Juli 14

24 Anan-Re / Jadeira

Natürlich war an Schlaf nicht wirklich zu denken, aber Anan schloss tapfer nach jedem Alptraum und jedem alarmierenden Geräusch erneut die Augen und kämpfte sich wieder zurück in die süße Dunkelheit.

Von den brutalen Vergewaltigungen und den Demütigungen der neuen Männer der Jadeira würde sie sich nicht bezwingen lassen. Niemals, das hatte sie beschlossen.

In den frühen Morgenstunden hörte sie oben am Brunnenrand viele Stimmen, durch den Stein gebrochen und unkenntlich gemacht. Wie ein kleines Sandkätzchen kauerte sich Anan zusammen und versuchte, möglichst kein Geräusch zu verursachen.

Der Eimer wurde hochgezogen, und Anan folgte dem Lederriemen, den sie daran gebunden hatte, furchtsam mit den Augen. Wenn sie den Eimer oben feststeckten, saß Anan hier unten in der Falle.

Deswegen hatte sie an den Riemen gedacht, um entweder daran emporzuklettern – obwohl ihr das jetzt, von unten betrachtet, beinahe unmöglich schien – oder, um den Eimer und das starke Seil daran wieder herunter zu ziehen, wenn das denn möglich war.

Es war das beste, was Anan auf die Schnelle eingefallen war.

Jetzt konnte sie nur hoffen, dass ihr Plan gelingen würde.

Der Eimer kam nach einiger Zeit wieder herunter und die Stimmen verstummten. Anan rührte sich nicht. Sie beobachtete, wie das Sonnenlicht langsam seinen täglichen Kreis über dem steinernen Brunnenrand vollzog. Wartete, streckte die steif werdenden Muskeln und nahm ein weiteres, sehr leises Bad.

Ihre Notdurft hinterließ sie auf einer Ecke des Sims‘, denn das Brunnenwasser wollte sie nicht verunreinigen; es musste neben den anderen Jadera ja vielleicht auch ihr noch einige Tage als Wasser- und Nahrungsquelle reichen.

Als es schließlich doch, nach einem langen, langweiligen Tag endlich dämmerte und die Hirtinnen das Abendwasser für das Vieh geholt hatten, machte sich Anan an den Aufstieg. Sie brauchte drei oder vier Versuche und sie fiel einmal sehr unglücklich und nicht gerade leise auf einen vorspringenden Stein, was ihr ein schmerzhaftes Aufheulen entlockte und einen der Speere zerbrach; aber dann hatte sie es geschafft und konnte über den oberen Brunnenrand klettern.

Obwohl ihr nach der Düsternis der Brunnenkaverne die Augen vor Helligkeit stachen, war es doch schon später, als sie gedacht hatte. Am Himmel blinkten all die mächtigen, vertrauten Sterne, und die Dattelpalmen raschelten im sanften Wind.

Ein Antilopen-Pärchen nahm reißaus, als sie mühsam über die Brüstung kletterte, und das war für Anan ein sehr gutes Zeichen; bedeutete es doch, dass seit Stunden niemand von den Jadeira mehr hier gewesen sein und seine Witterung hinterlassen haben konnte.

Anan wusste, dass sie im Brunnenschacht und jetzt auf den raschelnden Dattelpalmwedeln zu viele deutliche Spuren hinterlassen würde, als dass sich je ein guter Fährtenleser über ihre Absicht und Richtung täuschen lassen könnte. Also wandte sie sich nach Osten, weg von der untergehenden Sonne und trottete in einem ruhigen Jägerlauf los. Als es ganz dunkel wurde, fing sie an, einen langsam Bogen in Richtung des Habichts zu schlagen, dessen Sternbild deutlich erkennbar am Himmel stand.

Der helle Stern der Prophezeiung, von der ihr Großvater Maror gesprochen hatte, bildete das Auge des Habichts, und nach ein paar Stunden lief Anan schließlich genau darauf zu.

Großvater ist tot, dachte sie. Vater ist tot, Mutter auch. Und ich bin qui’lo, Ausgestoßene und Clanlose.

Und das alles ist mir egal – wenn ich nur Kimar retten kann.



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht14. Juli 2020 von ZuMe in Kategorie "FvT", "Jadeira

Schreibe einen Kommentar