Juli 14

1 Tjani / Koowu

Der uralte, weise Meister öffnete die roten Augen. Er gab ein leises Krächzen von sich, das seine Schülerin aufmerksam werden ließ.

„Bring mir… Schläft-nicht, bitte,“ bat er sie leise, doch Walja-lu schüttelte verständnislos den Kopf.

„Jemand dieses Namens ist mir nicht bekannt, großer Meister Moiwa-tze,“ antwortete sie ihm, die braunen Federn unbehaglich schüttelnd.

Der Meister schenkte ihr einen seiner forschenden Blicke, die ihr selbst nach so vielen Jahren der Ausbildung noch durch Mark und Bein gingen und in ihr wie stets den Eindruck erweckten, sie würde in der Tiefe ihrer Seele auf Falsch und Richtig geprüft.

„Dann ist die Zeit noch nicht reif, glaube ich,“ antwortete der weise Meister Moiwa-tze und schloss die orangeroten, beeindruckenden Augen wieder. Er saß so still auf dem großen Ast, als sei er mit ihm seit undenklichen Zeiten verwachsen. Die winzige, rote Glut der Feuerschale spendete alles Licht in diesem Raum und ließ jede einzelne Feder der beiden Wesen hervortreten. Manchmal schien es der Schülerin, als sei selbst ein Schütteln einer einzigen Schwungfeder des Meisters schon eine bedeutsame Aussage.

Walja-lu seufzte unhörbar, hatte sie doch das Gefühl, in einer Prüfung versagt zu haben.

„Wenn Ihr erlaubt, großer Meister, werde ich versuchen, Eurer Bitte zu entsprechen.

Vielleicht… vielleicht ist nur ein wenig Herumfragen nötig? Vielleicht ist es ein Spitzname?“

Der weise Moiwa-tze schlug die roten Augen erneut auf. Diesmal schien sein Blick klarer, kräftiger – mehr im Diesseits als in den jenseitigen Welten gefangen. Er fixierte Walja-lu noch einmal mit seinem schrecklich wissenden Blick.

„Deine Hartnäckigkeit ehrt Dich, Schülerin,“ nickte er, „aber verzeih mir. Ich habe meine Bitte nicht genau genug formuliert.

Schläft-nicht gehört zum Libellenschlag. Es ist unabdinglich, ihn zu finden und hierher zu bringen, damit.. damit er meine Worte hört. Du solltest so bald wie möglich aufbrechen, Walja-lu, bitte.“

Walja-lu nickte. Der nächste Stamm des Libellenschlags war zweieinhalb Tagesreisen entfernt. Sie würde einige Vorräte mitnehmen müssen und ein paar Tage unterwegs sein. Sie wusste nicht genau, ob die Menschen des Libellenschlags ebenso schnell und lautlos reisen konnten wie die Koowu des Eulenschlags, also könnte ihre Rückreise länger dauern…

Während sie noch nachdachte, hatte der Meister die Augen bereits wieder geschlossen. Siedend heiß fiel es Walja-lu ein: Der Große Tanz!

Übermorgen war der große Tanz zu Ehren des ersten Frühlingsvollmonds – egal wie, wenn sie des Meisters Wünsche erfüllte, würde sie ihn auf jeden Fall verpassen, und damit auch die Zeremonie… mit Torrek…

„Meister,“ begann sie noch einmal zaghaft, doch Moiwa-tze regte sich nicht mehr. Er war schon zu tief in seiner Meditation versunken, die ihm Aufschluss über die Zukunft der Koowu und des ganzen Eulenschlags bringen solte.



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht14. Juli 2020 von ZuMe in Kategorie "FvT", "Koowu

Schreibe einen Kommentar