Oase von nun an von seinem bösen Geist heimgesucht werden würde, nun, dann sollte das eben so sein.

Anan plante nicht, je noch einmal hier hin zu gehen.



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht14. Juli 2020 von ZuMe in Kategorie "FvT", "Jadeira

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