Juni 12

Prolog – Über Iya

Früher gab es viele Geschichten und Erzählungen darüber, dass der Mensch auf Erden nicht alleine sei. Riesen, Trolle, Zwerge, Kobolde, Feen, Drachen und noch vielerlei mehr bevölkerten die Fantasie unserer Vorfahren unter tausenderlei Namen und Gestalt.

Für unsere Vorfahren war dies kein Aberglaube, kein mitleidig belächeltes Vielleicht-doch, sondern eine konkrete Tatsache, die ihr Leben mit bestimmte.

Auch heute noch gibt es viele solcher Geschichten, die davon ausgehen, dass Werwölfe oder Vampire, Drachen oder Elfen auf irgendeine geheime Weise der Aufmerksamkeit der Menschen in den letzten Jahrhunderten irgendwie entgangen sind und im Geheimen noch unter uns leben.

Natürlich kann so etwas nicht bewiesen werden – es ist ja geheim. Aber diese Geschichten sind anders, denn sie werden nicht mehr geglaubt.
Oh, ja, ein wohliges Schauern überkommt diesen oder jenen, wenn er solch einen Roman genüßlich im warmen Bett liest, während draußen der Winterwind heult – aber das ist noch kein Glaube. Nur, weil einem solch eine Geschichte gefallen hat, wird man nicht mit einer Knoblauchzehe um den Hals herumlaufen oder furchtsam den Himmel absuchen, wenn man ein unbekanntes Geräusch hört. Niemand heutzutage – der Göttin sei dank – würde ein Kind auf einem Feenhügel aussetzen, weil er davon überzeugt ist, ein kränkliches Wechselbalg untergeschoben bekommen zu haben.

Und das ist natürlich so, weil all die alten Geschichten irgendwann nicht mehr stimmten. Weil die Wirklichkeit zu den beschriebenen Vorkommnissen in den Geschichten nicht mehr passte. Weil all diese Wesen, die Drachen, die Feen, die Riesen – plötzlich nicht mehr da waren.

Und das ist der Punkt, wo wir hellhörig werden sollten. Die Geschichten enden, die Glaubwürdigkeit endet.

Natürlich, die Geschichten werden später wieder aufgenommen. Weil sie wieder einmal modern sind, lehrreich und nützlich, lustig und unterhaltsam. Aber der Glaube endete.

Weil die Wesen, mit denen unsere Vorfahren sprachen, mit denen sie lebten und nach deren Schutz, Wissen, Schönheit, Weisheit oder Reichtum sie strebten – uns verließen. Und wohin sind sie gegangen?

Wer kann es schon sagen…

Vielleicht… ja, vielleicht fanden sie eine Möglichkeit, die Erde zu verlassen; einen Zauber, der sie fort brachte von den wachsenden, rodenden, ackerbauenden Menschen, die so viel Platz brauchten und so wenig Verständnis für andere hatten.

Vielleicht sind sie auch alle ausgestorben. Vielleicht… vielleicht ist ein Wort, das so viel enthalten kann.

Aber angenommen, einige konnten fliehen. Sich eine eigene Welt erschaffen und einen neuen Anfang wagen.

Angenommen, man könnte einen Blick auf solch eine Welt erhaschen. Einen ganz kurzen nur, einen, der einem bei weitem nicht all das Wunderbare zeigen kann, aus dem sie besteht – aber einen, der einen glauben lassen will.

Hm. Vielleicht…

Vielleicht gibt es eine Welt, in die all die Wesen der nördlichen Sagen flohen, die Asen und Riesen, die Trolle und Kobolde. Oder eine andere, die all jene aufnahm, die dem reichen Sagenschatz des äußersten Westens entsprungen sind, die Tuatha de Dannan, die Sidhe und die Faye und den grünen Mann.

Und eine, die all die Tiere aufnahm, die Einhörner und Drachen, den Vogel Greif und den Basilisk, den Phönix und den Pegasus.

Oder eine, in die all diese Wesen gleichzeitig flohen und sich erst einmal an einander gewöhnen mussten, vielleicht sogar blutige Kriege führten und einander erbittert bekämpften.

Vielleicht…

Aber wisst Ihr was? Ich kann es euch nicht sagen. So etwas gehört zu den Dingen, die man selbst herausfinden muss, ganz allein für sich, so wie die verborgene Wahrheit im innersten Kern eines alten Lieblingsmärchens. Man muss daran glauben wollen.

Aber wenn man die Chance bekommen kann, einmal einen Blick in solch eine Welt zu werfen, sollte man ruhig genau hinschauen, meint ihr nicht?

Nun, reisst die Augen weit auf…

Diese Welt heisst Iya. Sie ist der Erde nicht unähnlich; grün und gold und weiss und blau leuchtet sie schon von weitem aus der samtenen Schwärze hervor. Ja, es sind Wälder und Wiesen, die ihre Kontinente bedecken, erhabene Berge mit schneebedeckten Gipfeln und unergründlich tiefe Meere. Inseln kann man sehen und Wüsten und Steppen und Seen und noch so viel mehr. Und jetzt, wenn man noch näher kommt…



Autor: Susanne Meyers. Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht12. Juni 2020 von ZuMe in Kategorie "FvT

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