Juli 14

10 Tjani / Koowu

Doch an diesem Tag schlief sie nicht gut. Tjani kannte das schon – wenn sie absichtlich wach blieb, konnte ihr Körper keinen Rhythmus mehr finden.

Sie wechselte zwischen Wachen, Schlafen und Träumen, bis sie das Gefühl hatte, sie warte auf etwas, ohne zu wissen, was es war. Schließlich gab sie auf, obwohl die Sonne noch hoch am Himmel stand. Irgendwann später würde die Müdigkeit über sie hereinbrechen, das wusste sie – aber ändern konnte sie daran nichts.

Ihr Körper war schon immer stark und stur gewesen, und auch, wenn dies Eigenschaften waren, die bei den Koowu als für Frauen unpassend und hinderlich angesehen wurden, war sie ein ganz klein wenig stolz darauf.

Der vierte Tag ihrer Suche in diesem Tal begann. Tjani blinzelte in die schrägen Sonnenstrahlen; es war heute vergleichsweise warm gewesen und der Schnee schmolz in zahlreichen, murmelnden Rinnsalen und dicken, eiskalten Tropfen von Grösern und Bäumen.

Tjani überlegte, ob sie überhaupt ein einziges Insekt gehört oder gesehen hatte, seit sie hier war.

Vielleicht war es für die Libellen gar nicht möglich gewesen, hier zu überleben, und sie hatten den Ort verlassen?

Vielleicht – was, wenn es nicht mehr möglich war, überhaupt noch etwas herauszufinden?

Ich fliege nicht zurück.

Ich kann alleine leben und jagen. Sollen sie mir doch gestohlen bleiben in ihrem großen Baum.

Werden sie Dir nicht fehlen?

Was, diese Heuchler und Schleimer? Nein. Allein bin ich stark. Stärker als sie.

Aber nicht stärker als sie alle zusammen.

Nein.. aber das muss ich auch nicht sein. Was bringt es, das Zusammenleben im Großen Baum? Wohin führt es? Sind sie glücklicher zusammen? Nicht wirklich. Sie haben mehr zu essen. Und mehr Pflichten, mehr Regeln. Mehr – einen ganzen Wust an ungeschriebenen Gesetzen, vorgefertigten Verhaltensweisen und verborgenen Möglichkeiten, einander weh zu tun. Allein sein heißt frei sein. Sie werden mich nicht einmal suchen.

Ja. Aber es heißt auch – allein sein.

Tjani diskutierte noch lange mit sich selbst, während sie Feuerholz und Zunder holte. Die Stelle am Teich, wo das Schilfrohr gebrochen war, erwies sich als gute Quelle für Zündmaterial, und Tjani nahm reichlich davon, denn zumindest, bis sie gar keine andere Möglichkeit mehr sah, wollte sie hier bleiben. Das Bergtal war ein schöner, stiller Ort, der eine feierliche Eigenart und Majestät besaß, die sie als sehr erholsam empfand.

Ich könnte hier leben.

„Sedusha!“ meldete sich eine kleine Stimme. „Eindringlingsalarm!“

Tjani sah sich um, konnte aber nichts und niemanden entdecken.

„Eindringling! Alarm!“ ertönte das Stimmchen erneut. Tjani ließ das Schilf fallen. In dem frisch aufgewühlten Bruch saß eine Libelle, unbeweglich. Nur ihre durchsichtigen Flügel glitzerten in der Sonne. Tjani nahm sich einen Moment, um zur Besinnung zu kommen, während der Sturm aus Überraschung und Freude über ihren Erfolg in ihr tobte.

Ich habe sie gefunden! Das ist sie bestimmt!

Sie beäugte das kleine, handgroße Wesen neugierig, während sie gegen die sinkende Sonne anblinzelte.

Gesicht und Oberkörper waren menschlich, doch von der Taille an abwärts sah das Wesen wie ein Insekt aus – schillernd blauer Chitinpanzer verhüllte die Hüften und lief in einen langen, nach hinten gestreckten Rumpf mit vier Beinen aus. Am Rücken zog sich der Panzer bis zu den Flügeln hoch. Die mächtigen Rückenmuskeln, die sie bewegten, ließen es fast ein wenig so aussehen, als habe das Wesen einen Buckel.

Doch die langen schwarzen Haare, die schräg stehenden, strahlend blauen Augen und die spitzen Ohren erzeugten in Tjani fast sofort ein unschickliches Gefühl des Neids.

Sie ist schön, wunderschön. Dagegen kannst Du einpacken.

Du sowieso, Tjani, schon lange. Seit wann legst Du Wert auf Äußerlichkeiten?

Nicht soo viel – solange ich hübscher bin.

Ha.

Nein. Diese aufgedonnerten, geschminkten, geschnäbelten, frisierten und parfürmierten Schnepfen-eulen bedeuten nichts. Schön machen kann sich jeder. Aber diese hier ist – einfach natürlich schön.

Das Mädchen hatte Gras in den Haaren und einen schmutzigen Streifen auf der Wange. Es trug eine Art blaue Sack-Tunika und einen Speer, den Tjani, hätte sie ihn ohne das Mädchen daran gefunden, vermutlich für einen jener Spieße gehalten hätte, mit denen man daheim im großen Baum kandierte Ratte zubereitete. Und trotzdem war sie schön, schöner, als Tjani je sein könnte, auch mit allen Hilfsmitteln auf der Welt nicht.

Sie schluckte, dann verbeugte sie sich.

„Grüße, Angehörige des Libellenvolkes. Ich bin Tjani von den Koowu, vom Schlag der Eulen, und wurde in einer Mission zu Euch gesandt, die von höchster Wichtigkeit ist. Könnt Ihr mich bitte euren Ältesten vorstellen, damit ich sie näher ausführen kann…?“



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht14. Juli 2020 von ZuMe in Kategorie "FvT", "Koowu

Schreibe einen Kommentar