Juli 14

23 Anan-Re / Jadeira

Sie weinte um ihren Vater und Großvater, um die Ratsältesten, die ihr vertraut waren wie Familienmitglieder, um Kimar und alle Jungen der Jadeira. Aber nach und nach formten sich kalte, harte Gedanken in ihrem Innern, die sie nicht einfach wegschieben konnte.

Ja, sie war qui’lo, und sie war es zu recht: Sie hatte den Kowa‘ und seinen Berater ermordet. Jede andere Jagdgruppe, ganz gleich, ob sie hier aus dem Norden oder wie Trakra aus dem tiefen, heißen Süden käme, würde dasselbe Urteil fällen: Anan hatte nicht darüber zu richten, ob der Kampf der leeren Hand richtig geführt worden war. Wenn der Stamm den neuen Kowa‘ anerkannt hatte, so war das auch von der Tochter des alten Kowa‘ zu akzeptieren.

Ja, der Mord an den Beratern ihres Vaters war unnötig und grausam gewesen, das mochte auch ein Fremder anrechnen – allerdings war es durchaus im Rahmen der Entscheidungsgewalt eines Kowa‘, wenn die Alten zum Beispiel Unruhe verursachten oder zuviel Nahrung und Privilegien forderten.

Und die Jungen? Wenn Anan recht hatte, waren sie alle in Lebensgefahr und vielleicht auch schon tot. Ihr Geliebter mit den langen Locken und dem weißen, zärtlichen Lächeln… Anan konnte den Gedanken nicht loslassen. Aber sie konnte unmöglich sofort dorthin aufbrechen, denn die Wüste war gnadenlos. Einen ganzen Tag Marsch in ihrem Zustand würde Fieber bedeuten, und wenn sie den Weg verlor, war sie so gut wie tot.

Und um ihre Misere perfekt zu machen, würde man sie äußerst gründlich suchen und gefangen nehmen wollen – wenn man sie nicht gleich an Ort und Stelle tötete und in den Sand warf.

Es ist verrückt, dachte Anan. Wenn sie wirklich alle männlichen Nachkommen ermorden, hat der ganze Jadeira Stamm nur noch fünf Männer – eben die fremden Jäger, die eben jetzt im Zelt lagen und den tiefen Traumnuß-Schlaf schliefen…

So hat Trakra gedacht, wurde ihr klar. Es sieht seine Stammesfrauen als Besitz, als Beute. Deswegen schaltete er alle aus, die ihm seinen Besitz streitig machen könnten. Kinder musste man säugen, kleiden und erziehen, und die, die schon da waren, wären niemals sein vollständiger Besitz.

Kein Wunder, dass er Anan nicht als Jägerin anerkennen konnte. Frauen haben…angepflockt zu werden, so wie Vieh.

Aus Anans wunder Kehle löste sich ein tiefes Grollen vor lauter Abscheu.

Sie schüttelte sich, trank von dem Wasser und wusch sich, so gut es ging, das Blut und den Schmerz von den Hinterbeinen. Dann rollte sie sich auf dem sandigen Sims zusammen, um die Augen zu schließen.



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht14. Juli 2020 von ZuMe in Kategorie "FvT", "Jadeira

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